„Ich war Neo-Nazi“

Ich bekomme viele Mails, Lob und Unterstützung, aber auch (verständliche) Kritik und ab und zu mal pure Hassmails. Manchmal aber kommen auch ganz besondere Mails, die mich sehr berühren, so wie diese Mail, die mich in der Adventszeit 2016 erreichte:

Lieber Gerd Buurmann,

ich habe vor einiger Zeit mal einen Post geschrieben, in welchem ich meine Vergangenheit aufarbeitete. Ich schicke ihn Dir. Das ist harter Tobak, aber wenn nicht Dir, wem sonst?!

Von 2000 bis etwa 2002 war ich Fux (Aspirant) bei der Pennalen Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg, einer vom Hamburgischen Verfassungsschutz als rechtsextreme eingestufte und überwachte Vereinigung, welche enge Beziehungen zur Burschenschaft Germania pflegt, ihrerseits ebenso überwacht und als rechtsextrem eingestuft.

(Anmerkung von Tapfer im Nirgendwo: 2005 warb die Verbindung in der Parteizeitung der NPD, der Deutschen Stimme, um Mitglieder. In diesem Zusammenhang wurde ihr von der Hamburger Innenbehörde eine „ideologische Nähe zur NPD“ bescheinigt. Ziel der Verbindung sei es gewesen, „Neonazis an die Uni Hamburg zu holen“.)

Meine „Bundesbrüder“ waren unter anderem der mittlerweile verstorbene André Busch, welcher das Buch „Blutzeugen“ schrieb und es bei einem rechtsradikalen Verlag auflegen ließ. Er war Fillialleiter einer Bank. Innerhalb der Verbinung wurden allerhand Verschwörungstheorien verbreitet, unter anderem die Weltmacht des internationalen Finanzjudentums, das Fortbestehen des Deutschen Reichs und ein bevorstehender Bürgerkrieg, den wir natürlich für uns entscheiden würden. Ich wurde mit sehr vielen „Informationsschriften“ zugemüllt, die alle diese wirren Thesen zu belegen versuchten. Ich habe den Holocaust geleugnet und mich antisemitischer Ansichten bedient.

Doch dann schlichen sich Zweifel ein.

Wieso soll ich Menschen hassen, welche ich noch nicht mal kenne, nur weil die nicht Deutsche sind? Wieso soll ich Menschen hassen, die einer anderen Religion angehören? Wie soll ich „rein deutsch“ leben in einer globalisierten Welt? Die Zweifel mehrten sich und mein Verstand schaltete sich ein. „Das ist doch irrational“, dachte ich mir irgendwann, als in mir der Widerstand wuchs. Ich kann doch niemanden pauschalisieren, Vorurteile schüren und auf Menschen zeigen, wenn mir die Realität etwas anderes zeigt. Wie kann ich als Gastronom Ausländer bedienen und am Wochenende dann über sie fluchen? Das passte alles nicht zusammen.

Jeder Mensch sucht doch insgeheim nach Liebe, wieso dann aber schürrt er Hass? Es dauerte dann noch einige Jahre, bis ich wirklich diesen braunen Panzer ablegen konnte. Ich öffnete mich, weil ich diesen Hass nicht mehr ertragen hatte. Ich wurde unzufrieden und fühlte mich in dieser Rolle nicht mehr wohl. Immer nach Schuldigen suchen, immer den einfachsten Weg der Verschwörung gehen, immer propagieren, propagieren, propagieren. Ich konnte es nicht mehr, weil ich erkannt habe, dass man mit offenem Herzen und offenem Blick mehr erreichen kann.

Ich bewege mich nicht mehr in einem engen Kreis gleichgesinnter Engstirnigkeit, sondern bin so frei wie in meinem ganzen Leben zuvor nie!

Das Leben ist keine Schiene, auf der man nur in eine Richtung fahren kann. Das Leben ist ein offenes Feld, auf dem man in alle Richtungen ausweichen soll. Das ist eine Erkenntnis, die ich durch Selbstreflektion jahrelang lernen musste und ich bin stolz darauf, dass ich es alleine schaffte. Nun habe ich einen Sohn und die Verantwortung für seinen Lebensweg. Was hätte ich ihm vor Jahren vermittelt? Hass und das Verbot mit Ausländern zu spielen. Heute aber wird er offen, tolerant und rational aufwachsen.

Er soll sich die Meinung über Menschen durch Aktion und Reaktion bilden, alle Probleme für sich beurteilen und bekämpfen und er soll vor allem auch keine Sicherheit in Vorurteilen finden.

***

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15 Antworten zu „Ich war Neo-Nazi“

  1. Sophist X schreibt:

    Etwas eigenwillige Prosa, aber für einen Ex-Nazi nicht schlecht. War am Ende wohl zuviel Hirn für eine Nazikarriere.

    Ich wurde mit sehr vielen „Informationsschriften“ zugemüllt,

    Alle werden zugemüllt. Sobald der Fernseher läuft oder wir eine Zeitung sehen.
    Ich hoffe, die Fähigkeit zur Mülltrennung lässt nicht nach.

  2. ceterum censeo schreibt:

    „Was hätte ich ihm vor Jahren vermittelt? Hass und das Verbot mit Ausländern zu spielen. Heute aber wird er offen, tolerant und rational aufwachsen.
    Er soll sich die Meinung über Menschen durch Aktion und Reaktion bilden, alle Probleme für sich beurteilen und bekämpfen und er soll vor allem auch keine Sicherheit in Vorurteilen finden.“

    Die Tragik des Vaters und des Sohnes sind geradezu herzzerreißend. Kann man hier von Regen und Traufe sprechen? Unbemerkt vom Vater hat sich die Gesellschaft in eine großformatige gespiegelte Version seiner alten Neonazizelle verwandelt. Der Sohn darf sich heute genausowenig eine eigene Meinung über Menschen bilden, wenn es sich beispielsweise um sogenannte Ausländer handelt. Um eine ganz bestimmte Sorte natürlich, wie wir alle wissen. Sonst ist er schneller ein Nazi als der Papa einer gewesen ist.
    Aber ja, offen und tolerant wird er sicher aufwachsen, wenn auch recht einseitig, geschenkt. Das „rational“ wollen wir mal schnell wieder vergessen.
    In einer Sache ist dem Papa aber wohl zuzustimmen: Sicherheit wird der Junge tatsächlich nicht mehr finden. Weder in Vorurteilen, noch im Leben. Wie unser Innenminister, oder wars der Justizminister, vor laufender Kamera sagte, habe hinfort niemand mehr das Recht auf Sicherheit! (Außer natürlich Minister und andere Gesalbte.) Das stünde so auch überhaupt nicht im GG der BRD.
    Trotzdem ist es natürlich schön, wenn jemand sich vom braunen Gedankengut abwendet. Ich möchte die gute Laune auch nicht ganz vermiesen.

  3. Citoyenne schreibt:

    Hut ab vor diesem Outing! Und Gratulation zu Ihrer Entwicklung, lieber Gerd Buurmann!

  4. Eliyah schreibt:

    Menschen können sich ändern! Wer den Glauben daran verliert, braucht auch nicht mehr hoffen.

    • caruso schreibt:

      Genau so ist es, lieber Eliyah.
      lg
      caruso

    • kampmannpeine schreibt:

      Genauso ist es. Ich denke, man sollte den Glauben an das Gute im Menschen nicht verlieren. Aber wie sagt Ebner-Eschenbach: Man muss das Gute tun, damit es in der Welt sei!

      So einfach ist es also nicht mit dem Guten …
      Ich denke aber, unserem „Delinquenten“ sollte eine Chance eingeräumt werden!

Seid gut zueinander!

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