Tel Aviv oder Auschwitz?

„Easyjet hat einen dramatisch größeren Betrag gegen Antisemitismus geleistet, als alle staatlichen Erziehungsprogramme zusammen! Wer einmal in Tel Aviv feiern war, ist immun gegen die Berichterstattung, die Juden ausschließlich als Schläfenlockenträger oder Soldaten zeigt.“ (David Harnasch)

Die Berliner Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement spricht sich dafür aus, dass Asylbewerber verpflichtend ein Konzentrationslager besuchen sollen. Sie halte es für sinnvoll, „wenn jeder, der in diesem Land lebt, verpflichtet würde, mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte besucht zu haben.“ Das gelte „auch für jene, die neu zu uns gekommen sind. KZ-Besuche sollten zum Bestandteil von Integrationskursen werden.“

Als in Deutschland die Wehrpflicht und die Einberufung zum Grundwehrdienst noch nicht auf den Spannungs- und Verteidigungsfall beschränkt waren, als jeder junge Deutsche zum Dienst verpflichtet wurde, gab es die Möglichkeit, den Dienst an der Waffe zu verweigern und stattdessen einen sogenannten Zivildienst zu absolvieren. Ich möchte daher den Vorschlag um die Möglichkeit eines zivilen Dienstes am Judentum erweitern: Der Pflichtbesuch in einer KZ-Gedenkstätte kann durch einen zivilen Strandbesuch in Tel Aviv oder durch einen zivilen Besuch in einer jüdischen Gemeinde ersetzt werden. Ich bin mir sicher, dass ein solcher ziviler Dienst mehr bringt, als ein Pflichtbesuch einer KZ-Gedenkstätte, denn es sind die lebendigen Juden, die gehasst werden, nicht die toten.

In Deutschland findet Judentum fast nur noch in Gedenkstunden statt. Juden sind Gespenster von damals. In Schulen taucht das Judentum deutlich öfter im Geschichtsunterricht auf, als im Philosophie-, Ethik-, Religions- oder Gesellschaftskundeunterricht. Wenn man in New York sagt: „Heute gehen wir in ein jüdischen Stück“, dann freuen sich alle. Jüdisches Theater, das steht in Amerika für spritzige Dialoge, humorvoller Tiefgang, für Woody Allen und Neil Simon. Wenn man aber in Deutschland sagt: „Heute gehen wir in ein jüdisches Theaterstück“, dann kommen deprimierte Gesichter. In Deutschland steht jüdisches Theater für Auschwitz, Holocaust und Anne Frank. Juden sind für viele Deutsche nur die Opfer von damals, nicht die Lebenden von heute. Genau da ist das Problem.

In vielen deutschen Städten gibt es mittlerweile mehr Stolpersteine als lebendige Juden, so dass eine Mehrheit der Deutschen heute im Alltag deutlich öfter auf tote Juden trifft als auf lebendige. Auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Party und nach Hause, überall trifft man in Deutschland auf tote Juden. Dabei erfahren wir jedoch nicht, was diese Juden großes erreicht haben oder wen sie geliebt und worüber sie sich gefreut haben, wir erfahren, wann, wo und wie sie ermordet wurden. Wer Menschen auf ihren Status als Opfer reduziert, erwartet irgendwann auch von ihnen, Opfer zu sein. Der Schritt, sie zu Opfern zu machen, ist dann nicht mehr weit.

Natürlich ist es wichtig, das unfassbare Verbrechen nicht zu vergessen, aber es ist nicht hilfreich, das Judentum auf den Moment der Verfolgung und der Ermordung zu reduzieren. In Deutschland haben mehr Juden Denkmäler dafür bekommen, ermordet worden zu sein, als dafür, etwas geschaffen zu haben. Solange in Deutschland mehr Denkmäler für ermordete Juden stehen als für Juden, die aus ihrer eigenen Schöpfungskraft etwas erreicht haben, werden es lebendige Juden in diesem Land schwer haben.

Das größte Denkmal für Juden in Deutschland ist ein Mahnmal des Todes, das Holocaust Mahnmal in Berlin. Warum gibt es in Deutschland nicht ein Denkmal, das mindestens ebenso groß ist, wie das Holocaustmahnmal und das all die herausragenden und erhabenen Errungenschaften ehrt, die Juden in und für Deutschland geleistet haben? Ich würde gerne zu einem solchen Denkmal gehen. Altkanzler Gerhard Schröder aber sagte, das Holocaust-Mahnmal sei ein Ort, „wo man gerne hingeht“. Der Historiker Eberhard Jäckel brachte es sogar fertig, zu sagen: „Es gibt Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal beneiden.“

Deutschland ist stolz auf seine Vergangenheitsbewältigung, die es ohne die Vergangenheit natürlich nicht gäbe. Eine deutsche Straße, die was auf sich hält, hat mindestens einen Stolperstein. Ohne Stolperstein findet man als Straße heute gar nicht mehr statt. Der Trend geht zum Zweitstolperstein! Bei dem ganzen Stolz um die Vergangenheitsbewältigung vergessen viele Deutsche jedoch den Hass auf lebende Juden, der sich heute wieder auf deutschen Straßen breit macht.

Was würden Sie über Ihre Nachbarn denken, wenn sie immer wieder zu Beerdigungen innerhalb Ihrer Familie auftauchen, aber nie zu Geburtstagen?

Ich wünsche mir für den Fall, dass in Deutschland Besuche von KZ-Gedenkstätten verpflichtend werden, dass es einen zivilen Dienst gibt, wo man Juden nicht als tote Opfer kennenlernt, sondern als lebendige und wehrhafte Menschen.

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