„Künstler sind eigentlich Schmarotzer“

Unter meinem Artikel „Was ist systemrelevant“ hat ein Leser folgenden Kommentar verfasst. Ich stelle ihn hier mal zur Diskussion:

„Um so etwas wie Kunst zu ermöglichen, dazu braucht es stabile Verhältnisse, die über das nackte Leben hinaus gehen. Der erste Bauer, der es geschafft hat, hunderte von Mitlebewesen zu ernähren, dazu gehören natürlich auch kranke und alte Menschen, die im Tierreich einfach sterben würden, der hat mehr für die Menschheit getan, als es Helene Fischer jemals könnte. Künstler sind eigentlich Schmarotzer, die der Mensch sich erst dann leisten kann, wenn alle lebenswichtigen Voraussetzungen erfüllt sind. Und diese können nur durch schwer arbeitende Menschen erfüllt werden. Von Menschen, die die Ernährung, die die Möglichkeit, irgendwo zu wohnen und eine gewisse Grundversorgung geschaffen haben. Dazu gehören trällernde Barden nicht.“

Meine Antwort lautet:

Eine merkwürdige Vorstellung von Kunst haben Sie.

Selbst in den Momenten, da es den Menschen am dreckigsten ging, haben sie sich im Kreis versammelt und sich hoffnungsvolle Geschichten erzählt. Je schlechter es den Menschen ging, umso mehr gab ihnen die Kunst Hoffnung. Selbst die Gefangenen, die Elenden, die Hungernden und die Kranken, sie alle singen.

Was Sie behaupten, stimmt somit nicht. Sogar das Gegenteil ist der Fall.

In dem Konzentrationslager Börgermoor im Emsland, wo überwiegend politische Gegner des nationalsozialistischen Regime gefangen gehalten wurden, sangen die Häftlinge das von Gefangenen des Lagers komponierte und geschriebene Lied „Die Moorsoldaten“.

In der Bibel finden sich viele Psalmen, die sehnsuchtsvolle Klagelieder sind. Der Psalm 137 zum Beispiel beschreibt die Sehnsucht der verschleppten Juden in Babylon nach Jerusalem: „An den Strömen von Babel da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten.“

Dieser Psalm wurde unter anderem von Boney M. gesungen.

Dieser Psalm ist ebenfalls das Vorbild für den Gefangenchor aus „Nabucco“ von Giuseppe Verdi. Hier singen die Juden: „Va, pensiero, sull’ali dorate“ (Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen).

In allen deutschsprachigen Ländern, wo den Menschen das freie Sprechen untersagt war, sangen sie davon, dass ihre Gedanken frei sind.

Wenn Kinder Angst haben, singen ihnen ihre Eltern Lieder. Die Fähigkeit, Welten zu erdichten, hat die arme Mutter, wie der kranke Vater, die verzweifelte Tochter und der hungernde Bruder. Künstler sind keine Schmarotzer. Sie leben und geben dem Leben Sinn.

Shakespeare und Molière haben sowohl für Könige gespielt als auch in der Gosse. Ihre Stücke haben sie in Theatern, an Höfen, auf Märkten und in Spelunken aufgeführt. Es gab Zeiten im Leben dieser Künstler, da waren sie arm, dann gab es Zeiten, da hatten sie keine Sorgen. Gespielt haben immer und selbst die Ärmsten unter den Armen haben ihre Kunst verstanden.

Es gibt nämlich mehr, als bloß die pure Existenz. Es geht um das Leben, nicht nur um das Überleben.

Und zum Schluss noch was zu Helene Fischer. Sie müssen ihre Kunst weder schätzen, noch mögen, Sie können ihre Kunst sogar verabscheuen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sie eine schwer arbeitende Frau ist, die vielen Menschen eine Erfüllung bringt. Selbst wenn Helene Fischer nur einen einzigen Menschen mit ihren Liedern dazu gebracht hat, wieder Hoffnung zu schöpfen und weiter zu leben, statt die Existenz zu beenden, weil er Dank dieser Lieder wieder erkannt hat, dass das Leben einen Sinn hat, dann hat die trällernde Bardin eine ganze Welt gerettet.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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