Ma’alot – Kölns bekanntestes unbekanntes Kunstwerk

Es gibt Kunstwerke, die erst durch ein Missgeschick ihre ganz besondere Bedeutung bekommen. Die Venus von Milo wäre mit Armen deutlich uninteressanter. Den Turm von Pisa würden weit weniger Menschen besuchen, wäre er nicht schief. Auch in Köln befindet sich ein Kunstwerk, das durch einen Konstruktionsfehler veredelt wurde. Es steht zwischen dem Kölner Dom und Vater Rhein: „Ma’alot“.

Ma’alot ist hebräisch, bedeutet „Stufen“ und bezieht sich auf die Psalmen 120 – 134, die als „Stufenlieder“ bekannt sind und zum überwiegenden Teil den Königen David und Salomon zugeschrieben werden. In Jerusalem wurden diese Psalmen traditionell gesungen, wenn die Priester mit den Wasserkrügen von der Quelle her die Stufen zum Tempel hinaufstiegen.

Die Kölner Stufen steigen vom Rhein her an und präsentieren so den schönsten Anblick, den man in Köln auf den Dom haben kann, da sich die Architektur des Museums Ludwig mit seinem die Wellen des Rheins imitierenden Dach in das gesamte Bild einfügt. Ma’alot macht somit den Kölner Dom vom Blick des Rheins her zu einem Symbol des Tempels in Jerusalem.

Geschaffen wurde das Kunstwerk von Dani Karavan. Er ist ein israelischer Künstler und besonders für seine großformatigen und begehbaren Freiluftkunstwerke bekannt. Dani Karavan bezeichnet sein Kunstwerk „Ma’alot“ als „Environment aus Granit, Gußeisen, Ziegelsteinen, Eisen und Schienen, Gras und Bäumen“. Wie selbstverständlich verbindet er die gegensätzlichsten Materialien und zeigt dadurch die Extreme, zwischen denen jüdisches Leben in Deutschland stattfand, zwischen Bäumen und Schienen.

Sechs Akazien und neun Ahornbäume gehören zum Kunstwerk. Beide Bäume sind im Judentum von besonderer Bedeutung. König Salomon nutze Ahornholz zum Bau des Tempels und von Akazien heißt es in der Schrift von Jesaja, dass sie die Straße der aus dem Exil Heimkehrenden säumen werden. (Jes. 41, 19)

Kontrastiert werden die Bäume von zwei Eisenbahnschienen, die sich durch das Kunstwerk schneiden. Eine Schiene deutet vom Dom im Westen nach Deutz im Osten und verläuft parallel zu den Schienen der Hohenzollernbrücke. Hier begann am 21. Oktober 1941 die Deportation der noch verbliebenen 6377 Juden von Köln in die Vernichtungslager des Ostens. Die Schiene läuft auf eine stufenähnlichen Skulptur zu, der eine Assoziation zu einen Schornstein wecken läßt, und zerschneidet ihn.

Schaut man sich den Kölner Dom durch diesen Schlitz in der Skulptur an, so sieht ein Turm des Kölner Doms in Verbindung mit der Schiene aus wie ein deutscher Wachturm an einem Konzentrationslager. Eine brutale Anklage gegen das Schweigen eines großen Teils der christlichen Kirche während der Shoa.

Ma’alot erinnert somit an die schönste und an die schlimmste Zeit des Judentums. Von einer Position erinnert der Dom an den Tempel in Jerusalem und somit an die schönste Zeit im Judentum, von einer anderen Position jedoch erinnert der Dom an Auschwitz, an die schlimmste Zeit im Judentum.

Diese Interpretation ist nichts weiter als eine reine Assoziation von mir. Dani Karavan ist klug genug, solche Assoziationen nicht zu kommentieren. Er sagt stattdessen:

„Das Kunstwerk (…) hat nicht die Aufgabe, eine bestimmte Geschichte zu erzählen oder bestimmte Zusammenhänge zu bebildern. Es kann nur Widerhall hervorrufen und Assoziationen (…) evozieren. Aber in der Hervorrufung dieses Echos ist das Kunstwerk frei, es hat alle Rechte und jede Freiheit, Assoziationen in jede beliebige Richtung anzustoßen und die verschiedensten Phantasien und Vorstellungen bei den Menschen auszulösen, auch Vorstellungen, die ich selbst nicht hatte, die ich nicht sehe, Bilder, die ich nicht kontrollieren kann und für die ich nicht verantwortlich bin.“

Die zweite Schiene läuft die Stufen zum Dom hoch und zerschneidet oben angekommen einen kreisrunden Platz in der Mitte des Gesamtkunstwerkes, unter dem sich der wunderschöne Konzertsaal der Kölner Philharmonie befindet. Die Schiene zerschneidet somit einen Kreis, also das Runde, das Schöne, das Gute, das Vollkommene.

Ein Konstruktionsfehler hat nun dazu geführt, dass das Kunstwerk eine Interpretationserweiterung erfahren hat, die nie geplant war, weder von dem Künstler noch von der Stadt Köln. Der Konstruktionsfehler macht es notwendig, dass der kreisrunde Platz, der von der Schiene zerschnitten wird, immer dann nicht betreten werden darf, wenn unter dem Platz in der Kölner Philharmonie ein Konzert stattfindet, da man sonst die Schritte der Passanten im Konzertsaal hören würde. Die Kölner Philharmonie muss somit bei jedem Konzert mehrere Wärter anstellen, weil sie Ma’alot nicht ignorieren kann. Das heißt:

Wenn man in der Kölner Philharmonie Musik genießen möchte, darf man Auschwitz nicht vergessen. Wer es dennoch versucht, wird keine Ruhe finden und ständig von den dumpf dröhnenden Schritten der Vergangenheit verfolgt werden.

Das ist die Erkenntnis, die mir Dani Karavans Ma’alot, die Kölner Philharmonie und ein typisch Kölsches Missgeschick ungewollt lehren.

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