Wir wollen nur unsere Arbeit tun!

Seit einigen Monaten dürfen die Theater in Deutschland wieder öffnen, wenn sie ein akzeptables Hygienekonzept vorweisen können. Ich spiele seit Juli wieder Theater.

Meine Aufführungen von Kunst gegen Bares im Kölner ARTheater fanden seit dem unter massiven Sicherheitsvorkehrungen statt. Es wurden lediglich die Hälfte der Plätze angeboten. Platzanweiser sorgten dafür, dass bei Ein- und Auslass die Mindestabstände eingehalten wurden. Die Rückverfolgbarkeit jedes einzelnen Gastes wurde sichergestellt. Das Personal des ARTheaters wurde somit verdoppelt, das Publikum jedoch halbiert.

Dies war finanziell für mich nur möglich, weil es gelang, unter den Umständen mindestens neunzig Prozent der angebotenen Stühle besetzt zu bekommen. Oft waren wir den Umständen entsprechend sogar ausverkauft. Das Publikum lechzt nach Kultur.

Es kam bei keinem der Aufführungen zu einer Infektionen. Nach meiner Kenntnis hat es bisher noch in keinem Theater in Deutschland eine Infektion gegeben.

Da die Neuinfektionen aber in Deutschland jetzt dennoch steigen, wird das Theater zur Rechenschaft gezogen. In der aktuellen Änderung der Allgemeinverfügung vom 2. Oktober 2020 zur regionalen Anpassung der Coronaschutzverordnung an das Infektionsgeschehen in der Stadt Köln vom 9. Oktober 2020 steht, dass die zulässige Anzahl an gleichzeitig anwesenden Besucherinnen und Besuchern in Theatern auf ein Drittel begrenzt wird. Für Kulturveranstaltungen gilt zudem, dass auch bei Sicherstellung der besonderen Rückverfolgbarkeit ein Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten sei und das maximal fünf Personen zusammensitzen dürfen, wenn sie aus einem Haushalt sind.

Mit diesen Auflagen macht ein kleines freies Theater mehr Verlust, wenn es öffnet, als wenn es geschlossen bleibt.

Die Bundesliga kann Geisterspiele veranstalten, die Infrastruktur dafür ist gegeben. Fernsehshows können ohne Publikum realisiert werden, denn das eigentliche Publikum sitzt vor der Mattscheibe. Subventionierte Theater können durch die Unterstützung von Kommunen und Länder mit diesen Auflagen unter schweren Umständen einigermaßen den Spielbetrieb wieder aufnehmen. Freie Theater jedoch werden durch diese Auflagen zerstört.

Ich spüre in der Politik eine geradezu schmerzhafte Ignoranz gegenüber freien Theatern und eine krasse Missachtung all jener Theaterleiterinnen und Theaterleiter, die sich unabhängig und selbstständig finanzieren und innerhalb der Krise verantwortungsbewusst kleine Leuchtfeuer der Kultur entfacht haben.

Die momentane Situation ist für alle schwer, aber als freier Theatermensch fühle ich mich in dieser Krisensituation besonders hilflos und allein gelassen.

Ein Theater finanziert sich nicht nur über Eintrittsgelder, sondern auch darüber, dass die Menschen das Theater als Ort des Schauens gemeinsam erleben, sowohl im Zuschauerraum als auch an der Bar, wo besonders in den Pausen und nach der Aufführung ordentlich Umsatz gemacht wird.

Die momentanen Auflagen zerstören die freie Theaterszene, denn selbst bei vollkommener Auslastung macht ein kleines Theater durch diese Auflagen Verlust.

Bei diesen Auflagen fallen ausgerechnet jene freue Künstlerinnen und Künstler durchs Netz, die bisher erfolgreich und ohne große Subventionen dieses Land mit Kultur bereichert haben.

Aber nicht nur Theater sind betroffen. Die neuen Auflagen greifen auch in andere Freiheiten ein. In Köln ist mit der neuen Verfügung das Konsumieren von Alkohol im öffentlichen Raum zwischen 22 Uhr und 6 Uhr. Desweiteren ist an vielen Orten in Köln, wie zum Beispiel der Altstadt und dem Kwartier Latäng, der Verkauf von Alkohol außer Haus an Wochenenden von Freitag Abend bis Montag Morgen untersagt. Zudem muss in sämtlichen Fußgängerzonen der Stadt Köln, in den Einkaufsstraßen, in der Altstadt, auf den Kölner Ringen, auf dem linksrheinischen Rheinufer zwischen Mülheimer Brücke und Südbrücke und auf der rechtsrheinischen Rheinpromenade Mund-Nase-Bedeckung getragen werden. Ein gemeinsames Singen ist verboten. Außerdem gilt:

„Sofern Kontaktdaten zu erfassen sind, hat die für die Erfassung verantwortliche Person die gemachten Angaben unverzüglich auf Vollständigkeit und insbesondere auf offensichtlich missbräuchliche Angaben (pseudonyme Angaben) zu kontrollieren.“

Unter diesen Umständen werden viele Theater und andere Veranstaltungsräume nicht öffnen können.

Seit Monaten machen Künstlerinnen und Künstler des freien Theaters wie ich Überstunden, um Kultur sicher und verantwortungsvoll bereitzustellen und jetzt bekommen ausgerechnet wir eine Faust in die Fresse. Theaterspielleiter Torsten Schlosser vom Atelier Theater in Köln erklärt:

„Irgendwie fühle ich mich gerade viel zu rechtschaffen für diese Zeit. Denn während es in den letzten Wochen das junge Partyvolk auf den Ringen und der Zülpicher Straße und die Kölner Lokalpolitiker auf den Wahlpartys ordentlich haben krachen lassen, wollte ich nur meine Arbeit tun. Und mich dabei eigentlich an alle Regeln halten. Und jetzt kommt dieser Moment, wo in meinem Kopf dieser Ton zu hören ist, den wir alle von früher kennen, als Tor 3 aufging und der Zonk zum Vorschein kam. Oder eine Einbauküche.“

Wir wollen alle nur unsere Arbeit tun und Theaterarbeit ist systemrelevant!

Essen, trinken, atmen, all das tun Tiere auch. Wenn es etwas gibt, dass uns Menschen vom Tier unterscheidet, dann unsere Fähigkeit, Geschichten zu erzählen und Welten zu erdichten. Wenn es etwas gibt, dass uns Menschen als Menschen relevant macht, dann unsere Fähigkeit, Kunst zu schaffen.

Wenn wir diese Relevanz auf dem Altar der Angst opfern, dann sind wir keine Menschen mehr.

Wir dürfen einfach nicht aufhören, Menschen zu sein, nur weil wir voreinander Angst haben, da wir uns gegenseitig anstecken können. Wir müssen verantwortungsvoll sein füreinander und miteinander, aber wir dürfen uns gegenseitig nicht als zu vermeidende Bedrohungen wahrnehmen. Wir müssen einander zugewandt bleiben, neugierig und mutig. Menschen sind soziale Wesen. Wenn wir das aufgeben, dann hat die Pandemie gesiegt und wir sind keine Menschen mehr.

Sollten Sie mich, Gerd Buurmann, in meiner Arbeit als Künstler in dieser schweren Zeit unterstützen wollen, überweisen Sie gerne einen Betrag Ihrer Wahl auf mein Konto oder nutzen Sie PayPal.

https://www.paypal.me/gerdbuurmann

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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