Die Nebenwirkung der Corona-Bekämpfung

Das Coronavirus zwingt uns zu einer Therapie, die üble Nebenwirkungen hat. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Menschen sind im Home Office statt in Büros, die Straßen sind leer, Familienfeierlichkeiten fallen aus, die Gaststätten und Vereinshäuser sind geschlossen, die Menschen distanzieren sich.

Wer kennt ihn nicht, Onkel Hartmut, mit dem man sich an Weihnachten gestritten hat, weil er eine Partei gewählt hat, die so gar nicht geht; oder Tante Rita, die auf homöopathische Mittel schwört und sich auf keinen Fall impfen lassen möchte; oder Lukas, der Sohn von Robert und Adelheid, der nun ihre Tochter ist und Larissa heißt und sich darüber beschwert, dass die Hochzeitseinladungen nicht genderneutral verfasst wurden; oder Emir aus dem Büro, der Erdoğan gewählt hat, obwohl er Homosexuell ist, also Emir, nicht Erdoğan; oder Nachbarin Frau Sugulle, die auf die Häuserwand „White silence = violence“ gesprüht hat oder Candace, die immer zum Stammtisch kommt und Donald Trump gut findet, obwohl sie eine PoC ist; oder Rüdiger, der Veganer ist und es Dich wissen lässt, während Du die Weihnachtsgans isst?

Ob an Weihnachten, Pessach oder Thanksgiving, ob im Büro, in der Kneipe oder auf Familienfestlichkeiten, überall treffen wir Menschen, deren Meinungen wir nicht teilen. Manchmal gibt es Streit und Türen werden geknallt, dass die Kaffeetassen nur so wackeln. Aber am Ende sind wir doch immer gütig, weil es sind ja unsere Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Arbeitskollegen, Nachbarinnen und Vereinsmitglieder*innen, Menschen, die wir persönlich treffen, in deren Augen wir gesehen haben.

All dies gibt es grad nicht mehr. Die Menschen, die unser Blut manchmal zum Kochen bringen, werden uns physisch fremd. Aus Abneigung wird Hass.

Bisher konnten wir dieses Phänomen sehr gut in den sozialen Netzwerken studieren, die oft alles andere als sozial sind. Warum ist im Internet der Ton so rau, die Umgangsformen so brutal und die Beleidigungen so heftig? Weil wir uns dort nicht ins Antlitz schauen, uns nicht als Wesen begegnen, deren Menschlichkeit wir spüren, weil sie in ihrer körperlichen Sterblichkeit atmend vor uns stehen und weil wir keine Angst haben, von unserem Gegenüber eins auf die Fresse zu bekommen, wenn wir es gar zu sehr übertreiben mit unseren Beleidigungen und der Mensch, den wir verbal angegriffen haben aus eigener Schwäche heraus zur Gewalt greift, eben, weil wir keine Ehrfurcht voreinander haben, wenn wir uns nicht gemeinsam an einem Ort befinden, wenn wir nicht die selbe Luft atmen.

Ich habe bereits im März 2020 gedacht, als der erste Lockdown ausgerufen wurde, ob es wirklich so eine gute Idee ist, den Menschen zu sagen, dass sie sich distanzieren und noch mehr im Internet miteinander kommunizieren sollen.

Im Internet bilden sich Blasen und Echokammern. Immer mehr schotten sich Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, Ängsten und Erfahrungen voneinander ab und gelangen immer mehr zu der Überzeugung, dass es unendlich viele Menschen gibt, die einem persönlich an den Kragen wollen. Im Internet wird blockiert und entfreundet.

Entfreunden ist das neue Türenknallen.

All das war kein großes Problem, solange man einige der blockierten und entfreundeten Menschen noch im wirklichen Leben traf und erkannte, dass man zwar in der virtuellen Welt weiterhin keinen Kontakt zu ihnen wünscht, es aber auch keinen Grund gibt, sie im echten Leben zu hassen. So sind sie eben. Es sind ja nur Onkel Hartmut und Tante Rita und Weihnachten ist nur einmal im Jahr.

Mit der Bekämpfung des Coronavirus und der Distanzierung ist dieses Korrektiv geschwächt. Die körperliche Auseinandersetzung mit Menschen anderer Meinungen und Haltungen findet nicht mehr statt. Was unser geistiges Immunsystem gestärkt hat, was und respektvoll sein lässt, nämlich der Umstand, mit Menschen, deren Meinungen und Haltungen wir nicht teilen, ab und zu körperlich nahe sein zu müssen, findet nicht statt.

Die Nachteile des Internets werden durch die Corona-Gegenmaßnahmen verstärkt.

Heute beleidigt die eine Seite die andere Seite als „Covidioten“ und die andere Seite brüllt was von „Schlafschafen“. Einige greifen die Institutionen der politischen Willensbildung an und stürmen Gerichte und Regierungsgebäude, andere greifen die Institutionen des freien Meinungsaustausches an, rufen nach Zensur und fordern Absetzungen. Trotz Lockdowns stürmen Menschen auf die Straßen, greifen die Symbole der Kultur an, stürzen Statuen und verbrennen Bücher. Die ersten erzürnten Distanzierten greifen bereits zur Gewalt gegen Menschen, weil sie ihre Gegner nicht mehr als Menschen sehen, sondern als Feinde. So wird der Klick im Internet zum Kick auf der Straße.

In der Blase des Internets, in der Distanz zum Nächsten als körperlichen Nächsten, im Schall der Echokammer wurde der Mensch dem Mensch ein Richter. Jeder verlangt Rechenschaft voneinander: „Sag mir, wo du stehst, sonst klicke ich dich weg.“

Eine Spaltung kann nur aufgehoben werden, indem man aufeinander zugeht. Wir aber, wir distanzieren uns. Wir haben Angst voreinander. Wir fürchten, uns gegenseitig anstecken zu können. Nähe kann den Tod bedeuten. Der Andere ist eine Gefahr, sowohl für das körperliche als auch für das geistige Wohlbefinden. Ich bin eine Gefahr.

Das sind die Nebenwirkungen der momentanen Therapie. Sie sind schwerwiegend.

(Bild: Antonio Ruiz Tamayo)

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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12 Antworten zu Die Nebenwirkung der Corona-Bekämpfung

  1. caruso schreibt:

    In einem Satz: So ein Segen das Internet ist, so ein Fluch ist es auch – wie so Vieles, was
    m e n s c h macht.
    lg
    caruso
    die urzeitlicher Hexe

  2. erwinrosskopf schreibt:

    Sehr geehrter Hr. Buurmann, ich kann Ihnen nicht zustimmen. Ja, ich distanziere mich zur Zeit von meinen Mitmenschen – im Bewußtsein, daß es sich um einen zeitlich begrenzten Verlust handelt – aus Furcht, angesteckt zu werden, aber auch aus der Sorge heraus, Andere anzustecken. Ihre Empfehlung, aufeinander zuzugehen, kann eben dazu führen, daß derjenige, auf den ich zugehe, dann nicht mehr am Leben sein wird. Das wäre dann keine Nebenwirkung der Therapie, sondern eine unmittelbare Wirkung der Krankheit. Sie ist unwiderruflich und zeitlich unbegrenzt.

    • tapferimnirgendwo schreibt:

      Gefahren, die gar tödliche Gefahr sein können, werden nie ganz verschwinden. Todbringende Krankheiten werden bleiben. Mit der Grenze, ab wann wir uns absondern, hadern wir alle. Jeder setzt die Grenze anders. Jeder ist bei anderen Grenzen bereit, Gewalt einzusetzen, um die eigene Angst vor der Ansteckung durch andere zu verhindern. Bleiben Sie gesund und Danke für die kritischen Worte.

    • HM schreibt:

      Zitat erinrosskopf
      „Ihre Empfehlung, aufeinander zuzugehen, kann eben dazu führen, daß derjenige, auf den ich zugehe, dann nicht mehr am Leben sein wird.“

      Falls die Person auf die Sie zugehen nicht über 70 Jahre ist müssen Sie nicht so ängstlich sein und falls sie unter 60 Jahre ist können Sie sehr entspannt bleiben.

      https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1104173/umfrage/todesfaelle-aufgrund-des-coronavirus-in-deutschland-nach-geschlecht/

      • erwinrosskopf schreibt:

        Danke für den Link, aber die Statistik kenne ich durchaus, und auch den Einfluß anderer Faktoren – neben des Alters – auf das Risiko eines schweren Verlaufes der Krankheit. Genau deswegen habe ich sehr großen Respekt vor dem Virus, und ich kann nur empfehlen, diese Krankheit sehr ernst zu nehmen – auch wenn man jüngeren Alters ist.
        Schöne Grüße und Alles Gute.

        • HM schreibt:

          …ich denke die anderen Faktoren baben eine sehr hohe Korrelation und Signifikanz mit dem Alter, insofern spiegeln sie sich in der Altersstruktur…

  3. Erwin Rosskopf schreibt:

    Sehr geehrter Hr. Buurmann, ich kann Ihrer Argumentation nicht ganz folgen. Ja, ich halte Distanz – in dem Bewußtsein, daß es sich um einen zeitlich begrenzten Verzicht handelt – : aus Furcht, angesteckt zu werden, aber auch aus der Sorge heraus, Andere anzustecken. Ihre Empfehlung, aufeinander zuzugehen, kann eben auch dazu führen, daß der Andere dann nicht mehr am Leben sein wird. Dies sind dann nicht die Nebenwirkungen der Therapie, sondern die Wirkung des Virus‘. Diese ist leider nicht zeitlich begrenzt.

  4. anti3anti schreibt:

    Die staatliche Corona-Politik führt zu chinesischen Verhältnissen.

    • HM schreibt:

      Natürlich, Deutschland, Israel und alle Anderen, auf dem Weg, mittels Corona, in die Diktatur…

      • anti3anti schreibt:

        Nein. Im Judentum und somit in Israel ist das Leben der höchste Wert. Nicht so in Deutschland.

        • HM schreibt:

          Zitat Anti
          „Nein. Im Judentum und somit in Israel ist das Leben der höchste Wert“

          Gute Güte was stromert den durch Ihren Kopf?
          Was, außer einem Kalenderspruch oder einer frommen Synagogen Predigt soll das bedeuten ?
          Das Juden keinen Mord begehen können?
          Das in Israel keine Juden wegen Mordes im Knast sitzen?
          Das Herr Rabin fröhlich in einem Altenheim lebt und den Mittelmeer Blick genießt?
          Es mutet ein wenig so an als ob Ihnen faschsitoide Gedanken gar nicht so fremd sind.
          Sie wissen schon, die Überlegenheit über Andere qua Geburt und Volkszugehörigkeit.

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