„Bis sie sich nicht mehr trauen“

Am 19. März 2018 veröffentlichte die taz einen Kommentar von Adrian Schulz unter der Überschrift „Mit Nazis reden bringt nichts“. In diesem Kommentar steht, auf der Buchmesse in Leipzig hätten Nazis „ihr grundgesetzlich verbrieftes Recht auf Buchmessenstände geltend gemacht“. Der Autor kritisiert, dass es keinen lauten Protest gegen die Messestände, die dort ausgestellten Bücher und ihre Autorinnen und Autoren gegeben hätte und führt aus, wenn es keinen Protest gegen „diese Nazis“ gäbe, würden sie die Plätze immer mehr füllen. Daher müsse man ihnen das Leben so schwer wie möglich machen, in dem man Räume blockiere und Räume besetze:

„Nazis sind keine missverstandenen „Populisten“ oder gar Linke, die es zu bekehren gälte. Die wollen das genau so – rechtsextrem sein. Man muss sie deshalb sozial ächten. Bis sie sich nicht mehr trauen, auch nur zum Bäcker zu gehen.“

Ich kann dieser Forderung von Adrian Schulz nicht folgen!

Stellen Sie sich einfach mal vor, Sie gingen in eine Kneipe und da säße ein Mann mit einem Hakenkreuz am Revers. Sie würden denken: „Oh, ein Nazi, dem gebe ich kein Bier aus.“ Jetzt stellen Sie sich aber mal vor, er trüge dieses Hakenkreuz nicht, weil es verboten ist. Sie würden sich vielleicht hinsetzen, sich vorstellen und er würde Sie nicht mit „Heil Hitler“ begrüßen, weil das unter Hassrede fällt. Sie würden ein wenig plaudern, dabei das ein oder andere Bier trinken, vielleicht sogar ein Bier ausgeben, bis das Gespräch auf ein Thema fällt, bei dem Sie plötzlich merken: „Scheiße, ein Nazi!“ Dann aber ist es zu spät. Sie haben ihm bereits ein Bier ausgegeben. Alles nur, weil ein Verbot Sie daran gehindert hat, den Mann sofort als das zu erkennen, was er ist. Ich weiß lieber, wie jemand drauf ist, bevor er zur Tat schreitet. Außerdem möchte ich mit einem Nazi nicht plaudern. Mit einem Nazi möchte ich ausnahmslos Klartext reden!

Reden lassen und Zuhören ist ein präventiver Schutzmechanismus. Nur so lerne ich das Innere eines Menschen kennen und kann rechtzeitig entscheiden, ob ich mich vor ihm schützen sollte. Meinungsfreiheit nutzt dem Gehassten immer mehr als dem Hassenden! Wer das öffentliche Reden und Schreiben verbieten möchte, sagt damit, dass es besser ist, über jemandem hinter seinem Rücken und im Geheimen zu reden. Das ist jedoch niemals besser. Andere Meinungen ausklammern ist so effektiv wie das kleine Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und glaubt, so sei die Gefahr verschwunden. Internetseiten zu löschen, im Glauben, man würde dadurch etwas verhindern, ist so produktiv, wie Bücher zu verbrennen!

Wer glaubt, Bücher seien eine Gefahr, glaubt auch, Frauen seien eine Gefahr, wenn sie ohne Verschleierung aus dem Haus gehen. Die Zensur ist für die Redefreiheit, was der Schleier für die Rechte der Frau ist. Eine Frau ohne Schleier provoziert ebensowenig zur Gewalt, wie veröffentlichte Gedanken, unabhängig davon, wie die Frau oder oder die Gedanken aussehen. Nur der Täter ist verantwortlich für sein Handeln, nicht die Bilder, die durch seine Augen und nicht die Worte, die durch seine Ohren gedrungen sind; auch nicht die Menschen, die diese Bilder und Worte produziert haben.

Meinungsfreiheit gilt für jede Meinung, auch für die (vermeintlich) falsche Meinung. Sie gilt auch für die Hassrede, denn sonst hätten die Bibel und der Koran schon längst verboten werden müssen. In diesen Büchern ist nämlich viel Hass und deutliche Aufrufe zur Gewalt zu finden.

Es gibt aber einen noch viel wichtigeren Grund, für das Recht aller Menschen zu kämpfen, ihre Meinung angstfrei sagen und veröffentlichen zu können. Wer entscheidet darüber, wer ein Nazi ist? Wem geben wir die Macht, Menschen zu „Nazis“ machen, also zu Menschen ohne Redefreiheit? Unter den Menschen, die Adrian Schulz als Nazis ausmacht, sind ein paar, die definitiv keine Nazis sind.

Das Wort „Nazi“ wird mittlerweile benutzt, um andere Menschen zu entmenschlichen. Diese Entmenschlichung ist unbedingt notwendig, um anderen das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit absprechen zu können. Es gibt Menschen, die sind so frei von jedem Zweifel und so sicher, auf der richtigen Seite des Lebens zu stehen, dass sie Gewalt rechtfertigen oder billigend in Kauf nehmen, um ihre Gewissheit zu manifestieren, einen Menschen derart zu ächten, dass er sich nicht mal mehr traut, „auch nur zum Bäcker zu gehen.“ Jeder Mensch läuft Gefahr, in das Schussfeld dieser Selbstgerechtigkeit zu geraten.

Wer einmal einen Menschen erfolgreich aus dem Diskurs entfernt hat, weil er ihn zu einem Nazi erklärt hat, obwohl er keiner ist, wird diese Strategie weiterverfolgen. Ich habe schon erlebt, dass sogar Juden als Nazis bezeichnet wurden.

Jeder Mensch hat das Recht, jeden anderen Menschen als Nazi zu bezeichnen. Das ist Meinungsfreiheit! Das Problem ist jedoch, dass die Meinung von Nazis für einige Menschen mit Gewalt beantwortet werden darf. Man muss einen Menschen somit nur noch zu einem Nazi erklären und schon kann ihm Gewalt angetan werden. Es ist daher kein Zufall, dass oft Juden, Türken, Israelis oder Amerikaner als Nazis bezeichnet werden. Es fällt dann schlicht und ergreifend leichter, sie zu entmenschlichen. Wer gestern einen Menschen gewaltsam und erfolgreich zum Schweigen gebracht hat, weil er ein Nazi war, wird dich morgen zum Nazi machen, wenn ihm deine Nase nicht mehr gefällt!

„Wehret den Anfängen“ brüllen diese gerechten Putztruppen und meinen damit doch nur die Anfänge einer Zukunft, die sie aus ihrer Angst konstruieren. Aus Angst nehmen sie andere Menschen als Geisel ihrer Vermutung. Diese Angst ist die Wurzel des totalitären Denkens, die Gewalt über Gedanken als Präventivschlag ermöglicht.

Das Problem ist nicht die Meinungsfreiheit, sondern der Wille der Hassenden, die Meinungsfreiheit mit Gewalt abzuschaffen. Gedanken verschwinden nicht, nur weil sie nicht mehr gesprochen werden.

Brutalen Taten gehen zwar immer brutale Worte voraus, aber diese Worte müssen nicht öffentlich gesprochen werden. Sie müssen nur gedacht und im Geheimen dort gesprochen werden, wo die Versteckten ihre Taten planen. Nur wer die brutalen Gedanken hört, kann sich wehren. Das Verbieten von Worten bringt rein gar nichts! Der Mensch, den in den Augen eines anderen Menschen ein Schwein ist, bleibt für ihn ein Schwein, auch wenn er es nicht mehr sagen darf. Vielleicht hat er sogar ein Messer in der Hose. Aber dieses Messer verschwindet nicht, wenn ihm der Mund verboten wird!

Das Problem in der Zeit des Nationalsozialismus war nicht, dass „Der Stürmer“ zu erwerben war, sondern die Tatsache, dass sich die Nationalsozialisten zunächst die persönliche und später sogar die staatliche Gewalt nahmen, andere Meinungen und Zeitungen zu verbieten, die ohne Probleme die Ideologie der NSDAP hätten entlarven können. Die Nationalsozialisten nutzen nicht die Meinungsfreiheit, um das Messer zu ziehen, sondern sie zogen die Messer, um die Meinungsfreiheit zu attackieren! Sie sorgten dafür, dass ihre Gegner sich nicht mal mehr trauten, „auch nur zum Bäcker zu gehen.“

Nichts fürchten jene, die Unrecht haben, mehr als die Meinungsfreiheit! Darum erklärten auch die Nationalsozialisten in ihrem 25-Punkte-Program unter Punkt 23:

„Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen die bewußte politische Lüge und ihre Verbreitung durch die Presse. Um die Schaffung einer deutschen Presse zu ermöglichen, fordern wir, Zeitungen, die gegen das Gemeinwohl verstoßen, sind zu verbieten. Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen eine Kunst- und Literaturrichtung, die einen zersetzenden Einfluß auf unser Volksleben ausübt und die Schließung von Veranstaltungen, die gegen vorstehende Forderungen verstoßen.“

Aufgrund des „Gemeinwohls“, Meinungen kriminalisieren, Veranstaltungen schließen, Bücher verbieten, Zeitungen abschaffen und Menschen bedrohen, das ist die Gedankenwelt der Nazis. Deshalb ist ein Staat, der Zensur üben darf, immer schlimmer als ein Nazi, der menschenfeindliche Scheiße redet. Denn nur in einem Staat, der Zensur übt, kann ein solcher Nazi seine mit Gewalt erhaltene Macht bewahren und ausbauen.

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8 Antworten zu „Bis sie sich nicht mehr trauen“

  1. Wolfgang Scharff schreibt:

    „Man muss sie deshalb sozial ächten. Bis sie sich nicht mehr trauen, auch nur zum Bäcker zu gehen.“

    So sehen sie aus, die feuchten Träume der geistig unterlegenen Würstchen. Ausgerechnet solche armseligen Wutspießerchen glauben zu verstehen, was Nazis sind.
    Egal. Dafür sorgen sie für Heiterkeit.

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