Das Ende der Kopisten

Alles, was heute politisch diskutiert wird, um die Freiheit des Internets einzuschränken, ist nicht neu. Schon vor fünfhundert Jahren wurde gecancelt und gelöscht. Gegen die Freiheit des Buchdrucks wurde einst so stark gekämpft wie heute gegen die Freiheit des Internets.

Als der moderne Buchdruck mit seinen auswechselbaren Lettern Mitte des 15. Jahrhunderts von Johannes Gutenberg erfunden wurde, sahen Optimisten in dieser Erfindung die Ermöglichung einer Wissensexplosion. Für Pessimisten brachte diese Erfindung jedoch überwiegend Gefahren mit sich.

Pessimisten sahen in dem Buchdruck das Ende der Welt nahen. Sie beklagten sich über den Verlust des guten Anstands und raunten, mit dem Buchruck würde lediglich das Gewöhnliche, Ordinäre und Schundhafte gefördert. Sie hatten dabei nicht ganz unrecht. Mit dem Buchdruck erlebte die gossenhafte, polemische und pornografische Literatur tatsächlich einen Aufschwung, ebenso wie ein paar Jahrhunderte später auch das Internet den Schund fördern sollte.

Der Buchdruck machte zudem den Beruf des Kopisten überflüssig.

Vor dem Buchdruck vervielfältigten Kopisten in Handarbeit Schriften und entschieden daher, was es wert war, vervielfältigt zu werden. Sie waren die Herrscher über die Wahrheit. Nur die Schriften, die sie für wahr und gut befanden, wurden kopiert.

Die Kopisten waren überwiegend Mönche. Somit besaß die Kirche lange Zeit den alleinigen Herrschaftsanspruch über die Verbreitung von Wissen. Als der Buchruck aufkam, wehrte sich die Kirche verständlicherweise gegen die neue Maschine. Um das Seelenheil der Menschheit zu schützen, mahnten sie, mit dem Buchdruck würde die Grenze zwischen relevantem und unnützen Wissen verschwimmen. Ganze Heerscharen christlichen Faktenchecker wurden beauftragt, um mit inquisitorischem Eifern alles zu verbannen, was eine vermeintlich falsche Lehre war.

So wie die kirchlichen Kopisten damals in dem Buchdruck das Ende des anständigen Wissens ausmachten, so sehen heute große Medienkonzerne und staatlich geförderte Fernsehsender im Internet den Untergang des sittlichen, guten, anständigen Journalismus und bekommen Unterstützung von der Politik, so wie sich einst der Kaiser und die Kirche gegenseitig unterstützten.

Oft haben die Journalistinnen und Journalisten der öffentlich-rechtlichen Anstalten nur Verachtung übrig für die Schmuddelkinder von Telegram und anderen Netzwerken. Sie malen Horrorbilder an die Wand und behaupten, mit den neuen Medien würde alles viel schlechter werden. Dabei haben sie in Wirklichkeit nur Angst um den Verlust ihres eigenen Monopols auf die Wahrheit.

Niemand hat ein Monopol auf die Wahrheit.

Ja, mit dem Internet ist die Welt des geistigen Austausches noch chaotischer geworden. Dank des Internets prallen heute deutlich mehr Subjekte unkontrolliert aufeinander als noch vor hundert Jahren. Heute streiten sich der kommunistische Exmuslim aus Köln, der fundamentalistische Christ aus São Paulo, die lesbische Feministin aus Japan und die südafrikanische Abtreibungsgegnerin aus Südafrika in einem gemeinsamen Chatraum. Ohne das Internet hätten sie sich niemals kennengelernt und hätten sich daher niemals auseinandersetzen müssen.

Neue Erfindungen bringen neue Gefahren.

Als der Mensch das Feuer für sich entdeckte, ging dadurch auch viel in Flammen auf und Schaden wurde angerichtet, aber dennoch emanzipierte das Feuer die Menschheit. So ist es auch mit dem Buchdruck und dem Internet.

Der Buchdruck hat Hitlers „Mein Kampf“ ebenso möglich gemacht wie die Flugblätter der Geschwister Scholl. Auch das Internet ermöglicht es sowohl dem Hass als auch der Aufklärung, sich zu vermehren. Martin Luther konnte Dank des Buchdrucks nicht nur seine Thesen der Reformation vervielfältigen, sondern auch seine judenfeindlichen Traktate. Genauso werden heute durch das Internet sowohl emanzipatorische Schriften als auch judenfeindliche Texte massenhaft geteilt.

Durch das Internet haben heute sehr viel mehr Menschen Zugang zu Bildung. Außerdem können dadurch heute deutlich mehr Menschen ihre Meinung für die ganze Welt abrufbar veröffentlichen. Dies gefällt den Leuten nicht, die einst die Macht darüber hatten, das Thema des Tages festzusetzen und zu bestimmen, worüber geredet wurde.

Einst wetterten die dämmernden Kopisten gegen den Dreck des Buchdrucks. Heute heuern die modernen strauchelnden Riesen des Wahrheitsmonopols unzählige Zwerge an, um das Internet zu säubern. Von öffentlich-rechtlichen Geldern werden Faktenchecker bezahlt, um darüber zu entscheiden, was wahr sein soll und die Regierungen der Welt lassen sich Gesetze einfallen, um Mauern, Ketten und Grenzen für das Internet zu schaffen.

Am 30. Juni 2017 verabschiedete der 18. Deutsche Bundestag in Anwesenheit von weniger als hundert Abgeordneten das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Mit diesem Gesetz werden seitdem soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter unter empfindlicher Strafandrohung in die Position einer privatisierten Exekutive gezwungen, um als Beliehener des Staates in Abwesenheit einer Rechtssprechung pro­phy­lak­tisch Aussagen zu löschen, die angeblich, vermutlich oder auch nur vielleicht gegen das deutsche Gesetz verstoßen könnten.

Mit der gleichen Logik könnte ein Staat Papierhersteller dazu verpflichten, darüber zu wachen, was auf ihren Blättern geschrieben wird.

Der Buchdruck und das Internet zwingen die Menschen dazu, selber zu denken und dafür Verantwortung zu übernehmen. Weder die Kirche, noch der Kaiser, keine Tagesschau und nicht mal Karl Lauterbach entscheiden, was richtig ist. Es rettet Dich kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun. Dich aus der Unmündigkeit zu erheben, kannst Du nur selber tun.

Was also tun, wenn das eigene Auge etwas anderes sieht als die Kamera der Tagesschau? Soll ich eher meinem Abgeordneten vertrauen oder doch lieber der Zeitung, die über ihn schreibt? Wenn der eigene Hausarzt etwas anderes empfiehlt als der Gesundheitsexperte im Fernsehen, auf wen soll ich hören? Wie immer Du Dich entscheidest:

Misstraue den Leuten, die Dich davor bewahren wollen, gewisse Dinge zu hören.

Welches Interesse können sie haben, Dich daran zu hindern, erst mal alles aufzusaugen, selbst die Lügen und Fehler? Wer Dir nicht zutraut, das Geschäft des Denkens ohne Anleitung eines Dritten zu meistern, wer Dir abspricht, in der Lage zu sein, selbst Verantwortung zu übernehmen, wer Dir das Recht auf Scheitern nehmen möchte, will nicht das Du wächst, der will Dich auch nicht beschützen, sondern beherrschen. Misstraue den Leuten, die zu Deinem vermeintlichen Schutz und zur Sicherheit der Gemeinschaft Internetseiten löschen.

Internetseiten zu löschen, im Glauben, man würde dadurch etwas verhindern, ist so produktiv, wie Bücher zu verbrennen.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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Eine Antwort zu Das Ende der Kopisten

  1. philantrop schreibt:

    Attila? Du jetzt hier?

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