Einige Gedanken zur Pandemie

Eine Glosse von Hans Ork Eimer | Gastbeitrag

Das ist sie also, die Pandemie. Wir leben mitten in ihr. Pandemie kommt aus dem Griechischen und heißt wörtlich: „das gesamte Volk“ (pan: alle, demos: Volk). Vermutlich ist das so. Mit Übersetzungen ist das ja so eine Sache. Man könnte Pandemie auch weniger völkisch mit „alle Leute“ übersetzen. Aber demos heißt vermutlich nicht Leute. Ich habe jetzt keine Lust, das zu googeln. Ich mag das Wort „Volk“ nicht und frage mich, woran das liegt. „Volk“ kommt vom althochdeutschen folc, urgermanisch fulka und das bedeutet „Kriegsschar“. So steht es zumindest auf Wikipedia. Es steht überhaupt total viel auf Wikipedia. Kann aber auch Blödsinn sein, also das mit der Kriegsschar. Vielleicht gibt es irgendwo einen Etymologen, der das anders sieht. Ein Rufer in der Wüste. Ihm sei diese Glosse gewidmet.

Vielleicht mag ich das Wort „Volk“ nicht, weil es so was Kriegerisches hat. Das weiß ich zwar erst seit dem letzten Absatz, aber kann ja sein, dass ich das schon irgendwie geahnt habe. Man bringt das Wort „Volk“ ja gerne mit den Nazis in Verbindung und die Nazis waren ziemlich kriegerisch.

Mal abgesehen von dem Kriegerischen klingt „Volk“ irgendwie exklusiv, also so, als würden da nicht alle dazugehören. Man sagt ja zum Beispiel nicht: „Weltvolk“ und meint damit einfach alle. Mit Pandemie meint man alle, aber nicht einfach so, sondern das bezieht sich ja auf eine Krankheit, die alle betrifft.

Es kann also sein, dass ich Exklusivität nicht mag, sie mit dem Wort „Volk“ in Verbindung bringe und darum das Wort „Volk“ nicht mag. Ich glaube, wenn jemand „Volk“ sagt, dann denkt er oder sie schon an so was Geschlossenes und findet es irgendwie cool und wichtig, dass da nicht alle einfach so dazugehören. Das finde ich überhaupt nicht schlimm. Es können ja nicht alle einfach überall dazugehören. 

Zum Beispiel ist ein exklusiver Tennisclub ein Tennisclub, wo nicht alle, die da Mitglied werden wollen, auch Mitglied werden können. Und das ist völlig okay so. Also finde ich jetzt. Ich kann kein Tennis spielen, will es auch gar nicht können und habe daher überhaupt nicht das Bedürfnis, Mitglied in einem Tennisclub werden, exklusiv oder sonst wie. Für jemanden, der unbedingt Mitglied in einem exklusiven Tennisclub werden will und nicht aufgenommen wird, ist das natürlich schon schade, wenn der da nicht reinkommt. Aber da muss der halt durch.

Problematisch wird es erst, wenn der exklusive Tennisclub zunächst nur bestimmte Leute als Mitglieder aufnimmt, was völlig okay ist, die aufgenommenen Mitglieder sich dann aber als was Besseres begreifen im Vergleich zu denen, die nicht dazugehören. Wenn sich die Mitglieder also allen Nicht-Mitgliedern überlegen fühlen. Das ist problematisch, weil es bescheuert ist. Ich meine, ihr seid nur ein Tennisclub, nehmt euch mal nicht so wichtig.

Kann sein, dass dieser letzte Aspekt für mich in dem Wort „Volk“ mitschwingt und ich es deshalb nicht mag.

Aber selbst wenn man von Pandemie in der rein etymologischen Bedeutung ausgeht und damit „das gesamte Volk“ oder „alle Leute“ oder einfach „alle“ meint, ohne irgendwen auszuschließen, ist das auch schwierig. Mit „alle“ meint man ja: alle, also was Umfassendes, Umgreifendes. 

Da gehören halt einfach alle dazu.

Zum einen gehören diejenigen dazu, die gar nicht dazugehören wollen. Die sagen dann: Ja, nett, dass ihr an uns denkt und uns einbezieht, aber wir wollen das nicht, wir sind raus. Und die kriegen dann zu hören: Ätsch, geht nicht, ihr kommt hier nicht raus, ihr seid drin, da könnt ihr nichts machen.

Also das fände ich ja extrem blöd. Wenn ich zum Beispiel einfach so, also ohne es beantragt zu haben, Mitglied in einem Tennisclub wäre, und denken würde: Was soll das, ich spiele ja überhaupt kein Tennis, und wenn ich denen dann eine Kündigung schicken würde und die würden daraufhin sagen: Du kannst nicht kündigen, du bleibst Mitglied, dann wäre ich stinksauer. Selbst wenn ich keinen Mitgleidsbeitrag bezahlen müsste. Ich wäre stinksauer, einfach weil ich finde, dass ich das Recht habe, einen Vertrag, den ich nicht selbst eingegangen bin, sofort zu kündigen. Ohne Beachtung der Vertragslaufzeit und so.

Zum anderen kann es sein, dass man zu etwas dazugehört, wo einfach „alle“ dazugehören, ohne dass man weiß, dass man dazugehört, weil man sich ja nicht selbst dazu entschieden hat.

Und dann erfährt man entweder nie, dass man dazugehört, man bleibt also unwissend und das eigene Leben läuft einfach so weiter. Dann ist wirklich die Frage, was das Dazugehören zu etwas, wo sowieso alle immer dazugehören, überhaupt meint. Wenn ich Mitglied in einem Tennisclub bin, es aber gar nicht weiß, bin ich dann überhaupt Mitglied in eine Tennisclub?

Oder ich erfahre irgendwann später, dass ich schon die ganze Zeit Mitglied in einem Tennisclub war und dann denke ich vielleicht: Ja, Mist, hätte ich das mal vorher gewusst, dann wäre so ziemlich alles in meinem Lebens anders verlaufen.

Spannend bliebe nur noch, herauszufinden, wodurch oder durch wen ich erfahren habe, dass ich schon immer Mitglied in diesem Tennisclub war.

Und was das überhaupt für ein seltsamer Tennisclub ist.

Sollte Ihnen dieser Artikel gefallen haben, überweisen Sie gerne einen Betrag Ihrer Wahl auf mein Konto oder nutzen Sie PayPal. Schreiben Sie als Verwendungszweck gerne den Namen des Autors. Er wird dann davon profitieren.

https://www.paypal.me/gerdbuurmann

(HOEI)

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
Dieser Beitrag wurde unter Fremde Feder veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Einige Gedanken zur Pandemie

  1. abusheitan schreibt:

    Mir fallen zwei Clubs ein, wo man automatisch Mitglied ist: Islam und GEZ. Austrittsversuche beim ersten können tödlich enden, beim zweiten mit Erzwingungshaft belegt werden.

  2. Adolf Breitmeier schreibt:

    Wenn man Mitglied eines Tennisvereins ist, dann ist man da freiwillig drin, man wird nicht in ihn hinein geboren. Das Bild ist also total falsch. In ein Volk (und das hat vom Begriff her gar nichts mehr mit einer Kriegsschar zu tun, aber das wissen Sie ja selbst) ganz automatisch, eben da, wo die eltern daheim sind und sich diesem Volk zugehörig fühlen. Wenn man also sein eigenes Volk nicht mag, dann kann man als Intelligenter Mensch, ohne Heimatbindung oder Volksbindung doch einfach diesen ,,Stamm“ verlassen und dahin gehen, wo es kein Volk gibt. Da bleibt eigentlich nur die Arktis oder Antarktis, denn ansonsten trifft man auf der ganzen Welt immer ein Volk an, das darauf achtet, als Volk zu gelten und anerkannt zu sein, das auf seine Grenzen und Identität achtet. Na gut, Sie sehen das anders, aber wo sonst wollen Sie hin? Mit Ihrer Einstellung können Sie – außer in Deutschland – nirgends Ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie Ärmster, Sie müssen zwangsläufig dieses Volk ertragen. Sie tun mir ja so unendlich leid. Keine Bange, dieses Volk besteht keine fünfzig Jahre mehr – aber ob sie das noch freudvoll erleben werden?? (ich nicht, ich bin 83 🙂 )

Sämtliche Kommentare sind nur ein paar Tage sichtbar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s