Nathan oder Shylock?

Wenn ich mir die brutale, einseitige und jeglicher Empathie beraubte Kritik an Israel anschaue, dann habe ich das Gefühl, ein ganz besonderer Fluch lastet auf dem Staat Israel. Es ist ein deutscher Fluch: der Nathan-Fluch.

Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing ist ein aufgeklärter, guter Jude, der jenseits aller menschlichen Eigenarten und Schwächen deutsches Sinnbild für den verständnisvollen, vergebenden und vor allem unreligiösen Juden geworden ist. Während allen Figuren in Lessings Stück Schwächen und religiöse Eigenarten zugesprochen bekommen, thront die Idee des Nathans über alle Menschen und wird so zu einer bloßen Schablone. Diese übertrieben positive Bild vom Juden Nathan ist für heutige Juden zum Fluch geworden.

Stellen wir uns nur einmal vor, was geschehen würde, wenn Nathan auf einmal menschliche Züge bekäme, wenn er Gefühle, Zorn und Rache entwickeln würde. Nathan ist ein Jude, der gerade deshalb so beliebt ist, weil er mehr Idee als Mensch ist. Lessing hat die Ideen der Aufklärung auf das Judentum projiziert und seitdem werden Juden zu einer kompromisslosen Einhaltung dieser Prinzipien in einer Art und Weise verpflichtet, wie sie sonst keinem anderen Menschen abverlangt werden.

Solange Juden in Ablehnung von Gewalt zu Opfern werden, solange sie wie Nathan höchstens ihre Rhetorik als Waffe einsetzen, wenn ihnen die Worte Tut nichts! Der Jude wird verbrannt!“ entgegengeschmettert werden, solange sie ganz friedlich bleiben, sind sie den Mitmenschen Willkommen. Sobald sie aber beginnen, sich zu wehren, schlägt die angebliche Sympathie in bittere Antipathie um.

Der Jude hat verständnisvoll und vergebend zu sein, um von seiner Umwelt geliebt zu werden. Es ist genau diese Anforderung der Welt an Juden, die einem anderen bekannten Juden aus der Theatergeschichte zum Verhängnis wird: Shakespeares Shylock aus dem Stück „Der Kaufmann von Venedig“.

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Shylock ist ein ganz gewöhnlicher Mensch, der sich irgendwann schlicht weigert, die Schmach der Unterdrückung einfach hinzunehmen. Nicht selten wird Shylock als Zerrbild des zornigen, gierigen Juden verstanden. Wenn man das Stück jedoch liest, wird klar, was schon Heinrich Heine erkannte: Shylock ist ein Mensch, dem Unrecht geschieht und sich wehrt. Wie sehr Heinrich Heine die Figur des Shylocks und somit auch das Stück „Der Kaufmann von Venedig“ mochte, wird allein schon an der Tatsache deutlich, dass er eines seiner berühmtestes Gedichte, nämlich „Die Lore-Ley“ mit den Anfangsworten dieses Stücks von Shakespeare beginnen lässt: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.“

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Während sämtliche Christen in Shakespeares Stück nicht in der Lage sind, ihre eigenen christlichen Prinzipien zu leben, fordern sie von dem Juden eben genau diese Verhaltensweise und bestrafen ihn umso heftiger, als sich herausstellt, dass er den christlichen Geboten nicht mehr folgen möchte oder kann als jeder andere Christ. Shylock will und kann nicht besser sein als alle anderen Menschen. Er ist kein Übermensch und bringt dies auch mit folgenden Worten auf den Punkt:

Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir’s euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muss seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache.

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Shylock ist im Gegensatz zu Nathan ein Mensch, mit Gefühlen und Ängsten. Wie jeder Mensch, der bedroht oder angegriffen wird, verteidigt er sich, schützt sein Leben und versetzt zur Not auch seine Umwelt in Angst und Schrecken, so dies die einzige Möglichkeit ist, das eigene Leben zu bewahren.

Genau diese Menschlichkeit wird Juden heutzutage verwehrt. Es reicht schon ein Blick in die Organisation der Vereinten Nationen. Ein Drittel aller Resolutionen und Entscheidungen, die der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen seit seinem Bestehen verabschiedet hat, richtet sich gegen Israel. In einer manischen Fixiertheit auf nur 0,1% der gesamten Weltbevölkerung, denn dies ist der prozentuelle Anteil der Israelis auf der Erde, sehen die Vereinten Nationen ein Volk, dem ganz besondere Aufmerksamkeit zu Teil werden muss. Während 99,9% der Welt mit geradezu christlicher Milde beäugt werden, müssen die restlichen 0,1% die volle Last der Aufklärung auf ihre Schultern laden.

Alle Juden der Welt zusammengenommen ergeben gerade mal 0,22% der Gesammtbevölkerung. 99,78% der Bevölkerung werden somit von Nicht-Juden gestellt. Dennoch hält sich der wackere Glaube vom starken und stets präsenten Juden. Es ist geradezu amüsant wieviel Menschen an die Macht der Juden glauben. Wenn man diese Menschen nun fragt, wie es denn um den Einfluss der Holländer (0,25% der Gesamtbevölkerung), der Deutschen (1,22%), der Chinesen (19,5 %), der Muslime (19,26%) oder der Christen (31,11%), bestellt sei, schauen diese Menschen nur ganz verwirrt, ganz so als habe man gerade eine völlig absurde Frage gestellt. Nur die Frage nach dem Einfluss der Juden ist selbstverständlich nicht absurd. Die Juden sind halt etwas ganz Besonderes. Und weil sie so ganz besonders sind, müssen sie sich auch ganz besonders benehmen. Sie sollen brav und anständig sein, wie ein wohlerzogenes Kind, das zur Vergewaltigung zum lieben Onkel geschickt wird. Solange sich Juden schön abschlachten lassen, werden sie von allen geliebt; aber wehe, sie fangen an, sich zu wehren, dann hört der Spaß auf. Der Journalist Henryk M. Broder hat es auf diese einfache Formel gebracht:

„Es ist einfacher, Kränze vor toten Juden abzuwerfen, als sich mit lebenden auseinanderzusetzen.“

Juden dürfen auf keinen Fall auffallen. Zur Not müssen sie ganz einfach verschwinden, wie Shylock. Als Shylock sich weigert, das Prinzip der Vergebung zu leben, wird er von Portia, die ebenfalls jede Vergebung fahren lässt, brutal bestraft. Im vierten Akt von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ spricht Shylock seine letzten Sätze und taucht im fünften und finalen Akt nicht mehr auf.

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Im letzten Akt ist Venedig judenrein, so wie es die Nazis einst mit der ganzen Welt vor hatten und wie es Gaza heute ist. Am Morgen des 12. September 2005 verließen die letzten Juden den Gazastreifen über den Grenzübergang Kissufim. Der Abzug wurde von Arabern teils frenetisch mit Freudenschüssen und Autokorsos gefeiert. Die verlassenen Synagogen wurden in Brand gesteckt. Es kam zu einer wahren “Gazakristallnacht”.

Ständig ist von palästinensichen Organisationen, aber auch von vielen europäischen und amerikanischen Regierungen die Forderung zu vernehmen, erst einmal mögen alle jüdischen Siedler verschwinden, bevor ein palästinenischer Staat gegründet werden könne, denn nur ein „judenreines“ Palästina sei ein wahres Palästina. Es gibt Minister, die kein Blatt vor dem Mund nehmen. Der stellvertretende Minister für religiöse Stiftungen der Hamas, Abdallah Jarbu, sprach am 28. Februar 2010:

„Juden sind fremdartige Bakterien, sie sind Mikroben ohne Beispiel auf dieser Welt. Möge Gott das schmutzige Volk der Juden vernichten, denn sie haben keine Religion und kein Gewissen! Ich verurteile jeden, der glaubt, eine normale Beziehung mit Juden sei möglich, jeden, der sich mit Juden zusammensetzt, jeden, der glaubt, Juden seien Menschen! Juden sind keine Menschen, sie sind kein Volk. Sie haben keine Religion, kein Gewissen, keine moralischen Werte!“

Die Hamas-Charta erklärt im Artikel 7:

Der Prophet – Andacht und Frieden Allahs sei mit ihm, – erklärte: Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn!

Der Hitlergruß gehört schon lange zum Repertoire dieser und ähnlicher Bewegungen, wie diese Bilder der Hisbollah und der Hamas belegen.

Hamas hat verwirklicht, woran Hitler gescheitert ist.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es viele jüdische Siedlungen in Europa. Sie wurden Schtetl genannt. Für die Nazis waren diese Schtetl illegale jüdische Siedlungen, die sie vernichteten und mit ihnen einen Großteil der jüdischen Bevölkerung Europas. Letztendlich scheiterten die Nazis jedoch mit ihrem Versuch, Europa “judenrein” zu machen. Hamas allerdings scheiterte nicht. Alle jüdischen Siedler wurden 2005 aus dem Gazastreifen vertrieben. In Folge wurde Israel dann jedoch aus dem „judenreinen“ Gaza mit tausenden von Raketen beschossen. Die jüdischen Siedler waren somit nicht das Problem, weil sie Siedler waren, sondern weil sie Juden sind. Als sie aufhörten, Siedler zu sein, wurden sie von der Hamas dennoch weiter bekämpft, weil sie Juden sind!

Wer glaubt und fordert, dass Juden verschwinden müssen, kann niemals Frieden mit Juden schließen.

Juden, die siedeln und Häuser bauen, sind niemals ein Problem! Sie sind es nicht in Israel, nicht in Amerika und nicht in Europa. Sie sollten es auch nicht in den Ländern des Nahen Ostens sein! Überall auf der Welt gibt es in diversen Ländern jüdische Siedlungen und Viertel. In Deutschland gibt es jüdisch, muslimisch und christlich geprägte Viertel. Nur wenige sehen in ihnen ein Friedenshindernis. Sie werden vielmehr als eine kulturelle Bereicherung verstanden und gelten als Unterstützung für ein friedliches Miteinander, da sie Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz zu fördern vermögen. In Köln gibt es die überwiegend muslimisch geprägten Keupstraße und in Paris den Marais im dritten und vierten Arrondissement, eine überwiegend jüdisch geprägte Siedlung der Stadt. In Israel gibt es eine Menge muslimische Viertel und Siedlungen. Fast zwanzig Prozent aller Israelis sind Muslime. Für Israel sind muslimische Siedlungen innerhalb und außerhalb Israels kein Friedenshindernis, sondern gelebte Demokratie.

Israel ist eine Demokratie, in der jede Kritik, sogar die dümmste und die brutalste Kritik, erlaubt ist und artikuliert wird. In Jordanien, Libanon, Syrien, Gaza, Westjordanland aber haben Palästinenser diese Rechte nicht. Warum also werden diese dort von Arabern unterdrückten Palästinenser nicht gestärkt?

Warum nicht dort die Rechte von Palästinensern fordern, wo sie nicht vorhanden sind, statt ständig das Land zu kritisieren, das ihnen diese Rechte garantiert?

Vielen Menschen, die vorgeben, solidarisch auf der Seite der Palästinenser zu sein, sind Palästinenser in Wirklichkeit vollkommen egal. Sie sind einfach nur gegen Juden! Daher verbünden sie sich mit den Feinden der Juden. Wenn diese Feinde behaupten, Palästinenser könnten keine Juden sein, weil Juden die Feinde von Palästinenser seien, dann verstehen sie das sofort und übernehmen die Rhetorik gerne.

Wer behautet, jüdische Siedlungen seien illegal, wer erklärt, es dürfe einen Ort geben, an denen Juden nur aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit das Bauen und Siedeln verboten wird, ist ein Antisemit!

Islamisten hassen Juden, wie Nazis Juden hassen. Deshalb ist Gaza heute so „judenrein“, wie die Nazis damals ein „judenreines“ Deutschland wollten. Islamisten hassen Israel, weil Israel ein jüdischer Staat ist. Deshalb wollen sie ihn vernichten und deshalb ist Israel für sie ein Besatzer. Selbst der toleranteste und bescheidenste jüdische Siedler, der mit Politik nichts am Hut hat und nicht im Geringsten die Absicht verfolgt, Land für Israel zu gewinnen, sondern nur mit seiner Familie in einem friedlichen Haus mit Garten leben möchte, hat zu verschwinden. Es sind nämlich nicht seine politischen Überzeugungen oder seine israelische Staatsangehörigkeit, die dem Islamisten stören, sondern ausschließlich die Tatsache, dass er Jude ist. In Hebron zum Beispiel wurden 1929 nach einem Massaker an Juden alle überlebenden Juden vertrieben. Israel gab es damals noch nicht!

Der Hass auf Juden versteckt sich heute hinter der Kritik an Israel und eine Menge Menschen stimmen in den Chor ein. Als Israelkritik getarnten Judenhass findet man heute überall.

In der deutschen Politik
Im deutschen Bundestag
In den Vereinten Nationen
In der Europäischen Union
Im Theater
In der Gesellschaft

Die Leute von der Hamas sind da ungleich ehrlicher. Sie verstecken sich nicht hinter Israelkritik sondern posaunen ihren Judenhass offen hinaus:

Und dann gibt es noch Worte wie diese:

„Der größten Feinden eines jeden Muslims nach dem Teufel sind die Juden! Wer sagt das? Gott sagt das!“ (Al-Rahma TV (Ägypten), 9. Januar 2009)

„Unser Hass auf die Juden ist in unserem Glauben begründet! Der Koran sagt uns, sie zu hassen, nicht sie zu lieben.“ (Al-Nas TV (Ägypten), 8. Januar 2008)

„Ich unterstütze Deutschland in der Politik und Brasilien im Sport. Ich mag die Art wie Brasilien Fußball spielt, aber ich mag die Deutschen, weil sie die Juden hassen und sie verbrannt haben. Hahahahaha!“ (Wiam Wahhab, ehemaliger libanesischer Minister, auf Al-Jadid/New TV (Libanon) 4. Juli 2010)

Warum ist es für einen möglichen zukünftigen palästinensischen Staat unzumutbar, jüdische Bürger zu tolerieren?

Warum ist es schlimmer Häuser zu bauen, als Häuser zu bebomben?

Warum ist es akzeptabler, Juden zu hassen, statt Siedler zu sein?

Warum wurde im Jahre 2010 ein Brandanschlag auf eine deutsche Synagoge verübt, wenn Juden in Palästina Siedlungen bauen?

Warum müssen israelische Regierungen immer erklären, dass sie für eine Zwei-Staaten-Lösung sind, obwohl in den letzten 30 Jahren nicht ein palästinensischer Vertreter für eine solche Lösung eingetreten ist, geschweigedenn einen Frieden mit Israel angeboten hat?

Warum wird Israel für die Grenzpolitik zum Gazastreifen kritisiert, eine Grenze, die sich regelmäßig für Hilfsgüter öffnet, während Ägypten für die fest geschlossene Grenze zum selben Gazastreifen nicht kritisiert wird?

Warum soll Israel seine Grenze zum verfeindeten Gazastreifen öffnen, während Agypten die Grenze zum selben aber befreundeten Gazastreifen geschlossen halten darf?

Warum fordert niemand von einem zukünftigen palästinensischen Staat, dass er Frauen und Männer, Homos und Heteros, Juden und Palästinenser mit gleichen Rechten und Pflichten vor dem Gesetz ausstattet?

Warum werden im Jahr 2014 Synagogen geschändet mit „Heil Hitler“ und Hakenkreuzen, während Demonstranten auf deutschen Straßen „Juden ins Gas“ und „Adolf Hitler“ brüllen?

Warum müssen in Europa Juden um ihr Leben fürchten, wenn Menschen die Politik von Israel nicht gefällt?

Und schließlich:

Warum muss Israel ein Nathan sein, wenn alle anderen Staaten es nicht sind?

Warum soll sich Israel nicht verteidigen dürfen?

Shylock sagt:

„Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir’s euch auch darin gleich tun.“

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Auf den Bühnenbildern bin übrigens ich als Shylock in Burkhard Schmiesters Inszenierung von „Der Kaufmann von Venedig“ aus dem Jahr 2009 zu sehen. Die Chefredakteurin Dorothea Marcus schrieb damals für die Theaterzeitung aKT eine interessante Kritik. Achten Sie auf die ersten beiden Sätze:

„Es ist mal wieder das Stück zur Stunde. Während Israel den Gaza-Streifen in Schutt und Asche legt, wird im Severins-Burg-Theater einer der beliebtesten Shakespeare-Abende gezeigt, an dem man sich doch so grandios verheben kann: Denn es wurde wohl kaum jemals so unverblümt ein unsympathischerer Jude gezeigt als im „Kaufmann von Vendig“. Ein rästselhaftes Drama, dem oft Antisemitismus vorgeworfen wurde – den es aber gleichzeitig vorführt und kritisiert. Denn Shylock, dem jüdischen Wucherer, wird von der eitlen Gesellschaft um Kaufmann Antonio zwar übel mitgespielt, aber er hat es ja auch geradezu verdient. Oder umgekehrt? (…)

Der 84-jährige Theodor Michael, der gerade sein 60-jähriges Bühnenjubiläum feierte, lässt seine Erfahrungen strahlen, es ist eine Freude, ihm zuzusehen. Interessant zudem, einen Schwarzen mit der Rolle des Judenhassers zu besetzen: So hebeln sich die Vorurteile selber aus und es zeigt wie willkürlich Außenseitertum ist.

Und dann kommt Gerd Buurmann ins Spiel, deklamiert auf Englisch ein Stück des Hamlet-Monologs und legt damit die Spur, wohin es gehen soll: nämlich direkt in den Wahnsinn. Er ist so lange drangsaliert worden, dass er mitlerweile dem Bild entspricht, das ihm übergestülpt wurde: zitternd und verkrümmt, mit Ticks und Ausfällen – oder eine hektische Michel Friedmann-Kopie und gleichzeitig ihre ironische Brechhung: „Woran denkt ihr, wenn ihr Jude denkt – an einen zugekoksten Fernsehmoderator?“ Witzige Aktualisierungen gibt es immer wieder: Antonios Schiffe fahren für Lehman Brothers und sind unterwegs nach Island, da weiß man gleich, was aus einer Landung wird. Und es gibt durchaus schöne, stille Szenen: Shyloks Tochter Jessica (Mareike Marx) spielt ihre Rolle kühl und trocken, und zwischen den Szenepaar Porita und Bassanio schwingt eine ganz verquere Liebesgeschichte, wenn sie denkt, dass er ihre Hand nehmen will, er aber nur seine Sonnenbrille zurückhaben will.

Nach der Pause sitzt Shylock zitternd an der Bar, wurde in den Wahnsinn gemobbt und kann nicht mehr anders, als sich bösartig, engstirnig und mitleidlos zu rächen – bis er gänzlich in den Untergang getrieben wird.

Ein schlüssiger und kluger Regieansatz, getragen vom alle überragenden Schauspieler Buurmann.“

Haben Sie das gelesen?

„Während Israel den Gaza-Streifen in Schutt und Asche legt, wird im Severins-Burg-Theater einer der beliebtesten Shakespeare-Abende gezeigt.”

Der Pressesprecher der Hamas hätte diese Worte nicht besser formulieren können. Das passiert halt, wenn der Jude kein Nathan sein will! Denn einst wusste schon Lessing: am Ende bleibt Nathan allein zurück. Alleine! So dürfte sich auch gerade der Staat Israel fühlen, in einem Meer von Christen, die ihre vermeintliche Nächstenliebe in bittere Kritik ausleben.

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