Was glauben die Täter, wer sie sind?

Am 22. März 2021 wurde auf den Supermarkt King Sooper in Boulder im US-Bundesstaat Colorado ein Anschlag verübt. Zehn Menschen zwischen 20 und 65 Jahren wurden dabei ermordet. Ihre Namen sind:

Rikki Olds * Neven Stanisic * Eric Talley * Lonna Bartkowiak * Teri Leiker * Denny Stong * Jody Waters * Suzanne Fountain * Kevin Mahoney * Lynn Murray

Der Anschlag begann kurz nach 14:30 Uhr, als ein bewaffneter Mann den Parkplatz des Supermarkts betrat und dort auf Kunden schoss. Ein Mensch wurde im Auto erschossen und eine weitere Person auf dem Parkplatz. Danach betrat der Täter den Supermarkt und schoss um sich.

Um 14:33 Uhr erhielt die Polizeistation in Boulder den ersten Notruf. Einer der ersten Polizisten vor Ort war der 51-jährige Eric Talley. Er betrat den Supermarkt um 14:50 Uhr und wurde dort vom Täter erschossen. Eric Talley hinterlässt sieben Kinder.

Ab 15 Uhr eröffneten weitere dazugekommene Polizisten das Feuer auf den Attentäter, dem dabei ins Bein geschossen wurde. Daraufhin ergab sich der Täter, indem er rief: „Ich gebe auf. Ich bin nackt!“

Bei dem Täter handelt es sich um den 21-jährigen Ahmad Al Aliwi Al-Issa. Er wurde 1999 in Syrien geboren und ist ein eingebürgerter US-Bürger. Seine Familie wanderte 2002 in die Vereinigten Staaten von Amerika aus.

Im Jahr 2017 wurde er erstmals verhaftet, weil er einen Klassenkameraden an der Arvada West High School geschlagen hatte. Er bekannte sich im Zusammenhang mit dem Vorfall einer Körperverletzung schuldig und erhielt eine Bewährungsstrafe.

Seine Identität ist dem Bundesamt für Ermittlungen bereits bekannt, da eine Verbindung zu einer Person besteht, die von den Ermittlungsbehörden beobachtet wird.

Der Anschlag in Boulder fand nur ein paar Tage nach einem Anschlag in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia statt. Am 16. März 2021 fand in drei Massagesalons in der Metropolregion Atlanta eine Reihe von Massenerschießungen statt, bei denen sieben Frauen und ein Mann zwischen 33 und 74 Jahren ermordet wurden. Ihre Namen sind:

Soon Chung Park * Hyun Jung Grant * Suncha Kim * Yong Ae Yue * Delaina Ashley Yaun * Paul Andre Michels * Xiaojie Tan * Daoyou Feng

Überwachungsaufnahmen zeigen einen Mann, wie er bei dem Massagesalon Young’s Asian Massage in der Nähe von Acworth ankam und eine Stunde lang auf dem Parkplatz saß. Um 15.38 Uhr betrat er den Salon und blieb für einen Zeitraum von einer Stunde und 12 Minuten drinnen. Um 16:50 Uhr verließ er den Salon wieder.

Um 16:54 Uhr erhielt das Sheriff-Büro von Cherokee County den ersten Notruf. Als die Polizei im Salon ankam, fanden sie zwei tote und drei verwundete Menschen in verschiedenen Räumen auf einem Flur vor. Zwei der Verwundeten starben später im Krankenhaus.

Um 17:47 Uhr wurde vom 48 Kilometer entfernten Salon Gold Massage Spa im Nordosten von Atlanta ein Notruf abgesetzt. Die eintreffenden Polizisten fanden drei erschossene Frauen vor. Während die Polizei im Salon war, erhielte sie Meldung über einen weiteren Notruf aus dem Salon Aromatherapy Spa auf der anderen Seite der Straße. Dort entdeckten sie eine weitere erschossene Frau. Daraufhin wurde das FBI hinzugezogen, um die Untersuchung zu unterstützen.

Nach den Morden veröffentlichte die Polizei von Cherokee County Überwachungsaufnahmen und wurde daraufhin von einem älteren Paar kontaktiert, das in dem Mann, der den Salon Young’s Asian Massage betreten hatte, ihren Sohn erkannt hatte. Die Eltern gaben den Behörden die Daten zu dem Wagen ihres Sohns, der mit einem Ortungsgerät ausgestattet war, so dass der Standort ermittelt werden konnte.

Gegen 20:30 Uhr wurde der Verdächtige von der Polizei in Crisp County, etwa 240 Kilometer südlich von Atlanta, entdeckt und festgenommen. Sein Name ist Robert Aaron Long. Er ist Christ und verbrachte vor den Morden viel Zeit in der Einrichtung HopeQuest. Dabei handelt es sich um eine evangelikale Behandlungseinrichtung, in der er hoffte, seine sogenannte „Sexsucht“ heilen zu können.

Gegenüber der Polizei gestand er die Taten und bezeichnete sie als Ergebnis seiner Sexsucht, die im Widerspruch zu seinen religiösen Überzeugungen stünden. Für ihn seien Massagesalons Quellen der sexuellen Versuchung. Er gab zu Protokoll, ursprünglich darüber nachgedacht zu haben, sich selbst zu töten. Er habe sich dann aber dazu entschieden, die Salons ins Visier zu nehmen, um anderen zu helfen, die mit Sexsucht zu tun haben. Er erklärte: „Ich wollte die Versuchung beseitigen.“

Trotz dieser klaren Motiverklärung des Täters kursierte einige Zeit lang die Spekulation, die Taten seien aus antiasiatischem Hass begangen worden. Mehrere Medien vermuteten, durch das Virus COVID-19 und dem Glauben, alle Asiaten seien für das Virus verantwortlich, habe der Täter seine Verbrechen begangen. Einige Kommentatoren von CNN bis HBO machten sogar die Republikaner und Donald Trump für die Taten verantwortlich.

Dabei erklärt der Täter selbst, seine Handlungen seien nicht rassistisch motiviert gewesen, sondern religiös. Es waren religiös motivierte sexistische Terroranschläge.

Warum tun sich so viele Menschen schwer damit, den Tätern zu glauben, wenn sie die Motive ihrer Verbrechen offen legen und erklären, ihre religiöse Ideologie habe sie zu den Taten getrieben?

Der Täter von Atlanta erklärt offen, seine Tat aus religiösen Gründen begangen zu haben. Auch der Täter von Boulder hatte Überzeugungen, die er offen auf seinem Profil auf Facebook artikulierte. Statt aber zu schauen, was der Täter selbst erklärt, wurde bei CNN und in anderen Medien über die Hautfarbe des Täters spekuliert. Es wurde sogar teilweise wahrheitswidrig behauptet, der Täter sei „weiß“ gewesen, wie es zum Beispiel CJ Werkeman von Byline Times auf Twitter tat:

Auch für viele andere Menschen stand die Hautfarbe des Täters im Mittelpunkt:

Wer ernsthaft glaubt, die Hautfarbe oder die Herkunft eines Menschen sei verantwortlich für sein Verhalten, ist Rassist. Es ist egal, ob der Täter aus Boulder aus Syrien kommt. Es ist so egal wie die Frage, welche Hautfarbe der Täter aus Atlanta hat.

Rassismus ist die Beurteilung eines Menschen aufgrund seiner Herkunft. Menschen sind jedoch nicht nach ihrer Herkunft zu beurteilen, sondern nach ihren Überzeugungen, also danach, woran sie glauben und wozu sie sich bekennen. Die wichtige Frage lautet daher: In welcher Kultur wurden die Täter erzogen und was haben sie daraus gemacht? Das ist die entscheidende Frage.

Schluss mit dem Rassismus. Die Herkunft der Täter ist irrelevant. Wichtig ist: Was glauben die Täter, wer sie sind?

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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