Ein Tag mit Rana Ahmad

„Sie haben sie einfach so abgeholt? Und niemand hat geholfen?“

Rana Ahmad weint. Sie kann nicht fassen, was damals geschehen ist. Sie steht an einem Brunnen in Köln, der sich an der Stelle befindet, an dem einst eine jüdische Schule stand, bevor sie von den Nationalsozialisten geschlossen wurde und die Kinder vertrieben und ermordet wurden, weil sie Juden waren. Von ihren Gefühlen überwältigt geht sie auf die Knie und streichelt mit ihrer Hand über die Namen der Kinder. Noch in der Nacht schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite die Worte #NeverForgetHolocaust.

Es ist der 31. August 2016, ein sommerlicher Tag. Zusammen mit Rana bin ich in Köln unterwegs. Ich kenne sie erst seit ein paar Stunden, aber schon verbindet uns eine tiefe Freundschaft. Wir sprechen englisch miteinander, denn sie lebt erst seit ein paar Monaten in Deutschland. Vorher lebte sie in Saudi-Arabien. Sie hat jedoch einen syrischen Pass. Sie wuchs in Riad auf, in einer Welt der Unterdrückung. Es war ihr nicht erlaubt, das Haus unverschleiert und ohne Beisein eines Mannes zu verlassen. Überall in der Öffentlichkeit musste sie „ein Gefängnis aus Stoff“ tragen, wie sie die Vollverschleierung nennt. „Freiheit gibt es unter dem Niqab nicht“, sagt sie und fügt hinzu: „Es ist die Religion, die die Frauen in Saudi-Arabien kontrolliert!“

Rana ist Atheistin. Sie glaubt nicht an Gott. Ihren Zweifel konnte sie in Saudi-Arabien jedoch nie öffentlich artikulieren, da dort die Abkehr vom Islam mit dem Tod bestraft wird. „Ich glaube nicht an Gott. Ich bin Atheistin. Aber sogar als Atheistin musste ich mich wie eine Muslimin anziehen. Gott interessiert mich aber nicht. Mich interessiert die Teilchenphysik. Mein Traum ist es, bei der Europäischen Organisation für Kernforschung zu arbeiten.“

Saudi-Arabien ist für so eine Frau nicht der richtige Ort. Sie durfte dort noch nicht einmal ein Auto fahren. Eine Flucht aus diesem Gefängnis, das ihren Körper und ihren Geist einschloss, war somit unausweichlich.

Die Absicht zu fliehen hielt sie vor ihrer Familie geheim. „Sie durften es nicht erfahren.“ Die Flucht begann am 26. Mai 2015. „Mein Vater ging zur Arbeit, wie jeden Tag. Er wusste nicht, dass er mich nicht wieder sehen würde. Ich sah ihn an und verabschiedete micht mit den Augen. Seitdem habe ich ihn nicht wiedergesehen.“

Die Flucht führte sie zunächst in die Türkei. Dort warf sie erstmals den Schleier in aller Öffentlichkeit ab, um zu den Klängen eines Straßenmusikers zu tanzen. „Ich fühlte mich ein Vogel, den man aus dem Käfig gelassen hatte.“ Im November 2016 ging es dann mit einem Flüchtlingsboot über das Mittelmeer nach Griechenland. Es war eine sehr gefährliche Fahrt. Vor dort gelang sie dann über Mazedonien, Slowenien und Österreich nach Deutschland.

Am 31. August 2016 saß ich mit ihr am Rathenauer Platz vor der Synagoge. Wir tranken Bier. Vor einem Jahr, war es ihr verboten, ein Bier zu trinken. Es war ein sommerlicher Tag. Sie trug armfrei. Auch das war ihr vor einem Jahr noch verboten. Und sie redete mit einem Mann! Einer meiner ersten Fragen war: „Warum machen die Frauen in Saudi-Arabien diese ganze Unterdrückung mit?“ Sie antwortete:

„Es ist die Religion. Islam ist ein Gefühl, ein Gefühl der Angst. Islam hat nichts mit dem Verstand zu tun. Frauen in Saudi-Arabien, die dieses heilige Buch lesen, glauben, der Koran sei das Wort Gottes und sie lieben Gott und den Propheten. Sie möchten Gott und Mohamed nicht verärgern. Und Gott sieht alles und mit Gott schaut die Familie, der Vater, der Staat und die Gesellschaft auf Dich, dass Du auch ja nichts unanständiges machst. Du bist ständig unter Beobachtung. Irgendwann denkst Du, Du seist ein guter Mensch, wenn Du jene glücklich machst, die Dich beobachten.“

Diesen Kreislauf der Angst zu durchbrechen, ist lebensgefährlich. „Ich fürchte, dass mein älterer Bruder, wenn er jemals nach Deutschland kommen sollte, mich umbringen würde. Ich bin mir nicht sicher, aber ich kann es mir vorstellen. Für meinen Bruder ist es nämlich nicht nur eine Schande, wie ich jetzt lebe, sondern ein Grund zu töten.“

„Und das zeigt, dass Du im Recht bist“, erwiderte ich: „Du willst niemanden töten. Du bist nicht zornig. Du bist realtiv zufrieden. Dein Bruder nicht!“

„Das stimmt,“ sagte sie, „aber eine Sache kann ich meinen Eltern nicht verziehen. Sie verschleierten mich, als ich zehn Jahre alt war. Sie stahlen mir meine Kindheit! Ich hatte sogar eine Freundin in Saudi-Arabien, die mit 14 Jahren verheiratet wurde. Der Mann waren über dreißig Jahre alt.“

Ihre ersten Tage in Deutschland beschreibt sie wie folgt:

„Wenn Du nach Deutschland kommst, dann bist Du zunächst wieder zusammen mit Flüchtlingen, die oft streng gläubige Mulime sind. Du hast zwar den Ort verlassen, wo der Glaube herrscht, der Dich unterdrückt hat, aber in Deutschland bist Du wieder zusammen mit Flüchtlingen, die zwar vor dem Krieg geflüchtet sind, aber genau den Glauben haben, vor dem Du geflüchtet bist. Sie hassen mich, weil ich Atheistin bin. Aber auch Christen haben es schwer. Erst jüngst wurden in einem Berliner Flüchtlingslager LGBTs angegriffen. Sie leben ebenfalls gefährlich in den Flüchtlingsheimen. Es gibt keinen Raum für uns. Es gibt keinen Raum für Menschen, die den Islam kritisieren. Und ich kritisiere den Islam nicht nur, ich hasse ihn. Wie kann ich eine Religion nicht hassen, die sagt, sogar Mohamed sagt es, dass ich getötet werden soll?“

Im Verlauf des Gesprächs fiel Ranas Blick auf den Davidstern auf dem Dach der Synagoge und sie fragte: „Gibt es in Köln eigentlich einen Ort, wo man den Opfern des Holocaust gedenkt? Ich würde da gerne Blumen ablegen.“

So kam es, dass ich mit Rana zu dem Brunnen ging, auf dem die Namen der verfolgten und ermordeten jüdischer Kinder stehen. „In Saudi-Arabien sind viele froh, dass es den Holocaust gab. Es gibt dort so viel Hass!“

„Und sie haben sie einfach so abgeholt? Und niemand hat geholfen?“ „Einfach so“, sagte ich. „Sie holten Sie aus den Schulen, aus den Häuser und aus den Nachbarschaften. Niemand hat geholfen.“ „Das ist unfassbar“, sagte sie. „Jetzt verstehe ich, warum es Israel gibt, geben muss!“

„Dann möchte ich Dir auch gerne den Ort zeigen, wo die Idee des Staates Israels seine Wurzeln hat“, sagte ich, „denn er ist auch hier in Köln.“ Und so kam es, dass wir die Stelle besuchten, an der das Haus stand, wo im 19. Jahrhundert die Idee des jüdischen Staates Israels von Maximilian Bodenheimer und David Wolffsohn entstand.

Anschließend gingen wir noch eine Weile durch Köln spazieren. Wir erzählten uns dies, wir erzählten uns das und wir lachten viel. Irgendwann sagte ich zu Rana: „Du bist nicht von Zuhause weggelaufen. Du bist nach Hause geflüchtet. Hier ist Dein Zuhause. Hier gehörst Du hin, mit Deinem Humor, Deiner Neugier, Deiner Toleranz und Deinem Wissen. Für mich bist Du keine Fremde. Dich verstehe ich. Fundamentalisten verstehe ich nicht. Sie sind Fremde für mich, nicht Du. Willkommen zu Hause!“

Mittlerweile bin ich mit Rana gut befreundet. Hier ein paar interessante Beiträge von ihrer Facebook-Seite:

Rana Ahmad feiert sich:

Für ihre Überzeugungen steht sie öffentlich ein:

Sie findet es lustig, dass es in Deutschland normal ist, dass vor einer Moschee Werbung für eine erotische Show mit viel Sex gemacht wird:

Sie kämpft öffentlich für die Rechte von LGBTs und für Israel:


Sie macht Frauen Mut:

Und sie holt ihre Kindheit nach:

Ein tolle Frau! Eine mutige Frau!

Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Europa, Feminismus, Liberalismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.