Der Witz ist ein Verräter!

Bei Humor hört der Spaß auf.

Wenn zwei Menschen nicht den gleichen Sinn von Humor haben, stehen sie sich so unversöhnlich gegenüber wie Menschen, die an unterschiedliche Götter glauben. So wie Fundamentalisten einander vorwerfen, nicht an den richtigen Gott zu glauben, werfen sich Menschen mit unterschiedlichen Humorvorstellungen vor, einen schlechten oder gleich gar keinen Humor zu haben. Humor und Religionen sind wie Fürze: Man glaubt, nur die der Anderen stinken.

Wer glaubt, ein Mensch sei eine Gefahr, weil er einen Witz macht, glaubt auch, eine Frau sei eine Gefahr, wenn sie ohne Verschleierung aus dem Haus geht. Die Zensur ist für die Redefreiheit das, was der Schleier für die Rechte der Frau ist. Jede Frau darf selbst entscheiden, ob sie einen Schleier tragen möchte, so wie jeder Mensch selbst entscheiden darf, ob und zu was er oder sie schweigen will.

Politische Gesinnungen sind die Burkas des Humors. Gute Comedy muss nackt sein!

Es gibt Menschen, die haben Witz, Humor und Ironie und dann gibt es jene, die bevorzugen Kabarett mit Gesinnungsgarantie. Sie verlangen nach dem Scherzkeks, der ein Feindbild zum Auslachen erwählt. Sie wollen auslachen, nicht mitlachen. Sie brauchen ein Feindbild.

Wer das jeweilige Feindbild ist, hängt von der Gemütslage der Gesellschaft ab. Ganz sichere Adressen sind jedoch stets “die da oben”. So kann das Publikum die Illusion aufrecht erhalten, für die Politik nicht verantwortlich zu sein. “Die da oben” werden von den Gesinnungslachenden behandelt, als seien sie ihnen vorgesetzt worden, so wie ein König oder ein Diktator dem Volk vorgesetzt wird.

Die Funktion des gesinnunsorientierten Spaßmachers gleicht der des politischen Scharfmachers: Beide demonstrieren und schaffen Identität. Sie verkörpern die Instanz, die es dem Publikum erlaubt, zu einer Horde zu werden, in der man die eigene Wut ablassen kann. Das Lachen ist dort eine Form der Aggression, ein Zähnezeigen.

Die fade Erklärung mancher Kabarettisten lautet, ein guter Kabarettist trete nie nach unten, aber schon allein die Aussage ist arrogant. So bestimmt nämlich der Kabarettist, wer unten ist und überhöht sich dadurch selbst. Der Kabarettist steht über allem, eine sehr perfide Form der Selbstüberhöhung im Büßergewand und absolut chauvinistisch. Bei solchen Humor-Chauvinisten siegt die politische Haltung stets über den Sinn für Humor. Wenn sie wählen müssen zwischen recht haben und lustig sein, wählen sie recht haben.

Es gibt Komiker, die zeigen mit dem Finger auf andere und es gibt Komiker, die zeigen mit dem Finger auf sich.

Jeder Mensch gibt Grund zu lachen, denn Menschen haben Ideologien, Religionen und Überzeugungen und die sind immer auch saukomisch. Es ist absolut berechtigt, darüber Witze zu machen! Wenn jemand glaubt, ich beleidigte ihn, nur weil ich über den Koran, das Evangelium, ein Manifest, Marx, Mohammed oder Jesus lache, dann soll er sich beleidigt fühlen. Wer glaubt, ich verachte ihn, nur weil ich Witze über seinen Glauben mache, verwechselt sich mit seinen Überzeugungen. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Ideen!

Lachen ist keine freiwillige Sache!

Ein Mensch hört nicht einen Witz, sortiert ihn in seine Schubladen ein und entscheidet dann, ob er lacht. Wenn ein Witz gut ist, muss man lachen. Man kann gar nicht anders. Die Frage „Darf man darüber lachen?“ ist daher absurd. Man lacht, weil man lachen muss! Man kann sich hinterher zwar schämen, gelacht zu haben, so wie man sich schämt, in aller Öffentlichkeit eine Erektion bekommen zu haben, aber die Scham hilft nicht weiter. Das Lachen lässt sich nicht unterdrücken. Man kann höchstens hinterher lügen und sagen, man habe das überhaupt nicht komisch gefunden, so wie manche ihre Sexualität verleugnen.

Das Lachen ist vom Willen entkoppelt wie die Lust.

Wenn jemand einen Witz macht, über den man nicht lachen kann, dann lohnt es sich, die Ohren zu öffnen. Wenn nämlich andere lachen, dann wird es deren erogenen Lachmuskeln offenkundig stimuliert haben. Welches Recht haben wir, diesen Menschen das Lachen zu verbieten? Der Humor der Anderern ist keine krankhafte Perversion. Man muss den Humor nicht teilen, aber für jede humoristische Spielart gibt es eine Zielgruppe. Mich zum Beispiel lässt politisches Kabarett mit Gesinnungsgarantie kalt. Ich will nicht bedient werden. Ich will vom Comedian gefickt werden. Ich will lachen, weil ich lachen muss!

Daher sollten wir auch nachsichtig mit den Comedians sein. Comedians sind stets auf der Suche nach dem Gag, auch dort wo es weh tut. Lachen ist Urlaub vom Leid. Lachen hilft, mit Dingen fertig zu werden und nicht zu verzweifeln.

Ein Comedian sucht nicht nach der universellen Wahrheit, sondern nach dem einzigartigen Lacher. Diese Suche ist stets auch ein Tanz am Abgrund des guten Geschmacks und jeder gute Comedian stolpert mal oder fliegt sogar gehörig auf die Schnauze. Humor lebt von wilden Gedanken, von Grenzüberschreitung und Unangepasstheit. Wer auf einer Bühne ist und für den Witz steht, betreibt damit Hochleistungssport. Die Bühne ist stets Ausnahmezustand.

Manchmal ist ein Gag faul, aber das gehört dazu. Ein Ei muss erst aufgeschlagen werden, um sicher zu wissen, ob der Inhalt faul ist und natürlich gibt es auch faule Witze.

Dem Humor freien Lauf zu lassen, ermöglicht dem Gegenüber einen tiefen Blick in die eigene Seele, vor allem in die unbewussten Flecken dieser Seele und jede Seele hat Flecken. Schon oft habe ich mich durch mein Lachen verraten.

Der Witz ist ein Verräter!

Darum gehört der Witz auch zu den ersten Dingen, die Diktaturen verbieten.

Lachen ist gefährlich!

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