Das fürchterliche Wort „Beziehungstat“

Das Wort „Beziehungstat“ verharmlost alle terroristischen Taten, die im Rahmen von Sexismus begangen werden. Sexismus ist neben Rassismus, Judenfeindlichkeit und Fremdenfeindlichkeit ein Hass. Er darf nicht verdrängt werden.

Es gibt organisierten Sexterror, wie in der Silvesternacht 2015 in Köln, staatlichen Sexterror, wie beim Kopftuchzwang und privaten Sexterror, wie die sogenannten Ehrenmorde. Wer sexualisierte Gewalttaten als „Beziehungstaten“ herunterspielt, leugnet so den Terror gegen Frauen, der die gesamte Gesellschaft durchzieht und in vielen, oft religiös definierten Kulturen, zum Alltag gehört. Das Ziel des sexistischen Terrors ist es, bei Frauen Angst und Schrecken zu verbreiten.

Der Münchner Sozialpädagoge Andreas Dexheimer jedoch verharmlost den Terror. Im Focus erklärt er auf die Frage, ob das Frauenbild des jungen Mannes, der in Kandel eine junge Frau abgestochen hat, für seine Tat eine Rolle gespielt hat, wie folgt:

„Ich denke nicht, dass es irgendeine Rolle gespielt hat. Denn grundsätzlich ist das Frauenbild von jungen Afghanen von Wertschätzung geprägt. Die Mutter hat in der Familie die Hosen an. Diese Wertschätzung gilt ebenfalls jüngeren Frauen oder Gleichaltrigen.“

1936 hätte dieser Sozialpädagoge vermutlich folgendes über die Hitlerjugend geschrieben: „Das Judenbild dieser jungen Deutschen ist von Wertschätzung geprägt. Juden haben in der Finanzwelt die Hosen an.“ Was immer Andreas Dexheimer studiert hat, in der Zeit hat er offensichtlich erfolgreich den Hass verdrängt, der sich in diesen zwei Sätzen manifestiert:

„Alles Fotzen außer Mutti!“
„Ich habe nichts gegen Juden, einige meiner besten Freunde sind Juden.“

Ein Judenhasser, der Juden als Freunde hat, mag diese Juden nur solange, wie sie ihren Platz in der durch Judenhass geprägten Gesellschaft kennen und akzeptieren. Ebenso ist es mit Frauen in sexistischen Gesellschaften. Solange sie ihre Stellung akzeptieren, werden sie geliebt. Ein Frauenhasser schläft sogar mit Frauen, oft zahlt er sogar dafür.

Grundsätzlich sind alle Erklärungsversuche von Andreas Dexheimer, den Hass frauenfeindlicher Gewalttäter zu erklären, durchtränkt von der Weigerung, Sexismus mit in die Gleichung zu nehmen. Wenn er zum Beispiel erklärt, junge Afghanen seien in Gewalt aufgewachsen und hätten diese Gewalt zu Hause von der Taliban und auf der Flucht von Mitflüchtlingen erlebt, dann unterschlägt er, dass Frauen ebenfalls in diesem Klima der Gewalt aufgewachsen. Dennoch ticken deutlich weniger Frauen aus. Andreas Dexheimer erklärt:

„Viele entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung. Sie leben in der Sorge um ihre Existenz, sind schreckhaft, ängstlich, angespannt.  Zudem ist die Lage von allen afghanischen Flüchtlingen hochproblematisch, da sie wissen, dass sie kaum eine längerfristige Bleibeperspektive haben. Sie haben Angst, dass sie das Land bald verlassen müssen.“

Wenn das erklären soll, warum junge Männer ausrasten und zur Gewalt greifen, warum gilt diese Erklärung dann nicht auch für junge Frauen? Man kann dieses Phänomen natürlich auf die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen schieben, aber diese Erklärung unterschlägt, dass dieses Phänomen nicht nur zwischen Männern und Frauen auftaucht. Juden zum Beispiel wurden jahrhundertelang in Europa brutal verfolgt. Dennoch hat sich in Europa niemals ein jüdischer Terrorismus entwickelt, der auch nur vergleichbar wäre mit dem islamischen Terrorismus wie wir ihn heute erleben. Wenn man Juden erlauben würde, ihren Hass so zu verarbeiten, wie es bei Muslimen nur allzu oft toleriert wird, dürfte Israel heute sowohl die europäische als auch die arabische Welt auslöschen und Andreas Dexheimer würde entschuldigende Worte dafür finden.

Jeder Versuch einer Erklärung des islamischen Terrors durch den Hass, den Muslime erfahren, unterschlägt die Tatsache, dass Juden krasseren Hass erleben mussten und immer noch erleben müssen, ohne zu vergleichbarem Terror und Gewalt zu greifen. Es muss somit irgendwas in der jüdischen Philosophie geben, das in der islamischen Philosophie nicht so sehr zur Entfaltung gelangen konnte. Wer nun aber behauptet, das läge an biologischen Unterschieden zwischen Juden und Muslimen, ist ein Rassist. Muslime sind weder dümmer noch klüger als Juden. Alle Menschen sind in der Lage, die Welt zu erfahren und zu erklären. Muslime können von Juden lernen, so wie Juden von Muslimen lernen können.

Wer glaubt, es gäbe biologische Unterschiede, die Männer weniger vernünftiger machen als Frauen, ist ein Sexist. Männer können von Frauen lernen. Die erste Lektion ist es, sexualisierte Gewalt gegen Frauen nicht weiter zu marginalisieren und zu verharmlosen. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist Terror. Dieser Terror taucht in allen Gesellschaften und Kulturen auf. Alle Kulturen sind in der Lage, gegen diese Gewalt zu wirken. Alle Kulturen sind aber auch in der Lage, diese Gewalt zu ignorieren, zu tolerieren oder gar zu fördern. Zur Zeit zeigen sich viele islamische Gesellschaften als sehr anfällig für sexistischen Terror.

Vergewaltigungen können jede Frau treffen. Das ist Terror! Jeder Mord, resultierend aus der Weigerung der Frau, Besitz zu sein, ist Terror, unabhängig von der Ideologie des Täters. Menschenhandel ist Terror!

Terror agiert auch und vornehmlich sexistisch und in seiner sexistischen Form wird er sogar hier und da durch Staaten gefördert. Es darf nicht sein, dass Opfer dieses Terrors einfach nicht als Opfer von Terror anerkannt werden, nur weil es angeblich irgendeine Definition verwässern soll. Welche Definition eigentlich?

Den Sex-Terror als solchen zu bezeichnen und zu verurteilen, muss eine Selbstverständlichkeit sein, egal woran man selbst glaubt.

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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