Ein Versuch des Umgangs mit der Flüchtlingssituation

In dem Film „2012“ erzählt Roland Emmerich vom Weltuntergang. Einige Nationen haben im Himalaya Archen gebaut, um die Zivilisation zu retten. Als plötzlich tausende Flüchtlinge vor der amerikanischen Arche stehen und Eintritt verlangen, ordnet der Stabschef des Weißen Hauses die sofortige Schließung der Arche an. Daraufhin richtet ein Mann, der Adrian heißt, folgende Rede an die Regierungschefs der westlichen Welt.

„Ich weiß, wir alle mussten schwere Entscheidungen treffen, um die menschliche Zivilisation zu retten. Aber, was uns Menschen ausmacht, ist dass wir füreinander sorgen, und Zivilisation bedeutet, zusammenzuarbeiten, um ein besseres Leben zu schaffen. Wenn das wahr ist, dann ist nichts menschliches und zivilisiertes an dem, was wir hier gerade machen. Fragen Sie sich selbst, können wir wirklich nichts tun und zusehen, wie die Menschen da draußen sterben? Ich habe letztens ein Zitat gelesen, der Autor ist mittlerweile bestimmt tot: ‚Der Moment, da wir aufhören, füreinander zu kämpfen, ist der Moment, da wir unsere Menschlichkeit verlieren.'“

Der Stabschef des Weißen Hauses ist unbeeindruckt von der Rede und erklärt, Mitleid sei zwar bewundernswert, aber es gäbe nicht genug Ressourcen auf dem Schiff für all die Menschen.

„Möchten Sie für die Vernichtung der ganzen Menschheit verantwortlich sein?“

Adrians Kampf scheint verloren, doch dann erzählt er von einem jungen Astrophysiker aus Indien, dessen Berechnungen es überhaupt erst ermöglicht hatten, dass die Katastrophe vorhergesehen werden konnte:

„Ich habe gerade erfahren, dass er und seine Familie von einem Tsunami in Ostindien getötet wurde. Er und alle Menschen dort draußen sind umsonst gestorben, wenn wir unsere Zukunft mit so einer grausamen Tat beginnen. Was wollen Sie Ihren Kindern sagen?“

Daraufhin schaltet sich die Tochter des in der Katastrophe verstorbenen amerikanischen Präsidenten ein und erklärt, wenn ihr Vater noch leben würde, er mit Sicherheit dafür sei, die Tore zu öffnen. Daraufhin melden sich der russische Präsident und die deutsche Kanzlerin zu Wort und sprechen den Satz, den einst Ronald Reagan vor der Berliner Mauer sprach:

„Open the gate!“

Die Tore werden geöffnet.

In den letzten Tagen musste ich oft an diese Filmszene denken. Wie im Film „2012“ ist es eine deutsche Kanzlerin, die die Tore für die Flüchtlinge offen gehalten hat. 2012 war ein Film. 2015 ist Realität.

Mir sind die Deutschen suspekt, die selbstergriffen patriotisch und tränengerührt stolz in die Kameras sagen, die „deutsche Willkommenskultur“ mache sie stolz. Ich habe das Gefühl, es geht ihnen gar nicht um die Flüchtlinge, sondern viel mehr um ihr eigenes Image. Sie benutzen die Flüchtlinge, um ihr eigenes schlechtes Gewissen zu beruhigen. Ginge es ihnen darum, Flüchtlingen zu helfen, sie müssten sich der Verantwortung stellen, die mit der Hilfsbereitschaft einhergeht: Die Frage nach der Grenze der eigenen Kapazität.

Flüchtlinge, die unter anderem aus Syrien kommen, sind größtenteils durch Krieg traumatisierte und brutalisierte Menschen, die aus zerbrochenen Clanstrukturen stammen, zusammengehalten von einer autoritären Religion, gegründet von einem patriarchalen Feldherren. Diese Menschen brauchen individuelle Hilfe und intensive Betreuung. Sie in überfüllte enge Räume und Zelte zu zwängen, nicht selten zusammen mit Menschen aus Ländern und Kreisen, mit denen sie in der Heimat im Krieg lagen, ist das Gegenteil von Hilfe. Es ist ein Fortführen des Kriegs mit anderen Mitteln.

Oft werde ich gefragt, wo die Obergrenze für Flüchtlinge sei. Ich solle eine Zahl nennen. Es braucht aber keine Zahl. In einer Gemeinde, in der hoch traumatisierte und durch Krieg brutalisierte Flüchtlinge in Lager gepfercht werden, ist die Obergrenze erreicht.

Es ist deutlich menschlicher, einzugestehen, dass man nicht mehr helfen kann, als Hilfe vorzutäuschen. Ein Idealist, dem es nur um sich selbst und die Pflege des eigenen Gewissens geht, der die Verantwortung nicht ertragen kann, in hilfesuchende Augen schauend eingestehen zu müssen, nicht helfen zu können, macht lieber die Tore anderer auf und applaudiert dann selbstergriffen den Flüchtlingen zu, während sie in überfüllte Auffanglager abgeschoben werden, wo sich dann die Tore wieder schließen. Henryk M. Broder sagt zu der Flüchtlingssituation:

„Wer in dieser Situation kein Mitleid empfindet, hat kein Herz! Wer jedoch nur Mitleid empfindet, hat keinen Verstand!“

Neben Roland Emmerich gibt es einen anderen Künstler, der uns mit großartigen Monologen beschenkt hat: William Shakespeare. Einer der berühmtesten Monologe hält Hamlet:

„Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: Ob es edler im Gemüt ist, die Pfeile und Schleudern des wütenden Geschicks zu erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden? Sterben ist ein Schlafen, nichts weiter! Und zu wissen, dass ein Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unseres Fleisches Erbteil. Es ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen: Sterben, schlafen. Schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegts: Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, wenn wir all das Irdische abgeschüttelt, das zwingt uns stillzustehn. Es ist die Rücksicht, die Übel lässt kommen zu hohen Jahren! (…) Es ist die Furcht vor etwas nach dem Tod, das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt, die unseren Willen irrt, dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen, als zu unbekannten fliehn. So macht Bewußtsein Feige aus uns allen! Der angeborenen Farbe der Entschließung wird des Gedankens Blässe angekränkelt; und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll, durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung Namen.“

Hamlet bringt es auf den Punkt: Solange der Mensch damit beschäftigt ist, ein gutes Gewissen zu haben, wird es immer genug Bösewichte geben, die eben dieses Bewusstsein mit einer logischen Brillanz auszunutzen wissen! Hamlet weigert sich, zur Tat zu greifen. Stattdessen zaudert und hadert er. Er schreibt lieber ein Theaterstück, in dem er die Situation anprangert. Sein Gewissen ist ihm wichtiger als die Welt. Hamlet ist jemand, der nach der Maxime lebt, am nächsten Tag noch in den Spiegel schauen zu können. Am Ende sind alle tot! Manchmal ist es halt wichtiger, nach der Maxime zu leben, am nächsten Tag noch aus dem Fenster schauen zu können.

Was gerade passiert, ist ein Horror. Verfeindete Flüchtlinge flüchten gemeinsam und tragen dadurch den Konflikt untereinander nach Europa.

Europa ist eine Figur der griechischen Mythologie. Eine weitere bekannte Figur ist Ikarus! Er war der Sohn des Dädalus und wurde zusammen mit seinem Vater von König Minos im Labyrinth des Minotauros auf Kreta gefangen gehalten. Zur Flucht erfand Dädalus Flügel für sich und seinen Sohn, indem er Federn mit Wachs an einem Gestänge befestigte. Vor dem Start schärfte er Ikarus ein, nicht zu hoch und nicht zu tief zu fliegen, da sonst die Hitze der Sonne beziehungsweise die Feuchte des Meeres zum Absturz führen würde. Zuerst ging alles gut, aber dann wurde Ikarus übermütig und stieg so hoch hinauf, dass die Sonne das Wachs seiner Flügel schmolz, woraufhin sich die Federn lösten und er ins Meer stürzte. Der verzweifelte Dädalus benannte die Insel, auf der er seinen Sohn beigesetzt hatte, zur Erinnerung an sein Kind Ikaria. Wenn sich der deutsche Übermut und Größenwahn im Idealismus nicht bald legt, läuft Europa Gefahr, in Ikaria umbenannt zu werden.

Irgendwann werden fremdenfeindliche Arschlöcher, die Flüchtlinge hassen, weil sie Fremde sind und die gutmeinenden Deutschen, die um das „freundliche Gesicht“ Deutschlands besorgt sind, gegeneinander demonstrieren . Dann demonstrieren besorgte Bürger gegen besorgte Bürger. Die Einen sind besorgt, weil Fremde nach Deutschland kommen, die Anderen sind besorgt, weil Fremdenfeindlichkeit dem Image Deutschlands schadet. Alle sind besorgt und denken doch nur an sich. An die Flüchtlinge denkt da kaum wer.

In Deutschland bestimmt das komplizierte Verhältnis der Deutschen zu sich selbst den Umgang mit der Flüchtlingssituation. Man könnte überspitzt sagen: Hitler bestimmt die deutsche Flüchtlingspolitik. Es gibt bessere Gründe, um hilfsbereit zu sein. Heinrich Heine dichte einst über den deutschen Idealismus folgende passenden Verse:

„Man schläft sehr gut und träumt auch gut
In unseren Federbetten.
Hier fühlt die deutsche Seele sich frei
Von allen Erdenketten.

Sie fühlt sich frei und schwingt sich empor
Zu den höchsten Himmelsräumen.
O deutsche Seele, wie stolz ist dein Flug
In deinen nächtlichen Träumen!

Die Götter erbleichen, wenn du nahst!
Du hast auf deinen Wegen
Gar manches Sternlein ausgeputzt
Mit deinen Flügelschlägen!

Franzosen und Russen gehört das Land,
Das Meer gehört den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft unbestritten.

Hier üben wir die Hegemonie,
Hier sind wir unzerstückelt;
Die andern Völker haben sich
Auf platter Erde entwickelt.“

Vor zweitausend Jahren kamen religiöse Flüchtlinge nach Europa. Sie gründeten sie Gemeinschaften und breiteten sich auf dem Kontinent aus. Sie bekamen immer mehr Macht. Irgendwann fingen religiöse Fanatiker unter den Flüchtlingen an, Andersgläubige zu verfolgen. Bibliotheken wurden angezündet und Kunstwerke vernichtet. Die Flüchtlinge waren Christen.

Gewiss gab es damals viele, die betonten, diese Fanatiker seien keine wahren Christen, aber die Fundamentalisten setzten sich durch. Irgendwann konnten nur noch blutige Revolutionen den mittlerweile mächtig und unmenschlich gewordenen Stand des christlichen Klerus entmachten. Viele tausend Menschen kamen dabei ums Leben. Sogar untereinander waren die Christen zerstritten. Im Dreißigjährigen Krieg bekämpften sich Katholiken und Protestanten wie heute Sunniten und Shiiten. Natürlich waren nicht alle Christen gefährlich, aber es gab genug, um Krieg und Elend auf der ganzen Welt zu verbreiten.

Man muss sich nur die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner der letzten dreihundert Jahre ansehen, um zu erkennen, wozu christliche Flüchtlinge und Migranten fähig sind. Nicht wenige Ureinwohner begrüßten die christlichen Migranten von Europa, die vor Unterdrückung und Ausbeutung flohen, mit offenen Armen und gaben ihnen zu essen. Noch heute gibt es einen Nationalfeiertag in Amerika, der die Willkommenskultur der Ureinwohner feiert. Der Feiertag heißt Thanksgiving.

An Thanksgiving wird dem Tag gedacht, als die europäischen Migranten und Flüchtlinge bei Plymouth Rock in Massachusetts landeten und dort zusammen mit den einheimischen Wampanoag im Herbst 1621 ein dreitägiges Erntedankfest feierten. Ohne die Hilfe der Wampanoag hätten die christlichen Migranten den folgenden Winter nicht überlebt. Das war vorbildliche Willkommenskultur. Die Zukunft aber sollte blutig werden. Aus zu vielen Migranten wurden Mörder und Terroristen!

In dem Film „Addam’s Family“ von Barry Sonnenfeld wird die Problematik der Willkommenskultur auf polemische Art und Weise auf den Punkt gebracht:

Was die Kinder in dieser Szene spielen, ist das Anzünden von Migrantenhäusern durch Einheimische. Auch in Deutschland werden wieder Migrantenhäuser angezündet.

In dem Film „Independence Day“, ebenfalls von Roland Emmerich, stehen Menschen auf einem Hochhaus und halten „Welcome“-Schildern in den Händen, um die Fremden zu begrüßen. Sie werden allesamt von den Fremden getötet:

Am 4. März 1933 erklärte der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt:

„Und lassen Sie mich deshalb meinem tiefen Glauben Ausdruck geben, dass das Einzige, was wir fürchten müssen, die Furcht selbst ist – namenloser, unvernünftiger, unbegründeter Schrecken.“

Angst ist eine schlechte Beraterin. Flüchtlinge sind keine Masse, sondern Individuen. Sie haben individuelle Biographien, eigene Wünsche, Ängste und Träume. Sie haben eine gefährliche Flucht hinter sich. Ihnen muss geholfen werden. Wahre Hilfe schließt jedoch Verantwortung ein. Dazu gehört es, ehrlich zu sein.

Zu welcher Hilfe ist Deutschland fähig und bereit?

Eine Diskussion darüber darf nicht mit einem hypermoralischen Eifer und einem gnadenlosen Tugendterror geführt werden. Nicht selten sind Gesellschaften, die mit den besten Absichten angetreten sind, an ihren eigenen hohen Erwartungen gescheitert. Die Geschichte ist voll von Gestalten wie Ikarus. George Satayana sagte einst:

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

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Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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