„Wovor haben Sie Angst?“

Ein Bericht von Mahan Esfahani.

Das Leben eines Solisten besteht größtenteils aus einer Folge von Konzerten geben, Mahlzeiten nehmen und dazwischen ein paar Insiderwitzen. (Jedenfalls in meinem Fall.) Das Konzert gestern in Köln startete als Komödie, mutierte zur Tragödie, aber schloss auf einer schönen Note.

Das Konzert gab ich mit Concerto Köln. Wir haben in der Vergangenheit viel gemeinsam aufgenommen und wir wollten ein paar Dinge aufführen, die auf unserem Album zu hören sind, sowie ein Konzert von Emanuel Bach und weitere Stücke und Auszüge. Ich war besonders aufgeregt, weil ich auf einem Cembalo des deutschen Herstellers Burkhard Zander spielen durfte, eine wirklich großartige Kopie eines Dulcken aus dem Jahr 1745. Das Cembalo ist sicherlich eines der besten auf dem ganzen Kontinent.

In der zweiten Hälfte spielte ich „Piano Phase“ von Steve Reich, oder besser, ich wollte es spielen. Es war eine Version für Cembalo, vom Komponisten persönlich genehmigt. Ich spielte gegen mich selbst, in dem ich zu einer aufgezeichneten Spur meines Spiels des einen Parts live den zweiten Part spielte. Ich habe dies schon vor einer Vielzahl von Zuschauern unter Beifall durchgeführt und jedes Mal festgestellt, dass es selbst von den hartherzigsten Gegner der modernen Musik, als zugängliches Stück wahrgenommen wird, das ihnen sogar „Spaß“ macht. Die Komposition ist nicht einmal wirklich modern. Sie wird im nächsten Jahr fünfzig Jahre alt!

An dieser Stelle sollte ich vielleicht betonen, dass ich in einer Art deutscher Kulturinstitution auftrat, wie es sie in vielen deutschen Städten gibt: die Sonntagnachmittagkonzerte. Es sind Konzerte, bei dem typischerweise ältere Mitglieder der gebildeten Mittelschicht anwesend sind, die Abonnementkarten haben, die sie vor Jahren gekauft haben, um eine erkleckliche Menge angenehmer Musik in „ihrer“ Philharmonie zu hören. Ich dachte, wir geben Ihnen mehr oder weniger genau das. Aber ach …

Ich hatte erst etwa drei bis vier Minuten des Stückes gespielt, da hörte ich bereits ein Klatschen. Da ich während des Stücks Kopfhörer zur Kontrolle trage, konnte ich das Publikum nicht wirklich gut hören, aber dann wurde es so laut, dass ich es nicht mehr überhören konnte. Ich dachte zunächst, vermutlich gefällt Ihnen das Stück und ich fühlte mich ermutigt und fuhr fort. Nach einer weiteren Minute jedoch gab es nicht überhörbare Pfiffe und Zische. Einige im Publikum fingen sogar an, hier und dort zu schreien. Ich fuhr für etwa weitere drei Minuten fort, aber dann wurde die Stimmung unerträglich, weil verschiedene Fraktionen im Publikum anfingen, sich anzuschreien.

Ich hörte in der Mitte des Stückes auf und nahm meine Kopfhörer ab. Die Stimmung im Saal hatte mittlerweile eine Intensität erreicht, wie ich sie noch nie bei einem klassischen Konzert erlebt hatte. Ich hatte zum Glück ein Mikrofon auf der Bühne und entschied mich dazu, es zu benutzen. Obwohl, ich entschied mich nicht dazu, es war unumgänglich, das Mikrofon zu benutzen.

„Wovor haben Sie Angst?“

Das war meine erste Frage. Ich bin mir nicht ganz sicher, was über mich kam, aber ich war relativ ruhig, wenn man bedenkt, dass in dem Land meiner Herkunft, Konzerte wie diese aus einer Vielzahl von Gründen abgesagt oder verboten werden, exekutiert von Anhängern eines Regimes, das einen tiefliegenden Verdacht nicht nur gegen Musik hegt, sondern in der Tat gegen jede Form von Kunst, die es wagt, mehr widerzuspiegeln als die Trauer. Wortreich erklärte ich das dem Publikum.

Die Stimmung war angespannt, aber es war auch total faszinierend, das alles zu erleben. Die meisten Menschen, die teilweise unter Protest hinausgingen, waren eher ältere Männer, die offenkundig eine Art von Ärger in sich verspürten, weil sie dieses Stück anhören mussten. Sie wurden wiederum von jüngeren Menschen niedergebrüllt, vor allem von Frauen, um genau zu sein. Ein paar Leute haben sogar geweint. Wie auch immer, es ging ein bisschen hin und her, und schließlich sagte ich: „Wir werden jetzt mit dem Konzert von C.P.E. Bach fortfahren!“

Am Ende des Konzerts gab es einen ziemlich intensiven Applaus. Es war richtig packend. Dann, völlig unerwartet, kam ein Mann den Gang hinuntergelaufen und fragte, ob er das Mikrofon haben könne. (Wie sich später herausstellt, gehörte er nicht zum Management, sondern war ein gewöhnliches Mitglied des Publikums.) Er gab eine wirklich wundervolle Antwort auf die „Protestler“ (wenn man sie so nennen kann). Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was er alles sagte, aber er betonte, wie leid es ihm täte, was gerade passiert sei – wieder zu endlosen Runden Applaus.

Es folgten ein paar echt lustige Minuten; so eine eine Art Offene Bühne, bei der jeder Mal seine Gefühle über die Ereignisse des Nachmittags erklären durfte. Die Form der Unterstützung, die hohe Zahl der Menschen, die in Solidarität aufstanden, na ja, das alles war furchtbar aufregend. Den restlichen Teil des Abends traf ich immer wieder auf Menschen in Bars und an der Theke, die mir erzählten, was sie im Konzertsaal gefühlt hatten. Immer wieder hörte ich Entschuldigungen, aber sie waren nicht erforderlich! Sie sollten froh sein, erklärte ich, in einer Stadt zu leben, wo die Menschen so aktiv an der Kultur teilnehmen.

Ich hasse es wirklich, den Islamischen Staat zu verharmlosen, aber ich möchte über etwas reflektieren, das eine Überlegung wert ist. Es gibt Menschen auf der Welt, die wollen Kultur völlig zu zerstören. Kultur! Können Sie sich das vorstellen? Kultur schadet niemandem. Kultur sticht nicht zu, tötet nicht und enthauptet niemanden. Und doch, Kultur stört so viele so sehr in der Tiefe ihrer Seelen, dass sie versuchen, die Kultur auszumerzen. Nun, ich sage nicht, dass die gestrigen, sehr ungezogen Individuen in irgendeiner vergleichbaren Art auf dem selben Niveau des Bösen sind, aber es täte ihnen gut, sich klar zu machen, dass die Musik stirbt, wenn wir keine aktiven Zuhörer mehr sind, die sich auch gerne mal herausfordern lassen. In diesem Sinne, ich bin kein Performer und Sie sind kein Konsument. Wir alle sind dafür verantwortlich, dass die Musik niemals in einen Zustand der Trägheit verfällt. Es gibt nicht so etwas wie eine statische Definition von „gut“ oder „authentisch“ oder „richtig“. Die Art von Menschen, die zu wissen vorgeben, was himmlisch sein soll, neigen dazu, uns die Erde zur Hölle zu machen.

Ich habe schon eine Vielzahl von Schmähungen ertragen müssen und habe mir daher im Laufe der Zeit ein ziemlich dickes Fell zugelegt. Ich weiß, was es heißt, Cembalospieler zu sein. Ich kenne die Idiotie des Diskurs rund um das Cembalo, vor allem wenn sich Leute daran beteiligen, die nicht einsehen wollen, dass sie unmöglich gegen etwas sein können, das sie nicht verstehen. Fein. Dann gibt es die verschiedenen (unfreiwilligen) Zusammenstöße der wenigen Cembalo-Einrichtungen, die mit einer immer knapper werdenden Zahl von Plattenverkäufen zu leben haben und die es einem geradezu übel nehmen, wenn man versucht, den Mainstream zu erreichen. Dann gibt es noch die Kritiken mit dem Ruch der Blutrache. Das alles geht in Ordnung für mich. Wie witzelte einst Hyman Roth witzelte: „Das ist das Leben, das wir gewählt haben.“ Aber ich ganz sicher nicht diese Art von Feindschaft von Teile des Publikums in einem Konzert akzeptieren.

Ich habe ein paar Dinge gelernt und ich möchte sie nun niederschreiben nach einer Nacht der kompletten Schlaflosigkeit:

Einige Menschen sind Trottel!
Manche Menschen haben Angst und drücken sie durch Feindseligkeit aus.
Manche Menschen sind verärgert, wenn sie etwas nicht sofort verstehen und entwickeln deshalb Angst.

Bei all dem Gerede über „muffige alte Männer“, die die klassische Musik nicht frei lassen können, bleibt die Erkenntnis, dass die überwältigende Unterstützung gegen die gestrigen Gegner von Menschen jeden Alters und jeder Herkunft kam. So erkannte ich die tiefe Wahrheit des unhöflichen aber lustigen Zitats von Oscar Wilde, was passiert, wenn man Annahmen macht:

“When you assume, you make an ass out of u and me.”

Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es ein Cembalo bisher noch nie geschafft hat, einen ganzen Konzertsaal in Chaos zu stürzen. Deshalb ist für mich das ganze Erlebnis unbeschreiblich genial. Wenn dieses Instrument heute noch solche Meinungen inspirieren kann, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Natürlich wünsche ich mir, dass sich Menschen in respektvoller Art und Weise ausdrücken, aber wer bin ich, Menschen zu beurteilen?

Mein Gehirn explodiert jedoch bei dem Gedanken, was geschehen wäre, wenn ich an dem Nachmittag in Köln wirklich etwas Neues gespielt hätte.

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