„Ich war Neo-Nazi“

Ein Brief von einem Leser.

Lieber Gerd Buurmann,

ich habe vor einiger Zeit mal einen Post geschrieben, in welchem ich meine Vergangenheit aufarbeitete. Ich schicke ihn Dir. Das ist harter Tobak, aber wenn nicht Dir, wem sonst?!

Von 2000 bis etwa 2002 war ich Fux (Aspirant) bei der Pennalen Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg, einer vom Hamburgischen Verfassungsschutz als rechtsextreme eingestufte und überwachte Vereinigung, welche enge Beziehungen zur Burschenschaft Germania pflegt, ihrerseits ebenso überwacht und als rechtsextrem eingestuft.

(Anmerkung von Tapfer im Nirgendwo: 2005 warb die Verbindung in der Parteizeitung der NPD, der Deutschen Stimme, um Mitglieder. In diesem Zusammenhang wurde ihr von der Hamburger Innenbehörde eine „ideologische Nähe zur NPD“ bescheinigt. Ziel der Verbindung sei es gewesen, „Neonazis an die Uni Hamburg zu holen“.)

Meine „Bundesbrüder“ waren unter anderem der mittlerweile verstorbene André Busch, welcher das Buch „Blutzeugen“ schrieb und es bei einem rechtsradikalen Verlag auflegen ließ. Er war Fillialleiter einer Bank. Innerhalb der Verbinung wurden allerhand Verschwörungstheorien verbreitet, unter anderem die Weltmacht des internationalen Finanzjudentums, das Fortbestehen des Deutschen Reichs und ein bevorstehender Bürgerkrieg, den wir natürlich für uns entscheiden würden. Ich wurde mit sehr vielen „Informationsschriften“ zugemüllt, die alle diese wirren Thesen zu belegen versuchten. Ich habe den Holocaust geleugnet und mich antisemitischer Ansichten bedient.

Doch dann schlichen sich Zweifel ein.

Wieso soll ich Menschen hassen, welche ich noch nicht mal kenne, nur weil die nicht Deutsche sind? Wieso soll ich Menschen hassen, die einer anderen Religion angehören? Wie soll ich „rein deutsch“ leben in einer globalisierten Welt? Die Zweifel mehrten sich und mein Verstand schaltete sich ein. „Das ist doch irrational“, dachte ich mir irgendwann, als in mir der Widerstand wuchs. Ich kann doch niemanden pauschalisieren, Vorurteile schüren und auf Menschen zeigen, wenn mir die Realität etwas anderes zeigt. Wie kann ich als Gastronom Ausländer bedienen und am Wochenende dann über sie fluchen? Das passte alles nicht zusammen.

Jeder Mensch sucht doch insgeheim nach Liebe, wieso dann aber schürrt er Hass? Es dauerte dann noch einige Jahre, bis ich wirklich diesen braunen Panzer ablegen konnte. Ich öffnete mich, weil ich diesen Hass nicht mehr ertragen hatte. Ich wurde unzufrieden und fühlte mich in dieser Rolle nicht mehr wohl. Immer nach Schuldigen suchen, immer den einfachsten Weg der Verschwörung gehen, immer propagieren, propagieren, propagieren. Ich konnte es nicht mehr, weil ich erkannt habe, dass man mit offenem Herzen und offenem Blick mehr erreichen kann.

Ich bewege mich nicht mehr in einem engen Kreis gleichgesinnter Engstirnigkeit, sondern bin so frei wie in meinem ganzen Leben zuvor nie!

Das Leben ist keine Schiene, auf der man nur in eine Richtung fahren kann. Das Leben ist ein offenes Feld, auf dem man in alle Richtungen ausweichen soll. Das ist eine Erkenntnis, die ich durch Selbstreflektion jahrelang lernen musste und ich bin stolz darauf, dass ich es alleine schaffte. Nun habe ich einen Sohn und die Verantwortung für seinen Lebensweg. Was hätte ich ihm vor Jahren vermittelt? Hass und das Verbot mit Ausländern zu spielen. Heute aber wird er offen, tolerant und rational aufwachsen.

Er soll sich die Meinung über Menschen durch Aktion und Reaktion bilden, alle Probleme für sich beurteilen und bekämpfen und er soll vor allem auch keine Sicherheit in Vorurteilen finden.

***

Dieser Beitrag wurde unter Fremde Feder veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.