Wer ist Deutscher?

Manche sagen, es sei schwer, diese Frage zu beantworten, aber nichts ist leichter als das. Die Antwort lautet: Jeder Mensch, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat, ist ein Deutscher. Dabei ist es egal, ob er durch die Eltern die Staatsbürgerschaft erhalten hat oder durch Einwanderung. Er ist nicht weniger und nicht mehr deutsch als jeder andere Deutsche auch. Es gibt keinen Grad an Deutschsein. Es gibt keine Halb-Deutschen und keine Viertel-Deutschen. Es gibt nur Deutsche und Nicht-Deutsche.

Völker kommen und gehen. Sie entstehen, bestehen, verwehen. Nicht selten werden Völker von außen bestimmt. Das Wort „Deutsch“ kommt von dem Wort „diutisc“, dass soviel wie „zum Volk gehörig“ bedeutet. Mit diesem Begriff wurde die nicht-romanischsprechende Bevölkerung jenseits der nördlichen Grenze des Römischen Reichs bezeichnet. Der erste wichtige Beleg für den Begriff ist eine Textstelle aus dem 4. Jahrhundert, eine Passage in der gotischen Bibelübersetzung des Bischofs Wulfila. In seiner griechischen Vorlage fand er als Gegenbegriff zu jüdisch den Begriff „ἐθνικός“ (zum Heiden-Volk gehörig). Die nichtjüdischen Völker, die noch christlich bekehrt werden sollten, wurden mit diesem Wort zusammengefasst. Wulfila übersetzt den Begriff ins Gotische und verwendete dazu das Wort „þiudisko“.

Mit diesem Begriff wurden alle Stämme jenseits der römischen Grenze zu einem Volk subsumiert. Dabei hatten diese Stämme alles andere als eine gemeinsame Identität. Sie sprachen unterschiedliche Sprachen, glaubten an unterschiedliche Gottheiten und hatten unterschiedliche Führungspersonen. Viele Stämme lagen sogar in blutigen Kriegen miteinander. Niemals wären diese unterschiedlichen Stämme auf die Idee gekommen, sich als Teil eines einheitlichen Volkes zu verstehen. Die Römer jedoch konnten diese Stämme nicht auseinanderhalten. Für die Römer sahen diese Exoten alle gleich aus und waren alle gleich unverständlich. Deshalb subsumierten auch sie diese Stämme unter diesem Begriff.

Der Begriff ist vergleichbar mit dem griechischen Begriff „Barbar“ (βάρβαρος). Er war ursprüngliche die Bezeichnung im antiken Griechenland für alle diejenigen, die nicht oder schlecht griechisch und damit unverständlich, also „Bar Bar“ (Bla Bla) sprachen. Barbaren waren für Griechen jene, die nicht griechisch sprachen und die Römer nannten jene, die kein Latein sprachen, Deutsche. Dieser Begriff, der unterschiedlichste Stämme in einen Topf warf, wurde später benutzt, um das Volk der Deutschen zu erfinden.

Nach dem Zusammenbruch des Antiken Römischen Reichs war Mitteleuropa für Jahrhunderte ein chaotisches Gebiet der Völkerwanderung mit Scharmützeln an jeder Ecke. Erst die Karolinger brachten wieder Ordnung in die Region, indem Karl der Große von der römisch-katholischen Kirche wieder zum Cäsar (Kaiser) gekrönt wurde. So entstand das karolingische Ostfrankenreich. Aus dem Westfrankenreich sollte sich später Frankreich entwickeln. Aus dem Ostfrankenreich jedoch bildete sich im 10. Jahrhundert unter der Dynastie der Ottonen das Heilige Römische Reich heraus. Ab dem 15. Jahrhundert kam der Zusatz „Deutscher Nation“ hinzu, um das Reich vom Antiken Rom zu unterscheiden.

Als dieses Reich im frühen 19. Jahrhunderte aufhörte zu existieren, war Mitteleuropa wieder ein Flickenteppich mit dutzenden Landesvätern. „Deutschland“ war damals lediglich ein Vorstellungsraum und meinte den Ort, wo einst all die Stämme gelebt hatten, die die Römer einst als „Deutsche“ bezeichnet hatten. Der Traum, daraus eine deutsche Nation zu machen, zerplatze in der gescheiterten Revolution 1848/49. Den Vorstellungsraum Deutschland dominierten danach das Kaisertum Österreich, das Königreich Preußen, der Rheinbund und der Deutsche Bund unter der Führung Österreichs, der sich im Jahr 1815 gegründet hatte.

Der Deutsche Bund war ein Staatenbund, den die „souveränen Fürsten und freien Städte Deutschlands“ schlossen. Die Mitgliedes des Deutschen Bunds waren auch der Kaiser von Österreich und die Könige von Preußen, Dänemark und der Niederlande. Der Deutsche Bund war im Grunde genommen die Europäische Union des 19. Jahrhunderts. Und so wie heute in der Europäischen Union, so entstand damals auch im Deutschen Bund bei mach einem Idealisten der Wille, aus dem Staatenbund eine Supernation zu machen. Länder wie Bayern und Preußen empfanden diese Supernation als großartige Idee, andere Länder wie Dänemark und die Niederlande jedoch sahen das nicht so und verweigerten sich der Gründung und Teilnahme eines Deutschlands. Vermutlich waren diese Länder bei den Idealisten damals so verpönt wie heute manche Kritiker der Supernation Europa.

In den Ländern, die an der Gründung Deutschlands teilnahmen, entwickelte sich schnell die Frage nach dem Königshaus. Welches Haus sollte über Deutschland herrschen? Die Konkurrenz zwischen Österreich und Preußen um die Vorherrschaft im Bund spitzte sich zum deutschen Dualismus zu. Mit dem Deutschen Krieg und der Schlacht bei Königgrätz entschied Preußen 1866 die Vorherrschaft zu seinen Gunsten, führte die diversen Länder zu einem Reich zusammen und gab ihm den Namen „Deutsches Reich“, in Anlehnung an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, um so eine jahrhundertlange Tradition der vermeintlichen Deutschen vorzugaukeln. So wurde das deutsche Volk im Jahr 1871 erfunden!

Für das „Deutsche Reich“ wurde sogar ein Denkmal errichtet, oder besser gesagt, fertiggestellt. Um die Macht des neuen Deutschen Reiches zu dokumentieren, wurde eine über sechshundertjährige Baustelle vollendet. Das Gebäude sollte daraufhin vier Jahre lang das höchstes Gebäude der Welt sein. Es war der Kölner Dom! Köln wurde somit im Jahr 1871 deutsch. Davor war die Stadt mal römisch und mal französisch gewesen. Mal wurde die Stadt von Gaffeln regiert, mal von Patriziern.

Das Volk, das mit am längsten in Köln lebt, sind die Juden. Sie lebten schon in Köln über tausend Jahre bevor dort der erste Deutsche auftauchte. Die älteste Schrift, die jüdisches Leben in Köln dokumentiert ist ein Dekret Kaiser Konstantins aus dem Jahre 321. In einer weiteren Urkunde von 341 ist vermerkt, dass die Synagoge mit kaiserlichen Privilegien ausgestattet wurde. Der Bau einer jüdischen Versammlungsstätte zeigt, dass zu dieser Zeit schon eine größere Gemeinde vorhanden war. Das Judentum gehört zu Köln, bevor das Christentum Teil der Stadt wurde. Köln wurde gegründet, da war das Neue Testament noch nicht mal geschrieben.

Juden prägten das Gebiet, das später Deutschland heißen sollte, lange, bevor es Deutsche gab. Eine der bedeutsamste Prägung dürfte die Gründung der SchUM (hebräisch שו״ם) sein. SchUM war eine Art jüdische Hanse, nämlich ein Bund der jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz. Das Wort SchUM ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben ihrer mittelalterlichen, auf das Latein zurückgehenden hebräischen Namen: Schin (Sch) für Schpira (Speyer), Waw (U) für Warmaisa (Worms) und Mem (M) für Magenza (Mainz). Die SchUM-Städte vertraten neben Handelsangelegenheiten auch eine gemeinsame Richtlinie bei der Auslegung der Religionsgesetze, die als Takkanot Schum (תקנות שו״ם) bekannt sind. Mit diesen Erlassen und den Talmudschulen, die unter den Juden in ganz Europa hohes Ansehen genossen, erlangten die SchUM-Städte Anfang des 13. Jahrhunderts eine führende Rolle im aschkenasischen Judentum. Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für die jüdischen Gemeinden in Zentraleuropa gelten sie sogar als Geburtsstätte der aschkenasischen religiösen Kultur. Nach vier Jahrhunderten endete die große Zeit von SchUM um 1350. Es folgte eine Zeit, in der das das Judentum brutal vom Christentum verfolgt wurde.

Aus Köln wurden alle Juden im Jahr vertrieben. Das Volk, das in Köln länger gesiedelt hatte als Christen, wurde zu illegalen Siedlern erklärt und vertrieben! Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Napoleon und dem Code Civil, in dem das aufklärerische Ideal der Religionsfreiheit festgehalten wurde, kehrten Juden nach Köln zurück. Ein Jahrhundert später jedoch wurden sie wieder zu illegalen Siedlern erklärt, diesmal von den Nazis und erstmals in einer Nation, die sich Deutsches Reich nannte.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es viele jüdische Siedlungen in Europa. Sie wurden Schtetl genannt. Für die Nazis waren diese Schtetl jedoch illegale jüdische Siedlungen, die sie vernichteten und mit ihnen einen Großteil der jüdischen Bevölkerung Europas. Die Nazis erklärten, Juden könnten keine Deutsche sein. Sie verfolgten und ermordeten sie und die Katholische Kirche, die auch eine lange Tradition der Judenverfolgung hatte, schloss ein Konkordat mit ihnen. Dieses Konkordat gilt bis heute in Deutschland und sichert der christlichen Kirche weitreichende Privilegien.

Unter den Deutschen ging es vielen Kölner, zum Beispiel wenn sie Juden waren, schlechter als unter den Römern, Franzosen und Amerikanern. Für viele Kölner waren Deutsche Besatzer und Franzosen Befreier. Den Alliierten ist es zu verdanken, dass die Religionsfreiheit nach Deutschland zurück kehrte und Deutschland ein demokratisches und freies Grundgesetz bekam. Dieses Deutschland klärt auch, wer Deutscher ist. Es ist die einzige gültige Definition. Deutscher ist, wer Staatsbürger Deutschlands ist. Alle anderen Definitionen halten keinen näheren Analyse statt.

Die Nation der Deutschen entstand erst im Jahr 1871. Das ist auch der Grund, warum die Deutschen bei den verschiedenen Völker so unterschiedlich heißen. Es die Deutschen schlicht und ergreifend noch nicht, als sie ihre Nachbarn Namen gaben. Die Deutschen gab es noch nicht, aber an der Grenze der Franzosen lebten die Alemannen, deshalb sagen die Franzosen „Allemands“. An der Grenze der Finnen leben die Sachsen, deswegen sagen sie „Saks“. Die Schweiz gründete sich fast siebenhundert Jahre vor Deutschland. An ihrer Grenze im Norden leben die Schwaben. Darum sagen die Schweizer zu den Deutschen Schwaben. Die Polen nennen sie Deutschen Niemieckis und die Engländer Germanen.

Einige mögen nun einwenden, Deutsch ist, wer Deutsch spricht, dabei wird jedoch übersehen, dass es viele Deutsche gibt, die eine Sprache sprechen, die zwar mit dem, was wie heute als Hochdeutsch bezeichnen, verwandt ist, aber dennoch eine eigene Sprache ist. Auf der deutschen Insel Sylt zum Beispiel wird noch heute Söl’ring gesprochen:

Verstehen Sie diese Sprache? Yiddish ist ebenfalls eine Sprache, die mit dem heutigen Hochdeutschen verwandt ist:

Hochdeutsch ist lediglich die Sprache, die sich heute in Deutschland durchgesetzt hat. Über die Jahrhunderte jedoch haben sich die Stämme und Länder in dem Bereich, den die Römer einst mit dem Begriff „Deutsch“ belegten, ebenso nicht verstanden wie heute Holländer, Dänen und Österreicher untereinander.

Es gibt keine über die Jahrhunderte gewachsene gemeinsame deutsche Identität. Nirgendwo kann man das besser sehen als in der Art, wie die Deutschen Fußball lieben. Nichts beschreibt Deutschland besser als die deutsche Fußballtradition:

Die einzelnen Regionen hassen einander. Sie bekämpfen sich und singen dabei Schlachtgesänge. Die Berliner hassen die Münchener und die Rheinländer hassen die Westfalen. Aber alle vier Jahre schickt jeder Stamm seinen besten Mann und dann gründen Sie eine Gruppe, die sie Deutsche Nationalmannschaft nennen. In dieser Formation kämpfen sie dann gegen alle anderen Länder. Das ist der Moment, da alle Deutschen ihre Fahnen rausholen. Im Kampf gegen einen gemeinsamem Gegner entwickeln sie ihre Identität. So war es übrigens auch in den Jahren kurz vor 1871. Nur der gemeinsame Feind Frankreich sorgte dafür, dass das Deutsche Reich gegründet werden konnte.

Wenn die Fußballweltmeisterschaft allerdings vorbei ist, dann packen die Deutschen wieder ihre Deutschlandfahnen weg. Dann sind sie wieder Rheinländer, Bayern, Sachsen und andere Lokalpatrioten und bekämpfen sich gegeneinander. Und sie hassen das Bier der Anderen.

Das ist Deutschland! Zu diesem Deutschland gehört man nur aus einem einzigen Grund, weil man die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.

Und nun zurück zum Sport.

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