Eine Liebeserklärung an Henryk Broder

„Vielleicht hört es sich ein wenig melodramatisch an und theatralisch, aber es gibt diese Momente und dann hat man auf einmal diesen glücklichen Gedanken: Aber es gibt noch immer Henryk. Er ist es. Glücklich! Er ist noch immer da. Das ist ja toll. Solange er da ist, gibt es Hoffnung.“

Diese Worte über Henryk M. Broder stammen von Leon de Winter. Wie Recht er hat. Ich liebe diesen Mann auch, der mit seinem Humor, seinem Wut, seiner Verletztheit und seiner unbändigen Lust am Leben über die Welt schreibt und über die Menschen, die auf diesem Planeten wandeln, fallen und aufstehen. Er stellt alles Frage, weil er den Zweifel liebt. Und er macht sich Sorgen um Deutschland, obwohl er bei einem Kaffeeklatsch mit Leon de Winter zugibt:

„Es ist schon komisch. Da sind zwei Juden an einem Tisch in Dresden und reden darüber, wie schade es ist, dass Deutschland sich aufgegeben hat. Es ist doch völlig absurd, oder? Wir machen uns Sorgen um den Fortbestand Deutschlands. Haben wir gekifft heute?“

Das Gespräch mit Leon de Winter ist Teil der Dokumentation „Der ewige Antisemit“ von Joachim Schröder. In dem Film geht Henryk Broder auf die Suche nach Judenhass in Europa. Was er auf seine Reise findet, ist erschreckend und macht wütend und traurig: Hochbewaffnete Soldaten in jüdischen Vierteln in Paris, die Juden schützen müssen, weil in Frankreich immer mal wieder Juden getötet werden, weil sie Juden sind; einen Rabbiner in Malmö, der erklärt, dass das Leben für Juden in der schwedischen Stadt unerträglich geworden ist und die letzten Juden überlegen, die Stadt zu verlassen; den ehemaligen Bürgermeister der Stadt Krauschwitz in Sachsen-Anhalt, der den Holocaust leugnet; eine Professorin in Hildesheim, die wortgewandt mörderischen Israelhass relativiert, der an ihrer Universität gelehrt und veröffentlicht wurde, darunter die Aussage, Israel sei schlimmer als Nazideutschland; einen jüdischen Restaurantbetreiber, der ein Restaurant schließen musste, weil seine deutschen Nachbarn erklärten, die Israelis seien das Unglück der Welt; und er trifft mehrmals den Autoren Hamed Abdel-Samad, der nur noch mit Personenschützer das Haus verlassen kann, weil er den Islam hinterfragt und mit Juden befreundet ist und dafür von deutschen Journalisten kritisiert wird, weil er mit seinen aufklärerischen Werken den Islam beleidigen soll. Die Dokumentation endet mit Worten von Leon de Winter:

„Mein Gott, was haben unsere Ahnen, unsere Eltern, das Europa geliebt, das bürgerliche Ideal. Es hat wenige Gruppe gegeben, die das mit so viel Hingabe umarmt haben. Als im frühen 19. Jahrhundert im Ghetto die Türen geöffnet wurden, wie besessen sie waren, wie so unglaublich hungrig. Und ich denke auch, wir erleben jetzt die letzte Phase der jüdischen Existenz in Europa. Es ist die letzte Phase. Es hat angefangen in den dreißiger Jahren. Es war eine eigentlich nie beantwortete Liebe. Ich denke in vierzig, fünfzig Jahren gibt es eigentlich keine Juden mehr in Europa.“

Diese Worte sind so schmerzhaft, dass wir sie alle hören müssen, vor allem, wenn wir an folgende Worte von Henryk Broder denken:

„Antisemitismus ist wie der berühmte Kanarienvogel im Bergbau. Wenn der Kanarienvogel tot umfällt, dann wissen die Bergleute, obwohl sie noch nichts gerochen haben, es ist Zeit, den Schacht zu verlassen. Das ist Antisemitismus. Der Vorbote eines größeren Unheils.“

Ich bin zwar nur ein sehr, sehr kleiner Teil Europas, aber an dieser Stelle möchte ich meine Liebe erwidern. Ich liebe Henryk! Und ich bin stolz, dass er mich seinen Freund nennt.

Ich bin mir sicher, in hundert Jahren werden die kommenden Generationen auf jene Zeitgenossen, die Broder heute mit den blumigsten Worten verteufeln, mit so viel Unverständnis blicken, wie wir heute auf jene blicken, die einst Heinrich Heine verteufelten. Heute wissen wir, was damals die Hauptgründe für das Heine-Bashing und für die Herabsetzungen waren. Heinrich Heine war stets klar, deutlich und direkt mit seinen Worten. Oft lüftete er das Mieder der deutschen Sprache. Er kritisierte Religionen und Majestäten. Sein Spott traf Rechte wie Linke. Und er war Jude.

Henryk ist wie Heinrich, ein Charakter, der sich selbst keinen Maulkorb verpasst, aus Angst, die Falschen könnten ihn zitieren. Er muss sich nicht rechtfertigen. Seine Haltung ist so klar wie die Heines. Deutschland wäre ärmer ohne ihn. Deutschland ist Broders zu Hause, seine Beute, und zu Hause ist dort, wo man die Buxe aufmacht! Allerdings erklärt er:

„Ich muss sagen, mir ist dieses jüdischen Beharren, >Wir bleiben hier<, leicht unheimlich. Ich halte das nicht für besonders klug. Wenn man etwas aus der Geschichte gelernt haben will, muss man vermutlich als erstes wissen, wann die Zeit da ist zu gehen."

Lieber Henryk,

egal, ob Du bleibst oder gehst, ob nun nach Paris wie Heinrich Heine oder nach Reykjavik, bitte schreibe noch lange weiter über Deutschland, über die Linken und die Rechten, über die Hybris der Deutschen, die im Luftreich des Traums die Herrschaft so unbestritten zu behaupten suchen, dass sie auf ihren Wegen gar manches Sternlein ausputzen mit ihren Flügelschlägen und lass Dir nicht einreden, Deine deutlichen Worte über Majestäten und Religionen seien Beleidigungen. Schreibe noch viele, viele gesunde Jahre weiter über Dein persönliches Wintermärchen.

Dein Freund,
Gerd

Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Israel, Judentum, Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Eine Liebeserklärung an Henryk Broder

  1. Thomas ex Gotha schreibt:

    Schade, dass Broder 2013 nicht auf den Rat eines schlaueren Freundes, Wolfgang Pohrt, gehört hat: „Was den Israelis ganz bestimmt nicht hilft, ist verbale Herumdrescherei auf den Moslems hier. Die alte Langspielplatte seit dem Berliner Antisemitismusstreit, nur dass die Juden durch die Moslems ersetzt wurden: »Sie wollen sich nicht integrieren. Und wenn sie sich integrieren wollen und sich für integriert halten …. sind sie es nicht wirklich.« Also wenn die Moslems sagen, was Augstein sagt, kommt es bei den Moslems vom Islam.
    Islamophobie ist eine Art Aufbautraining für schwächelnden Antisemitismus. Bei den Moslems risikolos üben, und dann, wenn man es kann: »Ist Israel nicht auch ein Gottesstaat? Wie ist das mit Ehe und Scheidung? Sind die Juden nicht genau so fanatisch wie die Moslems?« Etc. Kannst Du alles heute schon in den Foren nachlesen.“
    Unverdrossen versammelt Broder auf seiner „Achse“ Journalisten, die nach der Pensionierung noch einmal die Sau rauslassen wollen, Blogger mit nur rudimentären Kenntnissen der deutschen Sprache oder Gestalten wie eine Politikerin, die in allen Parteien, in denen sie gewirkt hat, kaum eine andere Spur hinterlassen haben kann als das Gefühl der Erleichterung, als sie endlich weg war. Und alle schreiben den gleichen xenophoben Unfug, der vor allem dazu dient, das Gemüt der Deutschen, mit denen er längst seinen Frieden geschlossen hat, zu erbauen: Sieh mal einer an, die Antisemiten Barbaren Chauvis, das sind doch nicht mehr wir, das sind die Fremden. Was den Rest anbelangt, so drücken dort Fetischisten ihre Liebe zu nutzlosen und gefährlichen Apparaten wie Autos oder Atomkraftwerken aus.
    Ein Periodikum, das Texte veröffentlicht, die zu 98 bis 99 % Schrott sind – Heine wird vor Neid erblassen.

  2. Nordland schreibt:

    „Ich muss sagen, mir ist dieses jüdischen Beharren, >Wir bleiben hier<, leicht unheimlich. Ich halte das nicht für besonders klug. Wenn man etwas aus der Geschichte gelernt haben will, muss man vermutlich als erstes wissen, wann die Zeit da ist zu gehen.“

    Als nichtjüdischer Deutscher kann ich nur sagen: Bitte bleibt. Lasst uns mit diesen Migranten (und mit diesen Deutschen!) nicht allein.

  3. Vesna Quartier schreibt:

    Schön, dass es Sie gibt und dass Sie in.Deutschland unter uns sind. Ich lese sehr gerne ihre kritischen und zugleich amüsanten Beiträge. Meine ganze Familie liest sie. Vielen Dank.

  4. Monika Schwiegershausen schreibt:

    Mich begeistern diese Aussagen von Hendrik M. Broder. Er sieht die Welt mit scharfen, intelligenten und kritischen Augen.

  5. Angela Schattleitner schreibt:

    Das „Sapere aude“, der Zweifel als Ausgangspunkt unserer Kultur hat sich in Hendryk Broder einen Anwalt gesucht. Er verkörpert das Beste was ich mit Deutschland verbinde. Danke für ihren Einsatz und ihren Artikel.

  6. Bruno Becker schreibt:

    Ich liebe diesen Mann auch, der mit seinem Humor, seinem Wut, seiner Verletztheit und seiner unbändigen Lust am Leben über die Welt schreibt und über die Menschen, die auf diesem Planeten wandeln, fallen und aufstehen.

    So geht es mir auch. Neben den Beitraegen auf diesem Blog ist Broders Schreibe eine weitere Seelenstuetze, die mir immer wieder hilft, ueber den tristen Alltag mit all seinen schrecklichen Meldungen zu kommen.

  7. Beatrice Mayer schreibt:

    Leider kenne ich Herrn Broder nicht persönlich, aber was ich kenne, das liebe ich auch.
    Vielleicht frech, aber wahr.

  8. Bernd L. Müller schreibt:

    Wir sind stolz auf einen Mitbürger namens Henryk M. Broder. Ein Mann wie Fels in der Brandung.

    Mir – meinen Freunden, Familie – ist Herkunft , Religion völlig gleichgültig. Gleichwohl wir v.g. dafür bewundern, dass er sich mit seiner Biografie so um Deutschland kümmert.

    Um uns Bürger/innen die dieses Land von Heute mit all seinen Fehlern schätzen, lieben, Land unserer Vorfahren die soviel ideales – Henryk M. Broder – erschufen, aber auch so furchtbares wie 33 – 45 installierten, im fanatischen Wahn, ohne Sinn und Verstand.

    Stolz sind wir auf unzählige jüdische Mitbürger/innen die in Deutschland, für Europa und weltweit soviel Großes erschufen.

    Auch wenn wir uns aktuell oft nach einem Ort, Nation sehnen wo es nicht diese unsägliche Wiederholung von Antisemitismus und / mit paralleler Flutung von Wirtschaftsflüchtlingen gibt.

    Henryk M. Broders Worte sind gerade jetzt unverzichtbar für uns . Mehr davon !

  9. Tobias Claren schreibt:

    Ich finde positiv dass er für die Abschaffung von StGB 86 und 130 aus dem Strafgesetzbuch ist…..
    Sieht dass der Autor hier auch so…?
    Ich bin aus den gleichen Gründen wie Broder für die Abschaffung.
    Ich bin auch für die Abschaffung von 90, 90a (!), 103 (hat Böhmermann geschafft, der verschwindet nun), 130, 140 (gezielte Belohnung von Kapitalverbrechen kann man diskutieren, aber nicht nur Sympathiebekundungen), 166, 185, 186, 187, 188 („Politikerbeleidigung, extrawurst…), 189 (Beleidigung Verstorbener, Hitler, Göbbels etc. beleidigen ist eine Straftat ;-] ), 192…
    Wäre Ich als Rechter wäre die Abschaffung des StGB 86 und 130 dann wäre IUch aber nicht fpr die Abschaffung von StGB 90a…
    Dazu bitte Bundesdienstflagge Toilette googlen, und das Kunstwerk bewundern.

    • besucher schreibt:

      Ich finde positiv dass er für die Abschaffung von StGB 86 und 130 aus dem Strafgesetzbuch ist…..

      Wer diese §§ abschaffen will, hat deren Zweck nicht verstanden oder macht sich darüber lustig, dass geschriebenes Recht hier nicht mit dem gebotenen Willen zur Durchsetzung verbunden ist. Herrn Broder unterstelle ich die zweite Option und schließe mich seiner (unterstellten) Meinung an.

  10. wollesgeraffel schreibt:

    Genauso ist es. Sie haben das in Worte gefaßt, was ich nicht sagen kann. Jedesmal, wenn ich die Achse des Guten auf meinem Tablet hochfahre, schaue ich voller Vorfreude, ob Herr Broder etwas veröffentlicht hat. Und mit gelinder Häme denke ich daran zurück, wie Herr Broder den Henseler abgemeiert hat. Das man sich heutzutage verdächtig macht, wenn man sein Recht auf freie Rede in Anspruch nimmt, wird erträglicher durch Menschen wie Ihren Freund Henryk.
    Der neudeutsche Antisemitismus erfüllt mich mit Scham. Ganz Europa ist diesem, vor allem linken, Antisemitismus anheimgefallen. Wer Marx unflätige Ausfälle gegen die Juden gelesen hat weiß, woher das kommt. Umso dankbarer bin ich für Menschen wie Henryk Broder, die diesem bösartigen Unflat widerstehen.

    • Matthias Hoyer schreibt:

      Bei den sehr üblen Randalen auf dem G20-Gipfel in Hamburg musste man leider die extreme und eben internationale Ausprägung der Linken zur Kenntnis nehmen. Die Hoffnung auf ein Ende dieser Entwicklungen und vielleicht sogar auf eine europäische Trendwende darf man aber (bitte) nicht aufgeben.

  11. haygundihellene schreibt:

    Die Dokumentation war ein authentischer, ungefilterter Einblick, in das was Juden immer wieder berichten. Broder hat eine sehr gute Arbeit gemacht. Schade nur dass sie so spät und dann noch auf einem 3. Programm ausgestrahlt wurde. Normalerweise gehört die Doku in die Sonntags Prime Time der ARD!

Sämtliche Kommentare sind nur wenige Tage sichtbar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s