Gutes Scheißen, Schlechtes Scheißen!

Als ich vom Tod von Roger Cicero erfuhr, war ich unendlich traurig und veröffentlichte den Nachruf eines Bühnenkollegen, von dem ich wusste, dass er Roger Cicero liebt. Etwas später fand ich einen Twitterkommentar von Niels Ruf und musste lachen:img_3135

Für mich war sofort klar, der Witz von Niels Ruf geht gegen den Tod, dem Arsch, und nicht gegen Roger! Es war ein Witz geboren aus dem Wissen um die Sterblichkeit.

Das Wissen um die Sterblichkeit ist für die besten Witze verantwortlich, die jemals gemacht wurden. Sie werden jedoch nicht selten wegen der Skandalösität der Sterblichkeit selbst als skandalös und geschmacklos empfunden. Dennoch sollen diese Witze gemacht werden!

Aufgrund des Witzes hat Niels Ruf jetzt einen Scheißesturm am Arsch. Nicht wenige fühlen sich bemüßigt, die Ehre von Roger Cicero zu rächen und schlagen verbal auf Niels Ruf ein, statt die Zeit besser dafür zu nutzen, um einen großartigen Sänger zu trauern.

Trauer ist ein extremes Gefühl. Trauer lässt sich nicht zügeln. Kaum irgendwo wird mehr geweint als bei Beerdigungen. Allerdings wird auch kaum woanders so ehrlich gelacht wie bei Beerdigungen. Wenn jemand auf einer Beerdigung anfängt zu lachen, kann man den Sarg hochkant stellen! Wer einmal erlebt hat, wie die Trauer bei einer Beerdigung in schallendes Lachen umgeschlägt, versteht den Satz: Trauer ist Freude über das, was war!

Jeder geht mit Trauer anders um. Für mich gehören Trauer und Humor zusammmen. Mein Vater starb am 20. Januar 2008 in meinen Händen. Nur er, meine Frau und ich waren im Raum. Er hatte unfassbare Angst, loszulassen. Aber er ließ los. Noch mit seiner leblosen Hand in meiner Hand war da auch schon wieder der Humor, getränkt in Rotze und Tränen. Ja, ich habe geweint und gelacht und ich habe meinen toten Vater geehrt und geroastet. Das war mein Gebet! Scheiße war nur: Mein Vater konnte nicht mehr lachen!

Trauer lässt sich nicht dressieren, auch nicht das Wissen um die Sterblichkeit, schon gar nicht durch Lachverbote! Niels Ruf hat sich entschieden, im Angesicht der Sterblichkeit zu lachen und nichts daran ist beleidigend! Niels Rufs Kommentar geht nicht gegen die Person Roger Cicero, noch gegen sein Schaffen und schon gar nicht gegen seine Familie und Freunde. Der Witz geht ausschließlich gegen den Tod, dem Arsch! Dennoch stürmt jetzt die Scheiße gegen Niels Ruf. Der Shitstorm besteht unter anderem aus Sprüchen wie diesen:

„Du hättest besser sterben sollen!“

Gegen einen Witz über den Tod wird der Wunsch nach dem Sterben eines Menschen ins Feld geführt. Wenn gegen diesen Spruch jetzt auch wieder scheissegestürmt wird, dann stürmt die Scheisse im unendlichen Regress. Warum eigentlich wird in Deutschland so gerne die Scheiße mit der Moral zum Sturm getrommelt?

Dabei habe ich gar nichts gegen das Scheißen an sich. Scheißen ist gut! Scheiße ist Dünger. Ich scheiße auch mal gerne. Aus Scheiße wird wieder Leben. Wenn aber zu viele Ärsche auf ein Feld scheißen, dann wächst dort nichts mehr! Es ist eine Frage der Dosis. Es ist ein Unterschied, ob eine Blume gegossen wird oder ob eine Sturmflut über eine Blume kommt.

Wenn ich sehe, wie im Netz ein Mob im Sturm gegen einen Menschen scheißt, dann scheiße ich nicht auch noch dazu. Dann lasse ich meine Hose zu! Nachscheißen ist wie Nachtreten: Scheiße!

Es ist der Mob, der das Scheißen so unangenehm macht. Der Scheißesturm gegen Niels Ruf jedenfalls ist für mich um einiges unappetitlicher als der Schiss, den Niels Ruf gesetzt hat! Um nämlich die Scheiße durch die tiefen Weiten des Netzes in Richtung von Niels Ruf zu blasen, braucht es viel zu viele Unterstellungen. Was aber, wenn Niels Ruf gar kein so großes Arschloch ist? Vielleicht mochte er Roger Cicero. Er hatte schließlich sogar Karten für ein Konzert!

Einige mögen jetzt einwenden, es ginge gar nicht um Roger selbst, sondern um seine Familie, denen aber sei gesagt: Alle, die einen nahen Menschen viel zu früh verloren haben, werden wissen, dass die Familie und Freunde von Roger Cicero gerade besseres zu tun haben wird, als Niels Rufs Twitternachrichten zu lesen und zu befühlen. Ihre Gefühle gehören jetzt Roger und sich selbst. Niels Ruf ist ihnen gerademal scheißegal. Und das ist auch gut so. Und sie brauchen ganz gewiss nicht irgendwelche Stellvertreter des Zorns, die auf Facebook trommeln! Es ist nur Niels fucking Ruf!

Ich finde die Reaktion auf Niels Rufs Kommentar weitaus geschmackloser als den eigentlichen Kommentar!

Deshalb erkläre ich: Wenn ich sterbe, und jemand macht einen Witz gegen mich und löst dadurch einen Shitstorm aus, dann kritisiert bitte nicht den, der mich verarscht und vielleicht sogar beleidigt hat, sondern all jene Vollpfosten, die glauben, für mich sprechen zu dürfen, obwohl ich gerade erst gestorben bin!

Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Nachrichten, Philosophie, Spaß veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Gutes Scheißen, Schlechtes Scheißen!

  1. Minus schreibt:

    Das Leben ist ein Witz
    und der Tod die Pointe.

  2. Paul schreibt:

    Mein Freund, Lungenkrebs im Endstadium, bat mich wenige Tage vor seinem Tod um einen Gefallen. In Straußberg (ein Ort bei Berlin) findet ein Trödelmarkt statt. Ob ich nicht hinfahren könnte, um für ihn was zu kaufen. Selbstverständlich war ich bereit. Freute mich sogar, sein nahes Ende war vorhersehbar, ihm noch einen Gefallen tun zu können.
    Was soll ich denn kaufen?
    Er möchte ein gebrauchtes Erdmöbel.
    Kenne ich nicht, wie sieht sowas aus?
    Der Schalk blitzte aus seinen Augen. Ich war behämmert und begriff nichts.
    Na Mensch, ein gebrauchtes Erdmöbel.
    Ich begriff immer noch nicht.
    Das ist ein Sarg.
    Er konnte sich vor Lachen nicht einkriegen.
    Er jubelte förmlich: Reingelegt, reingelegt.
    Ich musste mitlachen.

    Voller Stolz verbreitete er in den wenigen Tagen, die ihm noch verblieben waren, diese Geschichte.
    Alle lachten mit.
    Selbst beim Leichenschmaus offerierte seine Tochter diese Geschichte den Trauernden.
    An jedem Gedenktag seines Todes wird sie immer wieder genüsslich ausgebreitet.
    Mein Freund, dem auch sonst der „Schalk im Nacken“ saß, war es eine große Freude, dass er mich so reingelegt hatte.
    Ich freue mich, dass ich wirklich völlig unbedarft in diese Falle geraten bin. Mit so einem Scherz hätte ich in dieser Situation nicht gerechnet. Mich hat es wirklich „kalt“ erwischt.
    Darüber freue ich mich heute noch.

  3. O.Paul schreibt:

    Ich finde, dass der Gag vom Niels Ruf so i.o. ist. Schließlich zeigt er, dass ihm der Roger nicht egal ist, schließlich hatte er ja (offensichtlich) Karten für ein Konzert. Und wenn man befreundet ist, macht man Witze/ Späße , die man mit Fremden nie tun würde.

    Aber es ist egal, wie sich einer öffentlich äußert- es gibt immer welche, denen die Meinung andere nicht paßt. Aber das ist die heutige Zeit: Die Einen meinen, sich zu jedem Thema zu Wort melden müssen und die Anderen sind ständig am Shitstormen weil Meinungen anderer nichts mehr gelten.

    Für viele User in den sozialen Netzwerken und im Internet generell sollte gelten. Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!

  4. Konrad Bollmann schreibt:

    Solche Ausdrücke passen überhaupt nicht zu tiefer Trauer. Niels sollte sich was schämen, denn er
    macht das Sterben lächerlich. Wenn es ihn beträfe, würde er nicht mit solchen Worten um sich schlagen. „Bedenke, daß Du sterben mußt, auf daß Du klug werdest!“

    • American Viewer schreibt:

      „denn er macht das Sterben lächerlich.“
      Das Sterben ist nicht selten eine lächerliche Absurdität.

    • Jutta schreibt:

      Für mich ist diese Art von Humor nicht schlimm. Als mein Mann im Sterben lag, war ich mitten in meiner Vorbereitung zur Führerscheinprüfung. Mein Mann meinte:“Du, mit meinem Auto fahren….nur über meine Leiche!“ Was hat mir dieser Humor das Über – und Weiterleben mit meinen dreijährigen Zwillingen erleichtert – ich kann es kaum beschreiben. Meine Führerscheinprüfung habe ich drei Tage nach Peters Tod bestanden!
      Von Fontane gibt es den Spruch:
      Der Humor hat das Darüberstehen, das heiter-souveräne Spiel mit den Erscheinungen dieses Lebens, auf die er herabblickt zur Voraussetzung.
      Humor bringt mir Abstand. Allerdings ist es durchaus mit entscheidend, von wem solch ein „Spruch“ kommt. Eine gewisse Vertrautheit ist schon sinnvoll.

  5. HM schreibt:

    Wenn das persöliche Lebensmotto „Witzischkeit kennt keine Grenzen“ ist, ist das echt ein Brüller mit Applausgarantie.
    Sollten Witzbold und Toter keinen persönlichen Kontakt gehabt haben und gut befreundet gewesen sein halte ich das Kackebad für sehr verdient.

Seid gut zueinander!

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s