Ein Pirat fragt nach

Der Abgeordnete Daniel Schwerd von der Partei PIRATEN hat am 21. April 2015 im Landtag Nordrhein-Westfalen eine kleine Anfrage gestellt. Tapfer im Nirgendwo veröffentlicht diese Anfrage:

Aus unerfindlichen Gründen geduldete Hetze? Die “Kölner Klagemauer” gefährdet Kindeswohl

“Wer zerstören will, findet immer ein Karthago.” (Hans Kudszus)

Vor dem Amtsgericht Köln fand am 10. April 2015 ein weiterer Prozess gegen Walter Herrmann und seine sogenannte “Kölner Klagemauer” vor dem Kölner Dom statt. Er wurde in erster Instanz zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt, weil die Richterin es als erwiesen ansah, dass Walter Herrmann mit von ihm zu verantwortenden Darstellungen in seiner “Klagemauer” gegen §15 Jugendschutzgesetz verstoßen habe. Darin ist bestimmt, dass jugendgefährdende Trägermedien nicht an einem Ort, der Kindern oder Jugendlichen zugänglich ist oder von ihnen eingesehen werden kann, ausgestellt, angeschlagen, vorgeführt oder auf sonstige Weise zugänglich gemacht werden dürfen. Zudem dürfen Menschen, die sterben oder schweren körperlichen oder seelischen Leiden ausgesetzt sind oder waren, nicht in einer die Menschenwürde verletzenden Form dargestellt werden. Allerdings Herrmann kündigte schon im Gerichtssaal an, mit seiner als Kunst deklarierten Aktion weitermachen zu wollen.

Die Verhandlung endete im Tumult, der Angeklagte verließ noch während der Urteilsbegründung unter Protest den Gerichtssaal. Als die zahlreich erschienen Unterstützer Herrmanns mit lautstarken Zwischenrufen der Richterin ein politisch motiviertes Urteil vorwarfen, ließ sie den Saal räumen. Herrmann will in Berufung gehen. Noch am Nachmittag setzte er die Ausstellung wieder fort, auf der er erneut Bilder geschundener Kinder mitführte. Die Polizei musste erscheinen, „Herr Herrmann weigerte sich und warf sich auf den Boden“, so beschreibt ein Sprecher der Polizei Köln den Einsatz.

Walter Herrmann betreibt seit Jahren auf dem Platz vor dem Kölner Dom eine als Dauerdemonstration angemeldete öffentliche Ausstellung, in der er Israel dämonisiert und unter anderem als Kindermörder bezeichnet. Dazu zeigte er Bilder von blutüberströmten, verstümmelten Leichen von Kindern und Erwachsenen und behauptet, diese seien von Israelis ermordet worden. Zudem findet man immer wieder als holocaustrelativierend empfundene Plakate in seiner Ausstellung, die den Nahostkonflikt als “Holocaust” der Israelis in Gaza beschreiben, Gaza mit dem Warschauer Ghetto vergleichen oder Netanjahu mit Hitler. Die “Kindermörder”-Vorwürfe erinnern erschreckend an antisemitische Ritualmordlegenden. Die taz stellt in einem Artikel vom 12. April 2015 folgendes fest: “…beschränkt sich seine von der Polizei aus unerfindlichen Gründen geduldete „Dauerdemonstration“ seit gut einem Jahrzehnt auf eine demagogisch anmutende Hetze gegen den israelischen Staat und gegen Juden.”

Dem Youtube-Kanal “Djihad TV” gab Walter Herrmann im April ein Interview. In dem mit “Ehrenmann Walter Herrmann” betitelten Beitrag sagte er folgenden Satz: “Das hat dazu geführt, dass der Polizeichef Innenstadt gehen musste und an seiner Stelle kam ein Freund der Klagemauer aus Bonn.”

Ich frage die Landesregierung:

1.Was unternimmt die Landesregierung, um den durch die “Kölner Klagemauer” gefährdeten Kinder- und Jugendschutz am Kölner Dom sicherzustellen?

2. Wie bewertet es die Landesregierung, wenn wenige Stunden nach einem erstinstanzlichen Urteil bereits wieder als kindeswohlgefährdend gewertete Bilder ausgestellt werden?

3. Ist der Kölner Polizeipräsident ein “Freund der Klagemauer”? Gehen Sie darauf ein, wie Walter Herrmann zu dieser Aussage kommt.

4. Was unternimmt die Landesregierung, um die von vielen Menschen als holocaustrelativierende und antisemitisch empfundene Darstellungen an der “Kölner Klagemauer” zu entfernen?

5. Hält die Landesregierung einen toleranten Umgang der Polizei mit der “Klagemauer” für angemessen? Gehen Sie darauf ein, ob nicht strikter auf die ordnungsrechtlichen Regeln und die Grenzen volksverhetzender Aussagen geachtet werden sollte, insbesondere vor dem Hintergrund antisemitischer Vorkommnisse der letzten Monate.

Daniel Schwerd

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Die Dreizehnte

Heute findet in Berlin die “13. Konferenz der Palästinenser in Europa” statt. Das erinnert mich daran, dass ich vor vier Jahren bei der Neunten war. Damals schrieb ich darüber diesen Beitrag:

Am 7. Mai 2011 befand ich mich in der Uni-Halle in Wuppertal und nahm an der “9. Konferenz der Palästinenser in Europa – die Generation der Rückkehr kennt ihren Weg” teil.

Mir wäre eine bisschen mehr Tanz und etwas weniger Rache auf der Konferenz lieber gewesen. Was ich dort erleben musste, war eine radikale Einschwörung der Anwesenden auf grenzenlosen Hass gegen Israel. Auf deutschem Boden fand eine Veranstaltung statt, auf der das Existenzrecht Israels in Frage gestellt wurde.

Kein Recht auf Existenz bedeutet Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von Millionen jüdischer Menschen in Israel. Dafür haben wir in der westlichen Welt einen Begriff: Holocaust.

Wer das Existenzrecht Israels verneint und eine Zerstörung des Staates wünscht, plant nichts anderes als einen Holocaust. Der Holocaust mag mit der Frage nach dem Existenzrecht in noch so milden Worten daher kommen, er bleibt ein Holocaust und eben dies wurde am 7. Mai 2011 in der Uni-Halle in Wuppertal besprochen.

Pausenlos wurden Filme, Vorträge und Theaterstücke gezeigt, in denen Juden ausnahmslos als böse und verachtenswerte Menschen dargestellt wurden.

Für viele Palästinenser in und um Israel sind Juden Tiere, die vernichtet gehören. In brutalst möglicher Form werden arabische Kinder in den Ländern und Gebieten rund um Israel darauf eingeschworen, dass Juden nur Abschaum sind. Im 7. Artikel der Hamas-Charta heißt es ganz deutlich:

Der Prophet – Andacht und Frieden Allahs sei mit ihm, – erklärte: Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn!

In Israel jedoch werden selbst die Feinde als Menschen gesehen und jedes zivile Opfer auf allen Seiten beklagt. Ein israelischer Soldat, der auch nur in den Verdacht gerät, Hassverbrechen im Mantel der Verteidigung zu begehen, darf sich der innerisraelischen Kritik und einer Verantwortung vor israelischen Gerichten gewiss sein. In der Unabhängigkeitserklärung von Israel finden sich ganz klare Worte:

„Wir bieten allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe mit dem selbstständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf. Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten.“

Die 9. Konferenz der Palästinenser in Europa fand nicht im Nahem Osten statt sondern im Bergischen Land in Deutschland. Ein Theaterstück an dem Tag endete mit einer Erklärung von Kindern, die ihren Vätern und Müttern versprachen, Israel zu bekämpfen. Wäre ich ein Kind gewesen und hätte diese Show gesehen, dann wäre wohl auch für mich klar geworden, dass Israel bekämpft und vernichtet gehört.

Als ich diese Veranstaltung sah, wurde mir klar, dass die Kinder und Jugendlichen an diesem Tag auf deutschen Boden auf einen Krieg eingeschworen wurden. An diesem Tag gingen der Welt eine Vielzahl Kinder für den Frieden verloren und die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens von Juden und Palästinensern rückte in weitere Ferne. Statt auf Integration setzte diese Veranstaltung voll und ganz auf die Verteufelung.

Während in Wuppertal die Verteufelung von Juden betrieben wurde, wurde in Essen der Vorstand der Alten Synagoge dafür kritisiert, einen Vortrag über “Antisemitismus im Islam” zu halten. Nur weil in der Alten Synagoge über Antisemitismus im Islam referiert wurde, warf der Chef des Integrationsbeirats Essen, Muhammet Balaban, dem Vorstand eine Herabsetzung des Islams vor und behauptet, die Forschung über den Antisemitismus im Islam sei eine Beleidung des Islams und fügt hinzu: „Das treibt uns doch nur auseinander.“

Man stelle sich mal vor, Angela Merkel hätte die Forschung über „Antisemitismus in Deutschland“ als Beleidigung Deutschlands bezeichnet. Ein Aufschrei wäre durch die Nation gegangen. Balaban ist es gelungen, die Antisemitismusforschung in Deutschland in Verruf zu bringen, da er mit seiner Kritik Unterstützung beim Oberbürgermeister von Essen, Reinhard Paß, fand. Paß bezeichnete den Ankündigungstext der Alten Synagoge als „unglückliche Formulierung“ und schrieb in einem Brief an Balaban:

„Ich bedauere sehr, dass bei Ihnen der Eindruck entstanden ist, dass die Alte Synagoge islamfeindlichen Tendenzen Anschub leistet und Rückhalt bietet und bin der Auffassung, dass ein solcher Eindruck nicht entstehen darf.“

Für Paß war somit nicht der Antisemitismus das eigentliche Problem und eine Gefährdung der Sicherheit, sondern die Antisemitismusforschung und somit der Versuch der Opfer des Antisemitismus’, die Bedrohung zu analysieren. So wie in der Türkei die Forschung an dem Massenmord an den Armeniern als „Beleidigung der türkischen Nation“ gelten kann, so sorgte auch Essen dafür, dass Antisemitismusforschung zur entarteten Forschung erklärt wird.

Paß erwartete sogar, „dass die neue Leitung der Alten Synagoge sich den Integrationsgedanken deutlich mehr zu eigen macht als dies bisher der Fall war.“

Während in Essen der Versuch von (potentiellen) Opfern, ihre Feinde zu analysieren, bereits als Integrationshemmnis galt, genoss in Wuppertal die Dämonisierung von Juden und der Aufruf zur Rache als in Deutschland zu tolerierende kulturelle Eigenart.

***

Dass es auch anders geht als auf der 9. Konferenz der Palästinenser in Europa, zeigte am 12. Mai 2011 der Israeltag in Köln. So wie sich am 7. Mai 2011 Menschen in Wuppertal für Palästina versammelten, so versammelten sich am 12. Mai 2011 Menschen in Köln für Israel. Während der ganzen Veranstaltung wurde nicht auch nur eine Sekunde dazu aufgerufen, Palästinenser zu hassen, im Gegenteil: alle Menschen waren herzlich eingeladen zu kommen.

Es war sogar erlaubt, die Veranstaltung zu kritisieren, denn auch das gehört zu einer Veranstaltung dazu, die auf dem Boden eines freiheitlichen Rechtsstaats stattfindet.

Unter anderem nahm sich Henryk M. Broder dieses Recht und stellte die berechtigte Frage, warum die Kölner Synagogengemeinde den Oberbürgermeister Jürgen Roters als Schirmherr ihrer Veranstaltung erwählt hatte, obwohl er gezeigt hatte, dass sein Stadtrat nicht in der Lage ist, angemessene Aktionen gegen einen Mann zu unternehmen, der seit Jahren fast täglich vor dem Kölner Dom einen Judenhass verbreitet, der in der deutschen und der internationalen Presse scharf kritisiert wird und selbst den Gesandten der Staates Israels, Emmanuel Nahshon, zu scharfer Kritik an die Stadt Köln bewogen hat. Henryk M. Broder schreibt:

“Ich habe lange genug in Köln gelebt, um zu wissen, was die Kölner unter “Fakten” verstehen: die kurze Zeit zwischen dem ersten Kölsch und dem zweiten. Das gilt auch im Falle der Kölner Klagemauer und der Bewertung der Lage durch die Synagogengemeinde in Köln (SGK).

Zum Einen hat es Anzeigen von Privatpersonen gegeben, und zwar mehr als eine, zum Anderen bedeutet es wenig, wenn ein Staatsanwalt keine Klage erheben will. Erstens kann man es nach einer Weile wieder versuchen, ein anderer Staatsanwalt könnte durchaus anderer Meinung sein; zweitens gäbe es die Möglichkeit eines Klageerzwingungsverfahrens; und drittens kann es die Synagogengemeinde einem Bauer aus dem Bergischen Land erzählen, dass über solche Geschichten nicht hinter den Kulissen kommuniziert wird; dass also der Kölner OB zu schüchtern ist, um den zuständigen Staatsanwalt anzurufen und ihm was vom “Ansehen der Stadt” zu erzählen. Es wäre wohl das erste Mal in der Geschichte des Kölner Filz, dass so was unterbleibt.

Der OB aber protestiert lieber in Tel Aviv gegen einen Skandal vor seiner kölschen Tür und die Kölner Synagogengemeinde nimmt es ihm nicht nur ab, sie findet das auch ausreichend. Schlimmer als Herrmanns antisemitischer Drecks-Schau ist die stille Komplizenschaft der Kölner Synagogengemeinschaft, die – wie es sich für gute Juden gehört – keine Wellen schlagen möchte.

Wenn es tatsächlich keine juristische Handhabe gäbe, könnten sie es ja mit anderen Mitteln versuchen. Sie könnten sich, allein oder mit den anderen Pfeifen aus dem Vorstand, neben Herrmann hinstellen und Plakate zeigen, auf denen die Bluttaten der Palästinenser, vor allem der Hamas, zu sehen sind. Davon gibt es mehr als genug. Sie könnten Flugblätter drucken und sie an die Touris verteilen, die vor der “Klagemauer” stehen bleiben, sozusagen als Gegenindikation. Sie könnten vieles machen, wenn sie nur wollten.

Aber dann müssten sie u.a. auf die Schirmherrschaft des OB bei ihrem albernen Straßenfest verzichten.”

Ich stelle mir gerade vor, was mit einem Palästinenser geschehen wäre, wenn er ähnlich wie Broder über den Israeltag in Köln über die Konferenz der Palästinenser in Wuppertal geschrieben hätte. Es wäre ihm sicherlich nicht gut bekommen.

Aber Broder ist ja Gott sei Dank Jude. Da hat er aber nochmal Glück gehabt.

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Der Unterschied

Es gibt in Deutschland Antisemiten und Philosemiten. Die Antisemiten sagen: “Israel ist scheiße!” Die Philosemiten sagen: “Unter Freunden muss man sich auch mal sagen können, dass Israel scheiße ist!”

Im Grunde unterscheiden sich deutsche Antisemiten und Philosemiten nur in der Anzahl der Wörter.

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Waffenruhe à la Hamas

Militante Araber aus dem von der Hamas regierten Gazastreifen haben heute abend, am 23. April 2015, mindestens eine Rakete auf den Süden Israels abgefeuert. Dies bestätigte die israelische Armee.   
Im späten August 2014 einigten sich Israel und die Hamas auf eine dauerhafte Waffenruhe. Seitdem gab es immer mal wieder vereinzelte Raketen- und Mörserangriffe auf den Süden Israels.

So sieht also die Waffenruhe à la Hamas aus.

Heute ist übrigens der 67. Unabhängigkeitstag des kleinen Staates Israel. Hier ein kleiner Ausschnitt aus der Unabhängigkeitserklärung:

„Wir bieten allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe mit dem selbständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf. Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten.“

Diesen Tag hat die Hamas bebombt! Die Fackel der Unabhängigkeit entzündete in diesem Jahr übrigens die arabische Journalistin Lucy Aharish.

So sieht die Waffenruhe à la Israel aus!

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Raten Sie mal

Wer hat jüngst im WDR behauptet, die Medien in Deutschland seien “längst alle gleichgeschaltet” und sagte zudem: “Alice Schwarzer, die alte Bildzeitungsnutte”?

A) Ken Jebsen
B) Horst Mahler
C) Eva Herman
D) Volker Pispers

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Glückwünsche zum Fünfjährigen

Lieber Herr Buurmann,

herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 5-Jährigen; Sie haben Großartiges geleistet, unzählige Menschen bewegt und deren Leben bereichert, waren und sind immer zu Stelle mit Ihrem einzigartigen Blick und stechenden Worten. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen und wünsche weiterhin viele Jahre und viel Kraft Tapfer im Nirgendwo!

Herzlichst
I.K.

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5 Jahre Tapfer im Nirgendwo (und ein bißchen mehr)

Am 25. April 2010 gründete ich meinen Blog Tapfer im Nirgendwo auf WordPress. Vorher schrieb ich 16 Monate auf Blogspot. Einige Artikel aus der Zeit habe ich auf WordPress übernommen. Den ersten Blog-Artikel meines Lebens veröffentlichte ich am 14. Dezember 2008: “Was ist Theater?”

Seit fünf Jahre blogge ich auf WordPress. Im April 2010 lasen lediglich ein paar hundert Leute im Monat meinen Blog. Heute sind es ein paar hundert Klicks in der Stunde. Ich danke allen Leserinnen und Lesern. Je mehr es werden, desto mehr Leute kommentieren, und je mehr kommentieren, umso deutlicher wird eins: Für die meisten Rechten ist jeder Mensch mit Verstand links und für die meisten Linken ist jeder Mensch mit Verstand rechts.

Vor vielen, vielen Jahren, irgendwann im Jahre Achtzehnhundertnochwas in der sogenannten Julimonarchie Frankreichs saß die Monarchie rechts im Parlament und die Republikaner und Liberalen in der Opposition links. Wie kann sich ein einigermaßen vernünftiger Mensch des 21. Jahrhunderts ernsthaft politisch positionieren, indem er sich der Sprachreglung einer monarchischen Sitzordnung aus dem 19. Jahrhundert bedient?

Fragen Sie mal einen Linken, was rechts bedeutet und Sie werden die schroffesten Urteile hören. Fragen Sie mal einen Rechten, was links bedeutet und das Ergebnis wird ähnlich vernichtend ausfallen. Was bedeutet rechts? Was bedeutet links? Ernst Jandel sagte einst:

“manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum”

Vermutlich ist das die genaueste Definition von links und rechts, die es jemals gab.

Mittlerweile bin ich dazu übergangen, jede Lektüre abzubrechen, sobald Zuschreibungen wie “rechtspopulistisch” oder “linksdeutsch” auftauchen. Ich bewerte Menschen nicht danach, wie andere sie politisch verorten, sondern danach, was sie sagen.

Ich befinde mich Tapfer im Nirgendwo. Ich habe Respekt vor Menschen, nicht unbedingt aber vor ihren Ideologien, Religionen und Überzeugungen. Wenn ein Christ oder Moslem oder sonst wer glaubt, ich beleidige ihn, nur weil ich hart über den Koran, das Evangelium, ein Manifest, Marx, Mohammed oder Jesus spreche, so soll er sich beleidigt fühlen. Er soll mir aber nicht absprechen, dass ich ihn nicht als Mensch respektiere.

Ich werde nie auf das Lachen, Zweifeln, Kritisieren und Verarschen von Ideen verzichten. Wer glaubt, ich verachte ihn, nur weil ich Witze über seinen Glauben mache, verwechselt sich mit seinen Überzeugungen. Der Mensch aber ist mehr als seine Ideen!

Es gibt auch Ideen, an denen ich hänge. Weihnachten ist so eine Idee. Meinetwegen kann aber jeder Witze über den Weihnachtsmann machen! Jeder soll glauben, woran er will.

Wenn ein Mensch wegen seiner Herkunft kritisiert wird, nennt man das Rassismus. Wenn ein Mensch jedoch für seine Überzeugung kritisiert wird, nennt man das Aufklärung. Für die Herkunft kann niemand was, für die Überzeugung jedoch schon! Das Gegenteil von Herkunft ist nämlich Zukunft! Mit jedem Schritt, den ich gehe, entscheide ich die weitere Richtung. Ich kann mich mit nichts anderes herausreden, als mit meiner Entscheidung, eben diesen Schritt gemacht zu haben! Religionen und Ideologien sind Überzeugungen. Sie dürfen jederzeit verarscht werden!

Wenn zwei Menschen eine Beziehung miteinander eingehen, mag sie nun privater oder geschäftlicher Natur sein, sollten sie es so frei und unabhängig wie möglich tun können, ohne das ihre Beziehung einer anderen Beziehung gegenüber bevorzugt wird. Wenn Peter und Achmed sich lieben, warum sollte ihre Liebe staatlich anders behandelt werden als die Beziehung von Peter und Maria? Wenn ein Franzose und eine Deutsche miteinander geschäftlich handeln, warum sollten sie es schwerer haben als wenn ein Franzose mit einer Französin handelt? Wenn Kim etwas anbaut und Ill-Young auch, warum sollte Kim Geld vom Staat bekommen, Ill-Young aber nicht? Jede Freiheit eines Individuums, die eingeschränkt wird, muss gut begründet sein.

Der Staat schenkt mir Freiheit nicht! Ich habe die Freiheit in mir, wie jeder Mensch! Ich erlaube dem Staat lediglich Einschränkungen in meine Freiheit. Wenn die Einschränkung keinen Sinn (mehr) macht, sage ich: Fort damit! Freiheit ist eine stete Kritik an herrschenden Konventionen. Leider wird viel zu oft die Autorität der Freiheit vorgezogen.

Die freie Meinung ist eines der höchsten Güter. Veränderungen kamen immer, weil jemand damit begonnen hatte, anders zu denken und zu sprechen. Das Recht auf eine eigene Meinung hat jeder! Dummheit muss nicht verboten werden. Dummheit entlarvt sich von selbst. Freie Meinung ist für die Dummheit wie das Licht für die Vampire. Verbieten wir dummen Leuten ihre Meinung, gehen sie in den Untergrund und werden dort erst richtig gefährlich. Man setze die Dummen dem Licht der freien Meinung aus. So werden sie zu Staub!

Im Grunde bin ich ein Romantiker, weil ich an das Gute im Menschen glaube. Ich kritisiere den Staat nicht, weil ich glaube, es braucht keinen Staat, sondern weil ich den Menschen schlicht mehr zutraue. Der Mensch ist besser als sein Ruf!

Der Staat ist dafür da, ein Netz zu spannen, das jene auffängt, die vom Seil fallen. Der Staat ist aber nicht dafür da, sich darum zu kümmern, dass man gar nicht erst vom Seil herunter fallen kann. Ich will nicht festgebunden werden. Ich will tanzen! Die Möglichkeit des Fallens gehört zum Seiltanz des Lebens!

Ich brauche keinen Staat, der mir vorschreibt zu welcher Musik ich zu tanzen habe. Ich brauche keine Vorschriften über die Geschwindigkeit meines Tanzes. Ich brauche keine Gesetze über die Abstände meiner Schritte. Ich will nicht, dass der Staat mir die Mindestlänge meiner Balancierstange vorschreibt. Ich brauche keine Einmischung in die Wahl meiner Mitartisten. Ich kann selber entscheiden, an welchen Tagen und zu welchen Stunden ich tanze. Lasst mich einfach nur tanzen, mit all den Gefahren und spannt ein Netz für den Notfall. Sollte ich das Netz jedoch als Hängematte missbrauchen, so schmeißt mich raus! Das Netz wird schließlich von der Gemeinschaft bezahlt, durch Steuern.

Wer Steuern zahlt, wird dadurch jedoch nicht gleich solidarisch. Steurn zahlen hat nichts mit Solidarität zu tun, sonst wäre ja jeder durch Robin Hood Beraubte, im Moment des Raubs solidarisch geworden. Solidarität kann nur freiwillig als Geschenk gespendet werden. Steuern jedoch sind ein Zwang! Robin Hood hat den Reichen genommen und es den Armen gegeben. Robin Hood war eine Privatisierung des Sozialstaats – und er nahm mit Gewalt, wie der deutsche Staat heute, der jetzt ein Monopol auf die Gewalt hat.

Mit jedem Euro, den der Sozialstaat nimmt, sagt er: “Ich halte Dich für zu egoistisch, um anderen zu helfen. Ich mache das für Dich!” Im Grunde ist ein Armutszeugnis für eine Gemeinschaft, wenn ein Staat oder Robin Hood das Teilen erzwingen muss! Wer sich nämlich zu sehr auf Robin Hood verlässt, hat damit aufgehört, selber solidarisch zu sein. Dann heißt es: “Was willst Du von mir? Geh zu Robin Hood, der hat mein Geld!”

Meine Empathie für Andere entspringt meinem kritischen Wesen. Für mich gilt nämlich: Wenn es der Staat, Robin Hood oder Gott nicht kann oder will, muss ich eben ran!

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