Gandhis Briefe an Hitler

Am 23. Juli 1939, nur ein paar Monate vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schrieb Mahatma Gandhi einen Brief an seinen Freund Adolf Hitler:

Lieber Freund,

Freunde haben mich gedrängt, Ihnen im Interesse der Menschlichkeit zu schreiben. Ich habe mich aber bisher ihrer Bitte widersetzt, weil ich das Gefühl hatte, jeder Brief von mir wäre eine Zumutung.

Irgendetwas sagt mir aber, dass ich nicht berechnend sein darf und dass ich meinen Appell senden muss, was auch immer er wert sein mag.

Es ist ganz klar, dass Sie heute die einzige Person auf der Welt sind, die einen Krieg verhindern kann, der die Menschheit in einen Zustand der Barbarei bringen könnte. Sind Sie bereit, diesen Preis für eine Sache zu zahlen, wie wertvoll sie Ihnen auch erscheinen mag? Werden Sie auf den Appell eines Menschen hören, der die Methode des Krieges absichtlich gemieden hat, nicht ohne beachtlichen Erfolg?

Wie auch immer, ich erbitte Ihre Verzeihung, wenn es ein Irrtum von mir war, Ihnen zu schreiben.

Ich verbleibe Ihr aufrichtiger Freund, M.K. GANDHI

Am 24. Dezember 1940 schrieb Gandhi einen weiteren Brief an Adolf Hitler:

Lieber Freund,

dass ich Sie als Freund anspreche, ist keine Formalität. Ich besitze keine Feinde. Meine Lebensaufgabe war es in den letzten 33 Jahren, die Freundschaft der gesamten Menschheit zu gewinnen, indem ich mich mit der Menschheit anfreundete, unabhängig von Rasse, Hautfarbe oder Glaubensbekenntnis. Ich hoffe, Sie haben die Zeit und den Wunsch zu erfahren, wie ein großer Teil der Menschheit, die unter dem Einfluss dieser Doktrin der universellen Freundschaft gelebt hat, Ihre Taten sieht.

Wir haben keinen Zweifel an Ihrem Mut oder Ihrer Hingabe für Ihr Vaterland, noch glauben wir, dass Sie das von Ihren Gegnern beschriebene Monster sind. Ihre eigenen Schriften und Äußerungen jedoch, sowie die Ihrer Freunde und Bewunderer lassen keinen Zweifel daran, dass viele Ihrer Handlungen ungeheuerlich und der Menschenwürde nicht angemessen sind, insbesondere in der Einschätzung von Männern wie mir, die an die universelle Freundlichkeit glauben.

Da sind Ihre Demütigung der Tschechoslowakei, die Vergewaltigung Polens und das Verschlucken Dänemarks. Mir ist bewusst, dass Ihre Lebensanschauung solche Beraubungen als tugendhafte Taten ansieht, aber uns wurde von Kindheit an beigebracht, sie als Taten zu betrachten, die die Menschheit erniedrigen. Daher können wir Ihren Waffen keinen Erfolg wünschen. Aber unsere Position ist einzigartig. Wir widersetzen uns dem britischen Imperialismus nicht weniger als dem Nationalsozialismus. Wenn es einen Unterschied gibt, dann nur im Ausmaß.

Ein Fünftel der Menschheit wurde mit Mitteln, die keiner Prüfung standhalten, unter die britische Ferse gebracht. Unser Widerstand dagegen soll dem britischen Volk nicht schaden. Wir versuchen, sie zu bekehren, nicht sie auf dem Schlachtfeld zu besiegen. Unsere Absicht ist eine unbewaffnete Revolte gegen die britische Herrschaft. Ob wir sie nun aber bekehren oder nicht, wir sind entschlossen, ihre Herrschaft durch gewaltloses Nichtzusammenarbeiten unmöglich zu machen.

Es ist eine Methode, die ihrer Natur nach nicht zu rechtfertigen ist. Sie basiert auf dem Wissen, dass kein Raubübernehmer sein Ziel ohne ein gewisses Maß an freiwilliger oder obligatorischer Zusammenarbeit des Opfers erreichen kann. Unsere Herrscher mögen unser Land und unsere Körper nehmen, aber nicht unsere Seelen. Ersteres können sie nur erreichen, indem sie jeden Inder, jede Frau und jedes Kind vollständig vernichten.

All das mag nicht zu diesem Ausmaß des Heldentums aufsteigen und es ist wahr, dass ein ziemliches Maß an Schrecklichkeit der Revolte den Rücken kehren kann, aber das Argument ist nebensächlich. Denn wenn sich in Indien eine stattliche Anzahl von Männern und Frauen finden, die bereit sind, ohne bösen Willen gegen die Plünderer ihr Leben zu opfern, anstatt vor ihnen in die Knie zu gehen, haven sie den Weg zur Befreiung Indiens von Tyrannei und Gewalt aufgezeigt.

Ich bitte Sie, mir zu glauben, wenn ich sage, dass Sie in Indien eine unerwartete Anzahl solcher Männer und Frauen finden werden. Sie haben diese Lehre in den letzten 20 Jahren absolviert. Wir haben im letzten halben Jahrhundert versucht, die britische Herrschaft abzuschütteln. Die Unabhängigkeitsbewegung war noch nie so stark wie jetzt. Die mächtigste politische Organisation, ich meine damit den indischen Nationalkongress, versucht dieses Ziel zu erreichen.

Wir haben durch gewaltlose Anstrengungen ein sehr schönes Maß an Erfolg erreicht. Wir haben nach den richtigen Mitteln gesucht, um die am besten organisierte Gewalt der Welt zu bekämpfen, wie sie die britische Macht darstellt. Sie haben es herausgefordert. Es bleibt abzuwarten, wer besser organisiert ist, die Deutschen oder die Briten.

Wir wissen, was die britische Unterdrückung für uns und die außereuropäischen Rassen der Welt bedeutet. Aber wir würden die britische Herrschaft niemals mit deutscher Hilfe beenden wollen. Wir haben in der Gewaltlosigkeit eine Kraft gefunden, die sich, wenn sie organisiert ist, zweifellos gegen eine Kombination der gewalttätigsten Kräfte der Welt behaupten kann.

In der gewaltfreien Technik gibt es, wie ich bereits sagte, keine Niederlage. Es ist alles „mach oder stirb“, ohne zu töten oder zu verletzen. Es kann praktisch ohne Geld und offenkundig ohne die Hilfe der Zerstörungswissenschaft, die Sie so perfektioniert haben, verwendet werden. Es ist ein Wunder für mich, dass Sie nicht sehen, dass es niemandes Monopol ist.

Wenn es nicht die Briten tun, wird gewiss eine andere Macht Ihre Methode verbessern und Sie mit Ihrer eigenen Waffe schlagen. Sie hinterlassen Ihrem Volk kein Vermächtnis, auf das Sie stolz sein können. Sie können auf diese Darbietung grausamer Taten nicht stolz sein, wie geschickt sie auch geplant sein mögen.

Ich appelliere daher im Namen der Menschheit an Sie, den Krieg zu beenden. Sie verlieren nichts, wenn Sie alle Streitigkeiten zwischen Ihnen und Großbritannien einem internationalen Gericht Ihrer gemeinsamen Wahl unterbreiten. Wenn Sie im Krieg Erfolg haben, beweist das nicht, dass Sie im Recht waren. Es wird lediglich beweisen, dass Ihre Zerstörungskraft größer war. Ein Schiedsspruch eines unparteiischen Schiedsgerichts nach menschlichem Ermessen wird hingegen zeigen, welche Partei im Recht war.

Sie wissen, dass ich vor nicht allzu langer Zeit alle Briten dazu aufgerufen habe, meine Methode des gewaltfreien Widerstands zu akzeptieren. Ich tat es, weil die Briten mich als einen Freund kennen, obwohl ich ein Rebell bin. Ich bin ein Fremder für Sie und Ihr Volk. Ich habe nicht den Mut, Ihnen den Aufruf zu machen, den ich an jeden Briten gerichtet habe. Nicht, dass es für Sie nicht mit der gleichen Kraft gelten würde wie für die Briten, aber mein jetziger Vorschlag ist viel einfacher, weil viel praktischer und vertrauter.

In dieser Zeit, in der sich die Herzen der Völker Europas nach Frieden sehnen, haben wir sogar unseren eigenen friedlichen Kampf eingestellt. Ist es zu viel verlangt, Sie zu bitten, sich in einer Zeit für den Frieden einzusetzen, die Ihnen persönlich vielleicht nichts bedeutet, die aber den Millionen Europäern viel bedeuten muss, deren stummen Schrei nach Frieden ich höre? Meine Ohren sind darauf eingestellt, die Millionen Stummen zu hören.

Ich habe die Absicht, einen gemeinsamen Appell an Sie und Herrn Mussolini zu richten, den ich in Rom während meines Wegs zu einem Besuch in England als Delegierter der Konferenz am runden Tisch treffen durfte. Ich hoffe, dass er diesen wie an ihn gerichtet auch mit den notwendigen Wandel aufnimmt.

Ich bin Ihr aufrichtiger Freund, M.K. GANDHI

(Foto: Wikipedia)

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Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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Eine Antwort zu Gandhis Briefe an Hitler

  1. R. Schuessler schreibt:

    Schön. Wie passend zu dieser Zeit.

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