Es gibt wahrlich wichtigere Probleme!

Wer hat es noch nicht erlebt? Mitten im Gespräch kommt eine Person daher und fragt: „Haben wir keinen größeren Probleme?“ Ich antworte auf diese Frage immer nur mit einem kurzen „Ja“ und fahre dann einfach mit dem Thema fort. Manchmal kommt die Person sogar mit einem Ausrufezeichen daher: „Es gibt wahrlich wichtigere Probleme!“ Gut, nicht alle sagen wahrlich, die meisten sagen wirklich, aber wahrlich klingt einfach besser, für meine Ohren wenigstens, aber ob nun wahrlich oder wirklich, auch einen solchen Einwurf quittiere ich nur noch mit einem kurzen „Stimmt“ und fahre fort.

Vor einiger Zeit habe ich eine Liste der Phrasen erstellt. Ich werde diese beiden Phrasen auf jeden Fall mit in diese Liste nehmen.

Natürlich gibt es immer größere Probleme. Darf ich mich deshalb nicht mehr mit den kleinen Fragen des Lebens beschäftigen? Kein Kreuzworträtsel mehr, so lange der Sinn des Lebens nicht gefunden wurde? Es gibt immer ein besseres Buch, als ich gerade lese; einen leckeren Wein, als ich gerade trinke und ein größeres Problem, als mit dem ich mich gerade beschäftige. Soll ich jetzt nur noch das beste Buch lesen, den schmackhaftesten Wein trinken und das größte Problem zu lösen suchen? Was ist eigentlich das beste Buch? Die Bibel? Der Koran? Winnetou II? Und was ist das größte Problem? Wer bestimmt das? Und was wird eigentlich aus all den Künstlern, die dort Probleme sehen, wo gar keine sind? Was wird aus mir? Darf ich keine Briefe mehr an IKEA und REWE schreiben? Was geschieht eigentlich, wenn sich alle um das größte Problem der Welt kümmern, wer kümmert sich dann noch um die kleinen Dinge? Ich muss gerade an eine kleine Geschichte denken, die ich mal auf einem Kalenderblatt gelesen habe:

Als der alte Mann bei Sonnenuntergang den Strand entlang ging, sah er vor sich eine junge Frau, die Seesterne aufhob und ins Meer warf. Nachdem er sie schließlich eingeholt hatte, fragte er sie, warum sie das denn tue. Ihre Antwort war, dass die gestrandeten Seesterne sterben würden, wenn sie bis Sonnenaufgang am Strand liegen blieben.

„Aber der Strand ist viele, viele Kilometer lang und Tausende von Seesterne liegen hier,“ erwiderte der Alte. „ Was macht es also für einen Unterschied, wenn Du Dich abmühst?“

Die junge Frau blickte auf den Seestern in ihrer Hand und warf ihn in die rettenden Wellen. Dann meinte sie:

„Für diesen hier macht es einen Unterschied”

Der Versuch der Beendigung einer Auseinandersetzung mit Verweis auf ein anderes Problem ist übrigens auch im politischen Diskurs eine gern verwendete rhetorische Figur. Immer wenn es um die Frage geht, ob sich Deutschland in einen internationalen Konflikt einmischen soll, ob nun Afghanistan, Irak, Libyen oder Syrien, sitzt immer mindestens ein Experte bei Jauch Will Illner, der ausführt, die deutsche Armee habe sich in den vergangenen Jahren schon bei so vielen Konflikten herausgehalten, so dass es nur konsequent sei, wenn sie sich jetzt auch diesem Konflikt heraushalten würde. Es gibt eben immer auch größere und andere Probleme.

Ich weiß noch, als schon wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die ersten Stimmen laut wurden, man solle doch kein zu großes Fass über diese Anschläge aufmachen, schließlich stürben täglich Tausende von Kinder an Hunger auf dieser Welt und da wären diese Opfer in Amerika nur eine kleine Fußnote in der Tragödie der Menschheit. Es gibt eben auch andere Probleme.

Ja, es gibt immer andere und vor allem größere Probleme, aber als mein Vater gestorben war, interessierte es mich recht wenig, dass zur gleichen Zeit noch tausend andere Väter auf der Welt gestorben waren; es hatte mich schon recht selten interessiert, als mein Vater noch lebte. Momente und Ereignisse erreichen mein Herz eben direkter, wenn ich in irgendeiner Form betroffen oder involviert bin. Amerika und New York sind mir näher als China und Peking, weil ich in Amerika gelebt habe. Korea ist mir näher als Mexico, weil ich in Korea Familie habe. Das Christentum und das Judentum sind mir näher als der Hinduismus und der Islam, weil ich in christlichen und jüdischen Familien gelebt habe. Ereignisse, die meine Welt betreffen, treffen mich auch mehr. Als am 11. September 2001 in New York gemordet wurde, da traf es eine Stadt, die viele Menschen kennen, entweder weil wir dort mal zu Besuch waren, dort Freunde oder Familie haben oder die Stadt aus Büchern, Liedern, Filmen und Serien kennen. New York und die Kultur Amerikas, mit der Literatur von Melville bis Roth, der Musik von Gershwin bis Lady Gaga, den Filmen von „Gone with the wind“ bis „Star Wars“ und den Serien von „Dallas“ bis „Lost“ sind so vielen Menschen so nah und vertraut, dass der 11. September 2001 eben mehr Menschen beschäftigt als die Tragödien in anderen Ländern. Ungerecht? Vielleicht. Menschlich? Auf jeden Fall!

Im Jahr 2007 war Amerika im Krieg mit dem Irak. Es fielen Männer, Frauen und Kinder. Zur gleichen Zeit bekam Ellen Degeneres in ihrer Show einen Heulkrampf, weil einer Familie der Hund weggenommen wurde. Es gab andere, größere Probleme, aber nicht für Ellen. Als in der Ukraine die Fussballeuropameisterschaft stattfand, da demonstrierten einige für die Freiheit der Politikerin Timoschenko und andere für das Leben von Hunden.

Während Sie diesen Artikel lesen, sterben in Afrika Kinder den Hungertod. Bis gerade haben sie nicht an diese Kinder gedacht. Sie hatten es verdrängt. Es war ihnen egal. Aber was machen Sie jetzt? Lassen Sie in den nächsten Tagen alles hinter sich und fliegen nach Afrika, um dort zu helfen oder werden sie nicht doch viel wahrscheinlicher in den nächsten Tagen in den Supermarkt fahren, um dort ihren Einkaufswagen aus dem Angebot des Überfluss‘ zu füllen? Mit anderen Worten: Sie stehen gerade vor zwei Problemen: In Afrika sterben Kinder den Hungertod und ihr Kühlschrank ist leer. Um welches Problem werden Sie sich kümmern?

Und, warum eigentlich die Kinder in Afrika? Warum nicht die Kinder in Asien? Und, warum die Kinder? Hungern Kinder anders als Senioren? Ist das nicht Altersdiskriminierung? Ja, es ist Diskriminierung! Es ist die einfache und menschliche Diskriminierung der Betroffenheit. Warum sonst wohl ist Israel das am meisten kritisierte Land Deutschlands? Weil Deutschland betroffen ist! Ein Tsunami, der an Weihnachten wütet, wenn die meisten deutschen Familien in ihren warmen Häusern sitzen, lässt mehr Spenden fließen als ein Erdbeben in der Sommerzeit, wenn halb Deutschland im Urlaub ist.

Einige werden jetzt denken, dass das alles sehr schlimm sei, aber ich ziehe daraus folgenden Schluss: Wenn ich zwei Menschen sehe und der eine kümmert sich um die Speisung von Obdachlosen und der andere schreibt einen Brief an Jauch Will Illner, weil ihm die Farbe der Krawatte des Gastes nicht gefallen hat, dann werde ich nicht das eine Problem gegen das andere ausspielen.

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