Kennen Sie die Menschen, nach denen in Deutschland Straßen benannt sind?

Wenn man schaut, was manche Menschen, nach denen in Deutschland Straßen benannt sind, so alles gesagt und getan haben, verschlägt es einem manchmal die Sprache. Tapfer im Nirgendwo präsentiert ein paar Sätze und Taten von Menschen, die in Deutschland mit Straßennamen geehrt werden. In Klammern stehen die Ortschaften, in denen laut Google Map Straßen, Wege, Plätze und Höfe nach ihnen benannt sind:

Agnes Miegel (Bergisch Gladbach, Bottrop, Bergheim, Haan, Hagen, Hilden, Herten, Kamp-Lintfort, Niederkassel, Sankt Augustin, Wermelskirchen, Wuppertal, Velbert):

„Der Nationalsozialismus trat erst in mein Leben, als er andere schon lange erfüllte. Das ist eine Schuld – und ich habe es gebüßt durch die vielen inneren, nicht nur inneren Kämpfe, durch die ich dann in gedrängter Zeit gehen musste: (…) Durch ein Hinauszögern und ein Grauen dafür, mit mir Ungleichen als Gelegenheitsjäger zu scheinen, stehe ich ausserhalb der Partei, der ich nur durch den RDS [Reichsverband des deutschen Schrifttums] und die Volkswohlfahrt angehöre. Vielleicht ist dies, was ich als eine Art Busse für mein spätes Aufwachen ansehe, das Richtige für mich, vielleicht wirkt mein Einstehn dann überzeugender auch auf Andere. – Denn ich bin Nationalsozialist. (…) Wenn ich über meine Heimat und ihr Geschick etwas glaube, so ist es das: Wir werden ein nationalsozialistischer Staat sein – oder wir werden nicht sein! Und das wäre der Untergang nicht nur Deutschlands – es wäre der Untergang des weißen Mannes.“ (In einem Brief an den NS-Politiker Hans Friedrich Blunck)

„Laß in deine Hand,
Führer, uns vor aller Welt bekennen;
Du und wir,
nie mehr zu trennen
stehen ein für unser deutsches Land.“

Ina Seidel (Kerpen, Ratingen, Sankt Augustin, Wülfrath, Neukirchen-Vluyn):

„Dort, wo wir als Deutsche stehen, als Väter und Mütter der Jugend und der Zukunft des Reiches, da fühlen wir heute unser Streben und unsre Arbeit dankbar und demütig aufgehen im Werk des einen Auserwählten der Generation — im Werk Adolf Hitlers.“ (Huldigung zum 50. Geburtstags von Adolf Hitler am 20. April 1939)

Hermann Stehr (Bergheim, Köln, Ulm, Velbert):

„Uns sollen die Zähne ausfallen und die Zunge im Munde verdorren, wenn wir am 10. April nicht dem Führer und seinen Taten ein begeistertes Ja zurufen.“ (In einem Brief aus dem Jahr 1938)

Ludwig Finckh (Bad Liebenzell, Emmingen-Liptingen, Engen, Leonberg, Kirchheim unter Teck, Lichtenstein, Öhringen, Reutlingen, Rielasingen-Worblingen, Rietheim-Weilheim, Sindelfingn, Stockach, Tuttlingen, Villingen-Schwenningen, Wendlingen am Neckar):

Finckh hielt als Dozent für das Gebiet der „Sippenkunde und Vererbung“ in der Gaienhofener Gauschule des Nationalsozialistischen Lehrerbundes ab 1935 regelmäßig Vorträge über Ahnenforschung und Erbbiologie. Auch vor Absolventen der Waffen-SS-Unterführerschule in Radolfzell hat Finckh solche Vorträge ab 1941 nachweislich gehalten.

Rudolf Huch (Bad Herzburg):

Huch ist Autor der im Jahr 1934 veröffentlichten antisemitischen Propagandaschrift „Israel und wir„.

Heinrich Lersch (Mönchengladbach, Bergkamen, Düsseldorf, Duisburg, Herten, Hilden, Köln, Münster, Zwickau)

Lersch hielt Vorträge vor der Hitlerjugend und anderen nationalsozialistischen Organisationen. Lerschs Spruch „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen!“ wurde 1935 ein Motto der Nationalsozialisten. Am 19. August 1934 unterzeichnete er einen Aufruf der Kulturschaffenden anlässlich der sogenannten Volksbefragung zur Vereinigung des Amtes des Reichskanzlers und Reichspräsidenten in der Person von Adolf Hitler.

Gustav Frenssen (Barlt, Büdelsdorf, Burg bei Dithmarschen, Dingen, Heiligenhafen, Kaltenkirchen, Marne)

Frenssen bejahte offen die Ausgrenzung der Juden und trat für die Euthanasie ein. Im Oktober 1933 ließ sich Frenssen in die gleichgeschaltete Preußische Akademie der Künste Sektion Dichtung aufnehmen war zum Ehrensenator einer Unterabteilung der Reichsschrifttumskammer. 1938 verlieh ihm Hitler die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft. Er war Vorstandsmitglied des Eutiner Dichterkreises, einer der bedeutendsten Autorengruppen in Nazi-Deutschland. Im Jahr 1940 erschien seine Autobiographie „Lebensbericht“, die von Judenhass geprägt ist. Im selben Jahr erschien sein Werk „Recht oder Unrecht – mein Land!“, in dem er die Verfolgung der Juden und die Politik der Nationalsozialisten rechtfertigt.

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Alle oben genannten Autorinnen und Autoren gaben das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ gegenüber Adolf Hitler ab. Insgesamt 88 deutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller unterzeichneten den Treueschwur, der am 26. Oktober 1933 deutschlandweit in der Presse verbreitet wurde. Dort heißt es:

„Friede, Arbeit, Ehre und Freiheit sind die heiligsten Güter jeder Nation und die Voraussetzung eines aufrichtigen Zusammenlebens der Völker untereinander. Das Bewusstsein der Kraft und der wiedergewonnenen Einigkeit, unser aufrichtiger Wille, dem inneren und äußeren Frieden vorbehaltlos zu dienen, die tiefe Überzeugung von unseren Aufgaben zum Wiederaufbau des Reiches und unsere Entschlossenheit, nichts zu tun, was nicht mit unserer und des Vaterlandes Ehre vereinbar ist, veranlassen uns, in dieser ernsten Stunde vor Ihnen, Herr Reichskanzler, das Gelöbnis treuester Gefolgschaft feierlichst abzulegen.“

Der Schwur wurde auch von diesen mit Straßen geehrten Person unterzeichnet:

Walter Bloem (Rieneck)
Otto Brües
(Krefeld, Viersen)
Herrmann Claudius (Heide, Hemer, Rohrsen, Gröhnwold)
Max Dreyer (Göhren)
Otto Flake (Baden-Baden, Gaggenau, Gütersloh, Oberkirch)
Friedrich Griese (Möllenhagen, Groß Grönau)
Max Halbe (Düsseldorf, Hamburg, München)
Rudolf Herzog (Bonn, Wuppertal)
Karl Lange (Bochum, Willich)
Heinrich Lilienfein (Karlsruhe)
Josef Ponten (Aachen, Düsseldorf, Ingolstadt)
Rudolf Presber (Frankfurt am Main, Graal-Müritz)
Heinz Schauwecker (Parsberg)
Johannes Schlaf (Magdeburg, Mücheln, Querfurt, Weimar)
Anton Schnack (Alzenau, Kahl am Main)
Wilhelm Schussen (Bad Schussenried, Herbertingen, Lichtenstein, Tübingen, Wangen im Allgäu, sowie eine Schule in Kehlen und eine Stadthalle in Eriskirch)
Heinrich Sohnrey (Dransfeld, Osterode am Harz)
Diedrich Speckmann (Bremen, Faßberg, Hermannsburg, Kutenholz, Lilienthal, Osterholz-Scharmbeck, Soltau, Stade, Tarmstedt)
Lulu von Strauß und Torney (Bückeburg)

Die folgenden Autoren unterzeichneten ebenfalls das Gelöbnis, distanzierten sich jedoch später davon oder gerieten selbst mit dem Regime in Konflikt:

Gottfried Benn, (Caan, Hannover, Hürth, München, Neuss, Saarlouis, Westerstede)
Peter Dörfler
(Augsburg, Biberbach, Gaimersheim, Grundelfingen,
Ichenhausen, Illertissen, Meitingen, Mindelheim, München, Schwabmünchen, Schwandorf, Tierhaupten, Wittslingen
)
Leo Weismantel (Würzburg, Münnerstadt)

Aber selbst für jene, die sich irgendwann von den Nazis distanzierten, gilt:

Solange nicht jedes Opfer der Nationalsozialisten eine Straße in Deutschland nach sich benannt bekommen hat, ist es nur schwer zu rechtfertigen, dass jene, die das Regime unterstützt oder einen Treueschwur auf Adolf Hitler abgegeben haben, eine solche Ehrung erhalten. Gewiss hat manch eine oben erwähnte Person auch Dinge geschrieben, die eine Ehrung erklären könnten, allerdings gilt dies auch für die Millionen Menschen, die im Zuge der Ideologie ermordet wurden, die von den mit Straßen geehrten Personen zeitweise oder bis zu ihrem Tod verteidigt wurde.

Sollten Sie in einem Ort leben, in dem eine der oben genannten Personen geehrt wird, fragen Sie gerne mal bei der Stadt nach, was dort von dieser Ehrung gehalten wird und senden Sie mir gerne die Reaktionen.

Gerdbuurmann@hotmail.de

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3 Antworten zu Kennen Sie die Menschen, nach denen in Deutschland Straßen benannt sind?

  1. Wolfram Schmidt schreibt:

    Was ist mit Ernst Thälmann? Keine Nazi-Größe, aber genauso Verbrecher, der nicht anders gehandelt hätte, als Hitler, wäre er statt Hitler an die Macht gekommen.

  2. Deutschland bleibt sich treu!

  3. Nestor Machno schreibt:

    Nein, solche Namen auf Strassenschildern verschlagen mir nicht die Sprache. Sowas erwarte ich in Deutschland. Wurden eigentlich schon (konsequenterweise) namhafte „Israelkritiker“ geehrt? Die wuerden auch gut zu den Genannten passen.

    Wirklich sprachlos waere ich, wenn ich mich eines schoenen Tages mitten in Deutschland auf der Gerd-Buurmann-Chaussee wiederfaende. Da waere ich wirklich platt.

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