Gerd Buurmann stellt sich gegen unsere Gesellschaft, sagt jedenfalls die CDU.

Am 6. Januar 2017 um 11:23 Uhr postete die CDU Hamburg via Facebook diese Aussage:

„Wer unsere christlichen und gesetzlichen Feiertage in Deutschland ablehnt, stellt sich gegen unsere Gesellschaft.“

Damit sagt die CDU, dass ich mich gegen die Gesellschaft stelle, denn ich bin für eine Trennung von Staat und Kirche. Ich bin für eine Abschaffung aller religiösen Feiertage, die jedoch durch staatliche Feiertage ersetzt werden müssen. Ich bin zudem gegen konfessionsgebundenen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Ich bin für eine radikale Trennung von Staat und Kirche, gerade weil ich Christ bin! Ja, ich finde, jeder Mensch tut gut daran, an einem Tag in der Woche zu ruhen, um sich seiner Familie, seinen Freunden und seinem Glauben zu widmen, aber kein Staat sollte das Recht haben, mir vorzuschreiben, ob dieser Tag der Sonntag, Samstag, Feitag oder welcher Tag auch immer sein sollte. Jesus soll einst gesagt haben:

„So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“

Es gibt keinen besseren Satz für den Laizismus als dieser Spruch von Jesus. Außerdem ist es gotteslästerlich zu glauben, der allmächtige Gott brauche menschliche Institutionen und Regierungen, um seine Macht zu bezeugen. Ein Staat, der sich anmaßt, Gottes Wille in Gesetze zu gießen, reduziert den Allmächtigen zu einem Wesen, so schwach, so mickrig und so unbedeutend, dass er die Hilfe einer weltlichen Regierung braucht. Respekt und Ehrfurcht vor Gott sehen anders aus!

Ein Glaube, der es nicht schafft, die Herzen seiner Anhänger ohne staatlichen Zwang zu erreichen, ein Glaube, der nicht stark genug ist, dass er sich auch unter Nachbarn mit fremden Sitten und Gebräuchen entfalten kann, ein Glaube, der nur leben kann, wenn er anderen Menschen Fesseln anlegt, ist ein schwacher Glaube. Ein Gott, der auf Staatsdiener angewiesen ist, um seinem Wort Nachdruck zu verleihen, ist ein armseliger Gott!

Ich feiere christliche Feiertage, gehe sogar ab und zu in die Kirche und ja, ich bete sogar. Ich brauche aber keinen Staat für meinen Glauben, schon allein deshalb nicht, weil ich oft an Gott zweifele. Religion ist Privatsache. Ich will in keinem Land leben, in dem mir die religiösen Überzeugungen anderer Menschen aufgezwungen werden. In genau so einem Land leben ich aber. Das Land Nordrhein-Westfalen zum Beispiel untersagt es allen Bürgerinnen und Bürgern, mögen sie nun christlich sein oder nicht, an Karfreitag Theater zu spielen oder öffentliche Tanzveranstaltung zu besuchen. Von Mitternacht bis zum Samstag um 6 Uhr morgens, also ganze 30 Stunden, untersagt das Land NRW folgende Aktivitäten: Märkte, gewerbliche Ausstellungen, Sportveranstaltungen einschließlich Pferderennen, Zirkus, Volksfeste, Freizeitanlagen, soweit dort tänzerische und artistische Darbietungen erfolgen, alle Unterhaltungsveranstaltungen einschließlich sämtlicher, auch klassischer, Theater- und Musikaufführungen wie Opern, Operetten, Musicals, Puppenspiele und Ballett, Spielhallen, Wettannahme, musikalische sowie sonstige unterhaltende Darbietungen in Gaststätten sowie alle anderen der Unterhaltung dienenden öffentlichen Veranstaltungen einschließlich Tanz. Mit anderen Worten: Karfreitag ist NRW ein Gottesstaat!

Als Hauptgrund für die Entscheidung der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, an dem Feiertagsgesetz festzuhalten, wird immer wieder der Ruf nach Respekt angeführt. An einem Tag im Jahr, so heißt es, dürfe der christliche Teil der Gesellschaft durchaus mal Respekt für seinen Glauben verlangen. Ein einziger Freitag im Jahr ohne Kunstfreiheit, Tanzen und dem Recht auf freie Entfaltung könne schließlich nicht so schlimm sein. Für mich aber haben Kunst, Kultur, Aufklärung und Liberalismus den gleichen Stellenwert wie für andere Menschen ein religiöser Glaube. Theater ist für mich Menschendienst, wie die Kirche für Christen Gottesdienst ist. Wie würden Christen reagieren, lebten sie in einem Land, in dem ihnen die Heilige Messe oder der Gottesdienst für nur einen einzigen Sonntag im Jahr untersagt wäre, mit der Begründung, einmal im Jahr dürfe die Religion durchaus mal ruhen, es sei schließlich nur ein Tag im Jahr!

Respekt kann nicht erzwungen werden. Respekt ist eine Form der Wertschätzung, ein Geschenk der Aufmerksamkeit und der Ehrerbietung. Respekt ist nur da möglich, wo sich ein Mensch frei dazu entscheidet, seine Wertschätzung und seine Aufmerksamkeit zu schenken. Alles andere ist Zwang. Es ist wie ein Kind, das von der Mutter gezwungen wird, Danke zu sagen. Ein erzwungenes Danke ist kein Dank und erzwungener Respekt ist kein Respekt!

Außerdem habe ich Angst vor Religionen und diese Angst ist nicht vollkommen unberechtigt! Religionen sind nämlich schlicht und ergreifend immer radikal! Ein Buch, mit dem Anspruch, Gottes Wort zu sein, kann nicht moderat sein. Dafür ist Gott selbst zu radikal! Es gibt keinen moderaten Islam, sondern nur moderate Muslime. Christen sind nur dort moderat, wo sie nicht alle Worte der Bibel wörtlich nehmen. Darum habe ich besonders Angst vor Religionen, wenn sie nach staatlicher Macht greifen, denn sämtliche Religionen sind immer nur so lange tolerant, wie sie keine staatliche Macht haben. Das Christentum wurde erst tolerant, nachdem die Aufklärung die Macht der Kirche nicht zimperlich zerschlagen hatte. Nach wie vor besitzen Christen in Deutschland ein staatlich subventioniertes Recht auf Diskriminierung!

Ein katholisches Krankenhaus zum Beispiel, darf einen Chefarzt entlassen, wenn er nach seiner Scheidung erneut heiratet. Der Staaz gibt dennoch weiterhin Gelder. Das entschied das Bundesverfassungsgericht. Katholische Einrichtungen erhalten staatliche Zuwendungen, obwohl bei der Vergabe der katholischen Spitzenpositionen (z.B. Priester, Bischöfe, Kardinäle) eine verpflichtende Männerquote von 100% herrscht. Mit dem Artikel 3 des Grundgesetzes ist das zwar nicht vereinbar, aber Steuergelder gibt es dennoch! Der deutsche Staat treibt sogar Kirchensteuern ein!

All diese staatlich subventionierten Diskriminierungen im Namen des Christentums werden mit der vermeintlich christlichen Tradition Deutschlands erklärt. Tradition ist jedoch, was die Mehrheit in Deutschland zur Tradition erhoben hat. Das heißt: Je größer die Gemeinde der einer anderen Religion in Deutschland wird, desto vehementer wird sie genau jene Rechte und Privilegien einfordern, die Christen hier besitzen.

Jeder soll glauben, woran er will. Christen sollen meinetwegen ihre Nonnen verschleiern und Muslime keine homosexuellen Imame ernennen, aber der Staat soll sich aus der ganzen Sache raus halten. Komisch, dass ich mich mit dieser Einstellung laut CDU schon außerhalb der Gesellschaft stellen soll. Aber was soll man schon erwarten von einer Partei, die sich nach einer Religion benannt hat.

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6 Antworten zu Gerd Buurmann stellt sich gegen unsere Gesellschaft, sagt jedenfalls die CDU.

  1. mühlstein schreibt:

    Was glauben Sie, wie viele Menschen sich nicht um die Bedeutung der meisten Feiertage kümmern, sondern sich über den arbeitsfreien Tag freuen? So gesehen, ist die Mehrheit der Gesellschaft gegen die Gesellschaft.

  2. peter schreibt:

    Hmm, 1994 schaffte die CDU-gefuehrte Bundesregierung den Buss- und Bettag ab und lehnte somit eine christlichen Feiertag ab. Wird also Zeit, dass das Bundesverfassungsgericht den Laden verbietet…

  3. davboe schreibt:

    Hat dies auf Im Erziehungswunderland. rebloggt und kommentierte:

    Das hätt‘ ich nicht besser schreiben können, daher wird’s rebloggt – Gerd Buurmanns Antwort auf das Sprücheklopfen der CDU Hamburg:

  4. Heimchen am Herd schreibt:

  5. anti3anti schreibt:

    CDU – da war doch was?

Seid gut zueinander!

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