Der 26. Juli 1184 war ein richtiger Scheißtag

Das Jahr 1184 fing recht großartig an, sollte sich aber im wahrsten Sinne des Wortes als Scheißjahr erweisen.

Im Jahr 1184 war Friedrich I. Barbarossa Kaiser und hielt im Mai des Jahres den Mainzer Hoftag. Aufgrund der laut Chroniken 20.000 Besucherinnen und Besucher entwickelte sich diese Veranstaltung zu einem kulturellen Höhepunkt der ritterlichen Lebensweise.

Der Hoftag war lange im Voraus angekündigt worden, so dass sich unter den zahlreichen Gästen auch Engländer, Franzosen, Italiener, Spanier und Gäste vom Balkan befanden. Dem rotbärtigen Staufer Barbarossa gelang es mit diesem Hoftag, seine Macht deutlich zu untermauern.

Für den Hoftag wurde eigens eine Stadt aus Holzbauten und Zelten errichtet. In ihrer Mitte wurden der Palast des Kaisers und eine Kirche erbaut. Hier beförderte Barbarossa seine beiden Söhne Heinrich und Friedrich zu Rittern. Die Kaisersöhne machten darauf den anwesenden Rittern und Spielleuten Geschenke in Form von Pferden, kostbaren Kleidern, Gold und Silber. Viele anwesende Fürsten wollten da nicht hintenanstehen und machten ebenfalls üppige Geschenke. Es wurden Reitturniere veranstaltet, Schilder geschwungen, Lanzen gezeigt und Banner präsentiert. Es war ein großes Fest. Dann aber bekam das Jahr den ersten Dämpfer.

In der folgenden Woche sollten weitere Kampfspiele stattfinden, aber ein Unwetter ließ mehrere Zelte und die Holzkirche einstürzen. Die Chronik von St. Peter zu Erfurt berichtet:

„Der Kaiser feierte Pfingsten mit den Fürsten des gesammten Reiches sehr glänzend zu Mainz, wo auch zwei seiner Söhne, nämlich Konrad, welchen er zum Herzog von Schwaben gemacht, und Heinrich, welchem die Regierung des Reiches zugedacht war, durch die ritterlichen Gelübde verpflichtet wurden. Daselbst war auch der vorgenannte Herzog Heinrich, dessen sich Konrad, der Erzbischof von Mainz, annahm, erlangte aber Nichts von der kaiserlichen Gnade. Ebenda begab sich durch einen unglücklichen Zufall ein sehr merkwürdiges Ereignis. Eine mit ungemeiner Pracht aus Holz errichtete Kapelle, in welcher eben am hohen Pfingstfeste die heiligen Geheimnisse gefeiert worden waren, stürzte vor Sonnenuntergang infolge eines plötzlichen Sturmwindes ganz ein und erschlug Einige vom Volke, welche darin waren.“

Die Chronik fährt fort:

„Nach beendeter Feier schickte der Kaiser seinen Sohn, den König Heinrich, mit einem Heere nach Polen, Konrad aber den Herzog von Schwaben zugleich mit Philipp von Köln und vielen Anderen gegen den König von Frankreich. Der Kölner aber rückte, ohne zu warten, bis die Seinigen vollzählig beisammen waren, auf das Gebiet von Frankreich ein, und mußte nicht ohne Verlust an Leuten zurückweichen. König Heinrich kam auf dem Zuge gegen Polen nach Erfurt und fand daselbst Konrad von Mainz in heftigem Streit mit dem Landgrafen Lodewig ob des dem Bisthum zugefügten Schadens.“

Dieses Treffen am 26. Juli sollte dafür sorgen, dass das Jahr zum echten Scheißjahr wurde.

An diesem Tag saß Heinrich mit etlichen Fürsten und Bischöfe im oberen Stockwerk der Dompropstei des Marienstiftes zu Rat. Für so viele Gäste war das alte Gebäude nicht errichtet worden und so geschah es, dass der morsche Boden unter der Last der vielen Menschen zusammenbrach. Fürste und Bischöfe stürzten in die Tiefe. Im ersten Geschoss hielt der Boden dem plötzlichen Aufprall der Würden- und Amtsträger nicht stand und zerbrach ebenfalls. So fielen die Menschen noch tiefer und zwar in die darunter liegende Scheißegrube. Viele fanden dabei den Tod. Sie erstickten im Kot. Die Chronik berichtet:

„Als er (Heinrich), bemüht den Frieden zwischen denselben herzustellen, von Vielen umgeben in einer Oberstube zu Rath saß, brach plötzlich das Gebäude zusammen und viele stürzten in die darunter befindliche Abtrittsgrube, deren einige mit Mühe gerettet wurden, während andere im Morast erstickten.“

Zum Zeitpunkt des Unglücks saß König Heinrich selbst in einer gemauerten Fensternische der steinernen Außenwand. Er wurde mit Hilfe von Leitern in Sicherheit gebracht. Einige Namen der Opfer des Unglücks werden in der Chronik namentlich genannt:

„Daselbst starben: Friderich, Graf von Abinberc, Heinrich, ein Graf aus Thüringen, Gozmar, ein hessischer Graf, Friderich, Graf von Kirchberg, Burchard von Wartburg und Andere geringeren Namens am 26. Juli eines kläglichen Todes.“

Somit war das Jahr zum Scheissjahr geworden. Als König Heinrich dann auch noch in Halle mit großen Glockenklang empfangen wollte, rissen die Stricke. Die Chronik berichtet:

„Der König kam, um, wie er beschlossen, gegen Polen zu ziehen, nach Halle, wo, als man ihn mit dem gebührenden Geleite einholte, plötzlich die Glocken verstummten, da die Stricke zerrissen.“

Als wäre das Jahr nicht schon beschissen genug gewesen, starb am 15. November die zweite Ehefrau von Barbarossa, Kaiserin Beatrix von Burgund. Die Chronik berichtet:

„Die Kaiserin Beatrix stirbt zugleich mit ihrem Töchterchen, welches, obgleich sehr klein, doch mit dem Sohne des Königs von Ungarn verlobt war, und wird zu Speyer begraben.“

Das war auch so eine beschissene Selbstverständlichkeit der damaligen Zeit. Bereits als Säugling wurde Beatrix‘ Tochter Agnes mit dem zehn-jährigen Emmerich verlobt. Da sie starb, ehelichte er später Konstanze von Aragón. Im Jahr 1196 wurde er König von Ungarn und Kroatien werden. Nach seinem Tod heiratete seine Witwe Friedrich II. Er ist der Sohn von König Heinrich VI., der im Jahr 1184 nur knapp dem Scheissetod entkommen war.

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Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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