Das Schwein am Kreuz

In einem Gastbeitrag für den Kölner Stadt-Anzeiger hat sich Pater Werner Holter mit der Frage der Blasphemie beschäftigt und sich dabei auf ein Ereignis rund um die 25-Jahr-Feier des Kunst-Station Sankt Peter konzentriert. Sankt Peter ist eine Kirche, in der regelmäßig Ausstellungen stattfinden. Am 25. Mai 2012 sollte dort eine Ausstellung mit Zeichnungen des österreichischen Malers Siegfried Anzinger eröffnet werden, der seinen „Hieronymus-Zyklus“ im Altarraum zeigen wollte. Da zu diesem Zyklus auch das Bild eines gekreuzigten Schweins gehörte, fürchtete der Kurator Guido Schlimbach um den Frieden der Gemeinde und bat Anzinger, das Bild mit dem gekreuzigten Schwein separat auf einer Empore auszustellen. Siegfried Anzinger lehnte diesen Vorschlag jedoch mit Hinblick auf die Aussage des Gesamtkunstwerkes ab und betonte: „Ich lasse keines meiner Kinder am Bahnhof zurück.“ Guido Schlimbach sagte daraufhin die Ausstellung „schweren Herzens“ ab.

Hochwürdiger Pater Werner Holter,

in einem Gastbeitrag für den Kölner Stadt-Anzeiger haben Sie geschrieben, dass die Frage, ob das Gemälde des gekreuzigten Schweins von Siegfried Anzinger „in einem Raum, in dem Leben zum Gebet wird, in dem das Wort Gottes gehört wird und Tod und Auferstehung Jesu Christ vergegenwärtigt werden“ ausgestellt werden darf, für Sie entschieden ist. Zwar schreiben Sie nicht explizit, wie Ihr Urteil lautet, aber der Tenor Ihres Beitrages lässt kaum einen Zweifel zu, Sie unterstützen die Entscheidung des Kurators und betonen: „In Sankt Peter wird – Gott sei Dank – noch regelmäßig Gottesdienst für alle Altersgruppen gefeiert; in unserer Kirche wird meditiert, gekniet und gebetet. Für eine Kirche gelten andere Regeln als für eine Galerie.“

Eine Kirche ist keine Galerie, da haben Sie selbstverständlich recht. Allerdings sollten Sie für die Tatsache, dass es noch betende Menschen gibt, eher dem Menschen Dank sagen und nicht Gott, da die Entscheidung für und zu Gott nun wirklich eines der ganz wenigen Gebiete ist, auf denen der Mensch vollkommen frei ist. Der Zweifel an Gott macht den Menschen aus. Selbst Jesus überkam in der absoluten Menschwerdung, die im Tod ihre Vollendung fand, der Zweifel. Im Sterben fragte Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ (Mk 15,34 / Mt 27,46)

Vielleicht gelingt es mir ja mit diesem bescheidenen Brief, einen kleinen Zweifel an Ihrem Urteil zu säen, denn für mich ist das Gemälde von Stefan Anzinger Ausdruck tiefster Verbundenheit mit Gott, die selbst den Zweifel zulässt. Als Gemeindemitglied würde ich mich geehrt fühlen, das Gemälde vom gekreuzigten Schwein in meiner Kirche zu haben; ich würde mir sogar wüschen, einmal an dem Bild zu beten und zwar als Bestandteil des Kreuzwegs an Karfreitag. Selten hat mich ein Kunstwerk so nah an die tiefe theologische Bedeutung von Karfreitag geführt.

Für mich symbolisiert das Schwein das Leiden einer unschuldigen Kreatur. Sie finden jedoch „ein Schwein, stellvertretend für die unschuldige Kreatur ans Kreuz geschlagen, ziemlich trivial, wenn nicht sogar zynisch – angesichts der Tatsache, dass unweit von uns an einem Tag fast hundert wehrlose Kinder einfach massakriert werden.“ Mit der gleichen Begründung, hochwürdiger Pater, könnten Sie auch die Bezeichnung des Allerheiligsten als „Lamm Gottes“ als trivial bezeichnen. Symbole und symbolische Handlungen zeichnen sich gerade dadurch aus, für jeden zugänglich zu sein, denn nichts anderes bedeutet das lateinische Wort trivialis. Sogar Jesus hat sich trivialer Symbole bedient. Bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2, 1-12) verwandelt er Wasser und Wein und lässt so die Hochzeitsgesellschaft die Schönheit der Schöpfung spüren. Ist ein solches Symbol nicht auch ziemlich zynisch angesichts der Tatsache, dass Jesus seine Kräfte nutzt, damit sich eine Gesellschaft besaufen kann, statt hungernden und leidenden Kinder mit seiner Macht zu helfen? Das Schwein ist für mich als Symbol so zulässig wie das Lamm oder der Wein.

Ich persönlich finde das Schwein sogar die beste Wahl. Ich komme nämlich vom Land und habe schon immer das Schwein unter allem Tieren am Hof am meisten bemitleidet. Nicht nur weil sich die Schreie der Schweine vor ihrer Schlachtung in mein Hirn eingebrannt haben, sondern vor allem, weil ich es schon als Kind besonders erschütternd fand, dass das Schwein das einzige Tier auf dem Bauernhof ist, dessen einziges Daseinsberechtigung darin besteht, getötet und gegessen zu werden. Jedes andere Tier hat mindestens einen weiteren Nutzen im Leben. Schafen versorgen uns mit Wolle, Hühner legen Eier, Kühe geben Milch, Rinder ziehen Pflüge, Pferde tragen uns, nur beim Schwein gilt: Nur ein totes Schwein ist ein gutes Schwein. Daher kann ich gut verstehen, dass bei Muslimen und Juden das Schwein nicht koscher ist.

Oft wird gefragt, was denn Juden oder Muslime gegen das Schwein hätten. Diese Frage habe schon als Kind nicht verstanden. Seit wann ist es ein Zeichen der Zuneigung, ein Wesen zu töten und zu essen? Wenn ich ein Schwein wäre und jemand würde mich fragen, bei was für einer Familie ich leben möchte, ich müsste nicht lange zögern und würde mich selbstverständlich für eine muslimische oder eine jüdische Familie entscheiden. Sie schreiben:

„Problematisch erschien mir Darstellung auch durch den Begriff der „Judensau“, die schlimmste Assoziationen an Pogrome in der Geschichte Europas weckt und zumindest mich sehr nachdenklich gestimmt hat.“

Nicht nur Sie hat die Assoziation mit der „Judensau“ sehr nachdenklich gestimmt, aber im Gegensatz zu Ihnen hat mich das gekreuzigte Schwein nicht dazu gebracht, über die Legitimität der Ausstellung des Gemäldes von Siegfried Anzinger in Sankt Peter nachzudenken, sondern darüber, warum die originale „Judensau“ noch bis zum heutigen Tage als Schnitzerei im Chorgestühl des Kölner Doms zu finden ist. Die „Judensau“ bezeichnet ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der judenfeindlichen christlichen Kunst, bei der Juden dadurch gedemütigt werden, dass sie im intimen Verkehr mit Schweinen dargestellt werden. Die Kölner „Judensau“ entstand im Jahr 1310 und hängt bis zum heutigen Tag im Kölner Dom. Warum also soll ich mich darüber aufregen, dass ein Gemälde in einer Kirche hängen könnte, das Assoziationen zur „Judensau“ zulässt, während die echte „Judensau“ immer noch im Kölner Dom hängt?

Mit der Wahl des Schweins als Gekreuzigten hat Siegfried Anzinger in einem Gemälde das Beste und das Schlechteste gezeigt, was das Christentum bisher hervorgebracht hat. Auf der einen Seite sehen wir den christlichen Glauben an der Rettung der gesamten Menschheit durch die Menschwerdung Gottes im Sterben am Kreuz auf der anderen Seite sehen wir die schrecklichen Untaten, die im Namen Jesu begangen wurden, besonders an Juden. Obwohl Jesus selbst ein Jude war, finden sich schon im Evangelium selbst die ersten judenfeindlichen Tendenzen. Im Evangelium des Johannes sind Juden “Söhne des Teufels”, die die neue Lehre von Jesus nicht annehmen wollen und stattdessen am Judentum festhalten.

“Jesus sprach zu ihnen: Wäre Gott euer Vater, so liebtet ihr mich; denn ich bin ausgegangen und komme von Gott; denn ich bin nicht von mir selber gekommen, sondern er hat mich gesandt. Warum kennet ihr denn meine Sprache nicht? Denn ihr könnt ja mein Wort nicht hören. Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben. Ich aber, weil ich die Wahrheit sage, so glaubet ihr mir nicht. Welcher unter euch kann mich einer Sünde zeihen? So ich aber die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir nicht? Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte; darum hört ihr nicht, denn ihr seid nicht von Gott.” (Joh 8, 42-47)

Für Paulus ist es klar, dass Juden, die Jesus Lehre nicht leben wollen, auch seinen Tod zu verantworten haben:

„Ihr seid nämlich, Brüder, Nachahmer der Gemeinden Gottes in Judäa geworden, die in Christus Jesus sind; denn ihr habt von den eigenen Landsleuten dasselbe erlitten wie jene von den Juden, die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns verfolgt haben, die Gott nicht gefallen und allen Menschen feindlich sind, indem sie uns hindern, den Heiden zu ihrer Rettung. So machen sie das Maß ihrer Sünden unablässig voll. Es ist aber schon der ganze Zorn über sie gekommen.“ (1. Thess 2, 13-16)

Für viele Christen sind Juden Entwicklungsbremsen, die statt sich der neuen Lehre zu ergeben, an der alten Tradition festhalten. Nirgends wird diese Überzeugung deutlicher propagiert als während der Karfreitagsfürbitte für Juden. Bei diesen Fürbitten werden Juden als perfidis (treulos) bezeichnet und ihnen iudaica perfidia (jüdische Treulosigkeit) vorgeworfen. Bei den Karfreitagsfürbitten bitten Christen Gott darum, Juden den „Schleier von ihren Herzen“ zu nehmen, ihnen die christliche Erkenntnis zu schenken und so der „Verblendung ihres Volkes“ und „Finsternis“ zu entreißen. Eine zaghafte Kritik an der traditionellen Judenfürbitte wurde erst nach der Shoa formuliert. Seit 1956 veränderte der Vatikan sie schrittweise, aber in ihrer Intention kann und wird sie in vielen Kirchen noch heute gebetet.

Einen traurigen Höhepunkt findet der christliche Judenhass in dem Reformator Martin Luther, der in seinem Werk “Von den Jüden und ihren Lügen“ folgendes schreibt:

“Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.”

In seinem “Handbuch über die Judenfrage” fordert Martin Luther sogar jene Dinge, die im 20. Jahrhundert am Wannsee in Berlin zur deutschen Staatsräson werden sollten:

“Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.”

Im Wissen um diese christlichen Verbrechen erscheint mir Siegfrieds Anzingers Wahl eines Schweins als Gekreuzigten als geradezu genial. Wenn Sie also schreiben, für eine Kirche gelten andere Regeln als für eine Galerie, so kann ich Ihnen nur zustimmen. In der Kirche gibt es nämlich die Funktion die Predigt, also den Moment, an dem die Symbole und Bilder erläutert und interpretiert werden. Genau eine solche Predigt hätte ich mir im Falle des gekreuzigten Schweins gewünscht, denn was mich betrifft, so hat Siegfried Anzinger mir mit seinem Gemälde die Bedeutung Karfreitags so nah gebracht wie selten ein anderes Kunstwerk.

Mit freundlichen Grüßen,
Gerd Buurmann

PS: Nur weil jemand etwas als eine Beleidigung auffasst, muss es noch lange keine Beleidigung sein. Ein Künstler, der Mohammed malt, muss damit noch lange keine Beleidigung im Sinn haben und jemand, der ein Schwein als Gekreuzigten malt, muss damit nicht das Christentum verhöhnen wollen. Selbstbewusste Christen kann man gar nicht beleidigen. Dafür sind sie viel zu vergebend. So wie Jesus. Er war einfach eine coole Sau!

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