Erstaunlich still

Dafür, dass sich noch vor ein paar Monaten unter einer Mehrheit der Feuilletonisten und nicht wenigen Abgeordneten der Politik lautstarke Kritik breit gemacht hat über die Entscheidung der israelischen Regierung, ein Einreiseverbot über Günter Grass aufgrund seines „israelkritischen“ Gedichts zu verhängen, ist es heute hörbar still in diesem Land, in dem im Umfeld um einen „islamkritischen“ Film nicht nur über Einreiseverbote nachgedacht wird, sondern schon welche verhängt wurden.

Warum wird eigentlich in so ziemlich allen bedeutenden Medien „Innocence of Muslims“ ständig als Hetz- oder Schmähvideo bezeichnet? Reicht nicht einfach Video? Oder andersrum: Warum war damals bei Günter Grass‘ „Was gesagt werden muss“ nicht auch ständig vom Hetz- oder Schmähgedicht die Rede? „Innocence of Muslims“ ist so sehr ein islamkritischer Film wie „Was gesagt werden muss“ ein israelkritisches Gedicht war. Warum war eigentlich im Umfeld der Titanic, auf der ein mit Exkrementen beschmierter Papst auf dem Cover zu sehen war, nicht von einem Hetz- und Schmähmagazin die Rede?

Kann es vielleicht daran liegen, dass es recht unwahrscheinlich ist, dass heutzutage aus der Mitte von Juden und Christen ein Mob entspringt, der Botschaften anzündet, Flaggen verbrennt, Fatwas verkündet und Menschen ermordet, jedenfalls deutlich unwahrscheinlicher als beim Islam?

Ich glaube schon, dass es daran liegt! Gerade deshalb bin ich auch so entsetzt darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit heute Einreise- und Aufführungsverbote kritiklos selbst von jenen hingenommen werden, die noch vor einiger Zeit nicht im Traum daran gedacht hätten, ihre Berichterstattungen mit solch wertenden Worten wie Hetze und Schmähung zu überwürzen.

Wir erleben gerade ein beängstigendes Einknicken vieler deutscher Medien und Politiker vor einem tobenden Mob. Selbst die überzogenste Verurteilung Israels geht mancherorts noch als Israelkritik durch, während schon das schlichte Zeichnen des Propheten Mohammeds für nicht wenige als islamfeindlich gilt. Diese ungleiche Behandlung haben wir einzig und allein der Tatsache zu verdanken, dass es immer noch Menschen gibt, die ihr Handeln von fundamentalistischen Fanatikern und ihren Reaktionen abhängig machen.

Wer heute bei „Innocence of Muslims“ Hetz und Schmähung ruft, obwohl er bei der Titanic oder bei Günter Grass gelassen geblieben ist, der hat vor dem fanatischen Mob bereits kapituliert.

„Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen!“

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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