Ein Versuch des Umgangs mit der Flüchtlingssituation

In dem Film „2012“ von Roland Emmerich wird die von Charles Hapgood im Jahr 1958 vorgestellte Hypothese der Verschiebung der Erdpole Realität. Auf der Erde kommt es zu einem massiven Kontinentaldrift und in Folge dessen zu Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Tsunamis. Einige Nationen haben im Himalaya Archen gebaut, um die Zivilisation vor dem Weltuntergang zu retten. Im letzten Drittel des Films kommt es zu einer folgenschweren Katastrophe. Statt der geplanten Stunden, die für eine koordinierte Einschiffung aller Menschen im Dock nötig gewesen wären, verbleiben aufgrund diverser Verwicklungen letztendlich nur noch eine halbe Stunde. Zudem wird eine Arche seeuntauglich beschädigt, so dass plötzlich tausende Flüchtlinge vor der verbleibenden Arche stehen und Eintritt verlangen. Der Stabschef des Weißen Hauses ordnet daraufhin die sofortige Schließung der Arche an. Die Menschen der beschädigten Arche verbleiben an Dock. In der tauglichen Arche kommt es währenddessen zu einer feurigen Rede eines Mannes an die Regierungschefs der westlichen Welt.

„Ich weiß, wir alle mussten schwere Entscheidungen treffen, um die menschliche Zivilisation zu retten. Aber, was uns Menschen ausmacht, ist dass wir füreinander sorgen, und Zivilisation bedeutet, zusammenzuarbeiten, um ein besseres Leben zu schaffen. Wenn das wahr ist, dann ist nichts menschliches und zivilisiertes an dem, was wir hier gerade machen. Fragen Sie sich selbst, können wir wirklich nichts tun und zusehen, wie die Menschen da draußen sterben? Ich habe letztens ein Zitat gelesen, der Autor ist mittlerweile bestimmt tot: ‚Der Moment, da wir aufhören, füreinander zu kämpfen, ist der Moment, da wir unsere Menschlichkeit verlieren.'“

Der Stabschef des Weißen Hauses ist unbeeindruckt von der Rede und erklärt, Mitleid sei zwar bewundernswert, aber es gäbe nicht genug Ressourcen auf dem Schiff für all die Menschen.

„Möchtest Du für die Vernichtung der ganzen Menschheit verantwortlich sein?“

Adrians Kampf scheint verloren, doch dann erzählt er von einem jungen Astrophysiker aus Indien, dessen Berechnungen es überhaupt erst ermöglicht hatten, dass die Katastrophe vorhergesehen werden konnte und die Archen gebaut werden konnten:

„Ich habe gerade erfahren, dass er und seine Familie von einem Tsunami in Ostindien getötet wurde. Er und alle Menschen dort draußen sind umsonst gestorben, wenn wir unsere Zukunft mit so einer grausamen Tat beginnen. Was wollen Sie Ihren Kindern sagen?“

Daraufhin schaltet sich die Tochter des in der Katastrophe verstorbenen amerikanischen Präsidenten ein und erklärt, wenn ihr Vater noch leben würde, er mit Sicherheit dafür sei, die Tore zu öffnen. Daraufhin melden sich der russische Präsident und die deutsche Kanzlerin zu Wort und sprechen den Satz, den einst Ronald Reagan vor der Berliner Mauer sprach:

„Open the gate!“

Die Tore werden geöffnet und der Film geht weiter!

In den letzten Tagen musste ich oft an diese Filmszene denken. Ich bin froh über die Hilfsbereitschaft, mit der in Deutschland die Flüchtlinge an den Grenzen und Bahnhöfen begrüßt werden. Es rührt mich zu Tränen, wenn ich all die applaudierenden Menschen sehe.

Wie im Film „2012“ ist es auch heute eine deutsche Kanzlerin, die die Tore für die Flüchtlinge geöffnet hat. Sie bekommt dafür nicht nur Lob. Viele kritisieren Angela Merkel. Nicht wenige sind besorgt. Aber die Bundeskanzlerin hat eine Antwort:

„Ich glaube erst einmal, dass der Islamismus und der islamistische Terror leider Erscheinung sind, die wir ganz stark natürlich in Syrien haben, in Libyen haben und im Norden Iraks haben, aber zu denen leider die Europäische Union eine Vielzahl von Kämpfern beigetragen hat. Wir können nicht sagen, das ist ein Phänomen, das uns nichts angeht. Das sind zum Teil Menschen, oft sehr junge Menschen, die in unseren Länder aufgewachsen sind und wo wir auch unseren Beitrag leisten. Zweitens, Angst war noch nie ein guter Ratgeber, im persönlichen Leben nicht und im gesellschaftlichen Leben nicht. Kulturen und Gesellschaften, die von Angst geprägt sind, werden mit Sicherheit die Zukunft nicht meistern.“

Henryk M. Broder sagt zu der momentanen Flüchtlingssituation:

„Wer in dieser Situation kein Mitleid empfindet, hat kein Herz! Wer jedoch nur Mitleid empfindet, hat keinen Verstand!“

Es steht außer Frage, dass geholfen werden muss, wo Hilfe gebraucht wird. Es ist verständlich, dass gerade in Deutschland der Wunsch nach Bildern wie die vom Münchener Bahnhof so groß ist; werden doch in Deutschland seit Wochen nahezu täglich Flüchtlingsunterkünfte von radikalen Fremdenhassern angegriffen und teilweise sogar niedergebrannt! Der Moment, da wir aufhören, füreinander zu kämpfen, ist der Moment, da wir unsere Menschlichkeit verlieren.

Neben Roland Emmerich gibt es einen anderen Künstler, der uns mit großartigen Theaterstücken beschenkt hat: William Shakespeare. Besonders spannend sind Shakespeares Bösewichte. Ich habe schon viele Bösewichte von Shakespeare gespielt, unter anderen Richard III und Jago. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher kühlen Logik das Böse in seinen Stücken wirkt. Wenn man dem Bösen bei Shakespeare etwas attestieren muss, dann, dass es in den eigenen Parametern logisch agiert und genau weiß, die Schwächen des Gegenübers auszunutzen. In keinem anderen Monolog, wird die menschliche Schwäche, die das Böse lässt kommen zu hohen Jahren, besser beschrieben als in dem berühmten Hamlet-Monolog:

„Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: Ob es edler im Gemüt ist, die Pfeile und Schleudern des wütenden Geschicks zu erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden? Sterben ist ein Schlafen, nichts weiter! Und zu wissen, dass ein Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unseres Fleisches Erbteil. Es ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen: Sterben, schlafen. Schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegts: Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, wenn wir all das Irdische abgeschüttelt, das zwingt uns stillzustehn. Es ist die Rücksicht, die Übel lässt kommen zu hohen Jahren! (…) Es ist die Furcht vor etwas nach dem Tod, das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt, die unseren Willen irrt, dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen, als zu unbekannten fliehn. So macht Bewußtsein Feige aus uns allen! Der angeborenen Farbe der Entschließung wird des Gedankens Blässe angekränkelt; und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll, durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung Namen.“

Solange der Mensch damit beschäftigt ist, ein gutes Gewissen zu haben, wird es immer genug Bösewichte geben, die eben dieses Bewusstsein mit einer logischen Brillanz auszunutzen wissen! Ich stelle mir daher einfach mal vor, ich wäre ein Bösewicht in der heutigen Flüchtlingssituation.

Wäre ich ein Führer des Islamischen Staates und wollte Krieg in die westliche Welt tragen, ich würde den Flüchtlingsstrom für mich zu nutzen wissen! Der Flüchtlingsstrom wäre der beste Weg, um Soldaten nach Europa zu schleusen. Ohne Probleme können unter den Millionen Verzweifelten ein paar tausend Kämpfer versteckt werden. Ich würde sogar dreifach gewinnen! Zum Einen kommen islamistische Kämpfer nach Europa, zum Zweiten wird Europa geschwächt, denn die unschuldigen Flüchtlinge, die aus der islamischen Diktatur fliehen, sind sich untereinander gar nicht wohlgesonnen. Verfeindete Sunniten und Shiiten flüchten gemeinsam vor dem Islamischen Staat und tragen dadurch den Konflikt untereinander nach Europa. Zum Dritten wird meinem Hauptfeind empfindlich geschädigt. Wenn eine Millionen Muslime nach Deutschland flüchten, und darunter nur 15% Judenhasser sind, und es sind mehr, wie alle Erhebungen zeigen, dann sind mit nur einem Strom mehr Judenhasser nach Deutschland gekommen, als es dort Juden gibt.

Dem Islamischen Staat ungewollt zur Hilfe kommen die deutschen Neonazis, die alles Fremde hassen, Gewalt streuen und so die Stimmung in Deutschland eskalieren lassen. Sobald ein terroristischer Anschlag von einem Terroristen verübt wird, der versteckt im Flüchtlingsstrom nach Europa kam, wird es kaum Raum für kühle und rationale Gedanken geben. Es wird heißen: Die Flüchtlinge waren es, statt: Die Terroristen kamen mit den Flüchtlingen. Eine so aufgeheizte Stimmung kann kippen. Die Verlierer sind die Flüchtlinge, die vor dem Islamischen Staat geflüchtet sind und die Menschen, die vom Islamischen Staat gehasst werden! Was ein teuflisch guter Plan! Shakespeare hätte es nicht besser konstruieren können.

So würde ich denken, wäre ich der Bösewicht in diesem Spiel. Wir wissen, dass es diese Bösewichte gibt und das sie nur allzu gut wissen, die Schwächen des Westens auszunutzen. Was also tun?

Eins ist klar: Nur weil die gegnerische Seite weiß, unseren Drang nach dem guten Sein auszunutzen, dürfen wir diesen Drang nicht kappen. Nur weil das Teuflische durch unsere offene Tür treten kann, dürfen wir die Tür nicht verriegeln für jene, die unsere Hilfe brauchen. Das Böse dringt nämlich sowieso durch jede Ritze ein. Ohne offene Tür wird uns das Böse von innen fressen wie ein Krebsgeschwür! Offene Türen mögen uns für den Einfall des Bösen schwächen, aber für den Kampf dagegen stärken sie uns!

Ich weiß, das Böse ist ein metaphysischer Begriff. Als aufgeklärter Mensch habe ich gelernt, diesen Begriff vorsichtig verwenden. Wen machen wir nicht alles verantwortlich, wenn wir mit bösen Taten konfrontiert werden: die Gesellschaft, die Eltern, die Politik, die Umstände! Wir sind uns alle so verdammt sicher, dass alles nur eine Frage der Erziehung ist. Aber was, wenn es doch ganz anders ist? Was, wenn es das Böse einfach gibt?

Shakespeares brillantester Bösewicht ist Jago und er ist es, der über das Böse philosophiert:

„In uns selber liegt es, ob wir so sind oder anders. Unser Körper ist ein Garten und unser Wille der Gärtner, so dass, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen, Tomaten aufziehen oder Thymian ausjäten, ihn dürftig mit einerlei Kraut besetzen oder mit mancherlei Gewächs aussaugen, ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten, das Vermögen dazu und die bessernde Macht liegt durchaus in unserm freien Willen. Hätte der Waagbalken unseres Lebens nicht eine Schale von Vernunft, um eine andere von Sinnlichkeit aufzuwiegen, so würde unser Blut und die Bösartigkeit unserer Triebe uns zu den ausschweifendsten Verkehrtheiten führen; aber wir haben die Vernunft, um die tobenden Leidenschaften, die fleischlichen Triebe, die zügellosen Lüste zu kühlen.“

Es fällt schwer, einem Bösewicht zuzustimmen, aber wo er recht hat, hat er recht. Was auch immer einem Menschen widerfährt, welche ganz persönlichen Schicksalsschläge er auch immer zu verkraften hat, der Grund für all seine Entscheidungen, mögen es nun gute oder schlechte sein, liegt einzig und allein in seinem freien Willen.

„Ja, hier liegt’s, noch nicht entfaltet; die Bosheit wird durch Tat erst ganz gestaltet.“

In seiner Abhandlung “Die Lust am Bösen” schreibt Eugen Sorg:

“Wann immer wir mit Beispielen menschlicher Grausamkeit und Niedertracht konfrontiert werden, reagieren wir ratlos. Wir suchen nach einer rationalen Erklärung, die der Tat den Schrecken des Sinnlosen nehmen soll. Dass jemand einen anderen tötet aus reiner Freude am Töten, scheint uns undenkbar geworden zu sein. Seit rund einem halben Jahrhundert hat sich in den reichen westlichen Ländern die Auffassung durchgesetzt, dass das Böse eine Reaktion auf erlittenes Unrecht sei, gleichsam ein fehlgeleitetes Gutes, die Folge einer Ursprungskränkung aus der Vergangenheit. Je abscheulicher eine Tat, so die Universaldiagnose, desto weniger ist der Täter dafür verantwortlich. „Das Problem der bösen Leute“ sei, fasst der amerikanische Philosoph Richard Rorty die therapeutische Weltauffassung der kulturellen Eliten des Westens zusammen, „dass sie nicht so viel Glück gehabt haben wie wir selbst hinsichtlich der Umstände, unter denen sie aufgewachsen sind.“ (Rorty, Wahrheit und Fortschritt, Frankfurt a. M. 2000.)

In allen bekannten bisherigen Gesellschaften wurde das Böse als eigenständige Macht begriffen. Uralte Mythen erzählen davon, wie es in die Welt kam, die Legenden der Völker berichten von seiner vielgestaltigen Erscheinung, Religionen warnen vor dessen Verführungskraft. Die grundlegenden zivilisatorischen Erzählungen gehen vom selbstverständlichen Wissen aus, dass in der Fähigkeit zum Bösen die menschliche Freiheit begründet liegt, die ihn vom Tier unterscheidet, und dass das Böse letztlich ein Rätsel, eine „unbegreifliche Faktizität“ (Sören Kierkegaard) bleibt. Wahrscheinlich hat es dies noch nie gegeben, dass eine ganze Kultur, so wie die unsere, das Böse als im Prinzip vermeidbarer Betriebsunfall und nicht als wesentlicher Bestandteil der Conditio humana beurteilt hat. (…)

Das Böse begleitet die Humangeschichte. Es ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar. Es ist die tragische Bedingung der menschlichen Freiheit, man kann es nur abschaffen, wenn man den Menschen abschafft. Seine Kraft ist gewaltig. Nicht nur weil es lähmende Angst verursachen kann, sondern auch weil es verführerisch ist. Es unterbricht die Monotonie des Alltags, bedeutet intensives Leben und verspricht die Befreiung von Grenzen und Zwängen. Die Existenz des Bösen zu verleugnen, ist der gerade Weg, sich ihm auszuliefern. Sich vor ihm schützen kann nur, wer es erkennt. Die allermeisten von uns verfügen über einen instinktiven moralischen Kompass. Der Mensch ist das moralische Tier. Einzig unsere Spezies steht jederzeit vor der Wahl, sich für das Gute oder das Böse entscheiden zu müssen. Ob wir diesem auch folgen, bleibt jedoch unvorhersehbar, denn dieser Entscheid unterliegt unserem freien Willen.”

Als Empathie wird die Fähigkeit und Bereitschaft bezeichnet, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Als Schauspieler habe ich Empathie für das Böse, immer wenn ich einen Bösewicht spiele. Ich versuche es zu verstehen. Das heißt aber nicht, dass ich Mitleid mit dem Bösen haben. Mitleid ist zwar immer empathisch, Empathie aber nicht immer Mitleid! Wenn ich Shakespeare lese, habe ich Empathie für das Böse, glaube es zu „verstehen“ und das macht mir Angst. Am 4. März 1933 erklärte jedoch der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt:

„Und lassen Sie mich deshalb meinem tiefen Glauben Ausdruck geben, dass das Einzige, was wir fürchten müssen, die Furcht selbst ist – namenloser, unvernünftiger, unbegründeter Schrecken.“

Angst ist eine schlechte Beraterin, das wissen Roosevelt und Merkel, vor allem, wenn man Individuen gegenübersteht. Flüchtlinge sind keine Masse, sondern Individuen, viele einzelne Menschen. Sie haben individuelle Biographien, eigene Wünsche und Träume. Sie haben eine gefährliche Flucht hinter sich, waren teilweise pausenlos in Lebensgefahr. Sie haben gefroren und geschwitzt, geweint und gelitten. Daher werde ich weiterhin für jeden Flüchtling applaudieren, der es nach Deutschland geschafft hat und helfen, wo es geht.

Eine Gruppe von Menschen nennt man Gemeinschaft, alle Menschen nennt man Menschheit und alle Menschen, die leben und jemals gelebt haben, sind Teil der Geschichte.

Die Wucht des Flüchtlingsstroms lässt gerade viele historische Begriffe auftauchen. Einige sprechen von einer „Völkerwanderung“, andere nutzen den biblischen Begriff „Exodus“. Edith Piaf hat einst ein sehr emotionales Lied über diese Flucht gesungen:

„Sie gingen beim Schein der Wintersonne.
Sie rannten über das Meer
Überwinde die Angst
Tilge die Angst,
die tief in unseren Herzen schlug.

Sie gingen in Gedanken an die Ernten
Die Heimat und ihre Lieder
Das Herz singt von Hoffnung
Das Herz schreit Hoffnung
Sie nehmen den Weg der Erinnung erneut auf.

Sie weinen Tränenmeere
Sie giessen sie in weite Gebete
Befreit uns Brüder
Befreit uns Brüder
Zieht uns zum Licht.

Sie sind da im neuen Land
Sie treiben am Mast des Bootes
Das Herz zerbrach an Liebe
Das Herz verlor die Liebe

Sie fanden den Boden der Liebe.“

George Satayana sagte einst:

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

Vor zweitausend Jahren kamen religiöse Flüchtlinge nach Europa. Sie waren alle Individuen. Irgendwann gründeten sie Gemeinschaften, breiteten sich auf dem Kontinent aus und bekamen immer mehr Macht. Irgendwann fingen religiösen Fanatiker an, Andersgläubige zu verfolgen. Bibliotheken wurden angezündet und Kunstwerke vernichtet. Es waren Christen!

Gewiss gab es damals viele, die betonten, diese Fanatiker seien keine wahren Christen, aber die Fanatiker setzten sich durch. Irgendwann konnte nur noch eine blutige Revolution in Frankreich den mittlerweile mächtig und unmenschlich gewordenen Stand des christlichen Klerus entmachten. Nicht wenige blutige Kulturkämpfe musste die Aufklärung durchstehen, um die Macht der Kirche zu brechen. Viele tausend Menschen kamen dabei ums Leben. Sogar untereinander waren die Christen zerstritten. Im Dreißigjährigen Krieg bekämpften sich Katholiken und Protestanten wie heute Sunniten und Shiiten. Natürlich waren nicht alle Christen gefährlich, aber es gab genug, um Krieg und Elend auf der ganzen Welt zu verbreiten.

Man muss sich nur die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner der letzten dreihundert Jahre ansehen, um zu erkennen, wozu christliche Flüchtlinge und Migranten fähig waren. Nicht wenige Ureinwohner begrüßten die christlichen Migranten von Europa mit offenen Armen und gaben ihnen zu essen. Noch heute gibt es einen Nationalfeiertag in Amerika, der die Willkommenskultur der Ureinwohner feiert: Thanksgiving.

An Thanksgiving wird dem Tag gedacht, als die europäischen Migranten und Flüchtlinge bei Plymouth Rock in Massachusetts landeten und dort zusammen mit den einheimischen Wampanoag im Herbst 1621 ein dreitägiges Erntedankfest feierten. Ohne die Hilfe der Wampanoag hätten die christlichen Migranten den folgenden Winter nicht überlebt. Das war vorbildliche Willkommenskultur. Die Zukunft aber sollte blutig werden. Aus zu vielen Migranten wurden Mörder und Terroristen!

In dem Film „Addam’s Family“ von Barry Sonnenfeld wird die Problematik der Willkommenskultur auf polemische Art und Weise auf den Punkt gebracht:

Was die Kinder in dieser Szene spielen, ist das Anzünden von Migrantenhäusern durch Einheimische. In Deutschland werden gerade zur Zeit nahezu täglich Flüchtlingsunterkünfte angezündet.

Ich bin Künstler, schreibe Theaterstücke, produziere Shows und bin Schauspieler. Ich bin kein Akademiker und lasse mich, gleichwohl ich behaupten möchte, ein einigermaßen rationaler Mensch der Vernunft zu sein, manchmal von meinen Gefühlen leiten. Ich kann daher den Schauspieler Til Schweiger sehr gut verstehen, wenn er in Anbetracht des wachsenden Fremdenhasses in Deutschland sagt:

„Ich glaub noch nicht mal, dass ein Politiker nach Freital gehen muss. Es würde einfach reichen, wenn die zwei Hundertschaften da hinschicken und die Leute einkassieren, und sagen: ‚Heute Nacht bleibt ihr im Knast, denkt mal darüber nach, was ihr hier macht und morgen kommt ihr hier nicht mehr her.’“

Mich packt auch der Zorn, wenn ich den Hass mancher Menschen sehe und höre.

Zorn ist aber wie Angst ein schlechter Berater! Es ist nicht leicht, auf das Falsche richtig zu reagieren. Hamlet kann ein Lied davon singen. Ganz falsch aber war der Vorschlag des Ministerpräsidenten Thüringens, Bodo Ramelow, eine nach Ethnien getrennte Unterbringung der Flüchtlinge zu organisieren, um Gewaltausbrüche zu vermeiden.

Ramelow schlug diese Trennung vor, nachdem ein Streit in einem Flüchtlingsheim in Suhl eskaliert war, weil ein Flüchtling, der vor dem islamistischen Fundamentalismus nach Deutschland geflohen war, seiner Wut durch das Zerreißen einer Korankopie in Thüringen Ausdruck verlieh. Daraufhin wurde er von einem muslimischen Lynchmob attackiert. Seine Aktion war von Artikel Fünf des Grundgesetzes geschützt. Viele Menschen haben in der Geschichte für das Recht auf freie Meinung, auch wenn sie weh tut, gekämpft. Nicht wenige sind für ihre Meinung gestorben. Evelyn Beatrice Hall sagte einst:

„Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.“

Statt jedoch die Angreifer in Suhl mit der vollen Härte des Gesetzes zu konfrontieren, wurden die Islamisten so geschont wie manch ein Neonazi in Heidenau. Ginge es nach mir, ich würde hier nicht trennen. Ich würde vereinen und Islamisten und Neonazis zusammen in eine Zelle sperren. Mal schauen, was passiert! Da wächst dann zusammen, was zusammengehört!

Es ist schwer, in dieser Zeit der massenhaften Flucht vor Krieg und Elend eine angemessene Reaktion zu finden, aber jeder von uns muss eine finden. Man kann vor vielen Dingen fliehen, nicht aber vor der eigenen Verantwortung. Die Ärzte singen:

„Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur Deine Schuld, wenn Sie so bleibt.“

Wir müssen was tun! Aber was? Auf der einen Seite, müssen wir folgende Wahrheit von Roland Emmerich akzeptieren:

„Der Moment, da wir aufhören, füreinander zu kämpfen, ist der Moment, da wir unsere Menschlichkeit verlieren.“

Auf der anderen Seite aber gibt es auch die Warnung von William Shakespeare:

„Es ist die Rücksicht, die Übel lässt kommen zu hohen Jahren!“

Für mich bedeutet das, dass wir vor der Not der Flüchtlinge nicht die Augen verschließen dürfen und ihnen helfen müssen. Wir dürfen aber ebenfalls nicht ignorieren, dass unter ihnen viele fundamentalistische Fanatiker sind, deren von Ressentiments und Hass beladenen sogenannten „religiösen Gefühle“ keine Rücksicht verdienen!

Dieser Beitrag wurde unter Amerika, Christentum, Deutschland, Europa, Islam, Kunst, Liberalismus, Literatur, Nachrichten, Philosophie, Politik, Shakespeare, Theater veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.