Wo das Verbrennen von Büchern verboten ist

Eine Religion, die das Verbrennen eines Buchs als Todsünde erachtet, aber das Steinigen von Menschen nicht, hat ganz andere Probleme.

Das war mein erster Gedanke, als ich von den schweren Unruhen in Afghanistan vom letzten Donnerstag hörte, bei denen mindestens acht Menschen ums Leben gekommen sind und die von einer Koran-Verbrennung durch ein paar Soldaten der US-Armee ausgelöst wurden.

Andere werden zunächst an einen Satz von Heinrich Heine gedacht haben:

„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.”

Der Satz stammt aus seiner Tragödie “Almansor“. Sie spielt im 15. Jahrhundert in Spanien. Der Satz wird von dem Moslem Hassan gesprochen. Er nimmt damit Bezug auf eine Verbrennung des Korans, die während der Eroberung des spanischen Granadas durch christliche Ritter unter dem inquisitorischen Kardinal Mateo Ximenes de Cisneros stattgefunden hat.

Hassan: So stürzten wir von jenen Höhen oft zermalmend, auf das Christenvolk im Tal; und wenn sie sterbend röchelten, die Buben, wenn ferne wimmerten die Trauerglocken, und Angstgesänge dumpf dazwischen schollen, dann klang’s in unsre Ohren süß wie Wollust.

Almansor: Wir hörten, dass der furchtbare Ximenes, inmitten auf dem Markte, zu Granada – Mir starrt die Zung im Munde – den Koran in eines Scheiterhaufens Flamme warf!

Hassan: Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Wer den Dialog aufmerksam gelesen hat, wird festgestellt haben, dass der Mann, der das Verbrennen des Korans kritisiert, selbst unzähige Christen geschlachtet hat. Während also für ihn das Verbrennen des Korans eine Todsünde ist, klingt die Tötung von Christen in seinen „Ohren süß wie Wollust.“

Im Wissen um diesen Kontext bekommt Heinrich Heines Satz eine ganz andere Bedeutung: Auf der einen Seite kritisiert Heine zwar den Akt der Bücherverbrennung, aber auf der anderen Seite macht er auch die Doppelmoral deutlich, mit der ein Mensch zwar das Verbrennen von Büchern als Verbrechen verdammt, aber das Töten von Menschen als wolllüstig schön bezeichnet.

Heinrich Heine hat in seinem Leben selbst eine Bücherverbrennung miterlebt. Zu der studentlichen Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest im Jahr 1817 schreibt er:

“Auf der Wartburg krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! (…) Auf der Wartburg herrschte jener beschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Haß des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wusste als Bücher zu verbrennen!”

Die in Deutschland bekannteste Bücherverbrennung fand jedoch in Berlin auf dem Opernplatz im Jahr 1933 statt. Es waren ebenfalls wieder deutsche Studenten, die diese Tat vollführten. Es war nicht die einzige Bücherverbrennung in dem Jahr. Insgesamt 93 Bücherverbrennungen in 70 Städten fanden von März bis Oktober 1933 in Deutschland in der Zusammenarbeit mit der Hitlerjugend statt! Zum ersten Mal verbrannten somit nicht nur deutsche Studenten Bücher, sondern sie wurden dabei von staatlicher Seite unterstützt.

Die staatliche Unterstützung ist der große Unterschied.

Diesen Unterschied macht übrigens auch Heinrich Heine in seiner Tragödie “Almansor“. Die Bücherverbrennung in seinem Stück wird durchgeführt von christlichen Rittern unter dem Befehl eines Kardinals, also von Staats wegen.

Es ist ein Unterschied, ob ein Mensch ein Buch verbrennt, oder ob ein Staat vorgibt, was mit einem Buch zu geschehen hat.

Ein Mensch, der ein Buch verbrennt, kann, darf und sollte kritisiert werden; es ist jedoch sein gutes Recht, Bücher zu verbrennen. Ich erlaube jeden Menschen meine Bücher zu verbrennen, solange sie sie nur für diesen Zweck kaufen. Ein Staat jedoch, der sich anmaßt, darüber zu befehlen, was mit einem Buch zu geschehen hat, der begeht ein Verbrechen an den Menschenrechten. Dabei ist es ganz egal, ob der Staat nun zur Bücherverbrennung lädt oder das Verbrennen von Büchern verbietet. Beide Haltungen zeigen nämlich, dass der Staat bereit ist, seine eigenen Ideale über die allgemeinen Menschenrechte zu stellen. Ein solcher Staat schafft eher Menschen ab, als dass er es zulässt, dass die Bücher seiner Ideologie verbrannt werden.

In einem Rechtsstaat gibt es nur dann die Möglichkeit, ohne Furcht vor staatlicher Bevormundung kreativ, journalistisch und wissenschaftlich arbeiten zu können, wenn die Verfassung Meinungs-, Presse-, und Kunstfreiheit garantiert. Zu dieser Freiheit gehört es eben auch, dass Bücher verbrannt werden dürfen, ohne staatliche Sanktionen befürchten zu müssen. Die Amerikanische Verfassung garantiert mit dem ersten Verfassungszusatz das Recht auf freie Meinungsäußerung und darunter fällt nach einem Urteil des Obersten Gerichts ausdrücklich auch die Verbrennung von Büchern und Fahnen. In der Bundesrepublik Deutschland jedoch ist das Verbrennen der Deutschen Flagge unter Strafe gestellt.

Ich persönlich lebe lieber in einem Land, in dem die Nationalflagge, die Verfassung und Bücher verbrannt werden dürfen, aber es kaum jemand macht, als in einem Land, in dem sich die Unterdrückten danach sehnen, die Nationalflagge, die diktatorische Verfassung oder die Schriften der Unterdrückung zu verbrennen, sie es aber nicht dürfen.

Weder das Verbrennen der Amerikanischen Flagge noch das Verbrennen der Verfassung ist in den USA verboten. Die Verfassung der USA nennt das Meinungsfreiheit. In den Ländern jedoch, in der das Verbrennen des Korans als Todsünde geahndet wird, da brennen abwechselnd mal israelische, amerikanische und dänische Flaggen, und nicht selten auch Menschen!

Ich erlaube mir daher, und ich bin mir sicher, Heinrich Heine damit nicht einmal im Ansatz zu verraten, seinen berühmt geworden Satz, um einen Nebensatz zu erweitern:

„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen; aber dort wo das Verbrennen von Büchern verboten ist, da werden Menschen verbrannt.”

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19 Antworten zu Wo das Verbrennen von Büchern verboten ist

  1. Vlad schreibt:

    Odessa. Zeugen der Verbrennung von Menschen. Ohne übersetzung. Важно.Нужен перевод.На Ihre TV-Kanäle gibt es nicht.
    http://vk.com/video150614019_168434797?list=11d335f2b64374c7d3
    Wite Buch über Verletzungen der Menschenrechte und die Rechtsstaatlichkeit in der ukraine 2014.Das Außenministerium Russlands.

  2. Pingback: Links der Woche 8/2012 | nicolasheinzelmann.com

  3. payoli schreibt:

    Genial, Dein erster Satz!
    paradise your life!

  4. American Viewer schreibt:

    Es ist ein bisschen komisch. Ich hatte genau zu diesem Thema auch schon einen Artikel in Arbeit. Das ist nicht das erste Mal. Bei Geißlers Verdrehung von Kant war es auch schon so. Ihre Artikel sind allerdings schöner. Außerdem muss ich meinen jetzt nicht mehr fertig schreiben. Super Artikel!

  5. aron2201sperber schreibt:

    Bei Breivik will man nicht wahrhaben, dass es sich um einen Geistekranken handelt:

    http://americanviewer.wordpress.com/2012/02/11/breivik-schizophrenie/

    Die Afghanen und andere Muslime behandeln wir jedoch kollektiv wie arme Irre, die keine Kontrolle über ihren Verstand hätten.

    Statt den Afghanen zu erklären, dass man wegen ein paar verbrannten Büchern, die im Gegensatz zu den von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen dank der neuzeitlichen Erfindung des Buchdrucks leicht ersetzbar wären, nicht auszurasten brauche, bekräftigt man die eigentlich geistig gesunden Menschen in ihrem krankhaften Verhalten.

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/02/23/bequeme-unzurechnungsfahigkeit/

  6. Rika schreibt:

    Den Kontext des bekannte Heine-Zitats kannte ich – wie ich zu meiner Schande bekenn – bisher nicht. Danke für die Aufklärung.
    Sie, die Aufklärung, hätte der Isalm bitterst nötig, aber solange wir aufgeklärten Weltbürger mitfühlend und verständnisvoll die Randale und das Töten von Menschen einfühlsam kommentieren und damit „entschuldigen“ oder gar rechtfertigen, dass der Koran ein heiliges Buch sei, das nun mal nicht verbrannt werden dürfe, solange findet die Aufklärung nicht statt, bzw. helfen wir kräftig mit, sie zu verhindern!

    Ohne Wenn und Aber: Das Verbrennen eines auch noch so heiligen Buches kann niemals das Töten von Menschen als Folgehandlung rechtfertigen, ja, nicht einmal „erklären“. Die Übergriffe, die Randale, das Töten und Zerstören zur Ehre des Koran MUSS GEÄCHTET WERDEN, von Politikern ebenso, wie von Medienpäpsten und Journalisten, Lehrern, Richtern und den Leuten auf der Straße.

  7. Bärli schreibt:

    @Webwolf Gute Frage!

    Die freie westliche Welt DARF sich einfach nicht dieser Steinzeit- Religion beugen! Der Islam in seiner heutigen Form IST ein Trojanisches Pferd, aber das wird die Mehrheit erst dann begreifen, wenn es längst zu spät ist.

  8. Eliyah schreibt:

    und schon wieder eine Verlinkung auf AchGut. Das wird langsam zur Gewohnheit. Was ich allerdings dort vermisse und was es hier gibt ist ein aktives Forum.

    • Webwolf schreibt:

      „… ist ein aktives Forum.“
      Das ist heutzutage, nach der neuen gesetzlichen Regelung, ja auch ein Hochrisikobereich.

  9. Webwolf schreibt:

    Nur mal so gefragt: Hat sich eigentlich irgendwann mal jemand entschuldigt für das Verbrennen von US- und europäischen Fahnen? Für die Mordanschläge der Islamisten? Für die Entführung von Flugzeugen? Für die Besetzung westlicher Botschaften? Für die Zerstörung westlicher Gebäude?

  10. Martin Focke schreibt:

    Manche Bücher entfalten erst im Kamin ihr volles Aroma.

  11. Bärli schreibt:

    Die strenggläubigen Muslime zeigen wieder einmal ihr wahres Gesicht.

    Ob es um Karikaturen oder in sonst einer Kritik am Islam geht: Humor und Toleranz ist ihnen ein Greuel, die sie in regelmässigen Abständen immer wieder bestätigen. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Dauerbeleidigten nur darauf warten, ihr tiefverwurzelter Hass gegen „Ungläubige“ und die westliche Lebensform im allgemeinen, aller Welt zu zeigen.

    Dass die Amerikaner, bis hinauf zum Präsidenten, sich in aller Form entschuldigen, kann ich nicht nachvollziehen. Entweder man verbrennt Schriften aus einem ganz bestimmten Grund, oder man lässt es sein, weil kein Grund vorliegt. Denn, wie man an den (voraussehbaren) Reaktionen der radikalen Islamisten ablesen konnte, wird Appeasement als Schwäche angesehen, die sie nur zu noch mehr Gewalt anstachelt.

  12. Malte S. Sembten schreibt:

    Sehr guter Kommentar, Herr Buurmann.

    Auch sollte man unterscheiden zwischen Bücherverbrennungen, die den Werken selbst gelten, und solchen, die letztlich Altpapierentsorgung sind. Altpapierentsorgung von Büchern geschieht ständig, es gibt Unternehmen, die im Auftrag von Verlagen Restauflagen makulieren und jeden Tag zehntausende Bücher schreddern, ohne dass deswegen die Luft schon nach brennenden Menschen riecht. Und Schreddern oder Verbrennen ist ja wohl egal.

    Auch die Koranverbrennung der US-Soldaten richtete sich nicht gegen den Koran als solchen. Vielmehr hatte sie alte, zerfledderte, unhygienische Koranausgaben talibanischer Gefangener eingezogen und gegen neue Exemplare ausgetauscht. Letztlich haben die nicht „den Koran“ verbrannt, sondern einen Berg schmuddeliger Druckerzeugnisse.

    Dumm war nur, dabei nicht die Auswirkung auf moslemische Fanatiker zu berücksichtigen – die selbst bedenkenlos „heilige Bücher“ verbrennen, solange diese für die Gläubigen anderer Religionen heilig sind wie zum Beispiel konfiszierte Bibeln im Iran – und diese Verbrennungen gelten wirklich den Büchern selbst und nicht nur einzelnen, abgenutzten Exemplaren.

  13. Silke schreibt:

    Spontan fällt mir dazu im deutschen Kontext das Copyright für Mein Kampf ein und dann ist da noch Jud Süß (Film) und sicher einiges andere.

    Irgendein Rechtskundiger hat mal im Radio erklärt, daß Deutschland sich nach 1945 als WEHRHAFTE Demokratie aufstellen wollte und daß darum solche Beschränkungen mit unserer Freiheit konform gehen. (Was denkt Gauck dazu?)

    Alles, was ich heute morgen zu Afghanistan an „Klugem“ gehört habe, hat mich allerdings nur den Kopf schütteln lassen. Mindestens in der ersten Hälfte der 70er war Afghanistan ein begehrtes Ziel für Blumenkinder. Es gab ganze Karawanen, die davon lebten, daß sie das dort Eingekaufte auf den griechischen Inseln (und sicher auch andernorts) an Touristen verscherbelten.

    Damals erlegte die lt. allen Weltkundigen, die ich heute gehört habe, angeblich so tiefst tiefst tiefst im Land verwurzelte tiefe tiefe tiefe Religiosität den Hippie-Trailern keine Beschränkung auf, jedenfalls keine, von der ich je gehört hätte. Viele von denen fanden zwar afghanische Klamotten schick und trugen sie, aber ich habe keine-n getroffen, der/die es mit dem Bedecken hielt. Da ging’s auf den Inseln seinerzeit vermutlich sogar eher strenger zu.

  14. Feldheld schreibt:

    Gehts diesem Symbolismus nicht ohnehin *immer* um Verdrehung von Tatsachen?

    Ist der Symbolismus, dieses infame Hetzen auf der Basis von Oberflächlichkeiten und Kommunikations-Tabus, nicht *immer* ein Ausdruck von Totalitarismus bzw. reinstem Untertanengeist?

    Einerseits gefällt mir vieles, was Sie schreiben. Andererseits bedienen Sie sich mit dem Symbolismus selbst häufig einer der wichtigsten Waffen des Gegners, des Irrationalismus.

    Zweifellos ist der Symbolismus eine sehr gefährliche Waffe. Sie wirkt auf die Dummen, die Haßsüchtigen, die Untertänigen, also den gefährlichen Teil der Menschen. Trotzdem wäre mir wohler, wenn man sie im Kampf gegen Symbolisten mit sehr spitzen Fingern und maximal abgewendeter Nase anfassen würde.

Seid gut zueinander!

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