Eine Warnung

Justizminister Heiko Maas fordert, dass Ermittlungsbehörden und Gerichte die Verbreitung verleumderischer Falschnachrichten hart bestrafen sollen. Martin Schulz fordert sogar, es solle für Unternehmen „richtig teuer“ werden, wenn sie die Verbreitung von Falschmeldungen im Internet nicht verhindern. Die Angst vor Fake News greift um sich. Selten war mir eine Warnung so wichtig wie diese: Unter keinen Umständen möchte ich eine Kriminalisierung von vermeintlichen oder tatsächlichen Fake News!

Wollen wir wirklich in einem Land, in dem ein zorniger und gewaltbereiter Mob „Lügenpresse“ brüllt, eine politische Institution etablieren, die sogenannte „Lügenpresse“ kriminalisieren darf? Wollen wir einer Partei, die durch diesen Mob gestärkt wird, wirklich ein Werkzeug bereitlegen, das sie nur noch ergreifen muss, sobald sie es zu einer politischen Verantwortung geschafft hat? Nein, das wäre das Ende der Freiheit.

Ich weiß, Freiheit ist ein großes Wort, aber es ist kein minder großes Wort als Wahrheit. Wir sollten niemals die Worte Freiheit und Wahrheit gegeneinander ausspielen. Die Schaffung einer politischen Institution, die darüber entscheiden darf, was Wahrheit ist und was Lüge, bedeutet zugleich die Schaffung einer Diktatur der Gesinnung. In einer freien Welt kann es jedoch kein Wahrheitsministerium geben! Fake News ist die englische Schwester von Lügenpresse.

Die Welt ist komplex und das Sein noch viel komplexer. Jeder Versuch, etwas zu verstehen und zu begreifen, ist zugleich immer auch eine Verfälschung der Tatsachen. Wer eine Angelegenheit zu erklären versucht, macht sie damit vielleicht verständlicher und für den Zuhörenden leichter begreiflich, aber er lügt damit auch, weil eine Erklärung nichts anderes ist als eine Reduzierung auf das eigene Verständnis. Eine Reduzierung ist jedoch eine Verfälschung. Allerdings lässt sich nichts ohne Reduzierung und somit ohne Verfälschung zusammenfassen, geschweige denn begreifen.

Das heißt nicht, dass es keine Wahrheit gibt. Natürlich gibt es die Wahrheit, es gibt sie so sicher, wie es die Freiheit gibt, aber Freiheit und Wahrheit sind einfach zu groß, um wirklich gefasst zu werden. Freiheit und Wahrheit sind das, was manche religiöse Menschen mit Gott übersetzen und wir wissen, wie ungemütlich Menschen werden können, wenn sie fest davon überzeugt sind, Gott vollkommen erfasst und verstanden zu haben.

Es gibt lediglich Annäherungen zur Wahrheit.

Der Mensch zeichnet sich dadurch aus, die Kategorien Wahrheit und Freiheit denken zu können, aber Menschlichkeit bedeutet, immer zu zweifeln, ob man im Besitz der Wahrheit ist und sich zu fragen, was Freiheit wirklich bedeutet. Das heißt nicht, dass alles relativ ist. Oh nein, manche Aussagen sind weiter entfernt von der Wahrheit als andere. Es gibt sogar Aussagen, die so falsch sind, dass nicht mal mehr das Gegenteil richtig ist. Dennoch ist selbst jede falsche Aussage nur in Beziehung zu der Wahrheit falsch. Somit wohnt auch einer als falsch erkannten Aussage die Erkenntnis zur Wahrheit inne. Es braucht zur Entwicklung somit den Mut zum Irrtum und die Kraft zum Zweifeln und Verwerfen. Der Weg zur Wahrheit führt über das Unrecht haben. Wer stets nur Recht haben will, zieht eine Mauer hoch und verweigert sich jeder Entwicklung.

Lange Zeit dachte der Mensch, die Erde stünde im Zentrum des Universums. Dann kam die kopernikanische Revolution. Plötzlich war nicht mehr die Erde im Mittelpunkt des Universums, sondern die Sonne. Für viele Menschen war das ein Schlag ins Gesicht. Es durfte nicht wahr sein, dass der Planet der Menschen nicht im Mittelpunkt des Universums ist. Die Menschen glaubten ebenfalls lange, die Krone der Schöpfung zu sein. Dann aber kam Charles Darwin und erklärte mit seiner Theorie der Evolution, dass der Mensch nur das Resultat einer zufälligen Entwicklung ohne schöpferische Absicht ist. Für viele Menschen war das wieder ein Schlag ins Gesicht. Sie wollten nicht glauben, dass der Mensch nur ein zufälliges, kleines und vor allem zeitlich begrenztes Rad im Getriebe der Welt ist.

Kein Mensch ist jemals im Zentrum der Wahrheit!

Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die sich dagegen sträubten, nicht im Besitz der Wahrheit zu sein. Sie fühlen sich zu höherem berufen. Ich finde es immer wieder hoch amüsant, wenn sich Menschen aufmachen, das Große und Ganze zu retten, obwohl sie schon am Kleinen verzweifeln. Es gibt Menschen, die nicht einmal ihre Familie zusammenhalten können, aber glauben zu wissen, was die europäische Gemeinschaft braucht; denen die Blumen auf dem Balkon verwelken, aber den Regenwald retten wollen; die über einen Handyvertrag verzweifeln, aber glauben, die Weltwirtschaft durchschaut zu haben. Für mich haben diese Menschen die Glaubwürdigkeit von zölibatären Priestern, die mir was von der Ehe erzählen.

Apropos Wahrheit, die Sonne ist nicht der Mittelpunkt des Sonnensystems! Die Erde dreht sich auch nicht um die Sonne. Die Erde dreht sich um das Baryzentrum. Der Mittelpunkt unseres Sonnensystems ist das Baryzentrum. So jedenfalls bezeichnet man in der Himmelsmechanik den Massenmittelpunkt eines Systems von zwei oder mehreren Himmelskörpern. Es ist der Ruhepunkt des Systems, um den die Körper sich bewegen und mit dem das System an der Bewegung in einem größeren System teilnimmt. Das Baryzentrum des Sonnensystems liegt meistens knapp außerhalb der Sonne und hängt vor allem von der Stellung des Jupiters und des Saturns ab. Die beiden Riesenplaneten besitzen 0,10 beziehungsweise 0,03 Prozent der Sonnenmasse, sodass sie das Baryzentrum um dieses Maß ihrer Bahnachsen beeinflussen, was ungefähr 740.000 und 410.000 Kilometer ausmacht. Da der Sonnenradius 696.000 Kilometer beträgt, kann das Baryzentrum langperiodisch sowohl innerhalb als auch außerhalb der Sonnenoberfläche liegen. Die meiste Zeit jedoch befindet sich der Mittelpunkt außerhalb der Sonnenfläche. Ein Punkt ist jedoch keine Fläche, sondern nur eine Idee.

So wie es unendlich groß gibt, gibt es auch unendlich klein.

Als Kind habe ich oft nachts an meinem Kinderzimmerfenster gestanden und so lange in den Himmel gestarrt, bis alles ganz unscharf wurde. Wenn ich dann noch meine Augen ein wenig zusammenkniff, dann fingen die Sterne plötzlich an zu tanzen. Irgendwann kam die Angst. Die Angst, hinauf gezogen zu werden, hinein zu fallen. Ich fing an, mich zu fragen, was dahinter ist. Ich hab dann einfach unglaublich viel gelesen, Hawking, Einstein, Wein- und Heisenberg, die ganzen Bergs halt. Sie machten sich Gedanken über das Universum und die Beschaffenheit von Zeit. Und was ist dabei heraus gekommen?

Es wird behauptet, Gott würfelt nicht, aber ich glaube, dass er nicht nur würfelt, sondern auch noch bescheißt. Und was machen wir? Wir schaffen uns Theorien und hoffen, dass in der Zeit, in der wir leben, die Theorie nicht widerlegt wird. Aber irgendwann wird sie widerlegt. Jede Theorie wird irgendwann widerlegt, sonst ist sie überhaupt nichts wert. Alles wird irgendwann widerlegt. Auch ich werde irgendwann widerlegt werden. Und bis es soweit ist, schaue ich einfach in den Himmel und habe Angst davor, hinaufgezogen zu werden, hineinzufallen.

Lange Zeit dachte ich, ich hätte so unglaubliche Angst vor dem Tod, weil ich keine Ahnung habe, was danach kommt. Aber das ist ja Quatsch. In Wirklichkeit habe ich diese unglaubliche Angst, weil ich genau weiß, was dahinter ist. Wir wissen es doch alle ganz genau! Da brauchen wir uns überhaupt nichts vormachen. Es gibt doch nur zwei Möglichkeiten, also ganz logisch betrachtet – nur zwei Möglichkeiten: nicht mehr sein oder für immer. Für immer!

Für immer? In zehn Jahren werden wir darüber lachen.

Ich war zwölf, höchstens dreizehn, als ich das erste Mal versuchte, die Unendlichkeit zu sehen. Das war so eine fixe Idee von mir. Im Schlafzimmer meiner Eltern standen damals zwei Spiegel. So zwei richtig große. Einer für Vati, einer für Mutti. Ich stellte sie einander gegenüber und schon war sie da: die Unendlichkeit. Ich musste nur noch nachschauen. Ich stellte mich also in die Mitte der beiden Spiegel und sah mich. Was hatte ich denn auch erwartet? Ich war im Weg! Die Unendlichkeit war hinter mir. Ich war zwar noch ein Kind, aber die Unendlichkeit war kleiner. Die Unendlichkeit ist immer kleiner.

Die Wahrheit lässt sich nicht fassen. Wer behauptet, andere mundtot machen zu dürfen, weil er im Besitz der Wahrheit sei, lügt! Wir sollten es daher niemals zulassen, dass eine irdische Mach darüber entscheidet, was gedacht und gesagt werden darf. Die Gedanken sind frei, auch die falschen und jeder Gedanke führt stets auch Falsches mit sich. Wer Fake News kriminalisieren will, kriminalisiert damit alle Nachrichten, weil es keine Nachricht gibt, der nicht auch etwas falsches innewohnt.

Wir lernen aus Fehlern! Mittlerweile ist es jedoch zum Standard geworden, Menschen im Internet zu blockieren, wenn sie falsch liegen. Ich kenne Leute, die durchstöbern Facebook danach, wer die AfD wählt oder mit Pegida-Leuten diskutiert, nur um sie dann zu blockieren, ganz so, als hätten sie dadurch einen heroischen Akt des Widerstands geleistet, der sie auf eine Stufe mit der Weißen Rose stellt. Sogar völlig unpolitische und popkulturelle Phänomene werden zu Feindbildern hochstilisiert, um an ihnen die Grenze der eigenen Toleranz zu manifestieren, die erstaunlich eng liegen. Als Beispiele sind da zu nennen: Helene Fischer, Til Schweiger, Mario Barth und Sophia Thomalla. Darüber sind unzählige Facebook-„Freundschaften“ zerbrochen.

Ich versuche, diese Filterblasen zu vermeiden und erhalte daher oft Privatnachrichten wie diese: „Du hast aber komische Freunde“, „Was für Spinner sind denn mit Dir befreundet?“, „Was ist das denn für einer?“ Meine Antwort lautet stets:

„Es sind Menschen mit einer anderen Meinung. Manche finde ich falsch, manche richtig. Aber ich entfreunde Leute nicht, nur weil sie Trump mögen oder eine Partei liken, die mir nicht gefällt. Ich will nämlich in keiner Blase und unter keiner Käseglocke leben und erschrecken, wenn eine Wahl mir plötzlich zeigt, dass ich den größten Teil meines Landes gar nicht mehr kenne!“

Es hilft nicht, seinen politischen Gegner als „Pack“ zu bezeichnen und ihnen den Stinkefinger zu zeigen. Im politischen Diskurs müssen wir mit ihnen reden! Wenn es Leuten schlecht geht, flüchten sie. Manche flüchten in andere Länder, andere flüchten in Ideologien. Einige Länder und Ideologien sind gut, andere weniger. Wer sich das Äußern einer Meinung verbittet, sorgt lediglich dafür, dass die Meinung nur noch gedacht wird! Nur weil ich jemanden nicht mehr höre, hört er nicht auf zu denken und die Meinung wird erst sichtbar, wenn es zu einer Handlung gekommen ist. Dann aber ist es oft zu spät!

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Kneipe und da sitzt ein Mann mit einem Hakenkreuz am Revers. Sie würden denken: „Oh, ein Nazi, dem gebe ich kein Bier aus.“ Jetzt stellen Sie sich aber mal vor, er trüge dieses Hakenkreuz nicht, weil es verboten ist. Sie würden sich vielleicht hinsetzen, sich vorstellen, er würde Sie nicht mit „Heil Hitler“ begrüßen, weil das unter Hate Speech fällt, Sie würden erst ein wenig plaudern, dabei das ein oder andere Bier trinken, vielleicht sogar ein Bier ausgeben, bis das Gespräch auf ein Thema fällt, bei dem Sie merken: „Scheiße, ein Nazi!“ Dann aber ist es zu spät. Sie haben ihm bereits ein Bier ausgegeben und alles nur, weil ein Verbot des Hakenkreuzes Sie daran gehindert hat, den Mann sofort als das zu erkennen, was er ist. Ich weiß lieber, wie jemand drauf ist, bevor er zur Tat schreitet. Außerdem möchte ich mit einem Nazi nicht plaudern. Mit einem Nazi möchte ich ausnahmslos Klartext reden!

Ich gebe den naiven Glauben nicht auf, dass Reden, Zuhören und Streiten helfen, sich zu verstehen und den Hass zu mindern! Außerdem ist Zuhören ein präventiver Schutzmechanismus, nur so lerne ich das Innere eines Menschen und kann rechtzeitig erkennen, ob ich mich vor ihm schützen sollte. Meinungsfreiheit nutzt dem Gehassten immer mehr als dem Hassenden!

Wer alles ausklammert und entfreundet, was ihm nicht gefällt, wird blind für das, was wirklich in der Gesellschaft vor sich geht und wird entsetzt aus dem Sessel fallen, wenn bei einer Wahl die Menschen in der geheimen Wahlkabine ihre Meinung in ein definitives Kreuz verwandelt haben. Dann fallen sie aus allem Wolken und sagen, sie hätten all das nicht kommen sehen. Natürlich haben sie es nicht kommen sehen! Sie haben ja auch all die Menschen entfreundet. Sie konnten sich nicht mit diesen Menschen auseinandersetzen, ihnen nicht entgegentreten und ihnen nicht widersprechen. Alles nur, weil sie diese Menschen nicht kannten. Sie vermehrten sich im Verborgenen, Geheimen, Verbotenem. Andere Meinungen ausklammern ist so effektiv wie das kleine Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und glaubt, so sei die Gefahr verschwunden. Immanuel Kant hat einst gesagt:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit! Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen! Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleibt; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“

Egal ob Tagesschau, CNN, Spiegel, Welt oder Breitbart, jeder muss sich selbst sein Bild machen. Ja, es ist unübersichtlicher geworden. In der Zeit vor dem Internet gab es viel mehr Menschen, die über die selbe Sache informiert waren. Was das Tagesthema war, entschied vor dreißig Jahren in Deutschland noch die Tagesschau und die BILD. Heute gibt es aber nicht mehr diesen großen öffentlich-rechtlichen Kontinent von Menschen, wo alle über das Selbe reden. Immer mehr Inseln mit immer unterschiedlicheren Vegetationen und Kulturen sind entstanden und entstehen jeden Moment aufs Neue.

Aufgrund es Internets wird heute mehr gestritten und beleidigt. Der Ton hat sich verschärft und unser Begriff von Anstand und Sitte wird sich weiterhin deutlich verändern, weil heute jeder eine eigene Insel hat, die er nicht mehr verlassen muss, um seine Meinung in die weite Welt des Internets zu brüllen. Wer früher eine Meinung hatte und wollte, dass sie gehört wird, musste eine Hose anziehen, einen Brief schreiben, rausgehen und darauf hoffen, eine Plattform zu finden. Heute können wir in Unterhose im Bett an unserem iPad sitzen und unsere Gedanken in die Welt gießen, so wie ich gerade.

Ja, wir werden uns fremder werden, weil es kein großes Lagerfeuer am Samstag Abend mehr gibt, wo die ganze Nation nach der Tagesschau zusammenkommt, um zu erkennen, dass Gottschalk der große Einheitsspender ist, auf den sich alle irgendwie einigen können. Dafür aber wird die Welt bunter, individueller und abenteuerlicher. Ja, es wird mehr gelogen, gefühlt und verwässert, aber das passiert halt in der Demokratie. Die Macht verwässert. Jeder redet halt mit und keiner hat die Macht allein in seinen Händen, um zu entscheiden, was richtig ist! Und das ist auch gut so!

In der Freiheit werden Fake News immer zu hören sein, aber Fake News werden in der Freiheit niemals siegen können. Für einen Sieg brauchen Fake News nämlich die Macht, andere Menschen zum Schweigen bringen zu können. Diese Macht aber sollten wir niemandem geben, niemals!

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