„Innocence of Muslims“

Der amerikanische Botschafter Christopher Stevens und drei weitere Mitarbeiter wurden in Bengasi von einem aufgebrachten Mob ermordet. Auch in Kairo stürmten aufgebrachte Islamisten die Mauer der Botschaft und rissen die US-Flagge herunter. An die Wand des Botschaftsgebäudes sprühten sie am Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September den Namen Osama bin Laden. Als Grund für die Tat geben die Fundamentalisten angeblich an, durch diesen Film beleidigt worden zu sein:

Ich gebe zu, der Film ist alles andere als gut, ich bin sogar geneigt, ihn richtig schlecht zu nennen, aber das ist noch lange kein Grund, zu solch drastischen Mitteln zu greifen. Wenn ich jedes Mal zur Guillotine greifen würde, wenn ich in der Kunst gegen Bares einen mäßigen bis schlechten Beitrag sehe, man könnte mich bald Robespierre nennen. Wenn ich jeden töten würde, der schon mal schlechte Kunst produziert hat, müsste ich zunächst einmal Selbstmord begehen! Ich habe schon einige misslungene Kunstversuche gesehen. Ich habe sogar selbst einige zu verantworten. Aber das Scheitern, das Stürzen in den schlechten Geschmack und die Grenzüberschreitung gehören nunmal zum kreativen Prozeß dazu. Viele Künstlerinnen und Künstler wurden nur deshalb gut, weil sie kreativ wirken konnten, ohne Angst davor haben zu müssen, dass ihnen oder Anderen ein Fehlgriff zum Verhängnis werden könnte. Daher ärgert es mich, wenn ich Sätze lese wie diese:

„Zu dem Film, der den Anlass für den Mord an Stevens hergegeben hat, fällt mir nichts ein. Die Redefreiheit zu verteidigen, kann nicht heißen, dass man diesen Schwachsinn auch verteidigen muss. Natürlich handelt es sich um eine gezielte Hassattacke (…) Denn in unseren Zeiten hat auch ein solcher unspeakable idiot die Möglichkeit, die Welt in Brand zu stecken.“ (Die ZEIT)

„Es ist müßig, hier nach Tätern und Opfern zu unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von amerikanischen Extremisten aus, islamistische Fanatiker haben sie angenommen und nicht minder radikal zurückgezahlt.“ (Süddeutsche Zeitung)

Nicht minder! Man lese und staune. „Innocence of Muslims“ ist wahrlich kein guter Film; er kann sogar als grottenschlecht bezeichnet werden, aber dennoch ist jeder Versuch, die Verantwortlichen des Films, die sich den Namen Sam Bacile gegeben haben, an die Ausschreitungen und Morde in Ägypten und Libyen mitverantwortlich machen zu wollen, eine Ungeheuerlichkeit. Der Film geht nicht geschmackloser mit Muslime um, als manche Kabarettisten mit Amerikanern, gewisse Stand Ups mit Frauen oder die Titanic mit Christen. „Innocence of Muslims“ hat Muslime nicht mehr beleidigt als die Titanic Christen! Wer jetzt auch nur andeutet, die Filmemacher könnten eine Mitschuld tragen an den Morden in Libyen, der führt die Ideologie der islamistischen Fundamentalisten im Feuilleton fort.

Laut der Financial Times Deutschland soll der zweistündige Film 5 Millionen Dollar gekostet haben. 59 Schauspielerinnen und Schauspieler sollen daran beteiligt gewesen sein. Allerdings wurde der Film nur einmal gezeigt und zwar in einem weitgehend leeren Kino in Los Angeles. Der Film ist also ein Flop auf ganzer Linie.

Damit wäre die Geschichte eines Misserfolg eigentlich zu Ende, wären nicht ägyptische Kulturkämpfer wie der in den USA lebende koptische Christ und bekennende Islamhasser Morris Sadek auf ihn aufmerksam geworden. Sadek verbreitete den Film in den vergangenen Tagen über Facebook und das Internet. Zu Hilfe kam ebenfalls der radikal-islamische, ägyptische Fernsehprediger Chalid Abdallah, der in seiner Show über das Machwerk wetterte und einige Ausschnitte zeigte. Anfang dieser Woche kam es daraufhin zu ersten Demonstrationen in Kairo. Die Eskalation nahm ihren Lauf. Sam Bacile gibt sich unbeieidruckt. In einem Interview heißt es: „Der Islam ist ein Krebsgeschwür. Punkt.“

Es sind genau solche Sätze, die mir Sam Bacile erst einmal so unsympathisch machen, dass es mir schwer fällt, ihr Recht auf freie Kunst und Meinung zu verteidigen, aber ich mache es! Denn eins ist klar:

Ich weiß zwar nicht genau, wo das Krebsgeschwür herkommt, wie es heißt und wovon es sich ernährt, aber eins weiß ich ganz sicher: Es wuchert und hat jüngst erst wieder in Kairo gewütet und in Bengasi gemordet.

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