Ein Sonntag im Lager

Ein Erlebnisbericht von Alexander Spix.

Am Sonntag, 23. August 2015 um 15.37 Uhr bekam ich von einer Freundin eine SMS: „Ich gucke mir jetzt das Flüchtlingslager beim Aqualand an, wenn Du mit magst, gib Bescheid.“

Mein erster Gedanke war: „Nein, ich schaue mir keine Menschen an, wie Andere Tiere im Zoo anschauen.“ Dann fiel mir ein, dass in der Presse stand, die Unterkunft sei noch nicht mit Menschen belegt, die Zuflucht suchen. Also sagte ich zu.

Sie holte mich mit dem Auto ab, da wir uns einig waren, dass der Weg nach Chorweiler mit dem Fahrrad viel zu weit sei. Im Auto dachte ich dann schon, wenn uns dieser Weg mit dem Fahrrad innerhalb von Köln schon zu weit ist, was sollen dann erst die Flüchtlinge sagen, die Tausende von Kilometern hinter sich haben und den Luxus solch einer Entscheidung nicht haben.

Auf dem Weg nach Chorweiler redeten wir über Gott und die Welt, gestört nur durch die nervige Stimme des Navis. In Chorweiler angekommen, machten wir uns auf die Suche nach dem Parkplatz vom Aqualand, der extra für das Flüchtlingslager abgesperrt worden war. Am Fühlinger See angelangt, fragte meine Freundin zwei vorbeiziehende junge Männer, ob sie wüssten, wo wir die Flüchtlingsunterkunft finden könnten. Die Beiden erteilten uns Auskunft und es kam noch: „Da sollen bis Ende der Woche mehr als 1.200 Leute hin,“, dabei ein skeptischer Blick, und die beiden zogen weiter. Wir beide auch.

Wir kamen nach gut zehn Minuten Fußweg an dem „Areal“ an. Dieses war mit Zäunen und Sichtschutz abgeriegelt. Um den Eingang zu finden, beschlossen wir, um das Gelände herum zu gehen. Der Weg dorthin war etwas höher gelegen, und wir konnten von dort oben in die „Zeltstadt“ einsehen. Mir wurde ganz komisch. Ich dachte mir: „Wie würde es mir gehen, wenn ich hier mit einem Bus ankommen würde?“ Ich sagte zur meiner Freundin: „Ich würde heulen, wenn ich hier ankommen würde, und das hier sehen müsste.“

Wir verstummten. In meinen Gedanken kamen Situationen von früheren Urlauben, wo ich Bussen von den Flughäfen zu den Hotels gefahren wurde. Es wurden in der Regel mehrere Hotels angefahren. Man war gespannt, wie das Hotel aussehen würde. Bei vielen Hotels, die vorher angefahren wurden sagte ich oft: „Gut, dass wir hier nicht unterbracht werden, das ist ja das Letzte!“ Dabei waren es ganz normale Hotels, nur nicht mit ganz soviel Luxus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Oder Gedanken von Berichten von Freunden aus dem Urlaub, Klagen, weil vielleicht der Blick aufs Meer nicht so toll war, wie sie es sich vorgestellt hatten. Alles Peanuts im Vergleich zu dem, was ich hier sah.

In der Zeit, wo ich über diese Dinge nachdachte, fanden wir einen Eingang, wo sich auch offizielle Menschen befanden. Meine Freundin öffnete das Tor und ging zu einem Container hin, wo sich die Menschen befanden. Ich blieb verhalten wartend vor dem Tor stehen. Sie redete mit zwei Menschen. Ich verstand kein Wort. Sie kramte in ihrer Handtasche herum, und holte einen Ausweis hervor und zeigte ihn. Sie ist Juristin. Dann rief sie mich rein.

Ein netter Herr mit zwei Aktenordnern unterm Arm (später sagte er uns, er sei von der Stadt) begleitete uns auf dem Gelände. Mein Magen zog sich immer mehr zu. Er zeigte uns ein bereits fertiggestelltes Zelt, welches als Schlafunterkunft für 80 Menschen dienen sollte. Alles wirkte auf mich bedrückend und eng. Teilweise standen da Feldbetten aus Karsernen. Diese waren so schmal, dass man nur ohne Bewegung drauf liegen konnte. Wenn man sich umdreht, fällt man herunter. Es standen vier Schlafplätze (Hochbetten) in Parzellen, mit Stellwänden und Spinden voneinander getrennt, wie man sie kennt aus der Umkleide vom Sport, teilweise unabschließbar. Beheizt wurden die Zelte mit einem Notstromaggregator, aber da gab es ein Problem. Die Trennwände waren zu hoch, und die erste Parzelle überhitzte sich, während die weiteren Parzellen keine Wärme abbekamen. Dieser Fehler sollte noch vor der Ankunft der ersten Flüchtlinge behoben werden, indem die Trennwände gekürzt würden.

Wie man die engen Räume lüften sollte, war mir ein Rätsel. Beim Verlassen des ersten Zeltes zeigte der Herr auf ein weiteres Zelt und sagte: „Das sind Aufenthaltszelte.“ Meine Freundin fragte: „Also, wo Billiardtische usw. augestellt sind?“ Ich dachte mir schon, was fragt sie da? Der Herr von der Stadt lächelte und sagte, „Nein“, es seien sogenannte Speiseräume. Auch diese waren voll mit Tischen, die eng bestuhlt in Reihen aufgestellt wurden. Auf dem Gelände selbst war sehr wenig Platz, und man fragte sich, wo können die Menschen hin, wenn sie mal raus wollen? 

Zum Schluss sagte der Mann von der Stadt: „Dies ist nur eine Notunterkunft.“ Auf meine Frage, wie lange die Menschen hier verbleiben müssen, zuckte er bloß mit den Schultern. Also kann die „Notunterkunft“ wohl für die hier lebenden Menschen einen längeren Aufenthalt bedeuten, schloss ich in Gedanken. Diese Vorstellung war sehr erschreckend für mich und machte mich sehr nachdenklich. Ich hoffe nur, dass die Politik schnell handelt, und dass die Menschen, die hier unter solchen Zuständen leben müssen, von den Bewohnern Kölns herzlich aufgenommen werden und keine Ablehnung erfahren, wie in manch anderer Stadt in Deutschland.

Wieder zu Hause angekommen, fiel mir ein, dass ich mir mit meinem Verlobten Joseph Vicaire vor ein paar Tagen die größere Wohnung unserer Nachbarin angeschaut hatte, die im September aus der Wohnung auszieht. Mit dem Gedanken in eine größere Wohnung zu ziehen, (da hätten wir nicht 58 qm, sondern 70 qm Wohnfläche und ein Zimmer mehr), erfüllte mich mit Scham. Vorab hatten wir uns schon dagegen entschieden, und nach dem heutigen Besuch im Flüchtlingslager bin ich darüber sehr froh.

Was ich noch erwähnen möchte: Das Technische Hilfswerk und die Johanniter leisten echt super Arbeit, aber wenn man bedenkt, wo diese Menschen herkommen, was für ein Leidensweg sie erdulden mussten, um schliesslich in einem Lager leben zu müssen, ist es mir unbegreiflich, wie andere Menschen ihnen so viel Hass entgegenbringen können. Ich kann das nicht verstehen.

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