Küssen in Mekka

„Mich haben heute die ersten Drohnachrichten aus meiner Stadt Flensburg erreicht von Menschen, die ich von der Straße kenne. Da ich inzwischen Tausende Drohungen bekommen haben, schaffe ich es nicht, sie alle einzeln zu melden.“

Diese Worte stammen von Amed Sherwan. Er lebt in Flensburg und hat eine Fotocollage auf Facebook hochgeladen, auf der er zu sehen ist, wie er einen Mann küsst, während im Hintergrund die Kaaba in Mekka zu sehen ist, auf der eine Regenbogenfahne weht, während sich im Horizont vor Minaretten ein Regenbogen spannt.

Dieses Bild hat dafür gesorgt, dass Amed Sherwan Drohnachrichten aus aller Welt bekommt. Die Drohungen aus islamischen Ländern machen ihm laut eigener Aussage „weniger Sorgen“, aber er sagt:

„Die Drohungen aus Europa nehme ich sehr ernst und werde sie auch anzeigen. Ich glaube selbst nicht mehr daran, dass solche Anzeigen ernsthaft Erfolg haben. Aber falls mir etwas zustößt, weiß die Polizei dann zumindest, wo sie ihre Ermittlungen anfangen können.“

Ein Mann mit dem Vornamen Saleh schrieb auf Facebook unter das Bild:

„Wie kann jemand, der aus meiner Religion stammt, unser heiligstes Gebäude als Hintergrund nehmen und dann auf das Dach des Symbol des Regenbogens nehmen? Es ist eine unfassbare Sauerei, unser Mekka bearbeitet als Hintergrund zu nehmen. Das ist eine Spaltung unserer Religion. Von mir aus heirate ein Pferd, das ist mir rotzegal, denn es ist dein Leben, aber du solltest dir genauestens Gedanken machen, was du da gemacht hast.“

Die Spaltung des Islams ist für fundamentalgläubige Muslime ein schweres Vergehen und so dauerte es lange, bis die ersten Drohungen bei Amed Sherwan ankamen. Auf die Frage, was die Stadt Flensburg zu der Situation sage, führt er aus:

„Tja, was soll ich sagen. Die Polizei nimmt mich in Flensburg erst ernst, seitdem ich in Berlin Personenschutz hatte. Nach der ersten Morddrohung in 2016 hat sie mich sogar öffentlich in der Presse als unglaubwürdig abgestempelt. Vielleicht hat mich die lokale Presse genau deshalb anfangs ignoriert. Sie berichtet erst jetzt, wo meine Aktionen bundesweit Aufmerksamkeit erregen. Die Stadt macht derweil Kampagnen für Vielfalt, ohne sich genau zu überlegen, wen sie sich dafür ins Boot holen. Im aktuellen Imagefilm für das bunte Flensburg ist ein Imam zu sehen, der gemeinsam mit anderen versucht hat, den Film »Gott, du kannst ein Arsch sein« als gotteslästerlich aus dem Kino zu verbannen.“

Auf die Frage, was Flensburg besser machen könne, erklärt er: „Für ein echtes »Willkommen in dieser bunten Stadt« gehört auch, dass die Stadt sich gegen Hass positioniert statt der Hamas nahestehende Gruppen zu fördern.“

Amed Sherwan lebte nicht immer in Flensburg. Er wuchs im Norden des Iraks auf und wurde dort aufgrund seines Lebensstils bereits als Jugendlicher inhaftiert und gefoltert. Im Jahr 2014 entfloh er der Gewalt im Irak.

Am 28. Juli 2018 demonstrierte er beim Berliner Christopher Street Day (CSD) mit einem T-Shirt, auf dem geschrieben stand: „Allah sei schwul“. Dies brachte ihm auch in Deutschland viel Hass ein. In einer Mail an ihm stand: „Du sagst Allah ist gay?? Du wirst morgen sterben. Schreib dein Testament. Ich weiß wo dein Stand ist, ich mobilisier ganz Berlin. Exmuslim meinetwegen aber die Beleidigung gegen Allah wirst du bereuen. Gute Nacht noch.“

Andere Anhänger der Religion des Friedens taten diese Worte kund:

„Elendiger dreckiger Hund!“

„Ich finde es schade, dass es solche Menschen wie dich auf der Welt gibt und würde nichts dagegen haben, wenn anstatt der Kinder in Palästina all ihr homosexuellen Hunde sterbt.“

„Wenn ich dich sehe, kannst du deine Beerdigung planen, wo sich jede Schwuchtel auf deine Leiche einen runterholt, um in dein Leichengesicht zu spritzen, ihr ekeligen Fotzen.“

„Ich schwöre, du wirst das nicht überleben, du Sohn einer Hure!“

Es sei angemerkt, dass die originalen Schriften weder in der Orthografie noch in der Grammatik so korrekt waren, wie hier zitiert.

Amed Sherwan floh aus seinem Land aus Angst vor seinem Leben. Nun lebt er in Deutschland und wird auch hier bedroht. Im Namen des Islams werden schwule Männer in Deutschland mit dem Tod bedroht, daher ist es die Aufgabe eines jeden Muslims, dem die eigene Religion etwas bedeutet, dagegen die Stimme zu erheben.

Als sich Deutschland einst anschickte, ein Problem für die Welt zu werden, da erklärten unter anderem Thomas Mann, Sophie Scholl und Marlene Dietrich, dass sie mit diesem Deutschland nichts mehr zu tun haben wollten. Thomas Mann verließ das Land, Marlene Dietrich unterstütze die USA im Krieg gegen Deutschland und Sophie Scholl rechtfertigte in ihren Flugblättern indirekt das Recht Englands, Bomben auf Deutschland zu werfen. Sie alle waren Deutsche und dennoch stellten sie sich in Zeiten des brutalen deutschen Auswuchses gegen ihre Heimat. Marlene Dietrich soll auf die Frage eines Reporters, ob sie sich vorstellen könne, nach Deutschland zurückzukehren, sogar geantwortet haben: „Deutschland? Nie wieder!“

Mit diesem Satz hat Marlene Dietrich viele Deutsche gegen sich aufgebracht. Mich nicht. Ich verstehe Marlene Dietrich. Und ebenso gut kann ich es verstehen, wenn heute jemand sagt: „Islam? Nie wieder!“

Islam ist nur eine Ideologie und ein Muslim ist mehr als nur Träger einer religiösen Ideologie. Ein Muslim ist ein Mensch, so wie ein Deutscher ein Mensch ist, aber das Land, in dem ein Mensch lebt oder die Religion, der er angehört, können von Zeit zu Zeit sehr kritikwürdig sein. Amed Sherwan ist wie Marlene Dietrich und formuliert sein „nie wieder“ wie folgt:

„Ich bin Ex-Muslim, aber kein Anti-Muslim. Ich sehe in allen Religionen ein gefährliches Potential, respektiere aber, dass Glaube für viele Menschen wertvoll sein kann. Ich kämpfe für Menschenrechte, Glaubens- und Meinungsfreiheit. Und ich wünsche mir, dass auch Kinder muslimischer Eltern frei entscheiden können, wie sie glauben, leben und lieben wollen.

Für diese Haltung lebt Amed Sherwan gefährlich und auch Facebook und Instagram fallen ihm in den Rücken. Zu den Reaktionen auf sein Bild des schwulen Kuss‘ in Mekka sagt er: „Der wütende Mob hat das Bild so häufig bei Instagram und Facebook gemeldet, dass mein Account auf Instagram verschwunden ist und Facebook mein Profil erstmal gesperrt hat. Als ich endlich wieder auf Facebook aktiv werden konnte, war das Foto mit allen Kommentaren einfach ohne Warnung gelöscht worden.“

Amed Sherwans wichtigste Waffe im Kampf gegen die Fundamentalisten, die ihn töten wollen, ist das freie Wort und die Möglichkeit, seine Worte zu veröffentlichen. Ein Meldemob hat nun dafür gesorgt, dass ihm diese Waffe entrissen wurde und Facebook und Instagram sind die willigen Vollstrecker dieses Mobs.

Internetseiten löschen ist das Bücherverbrennen des 21. Jahrhunderts!

Amed Sherwan hatte neben dem Bild, auf dem sich zwei Männer in Mekka küssen noch weitere Collagen hochgeladen. Auf einem Bild küsst er sich im Deutschen Bundestag mit einem großen Philipp Amthor im Hintergrund, auf einem anderen Bild küsst er einen Mann, während im Hintergrund Recep Tayyip Erdoğan und die Fahne der Türkei zu sehen sind. Auf einem Bild küsst er sich vor der AfD und Beatrice von Storch, auf einen anderen Bild in einer christlichen Kirche. Auf diesem Bild küsst er sich auf dem Tempelberg und auf diesem Bild vor dem Vatikan. All diese Collagen sind weiterhin auf Facebook sichtbar.

Ein Mob beherrscht die Netzwerke. Auf Facebook und Instagram gilt, bringe nur genug Menschen gegen dich auf und sei es nur aus dem Grund, weil du schwul bist und dich zeigst, wie du vor dem Bild der Kaaba einen Mann küsst und schon wirst du gelöscht oder gesperrt.

Facebook und Instagram helfen mit ihrem Handeln einem fanatischen und fundamentalistischen Mob im Krieg gegen die Aufklärung und die Freiheit des Individuums. In einer aufgeklärten Demokratie herrschen jedoch nicht die Masse und der Mob, sondern die Vernunft und das Menschenrecht. Die Grundrechte des Einzelnen können nicht durch eine Mehrheit abgeschafft werden.

Der Islam ist nicht in Gefahr, weil Amed einen Mann küsst, aber Amed ist in Gefahr, weil er einen Mann küsst und Facebook und Instagram schüren die Gefahr.

Sollten Sie mich, Gerd Buurmann, in meiner Arbeit als Autor, Künstler oder Betreiber von „Tapfer im Nirgendwo“ unterstützen wollen, überweisen Sie gerne einen Betrag Ihrer Wahl auf mein Konto oder nutzen Sie PayPal.

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Sollten Sie mehr über Amed Sherwan wissen wollen, kaufen Sie sein Buch: „KAFIR – Allah sei Dank bin ich Athist“.

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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4 Antworten zu Küssen in Mekka

  1. anti3anti schreibt:

    Das Foto ist eine Blasphemie. Es gibt Muslime, denen so ein Foto nicht gefällt. Der Künstler hätte Christen oder Juden „beleidigen“ sollen, denn dann würde ihm nichts passieren, da sich niemand darüber aufregt, insbesondere keine Muslime.
    Meinungsfreiheit schützt nicht vom Tod. Wegen so einem drittklassigem Foto …

  2. Anne Zielisch schreibt:

    Hat er sich mal an RA Steinhöfel gewandt? Der gewinnt fast immer gegen Facebook.

    Beste Grüße Anne Zielisch

  3. WF Beck schreibt:

    Respekt! Junger Mann. Der Islam ist krank! Er macht auch die Muslime krank. Er ist eine perfide Ideologie um Menschen zu unterwerfen! Selbstständiges Denken verbietet und jrden mit dem Tod bedroht der Kritik übt. Eine Religion des Friedens selbstverständlich.

  4. Nestor Machno schreibt:

    Die Spaltung des Islams ist für fundamentalgläubige Muslime ein schweres Vergehen und so dauerte es lange, bis…

    Fehlerteufel: Das sollte wohl heissen: „und so dauerte es >nicht< lange, bis…“

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