Für ein autoritäres Theater. Das Theater Konstanz wappnet sich für die totale Mobilmachung

Ein Beitrag von Lasse Stodollick in Zusammenarbeit mit Sandra Kreisler.

Das Theater Konstanz hat derzeit auffällig viel überregionale Berichterstattung.

Der Plan, die Farce „Mein Kampf“ der Theaterlegende George Tabori unter der Regie des Comedian Serdar Somuncus aufzuführen hat – und so wurde es wohl vorausgesehen – nicht für diese Aufmerksamkeit ausgereicht. Und so entstand die Idee, bereits mit dem Ticketverkauf zu provozieren.

Das Spektakel (Debord) beginnt im Foyer, wie das Theater – mittlerweile abgeschwächt – preisgibt: „Mit dem regulären Erwerb einer Eintrittskarte in der Kategorie ihrer Wahl bieten wir Ihnen an, im Theatersaal einen Davidstern als Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu tragen. Sie haben auch die Möglichkeit kostenlos ins Theater zu gehen: Für eine Freikarte erklären Sie sich bereit, im Theatersaal ein Hakenkreuz-Symbol zu tragen. Die Symbole erhalten Sie vor der Vorstellung am Einlass zum Zuschauerraum. Mit Verlassen des Zuschauerraums sind die Symbole abzugeben.“

Und weil auch das nicht genug schien, um ausreichend Propaganda zu machen, wurde die Premiere just auf den 20. April, Hitlers Geburtstag, gelegt.

Es ist natürlich ein promotechnischer Coup. Aber mit diesem Coup hat sich das Theater auch eingehandelt, zahlreiche Menschen auf längere Zeit vom Theater fern zu halten. Jüdinnen und Juden zum Beispiel hat Theaterleiter Christoph Nix wohl endgültig vergrault. Kein Schaden! Gibt es doch in der Bodenseeregion ausreichend Touristen, ausreichend andere Leute, die man ins Theater holen kann, was macht es aus, eine kleine Minderheit vor den Kopf zu stossen? Bereits Tage vor der Premiere haben sich immerhin gut 50 Leute bereit erklärt, für lau und mit Hakenkreuz zu kommen – was zwar zumindest für die moralische Untiefe dieser Leute spricht, aber die Qualität des Publikums, so scheint es, ist derzeit sowieso kein Kriterium, es geht um Verkäufe, der „Echo“ macht es vor.

Aufgrund der medialen und nicht durchwegs zustimmenden Berichterstattung setzte man also noch eine Pressekonferenz an, um sich zu erklären. (Ähnlich vielleicht, dem Beisitzer des „Echo“, der zwar den Preis an die offenen Antisemiten und Gewalthetzer Kollegah und Farid Bang mit absegnete, aufgrund des folgenden Shitstorms aber dann doch zurücktrat, um Gesicht zu wahren.)

Unglücklicher Weise jedoch geriet diese „Pressekonferenz“ endgültig zu einer die Hintergründe und Geisteshaltung der beiden Theatermacher Nix und Somuncu entlarvenden Show. Anstatt künstlerische Gedanken und Überzeugungen zur Diskussion zu stellen, erklärte etwa Somuncu, Journalisten würden nicht richtig arbeiten. Hätten sie das getan, gäbe es keine Beanstandung. Statt der Armbinden haben wir es wohl mit der „Lügenpresse“ zu tun.

Vorab waren sich Nix und sein Referent daher einig, dass sie auf der Seite der vordringlich jüdischen Stimmen stehen würden. Immerhin sei der noch adoleszente Nix einmal auf einer Anti-NPD-Demonstration verdroschen worden und wüsste nun, wie man sich als Opfer fühlt. Er scheint auch die weit verbreitete Annahme zu teilen, als Deutscher könne man Juden vorschreiben, wie sie zu denken, zu fühlen und sich zu äußern haben.

Zunächst hörte der Besucher der Pressekonferenz, dass eine „wertvolle und wichtige“ Debatte zu führen sei. Nix schloss sich direkt an. Gegenwärtig (!) sei jüdisches Leben nicht geschützt. Als „ehrlicher“ Makler mit Opfererfahrung predigte er, dass eine „dialektische Umkehr“ vonnöten sei. Die Gegner der Demokratie, hier nannte er einen ebenso rechtsradikalen wie relativ unbedeutenden Internetblog (prinzeugen), und nicht das Theater seien zu attackieren. Man sei ja schliesslich auch selbst verletzt, daher sei austeilen wichtig. Dass es auch wichtig ist, wie und gegen wen man austeilt blieb ungesagt.

Somuncu bezeichnete dann im Sinne der anfangs geforderten Debatte schnurstracks sowohl die gesamte Presse als auch die Hakenkreuzkritischen lokalen jüdischen und kulturellen Gesellschaften und Verbände als „unwissentlich“, „marginal“ und „oberflächlich“. Später brüllte er „Unehrlichkeit“ in den Raum. Einen Akademiker, den Somuncu namentlich anging, bezichtigte er gar undemokratischer Methoden. Die angedrohte Klage interpretierte er nicht als demokratisches Verfahren, sondern als „Drohbrief“. Zum Glück vermochte der Dramaturg zu beruhigen: Wir wissen nicht, was Tabori wollte, aber wir wissen, was er wollte – so postulierten er und Nix.

Die gesamte Pressekonferenz bestand nicht nur aus glatter und populistischer Blabla-Rhetorik, sie legte offen, dass Kritik und Diskurs in den Augen der Theatermacher eine ziemliche Einbahn sind. Zwar ein Katalysator von Diskursen, aber für die Replik nicht mehr zuständig.

Bereits der Nobelpreisträger Imre Kertész prognostizierte eine Erlebnispark-Kultur der Shoa – und das Konstanzer Theater bemüht sich, ihm Recht zu geben. Nicht bei der Bemängelung und Aufarbeitung dieser Art der Zombiefizierung von ernsthaftem Diskurs und wacher Erinnerungskultur, sondern beim Bau derselben. Die oberflächliche Eventisierung von Erschütterung ist ein Zeichen der Zeit, bei dem Nix und Somuncu für ordentlichen Presserummel offenbar gerne mittun. Intellektuelles, künstlerisch anspruchsvolles und überregional bedeutendes Theater sieht indes anders aus.

Der Tiefpunkt dieser Rechtfertigungstiraden scheint erreicht, wenn nationalsozialistische Zeichen als „vieldeutig“ bezeichnet werden. Da darf man die Gräuel der nationalsozialistischen Willkür- und Schreckensherrschaft gerne zur Disposition stellen.

Wenn alle Werte gleich sind, ist Kannibalismus eben nur noch eine Frage des guten Geschmacks.

Ja, Kunst muss alles dürfen. Sie muss aber nicht alles müssen. Aber vor allem: Wenn sie als Kunst gesehen werden will, sollte sie schlicht Oberflächliche Erregungsökonomie vermeiden.

Ernsthafte Bedenken abzutun, jüdische Verbände abzuwerten und sich zu wundern, dass über bestimmte Sachverhalte nicht vernünftig zu debattieren ist, ist eine Fortsetzung der Geschmacklosigkeit. Ein Kompromiss war möglich, er wurde diesmal aber nicht angestrebt. Noch 2015 hatte Nix übrigens in einem umstrittenen Fall türkischen Nationalisten beigegeben – nun, vermutlich ist ihm klar, dass Juden nicht gleich mit Gewaltattacken kontern, wenn ihnen was nicht passt. Und was Juden nicht passt, ist der Mehrheitsgesellschaft schon länger billig. Das ist das Kleingeld, das man heute in der Provinz künstlerisch drucken lässt.

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