Selfie in Auschwitz

Immer wieder wird vom jüdischen Humor gesprochen, aber nur wenige wissen wirklich, wie unfassbar brutal dieser Humor sein kann. Brutaler Humor ist jedoch das Menschlichste womit man auf das Unmenschliche reagieren kann. Tapfer im Nirgendwo präsentiert ein krasses Beispiel dieses Humors von Rotem Weissberg, Tal Michalovitch und Moria Zrachia in einer Übersetzung von Eli Benedikt und David Serebrjanik.

Los geht’s! Es ist unsere Klassenfahrt nach Polen 2017!

(Lehrerin: Achtung! Klasse, alle zu mir! Hört ihr nicht, was ich sage? Seid ihr alle taub? Geht jetzt rein! Alle in einer Reihe!)

Verstehst du? Auschwitz ist so aufregend! Ich zittere am ganzen Körper, mein Traum wird wahr.

Krematorium! Gaskammern! Ich sterbe! Das ist ja ein Ding! Oschwitz, ich kack voll ab!

Du Vollpfosten, man sagt nicht Oschwitz, sondern Auschwitz. Wo ist diese Aufschrift „Arbeit macht frei“?

Wir sind so großartig, dass wir hierher kamen. Das ist so wichtig.

Ach Scheiße, mein WhatsApp geht hier nicht.

Wieso ist es denn so kalt hier? Es ist kalt wie im Holocaust.

Ja, total. Ich kann Deine Nippel sehen.

Ich kann’s echt nicht fassen, dass die hier ohne Kleider herumgestanden sind, und ich verstehe nicht, wie die ganze Welt die Juden so hassen kann.

Schau so viele Brillen! Ich fasse es nicht.

Und schau, so viele Schuhe. Das ist ja nicht zu glauben!

Davon muss ich ein Bild machen für Jossis Onkel.

Komm Schwester, es ist Zeit für ein Selfie!

(Lehrerin: Ey, weg mit dem Smartphone! Denkt ihr, ich sehe da nicht? Ab ins Krematorium! Ich will eine perfekte Reihe sehen! Zeigt Respekt für diesen Ort! Muss ich euch erst einzeln verfolgen, oder was? Ein Selfie in Auschwitz ist so respektlos!)

Ein Selfie in Auschwitz ist voll respektlos!

Schau an, die May, mit dem Duckface im Krematorium!

Ach, die! Die denkt, sie wäre Gal Gadot*.

Sie tut so, als ob das Krematorium ihrem Vater gehört. Geh weiter, Perlhuhn. Wir wollen auch was sehen.

Genug. Sonst muss ich an meinen Großvater denken. Und das ist so traurig, gleich muss ich weinen, wenn ich daran denke, dass er ein Holocaustüberlebender ist. Und ich realisiere: Sein Schatten ist der Schatten von Holocaust. Wir sind alle Schatten. Wir sind alle „Shadow“** und er ist immer mit uns, mein Großvater und die Großväter von uns allen.

Wow, eine klasse Rede! So toll! Ich zittere! Das war ein perfekter Auftritt. Klare Sache, die Nazis waren voll eklig. Aber so ein Video!

Das musst du unbedingt hochladen. Das wird besser, als „Schindlers Liste“.

Sag mal, bist du bescheuert? Ißt du hier ein „Kinder“-Überraschungsei?

„Kinder“ in Auschwitz, das ist voll respektlos!

(Lehrerin: Ich sage es zum letzten Mal: Alle zu mir! Alle zu mir! Yalli und Liad, braucht ihr eine besondere Einladung? Was diskutiert ihr hier mit mir rum? Setzt Euch! Warum steht Ihr? Und jetzt steht alle auf für eine Gedenkminute, zur Ehre der Opfer und zum Ruhm des Staates.)

Ich sterbe! Die Gedenkminute macht mich fertig. Ich halt es nicht mehr aus. Ich muss pinkeln. Meine ganze jüdische Seele sehnt sich danach***.

Na, dann geh doch pinkeln. Was ist los mit Dir? Ist doch jetzt nicht Holocaust. Dort, hinter dem Busch. Mann, bist du doof.

Dort? Ist das nicht ein Brunnen?

Nein, ich glaube, das ist ein Galgen.

Oh Gott.

Ja, der ist vom Holocaust.

Führerin, ich muss mal Pipi.

(Lehrerin: Reiß dich zusammen. Kein Pipi im Holocaust!)

Pipi in Auschwitz ist voll respektlos!

„Sage nie, du gehst den allerletzten Weg,****
Wenn Gewitter auch das Blau vom Himmel fegt.
Die ersehnte Stunde kommt, sie ist schon nah,
dröhnen werden unsre Schritte, WIR SIND DA!“

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* Gal Gadot ist eine sehr bekannte israelische Schauspielerin.

** „Shadow“ (Schatten) ist ein bekannter israelischer Rapper.

*** Der Satzteil „unsere ganze jüdische Seele sehnt sich danach“ ist eine Zeile aus der israelischen NAT Hymne „Ha-Tikva“.

**** Bei diesem zitierten Lied handelt es sich um die erste Strophe eines berühmten jüdischen Partisanenliedes aus dem Warschauer Ghetto.

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Ich gestatte mir, diesen Beitrag mit folgender Vermutung zu schließen: Gäbe es auf muslimisch-arabischer Seite eine solche Humortradition wie auf jüdisch-israelischer Seite, hätten wir im Nahen Osten längst Frieden.

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