Wenn Du Fleisch essen möchtest, töte das Tier!

Eigentlich ist diese Forderung eine Selbstverständlichkeit: Wer Fleisch essen möchte, muss bereit sein, das Tier zu töten, dessen Fleisch er konsumieren möchte. Es ist jedoch so, dass die deutliche Mehrheit aller Menschen, die Fleisch konsumieren, noch nie ein Tier mit den eigenen Händen getötet hat.

Mit dem Delegieren des Akts der Tötung, hat sich der Mensch, der Fleisch konsumiert, der Verantwortung entledigt, sich mit dem notwendigen Töten auseinanderzusetzen. Heute kann der Mensch Steaks essen und Burger grillen, ohne eigenhändig zu töten.

Die Grausamkeit des Tötens ist für den Konsumenten von heute entkoppelt von dem Produkt, das er genießt. Der Akt des Tötens ist nicht mehr in seinem Bewusstsein. Heute können Menschen Fleisch essen, ohne die Schreie der Tiere zu hören, ohne gespürt zu haben, wie das Wesen, das sie sich einverleiben, sein Leben ausgehaucht hat.

Der Akt des Tötens wurde in die Anonymität der Schlachthöfe verbannt. Genau dort konnte das Schlachten jedoch eine besondere Grausamkeit entwickeln.

Wenn ein Mensch ein Tier tötet, wenn er diesen Akt selbst vollführt, muss er seine Tat moralisch rechtfertigen. Niemand tötet leichtfertig. Durch das eigene Handeln entsteht eine persönliche moralische Sphäre. Bei dem eigenhändigen Töten eines Tieres bekommt die Tat eine besondere Eindringlichkeit und es entsteht eine gewisse Ehrfurcht vor dem Tier.

Wenn ein Mensch die Sphäre des Tötens verlässt, aber weiterhin Fleisch isst, verlässt er damit die Sphäre der Moral. Zurück bleibt ein Ort des Schreckens, an dem anonym und in Masse geschlachtet wird.

Viele Menschen wollen Fleisch essen, aber die meisten davon wollen nicht mehr selber töten. Menschen wollen in Sicherheit leben, aber nicht mehr selbst die Grenzen verteidigen, in denen sie sicher leben können. Menschen wollen Gerechtigkeit, sind aber blind gegenüber der Gewalt, die notwendig ist, um diese Gerechtigkeit zu schaffen.

Moral ist dort, wo der Mensch Gewalt ausübt. Je mehr der Mensch die Gewalt aus den Augen verliert, die für seine Art zu leben notwendig ist, umso mehr kann sie eskalieren.

Wer die Gewalt aus seinem Bewusstsein verbannt hat, ist schockiert, wenn er mit ihr konfrontiert wird. Wer kann schon die Grausamkeit der Schlachthöfe ertragen? Die Grausamkeit der Schlachthöfe wird jedoch nicht dadurch beendet, dass wir die Schlachthöfe kritisieren, sondern indem wir wieder selber mehr Verantwortung übernehmen für den notwendigen Akt der Gewalt, wenn wir Fleisch essen wollen.

Wir müssen uns mit der Notwendigkeit des Tötens auseinandersetzen, wenn wir Fleisch essen wollen. Ebenso müssen wir uns mit all der Gewalt auseinandersetzen, die von den Organen unseres Staates ausgeübt wird, um unsere Sicherheit zu garantieren und zu verteidigen. Wenn wir diese Gewalt ignorieren, wenn wir sie so weit von uns weg delegieren, dass wir sie aus den Augen verlieren und vergessen, dann kann die Gewalt in der Anonymität des Staates wuchern.

Wenn Gewalt ausgeübt wird, darf diese Gewalt nicht verleugnet werden. Sie muss stets begründet werden.

Jede staatliche Forderung wird durch Gewalt erzwungen. Hinter jedem Gesetz und am logischen Ende jeder staatlichen Verordnung befindet sich die Waffe des Staates. Nur, weil man die Waffe nicht sieht, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt.

Es ist verständlich, dass der Staat mit Gewalt verhindert, dass gestohlen und gemordet wird. Es war jedoch falsch, dass der Staat noch vor ein paar Jahrzehnten mit Gewalt Homosexualität verboten hat. Es ist nachvollziehbar, dass der Staat mit Gewalt Steuern eintreibt, allerdings gibt es manche Steuern, bei denen es nicht so leicht fällt, die Gewalt des Staates zu akzeptieren.

Prinzipiell gilt für mich, dass ich dem Staat das Recht gebe, jede Gewalt auszuüben, zu der auch ich persönlich bereit bin. Ich bin bereit, Menschen mit Gewalt daran hindern, andere Menschen zu bestehlen und zu morden. Ich bin sogar bereit, ihnen eine Knarre an den Kopf zu halten, um sie daran zu hindern. Ich würde Menschen jedoch nicht mit Gewalt daran hindern, Menschen mit dem selben Geschlecht zu lieben. Ich würde allerdings ohne Zögern die Waffe ziehen, um die Menschenrechte von Homosexuellen zu verteidigen.

Wenn ich mir heute die deutsche Gesetzgebung anschaue, sehe ich sehr viele Gesetze, wo ich nicht bereit bin, jemandem dafür eine Knarre an den Kopf zu halten. Ich verstehe nicht, warum ich meinen Mitmenschen mit Waffengewalt vorschreiben soll, wann sie ihren Laden zu schließen haben, an welchen Tagen sie zu ruhen haben, welche religiösen Steuern sie zu entrichten haben, welchen Preis sie für ihre Ware zu nehmen haben, was sie sagen dürfen und welche Fernsehsender sie zu finanzieren haben. In all diesen Fällen plädiere ich für deutlich mehr staatlichen Pazifismus.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen diese Gewalt einfach leugnen. „Das Ladenschlussgesetz wird doch nicht mit Waffengewalt durchgesetzt“, sagen sie dann immer. Natürlich wird es das. Jedes Gesetz wird mit Waffengewalt durchgesetzt. Auch die Grenzen des Landes werden mit Waffengewalt verteidigt, auch wenn es immer wieder Menschen gibt, die schockiert sind, wenn man sie darauf hinweist.

Wer sich nicht an ein Gesetz hält, bekommt am Anfang vielleicht nur ein Bußgeld, aber wenn er sich verweigert, kommt irgendwann ein Mensch mit einer Waffe, der einen letztendlich vor eine Richterin führt, die ihn in letzter Konsequenz in den Knast stecken kann.

Am Ende jeder staatlichen Forderung steht die Waffe und am Anfang jedes Steaks befindet sich das Töten eines Tieres. Wenn man mich daher fragt, wie es möglich ist, dass ein Staat die Macht missbrauchen und zur Tyrannei werden kann, so lautet meine Antwort: Schlachthöfe!

In Schlachthöfen wurde das Töten von Tieren brutalisiert, weil man die eigene Verantwortung abgegeben hat. Ebenso kann die Staatsgewalt sich brutalisieren, wenn die Bürgerinnen und Bürger ihre eigene Verantwortung abgeben, leugnen oder vergessen.

Wofür bist du bereit, die Waffe zu ziehen? Für einen Mindestlohn? Für gendergerechte Sprache? Für ein Kopftuchverbot? Für ARD und ZDF? Für ein Tanzverbot an Karfreitag? Für ein Verbot von Abtreibung? Für eine Ausgangssperre? Für einen Impfzwang?

Was immer Du vom Staat verlangst, es ist das, was der Fleischesser vom Schlachter verlangt.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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