Jeder blamiert sich so gut er kann!

Steve Reich ist ein zeitgenössischer US-amerikanischer Komponist, der vor allem im Bereich der Minimal Music bekannt ist. Er gilt sogar als Pionier der Minimal Music. Zu seinen Werken gehört die Komposition „Piano Phase“ aus dem Jahre 1967:

Am 28. Februar 2016 wurde diese Komposition im Rahmen eines sonntäglichen Abos in der Kölner Philharmonie in einer Cembalo-Version gespielt. Ein Cembalo wurde per Tonband eingespielt, das andere Cembalo wurde von Mahan Esfahani gespielt. Esfahani ist gebürtiger Iraner, studierte in den USA und lebt heute in England.

Die Komposition „Piano Phase“ besteht aus zwei stets wiederholten kurzen Tonfolgen, die aufrgund der unterschiedlichen Geschwindigkeit immer neue Intervall- und Motivkonstellationen ergeben. Für das Kölner Publikum war dieses Klangerlebnis jedoch zu viel!

Nach nur fünf Minuten breitete sich Unruhe im Publikum aus. Einige fingen an zu lachen, andere zu pfeifen. Nicht wenige verließen das Konzert. Die Geräusche des Missfallens wurden irgendwann so laut, dass der Pianist die Darbietung abbrach und ins Publikum fragte: „Why are you afraid?“

Teile des Kölner Publikum gefiel es gar nicht, dass Esfahani Englisch sprach. Schon bei der Einführung war aus dem Publikum die Aufforderung erschollen: „Reden Sie doch gefälligst Deutsch!“

Das Publikum Kölns zeigte sich an diesem Sonntag im Februar von seiner schlechtesten Seite, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Pianist Iraner und der Komponist Amerikaner mit jüdischen Eltern ist, denn unter anderem aufgrund der jüdischen Abstammung von Steve Reich sind Darbietungen seiner Kunst im Iran verboten.

Im Februar 2016 wollte ein gebürtiger Iraner in Köln die Komposition eines in seiner Heimat verbotenen jüdischen Komponisten spielen, aber das Kölner Publikum erzwang einen Abbruch, weil es sich keine sechszehn Minuten auf ein Klangexperiment einlassen konnte! Mahan Esfahani kommentierte das Kölner Verhalten später so:

„Ich habe das Stück schon oft im Konzert gespielt, aber noch nie eine Reaktion von der Kölner Güte erlebt. Man solle doch froh sein, hier solche Musik hören zu können. Ich komme aus einem Land, in dem sie verboten ist.“

Jeder blamiert sich so gut er kann!

Dieser Beitrag wurde unter Kunst veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

21 Antworten zu Jeder blamiert sich so gut er kann!

  1. ceterum censeo schreibt:

    http://www.achgut.com/artikel/die_menschheit_geraet_ausser_kontrolle_oder_der_typ_am_piano_hat_angefangen

    Na ja, wie meistens schaut es auf den zweiten Blick schon wieder etwas anders aus.
    Nicht immer nur auf Haßblogs informieren! 😉

  2. yoyojon schreibt:

    Die „piano phase“ oben… sehr schön… erinnert mich daran, wie man z.B. den Sternenhimmel anschaut… das Universum (mit Hilfe von Hubble etc.)…
    Leute, die das nicht mögen, mögen auch den Sternenhimmel nicht. Ist aber kein Wunder, denn qua Lichtverschmutzung ist er kaum noch zu sehen.
    Und dann kommt da noch die „Seelenverschmutzung“ hinzu. Der „Protest“ der Kölner Zuhörer ist schon korrekt. Er macht deutlich, was aus dem Menschen unterdessen geworden ist. Traurig.

    • yoyojon schreibt:

      Kleine Ergänzung… das Universum basiert auf ein, zwei (drei?) grundlegenden Naturgesetzen, deren Wirkung einerseits immer Gleiches hervorbringt, auf der anderen Seite kleinste Variationen mit großen Folgen. Auf der Basis von fast nichts entsteht schließlich z.B. Intelligenz (Es gibt Menschen, wenige, die eine solche besitzen). Da ist also quasi fast nichts, das einem einzigen, einfachsten (leicht übertrieben) Gesetz folgt… und doch bildet sich Komplexität. Wer will, kann da von Wunder sprechen.
      Hört man so etwas in einer Musik, dann grölen die Banausen? Na ja, „Intelligenz“ ist halt nicht immer die primäre Hervorbringung des Universums 🙂

      • Dante schreibt:

        Auf der Basis von fast nichts entsteht schließlich z.B. Intelligenz (Es gibt Menschen, wenige, die eine solche besitzen).

        Sie meinen wegen der menschlichen Dummheit, die Albert Einstein so treffend als unendlich charakterisierte? Die beruht auf menschlicher Intelligenz bzw. setzt sie voraus.
        Das mit einem nur recht kleinen Gehirn ausgestattete Krokodil beispielsweise käme nie auf die Idee, eine Rassentheorie zu begründen oder sich einem sogenannten religiösen Führer zu unterwerfen. Was es aber zum Leben können muss, kann es.

    • yoyojon schreibt:

      And…

      „Just another refugee“ ?

  3. yoyojon schreibt:

    Gerade noch einmal die beiden Konzerte angehört. In meiner momentanen Stimmung ziehe ich die „18 Musiker“ vor. Werde ich bestimmt wieder hören…
    Über einen Link in der Süddeutschen habe ich gestern etwas sehr hübsches gefunden. So kann man also auch Musik machen 🙂 Und wenn man überlegt, was alles dazu gehört, so etwas zu machen, merkt man, dass es genial ist.

    Und das ist keine „bloße Spielerei“ – es ist wirklich Kunst !!!

  4. Malte S. Sembten schreibt:

    Schon sehr lustig, dass gerade die Kölner Bildungsbürger sich so bunt und tolerant und aufgeschlossen vorkommen. Das Lächerlichste von allem aber ist die Forderung an den iranisch-amerikanischen Künstler, er solle Deutsch sprechen. Beim Italiener oder Griechen behelligen diese Typen die Kellner radebrechend, aber eingebildet mit ihren im Urlaub aufgeschnappten fremdsprachlichen Brocken und fühlen sich dabei mächtig gönnerhaft und polyglott und weltläufig.

    … aufgrund der jüdischen Abstammung von Steve Reich sind Darbietungen seiner Kunst im Iran verboten.

    Ein waschechter Nazi-Staat.

    • yoyojon schreibt:

      Malte: „Ein waschechter Nazi-Staat“ – ist ja schon richtig, aber… wenn ich an die alte Kultur Irans denke und an die derzeit sich versteckende, gebildete und intelligente Schicht der Iraner und etwa an den wunderbaren Comic von Marjane Satrapi – Persepolis – , dann gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass es doch durch geschickte Diplomatie gelingen sollte, genügend Zeit zu gewinnen, bis die Luft aus dem derzeitigen Wahnsinn heraus ist. Kleinste Spuren davon sind ja schon zu beobachten. Ich hoffe einfach, dass jeder Wahn nur eine bestimmte Zeit tragen kann. Deshalb bin ich auch gegen jeglichen militärischen Einsatz gegen den Iran, der wunderbare Kulturzeugnisse zerstören könnte und eben auch die von mir erwähnte Schicht beträfe. Es ist ein Wettlauf zwischen Hoffnung und Scheitern…

  5. Eitan Einoch schreibt:

    Steve Reich ist ein Genie!
    Und definitiv nichts für alte, Intolerante Leute.
    Berühmt ist seine Music for 18 Musicians:

    Für sein Double Sextet erhielt er sogar den Pulitzerpreis für Musik:

  6. Picander schreibt:

    Ich war am Sonntag bei diesem Konzert. Ich glaube nicht, dass die negativen Reaktionen etwas mit der Herkunft des Komponisten oder Interpreten zu tun hatten. Die anderen Stücke die gespielt wurden, waren (fast alle) von Bach. Es handelte sich um ein Publikum, das seit Jahren ein Abo hat und das nicht damit rechnet, irgendwas neueres als Prokofjew zu hören. Bei den meisten würde ich außerdem schätzen, dass sie zu alt für Englisch sind. Die sehr gute Einführung, die Esfahani in das Reich-Stück gegeben hat, konnten sie natürlich deshalb auch nicht verstehen. Die Reaktion war also unhöflich und dumm, aber man sollte vorsichtig sein, ihr zu viel Bedeutung beizumessen.

    Im Übrigen befand sich im Saal ein großer Teil an Publikum, der wiederum auf die Empörung höchst empört reagierte und den Künstler direkt nach dem Konzert noch im Saal und auch davor vehement verteidigte.

  7. O.Paul schreibt:

    Die Stimmung im Volk ist sehr aufgeheißt.

    „irina schreibt:
    März 1, 2016 um 11:48 nachmittags
    Es spricht vor allen Dingen für eine sehrmerkwürdige Stimmungin der multikulturellen Musikstadt Köln. ich befürchte, dass es den derzeitigen rechten fremdenfeindlichen, rassistischen Tendenzen im ganzen Land entspricht“

    Es tritt langsam ans Tageslicht, was wir vor vielen Monaten schon geahnt haben: Wenn man mit PEGIDA und AfD nicht spricht, sondern in die rechte Ecke stellt, fühlt sich der mündige Bürger irgenwann übergangen und die politische Entwicklung bekommt eine unvorhersehbare Eigendynamik. Wer gegen denungehinderten Zuzug von Ausländern ist, wer für den unangenehmen Wesenszügen des Islams warnt, wer die Interessen der eigenen Bevölkerung wahren will, ist doch nicht Fremdenfeindlich oder Rassistisch.
    Die Bevölkerung, die schließlich die Moneten verdient, die heutzutage so edelmütig von den Politiker verteilt werden, hat Schlußendlich ein Mitspracherecht! Und das wird jetzt eingefordert.

  8. caruso schreibt:

    Nichts Neues kann ich hinzufügen. Gerd und ihr Vier habt vollkommen recht.
    lg
    caruso

  9. Akrophobie schreibt:

    Schon bescheuert, in ein Konzert von Minimal music zu gehen, wenn man keine Ahnung von der Musik hat. Waren das Abo-Kunden? Wenn ich in ein Konzert gehe, dann weiß ich doch in groben Zügen, was mich erwartet und ich gehe dorthin, weil es mich interessiert und ich diese Musik hören will. Haben diese des Englischen unkundigen Klappspaten nicht ins Programm geguckt?
    Und bei John Cages 4`33„ würden sie vermutlich schreien:“ Wann fängt denn der doofe Pianist endlich an zu spielen!“
    Und zu dem unterirdischen Benehmen fällt mir gar nichts mehr ein. Banausen!

  10. Gutartiges Geschwulst schreibt:

    Wer einen künstlerischen Vortrag stört, ist in meinen Augen ein unkultiviertes Vieh. Wenn eine Vorstellung nicht gefällt, sollte die Gelegenheit abgewartet werden, sich dezent zurückzuziehen.

  11. irina schreibt:

    Es spricht vor allen Dingen für eine sehrmerkwürdige Stimmungin der multikulturellen Musikstadt Köln. ich befürchte, dass es den derzeitigen rechten fremdenfeindlichen, rassistischen Tendenzen im ganzen Land entspricht

    • ceterum censeo schreibt:

      Nee, so agiert eher die andere Seite.

      • Dante schreibt:

        Das „Nee“ ist falsch. Jeder Exkremist agiert so, ob er sich nun „rechts“ schimpft und momentan eher etwas gegen Muslime als gegen Juden hat, weil nun mal Erstere in großer Zahl einwandern, oder ob er sich „gägen räschts“ engagiert und sich dabei aber mit Leuten solidarisiert, die Adolf Hitler offener lobpreisen als es ein gewöhnlicher „Rechter“ überhaupt wagen würde. Oder ob er selbst so ein Salafist ist.

  12. Dante schreibt:

    Wenn die wenigstens gesagt hätten, er solle gefälligst Kölsch reden – natürlich auf Kölsch – hätte es vielleicht so was wie Charme gehabt. So klingt es eher nach dem berüchtigten Hässlichen Deutschen.

Seid gut zueinander!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s