Der Ekel der Sibylle Lewitscharoff

„Viele Frauen sind alt oder fettleibig oder sonst wie unschön geformt, und da wird der Anblick üppig oder seltsam wuchernden Fleisches für den Betrachter zur Qual.“

Sibylle Lewitscharoff hat mit diesem Ausspruch wieder verbal zugeschlagen. Ihr Feindbild hat sich somit erweitert. Sie mag keine dicken, homosexuellen Onanierer, die nichts gegen künstliche Befruchtung haben. Das nehme ich persönlich!

Wenn der Mensch krank wird, verlässt er sich nicht allein auf die Natur, er ruft nach der Vernunft der Ärztin. Wenn ihm Unrecht widerfährt, sehnt er nicht nach der Herrschaft der Natur, er spricht die Vernunft des Richters an. Wenn es jedoch darum geht, jemanden zu unterdrücken, ist der Mensch schnell mit der Natur zur Hand. Immer wieder ist es die Natur, die zur Begründung einer Unterdrückung herangezogen wird. Mal ist es die „Natur des Schwarzen“, mal die „Natur des Weibes“, mal die „Natur des Juden“. Immer aber geht es darum, einer Gruppe von Menschen mit Verweis auf ihre vermeintliche Natur, Rechte vorzuenthalten.

Es gibt Menschen, die schreiben mit einer solchen Gewissheit über die Absichten der Natur, man möchte meinen, sie wären jeden Sonntag bei Mutter Natur zum Tee eingeladen. Was sagt denn die Natur? Wer weiß es?

Was immer über die Natur geschrieben und gesagt wird, sobald ihr Absicht und Moral unterstellt wird, haben wir es mit einer Religion zu tun. Die Natur hat keine Absicht! Sie ist indifferent. Sie ist ganz einfach!

Gut und böse sind Kategorien der Vernunft. Die Vernunft versucht zwar, Natur wissenschaftlich zu verstehen, aber alles, was Vernunft hat, weiß oder mindestens ahnt, dass Moral in der Natur nicht zu finden ist.

Die Moral war lange Zeit ein Diktat der diverser Götter. In der heutigen Zeit, da der Glaube an Gott vielerorts verschwunden ist flüchten nicht wenige, die religiös heimatlos geworden sind, in den Schoß der Natur und ernennen die Natur zu ihrem Gott. So wie sich die Menschen einst Gott nach ihrem Bilde schufen, so legen sie heute der Natur ihre Ansichten in den Mund! Für die Einen regelt Gott, was gut und was böse ist, für die Anderen die Natur.

Ob man nun aber gottesfürchtig oder natürfürchtig ist, das Sagen haben jene, die glaubhaft machen können, Erleuchtete zu sein, die vorgeben, den direkten Draht nach oben haben. Sie wissen angeblich genau was Gott oder Natur will. Sie haben es vernommen. Sie kennen den wahren Weg. Sie sind die Propheten! Sie sind die Guten! Und sie benehmen sich so!

Es braucht keinen Gott, um gute Dinge zu vollführen. Gott stört bei guten Taten nicht, hilft vielleicht sogar dabei, ist jedoch nicht notwendig. Böse Taten jedoch brauchen einen Gott, den festen Glauben daran, die abscheulichen Taten im Namen eines höheren Sinns und Zwecks zu begehen. Gotteskrieger kämpfen für den lieben Gott, und für manchen Gläubigen ist der liebe Gott die Natur. Die Natur ist aber nicht lieb. Sie ist aber auch nicht böse. Die Natur ist indifferent. Die Natur kennt keine Moral. Sie ist!

Am 2. März 2014 hielt Sibylle Lewitscharoffs ihre berüchtigte Dresdner Rede mit dem Titel „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“. Eins ist klar, Sibylle Lewitscharoff ist eine streng gläubige Frau, mit einem gefährlichen Hang zum Fundamentalismus. Sie wechselt gekonnt zwischen Gott und Natur als höchstes Wesen. Sie redet viel vom Tod, von der Angst davor und dem Weg dahin. Wir erfahren, dass der Vater Gynäkologe war und sich in der Praxis erhängte. Die Großmutter wiederum hatte Krebs, starb aber im Gegensatz zum Vater „voller Zuversicht und Sorge um uns“. Die Großmutter brachte ihr Jesus näher. Als Kind betete sie viel, „was meine Eltern komisch fanden“. Dann gab es noch eine Eva, die stürzte und ebenfalls starb. Wenn in der deutschen Sprache so viel über den Tod geschrieben wird, ist Vorsicht geboten.

„Nicht, dass ich die Tatsache, sterben zu müssen, verdränge oder verleugne, beileibe nicht. Mir kommt eher die Vorstellung, dass ich Herren über mein Schicksal wäre, reichlich absurd vor. Ganz einfach, mein Schicksal liegt in Gottes Hand und nicht in meinen Händen.“

Wo Sibylles Hand Gottes ist, ist die Erbsünde nicht weit.

„Weil er mit der Erbsünde behaftet ist, muss der Mensch sterben. (…) Ich stelle es mir schwierig vor, sterben zu müssen ohne die trostreiche Vorstellung, an einem höheren Ort, von einer höheren Gewalt erkannt zu werden. Selbst den Moment des Todes stelle ich mir glanzvoll vor, wenn darin die Summe des Lebens gezogen werden kann und so etwas aufleuchtet wie das große Warum, Wozu, Weshalb.“

Wer den Tod derart glorifiziert, kann mit der modernen Medizin nur auf dem Kriegsfuß stehen. Schon bei dem Gedanken an Organspenden bekommt Sibylle ein mulmiges Gefühl und pränatale Diagnostik geht gar nicht.

„Da sind Frankensteins Machinationen nicht allzu fern. (…) Ich bin im übrigen auch froh, nicht der unheimlich und darauf folgenden komplexen medizinischen Machinationen meine Existenz zu verdanken, sondern auf herkömmlichen Vereinigungswegen gezeugt worden zu sein, mögen diese nun glückhaft oder unglücklich gewesen sein.“

Ich muss bei diesen Worten an eine Beleidigung aus Kindertagen denken, die nicht selten über den Schulhof geschmettert wurde: „Bei Deiner Zeugung hätte Dein Vater besser auf die heiße Herdplatte gewichst!“ Aber ich schweife ab. Sibylle Lewitscharoff ist nicht gegen das Recht der Frau auf Abtreibung, aber eins steht für sie fest:

„Hätte sich in meinem Bauch je ein herrenwachsendes Kind befunden, hätte dieser Bauch ganz gewiss nicht allein mir gehört, sondern mir, dem Kind und dem dazugehörenden Vater.“

Sibylle hat keine Kinder.

„In meinem Erwachsenenleben habe ich einen großen Bogen um Kinder gemacht, ich kann jedenfalls nicht behaupten, dass ich sie von Herzen liebe und mir selbst dir Vorwürfe gemacht hätte, kinderlos geblieben zu sein.“

„Mein Bauch gehört mir“ ist für Sibylle keine Forderung sondern ein Schicksalsschlag. Sibylles Bauch wollte aber niemand ! Das tut mir leid. Aber warum sollen nun andere Frauen darunter leiden, dass Sibylles Bauch verdorrt ist? Sibylle fährt fort:

„Dabei ist eine Selbstermächtigung der Frauen im Spiel, die mir zutiefst suspekt ist.“

Die Selbstermächtigung der Frau ist ihr suspekt. Sie ist eine Frau! Sie ermächtigt sich einer Rede. Sie ist sich selbst suspekt. Kann ich verstehen!

„Im Grunde liegt solchen Machinationen die Vorstellung zu Grunde, Männer seien verzichtbar, oder ihr Einfluss sei auf das notwendigste zu reduzieren, eben auf ihren Samen.“

Liebe Frau Lewitscharoff,

das Ejakulat des Mannes ist streng wissenschaftlich genommen kein Samen. Samen tragen das gesamte Erbgut in sich und brauchen keine Befruchtung. Bei der Zeugung eines Menschen jedoch wird eine Eizelle befruchtet. Es sind somit Pollen, die da beim Manne im Höhepunkt der Lust herausspritzen. Aber vermutlich finden Sie den Gedanken daran widerlich, vor allen, wenn der Mann woanders als in Richtung einer Eizelle spritzt. Sie finden allgemein sehr viel widerlich. Leihmutterschaft ist für Sie zum Beispiel eine „wahrhaft vom Teufel ersonnene Art, an ein Kind zu gelangen“:

„Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe, das ist klar, übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind Sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, Halbwesen, halb künstliches weiß nicht was. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas angelastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen fällen stärker als die Vernunft.“

Mit dem letzten Satz hat Sibylle Lewitscharoff ausnahmsweise mal recht. Der Rest ist jedoch hanebüchener Unsinn. Sie relativiert und verharmlost den Nationalsozialismus, um dann im selben Satz Menschen zu entmenschlichen und dies dann auch noch mit einer Art gesundem Volksempfinden zu begründen, dass zwar nicht vernünftig sei, aber dafür irgendwie naturentsprungen und somit wahr! Das geschieht, wenn man glaubt, die Natur auf der eigenen Seite zu haben.

Die Natur will jedoch nicht. Sie ist! Alles was ist, ist natürlich! Jede Zeugung, die stattfindet, ist natürlich. Ob sie moralisch gut ist, ist eine andere Frage, eine Frage der menschlichen Vernunft! Meine Vernunft sagt: Das Leben ist schön. Darum ist jede Form des Lebens schön, wenn sie in Freiheit und Selbstbestimmung entsteht. Eine lesbische Frau, die schwanger werden möchte, empfindet es als äußert angenehm, nicht durch die Penetration eines Penis befruchtet zu werden. Es ist anmaßend und überheblich diese Form der Zeugung als unnatürlich zu bezeichnen! Diese Form ist nicht mehr oder weniger natürlich als jede andere Form der Zeugung auch! Sie ist so natürlich wie alles, was in der Natur möglich ist. Ob etwas jedoch moralisch gut oder schlecht ist, ist eine Frage der Vernunft. Darüber muss debattiert und verhandelt werden, aber man sollte die Natur da raus halten!

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