Bei mir im Kölner Veedel

Ich lebe in Köln. Mein Veedel wird Kwartier Latäng genannt.

Ich liebe mein Veedel. Hier habe ich vor zwanzig Jahren meine ersten Shows im Café Duddel organisiert und moderiert, meine ersten Bühnenerfahrungen im Piccolo-Theater gemacht und im La Carina Theater mit Freundinnen das Hedwig Dohm Trio gegründet, mit dem ich heute noch auf Tour bin. Alle drei Locations sind mittlerweile verschwunden.

Dafür ist es im Veedel deutlich rauer geworden. Heute Morgen zwischen 1 und 3 Uhr dröhnte es unter den Wohnungen so:

Ein paar Stunden später war es zwar ruhiger, aber dafür auch heller:

Dafür gibt es bei uns jetzt eine Gedenkstätte für einen ermordeten 18-jährigen Jungen.

Am 31. Juli 2021 kam es in meinem Veedel gegen 2.30 Uhr zu einer Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen, bei der schließlich ein 18-jähriger Junge durch einen spitzen Gegenstand getötet wurde. Der Angreifer soll sogar noch etwas jünger gewesen sein.

Anwohnerinnen berichten, dass es für Frauen zu gewissen Zeiten nicht mehr sicher ist, vor die Tür zu gehen. Ab einer bestimmten Uhrzeit bleiben sie in ihren Wohnungen und hören den Lärm von draußen in ihre Wohnung dringen. Dies an einem Ort, an dem mit dem Piccolo-Theater einst ein feministisches Theater stand und wo sich das feministische Hedwig Dohm Trio gegründet hat.

Immer öfter kommt es im Kwartie Latäng zu sexuellen Übergriffen. Immer mehr Vergewaltigungen werden zur Anzeige gebracht. Eine Anwohnerin berichtet:

„In den Seitenstraßen prügelten sie sich zuletzt so heftig, dass der RTW kommen und dieser von etlichen Polizist*innen geschützt werden musste. Wenn ich als Bürgerin hier im Veedel von den Zuständen und den andauernden Lärmbelästigungen am Wochenende, häufig bis fünf, sechs Uhr morgens, erzähle, werde ich natürlich gefragt: ‚„Kann man denn nichts dagegen machen?“ Kann man nicht. Anrufe beim Ordnungsamt werden so beantwortet: „Da müssen Sie sich ans Gaststättenamt wenden.“ Das Gaststättenamt reagierte auf eine Anzeige wegen Ruhestörung so: „Es handelt sich hier um einen dynamischen Prozess, der mit Maßnahmen gegen einzelne Betreiber nicht zu steuern ist.“ Die Polizei sagt: „Wir können nicht überall sein. Wir haben da viel Verständnis, aber wir sind in der ganzen Stadt unterwegs. Wenden Sie sich ans Ordnungsamt.“ Gestern Nacht habe ich wegen einer Party vor dem Späti um 05:30 Uhr bei der Polizei noch einmal direkt nachgefragt: „Ich halte mich an Gesetze, warum dürfen die sämtliche Gesetze brechen und beugen?‘“ Es kam als Antwort: „Das weiß ich auch nicht.“ Et es widderlich!“

Markus Vogt, Vorsitzender von Kwartier Latäng e.V., erklärt, im Veedel hätten sich „Mieter in Gewerberäumen eingefunden, für welche die Miethöhe und die Frage der Rentabilität zweitrangig ist. Hier geht es primär um sogenannte Geldwäsche. Menschen, die ihr Einkommen vorwiegend mit illegalen Geschäften im Bereich Drogenhandel, Schmuggel und/oder Prostitution verdienen, können ihr Einkommen kaum in einer Steuererklärung angeben und somit den Besitz eines Porsches oder Wohnhauses begründen. Hierfür werden legale Existenzen benötigt, deren eigenständige Rentabilität, wie gesagt, nicht relevant ist. Gastronomien eignen sich hierfür.“

Wer sich ohne viel Insiderwissen ein Bild vom Kwartier Latäng machen möchte, dem rät Markus Vogt: „Beobachte einfach mal die Entwicklung der Dichte an Kfz im Veedel, die in der Preislasse 100.000 Euro plus liegen. Vor 10 Jahren hat man so etwas nicht gesehen. Heute fallen mir an einem ganz normalen Werktag davon stets mindestens ein halbes Dutzend auf einmal auf. Immer mit den gleichen Gesichtern darin, die immer in die gleichen Läden gehen und keiner davon, soviel kann man selbst ohne große Menschenkenntnis sagen, hat das Geld für diese Karossen als Bänker, Chefarzt, Manager eines Großunternehmens oder Anwalt verdient und ich kann versichern, dass man als anständiger Gastronom, der seine Sache gut macht, zwar gut verdienen kann, aber in aller Regel nicht derart gut.“

Verschlimmert wird die ganze Situation durch die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus. Da die Clubs und Theater entweder zu haben oder nur wenige Leute unter massiven Auflagen in ihrer Räumlichkeiten lassen, feiert die Jugend ganz einfach auf der Straße. Der Alkohol kommt vom Kiosk, die Musik aus mitgebrachten Boxen und als Toilette dienen die Seitengassen und Grünanlagen. Die Straßen, wo einst das La Carina Theater und das Café Duddel waren, sowie die Hecke um den Kindergarten der Universität, sind mittlerweile öffentliche Toiletten. Der Uringestank ist morgens teilweise meterweit zu riechen, während überall Glasscherben und vereinzelt Spritzen auf dem Boden liegen. Habe ich schon den hier gelegenen Paula-Kleinmann-Spielplatz erwähnt? Markus Vogt erklärt:

Hier haben wir inzwischen jedes Wochenende Füllgrade wie an Karneval. Die Klientel derer, die vorher schon ihre Party lieber draußen auf der Straße gefeiert haben, hat sich nun, da wir den zweiten Sommer in Folge die entsprechenden Locations geschlossen halten, sicherlich vervielfacht. War dies vorher ein Problem, welches sicher relevant war, ist es heute ein Problem, dass essentiell ist. Nun ist der Punkt gekommen, an dem man über die Mitverantwortung für diese Situation von Land und Stadt sprechen muss.“

Ja, es muss über Mitverantwortung gesprochen werden. Für eine Stadt, in der das Wort Silvesternacht eine berüchtigte Bedeutung bekommen hat, ist es absolut fahrlässig, dass ein Angstraum für Frauen toleriert wird, in der Kinder einer massiven Verletzungsgefahr ausgesetzt werden. Mittlerweile gab es einen Toten. Soll sich diese Tat nun einfach so einreihen in die letzten Gewalttaten des Kwartiers von Raub bis zur Vergewaltigung?

Nachtrag: Es dauerte nur ein paar Tage und schon war die Gedenkstätte für den 18-jährigen Jungen, der im Kwartier Latäng ermordet wurde, ebenso verwahrlost wie der Rest des Veedels.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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11 Antworten zu Bei mir im Kölner Veedel

  1. HM schreibt:

    Zitat Th.ex G
    „Es ging um das genaue Lesen.“

    Sie halten es für merkwürdig oder anrüchig, Texte mit denen man sich beschäftigt, genau zu lesen?
    Erneut eine befremdliche Aussage. Es sei denn Sie sind auch ein Anhänger des Begriffs der „Kontaktschuld“.
    Dann wären Ihre Kritikpunkte allerdings schlüssig.

  2. JM schreibt:

    Der Bürgermeister Hupe (Hupke) macht auch nichts. Der muss sich darum kümmern, das die Autofahrer es so schwer wie möglich haben. Parkplätze abschaffen und 30 km/h einführen. Schließlich muss man Prioritäten setzen.

  3. nachbarin schreibt:

    Lieber Gerd, schaue, worüber nicht berichtet wird. In den Seitenstraßen prügelten sie sich zuletzt so heftig, dass der RTW kommen kam und dieser von etlichen Polizist*innen geschützt werden musste. Wenn ich als Bürgerin hier im Veedel von den Zuständen und den andauernden Lärmbelästigungen, am Wochenende häufig bis 5:30/6:00 Uhr, erzähle, werde ich natürlich gefragt: ‚Kann man denn nichts dagegen machen?‘ – Kann man nicht. Anrufe beim Ordnungsamt werden so beantwortet: „Da müssen Sie sich ans Gaststättenamt wenden.“ Das Gaststättenamt reagierte auf eine Anzeige wegen Ruhestörung so: „(…) Vorab kann ich Ihnen allerdings schon sagen, dass es sich hier nicht ausschließlich um ein Fehlverhalten einzelner Gaststättenbetreiber handelt (dies kommt leider immer wieder als zusätzliche Problematik dazu), sondern um einen dynamischen Prozess, der mit Maßnahmen gegen einzelne Betreiber nicht zu steuern ist.“ Die Polizei sagt: „Wir können nicht überall sein. Ich habe da viel Verständnis, aber wir sind in der ganzen Stadt unterwegs. Wenden Sie sich ans Ordnungsamt.“ Das Gesetz ist übrigens auf unserer Seite: laut Gaststättengesetz §5 Abs. 1.3. und Abs. 2 müssen Gewerbetreibende für die mittel- und unmittelbaren Nachbarschaft erhebliche Nachteile und Lärmbelästigungen vermeiden. Deshalb habe ich gestern Nacht wg. einer Party vor dem Späti um 05:30 Uhr bei der Polizei noch einmal direkt nachgefragt: ‚Ich halte mich an Gesetze, warum dürfen die sämtliche Gesetze brechen und beugen?‘ – Es kam: „Das weiß ich auch nicht.“ – Et es widderlich!
    Und Dir ein großes Dankeschön & einen verdammp lieben Gruß!

    • tapferimnirgendwo schreibt:

      Danke für diesen aussagekräftigen Bericht. Ich habe ihn korrigiert mit in den Text oben eingefügt. Sollte Ihr Name erwähnt werden, so teilen Sie ihn mir gerne mit, ansonsten kann auch alles anonym bleiben.

      Danke

  4. Georg B. Mrozek schreibt:

    Tut mir leid, dies so krass sagen zu müssen, doch für Köln gilt es im besonderen Maß: Geliefert wie bestellt. Vielleicht kommt Niedecken mal um die Ecke und singt was von „Arsch huh un Zäng ussenander“.

    • Nestor Machno schreibt:

      Da hat einer seinen Danisch gelesen. Ja, natuerlich, geliefert wie bestellt. Wenn man Sittenstrolche und Verbrecher mit Kusshand und Teddybaeren begruesst, kommen halt Sittenstrolche und Verbrecher. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass es ja nicht nur Sittenstrolche und Verbrecher sind, die da kommen. Herr Niedecken waere vielleicht auch gefragt, wenn es darum geht, mal die Zustaende in deutschen Fluechtlingsunterkuenften zu besingen. Und dann Arsch huh un Zaeng ussenander, wenn es z. B. darum geht, alleine gefluechtete Frauen vor den Uebergriffen dort zu schuetzen.

      • thomasexgotha schreibt:

        Die Leser des Holocaustrelativierers Danisch, der in der Regenbogen- die neue Hakenkreuzflagge sieht, habe ich mir genau so vorgestellt: Männer mit Hut und weißem Bart. So genau sie den Danisch lesen (warum eigentlich?), so leicht scheitern sie an der Interpretation des Filmmaterials, denn die Jugendlichen, die dort laute Musik hören, sehen nicht unbedingt danach aus, als würden sie in einer Flüchtlingsunterkunft wohnen. Aber dem Ressentiment ist es egal, aus welcher Quelle es sich speist.
        Dem Blogger sei gesagt, dass man sich nicht wundern sollte, wenn es in einem Ausgehviertel aussieht wie in einem Ausgehviertel.

        • HM schreibt:

          Zitat Th.ex G
          „…..So genau sie den Danisch lesen (warum eigentlich? “

          Merkwürdiger Aussage.
          Sie haben Danish auch gelesen und fragen Andere warum sie dort lesen?
          Oder Sie haben dort nicht gelesen und wundern sich, ohne jedwede eigene Information, warum Andere dort lesen?

          • thomasexgotha schreibt:

            „Sie haben Danish auch gelesen und fragen Andere warum sie dort lesen?“ Es ging um das genaue Lesen. Was ich von D. las, beruht auf Zitaten Dritter und bestätigt die schlimmsten Befürchtungen. Seinen Blog habe ich mir ca. 10mal angeschaut, also viel zu oft.

    • Eva schreibt:

      Niedecken ist doch selbst links und multikulti…Hauptsache ganz vorne im Kampf gegen räääächts!

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