Der neue Grassismus

Wenn alles ganz schlimm läuft, dann wird der 6. April 2012 in die Geschichte eingehen als ein Tag, an dem Jakob Augstein eine neue Sekte gegründet hat: den Grassismus.

Pünktlich an Karfreitag, dem Tag, an dem Christen an den Tod ihres menschgewordenen Gotts erinnern, der in dem Moment des Sterbens alle Sünden der Welt auf sich genommen haben soll, erklärt Jakob Augstein Günter Grass zum neuen Messias und den Tag, an dem sein Gedicht „Was gesagt werden muss“ erschienen ist, zu einer Zäsur.

„Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen. Ein überfälliges Gespräch hat begonnen.“

Man höre und staune: „Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.

Jakob Augstein hat mit diesem Satz durchaus die Chance, der Martin Luther des 21. Jahrhunderts zu werden, denn wie bei Martin Luther so ist auch das Verhältnis von Jakob Augstein und Günter Grass zu Juden leicht gestört. Der neue Grassismus hat begonnen und er gibt schon vor, kaum ein Tag alt, für uns alle zu sprechen! Um es ganz klar zu sagen: Für mich hat Günter Grass nicht gesprochen und ich verbitte mir diese übereifrige und missionarische Vereinnahmung meiner Person. Sie hat mir einen zu deutlichen Stich ins Inquisitorische!

An einer anderen Stelle von Jakob Augsteins Pamphlet, das er mit etwas Pech zu Ostern an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nageln wird, steht: „Den „Irren aus Teheran“ nennt der Boulevard den iranischen Präsidenten. Aber Ahmadinedschad ist nicht irre. Er will sein Amt behalten und unterdrückt deshalb die Opposition: Die Massenproteste gegen sein Regime vor drei Jahren ließ er blutig niederschlagen, viele Oppositionspolitiker einsperren.“

Für Jakob Augstein sind Unterdrückungen, blutige Niederschlagungen und willkürliche Einsperrungen also nicht irre. Gut zu wissen. Martin Luther fand solchen Handlungen ja auch nicht irre, im Gegenteil:

“Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.”

An anderer Stelle schreibt Jakob Augstein:

„Jetzt muss endlich auch auf Israel Druck ausgeübt werden. Wohlgemerkt: Wer das sagt, versucht nicht, „die Schuld der Deutschen zu relativieren, indem er die Juden zu Tätern macht“, wie Döpfner sagt. Hier geht es nämlich nicht um die Geschichte Deutschlands. Sondern um die Gegenwart der Welt.“

Um die Geschichte Deutschlands ging es also damals. Heute aber geht es laut Augstein um die Welt. Nichts anderes haben uns die Nazis damals prophezeit! In diesem Zusammenhang fällt mir ein schönes lithurgisches Lied für den neuen Grassismus ein. Es muss nur ein wenig abgewandelt werden. Es ist ein Lied vom Hitlerjungenkomponisten Hans Baumann:

„Es zittern seine morschen Knochen
Er schreibt gealtert und mit letzter Tinte
Er hat das Schweigen gebrochen,
Für uns war es keine Finte.

Wir werden weiter kritisieren
Wenn alles in Scherben fällt,
Denn heute da hört uns Deutschland
Und morgen die ganze Welt!“

Mit so einem Lied werden die Messen des neuen Grassismus bestimmt eine Menge Spaß machen. Und wenn es dann darum geht, sich um das Wohl Israels ganz besonders viel Sorgen zu machen, dann kann sich der Grassist ja ein Beispiel an jene Christen nehmen, die wie Günter Grass und Jakob Augstein am Karfreitag dafür bitten, dass die Juden von ihrem bösen Weg abkommen. Über Jahrhunderte baten Christen am Karfreitag folgende Fürbitte:

„Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus. Allmächtiger ewiger Gott, du schließest sogar die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen: Möchten sie das Licht deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden. Durch ihn, unseren Herrn.“

In der Neufassung aus dem Jahre 1974 klingt die Fürbitte deutlich harmloser, obwohl Juden auch dort immer noch als ein Volk beschrieben werden, das die Fülle der Erlösung noch nicht gefunden hat, eben genauso wie es Günter Grass von Israel behauptet:

„Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will. Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.“

Im Jahr 2008 hat Papst Benedikt XVI. dann erlaubt, dass die Karfreitagsfürbitte wieder etwas deftiger ausfallen darf.

„Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen. Allmächtiger ewiger Gott, Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Durch Christus, unseren Herrn. Amen.“

An Karfreitag sorgt sich somit so mancher Christ um das Heil der Juden und betet darum, dass Gott die Herzen der Juden erleuchten möge, auf dass sie den wahren Glauben erkennen, damit Israel gerettet werden kann. Wenn das nicht ganz nach Günter Grass klingt. Der Grassist sorgt sich um das Heil Israels, weil er vorgibt, dem Land ganz besonders verbunden zu sein. Der Grassist kritisiert Israel bis zum Untergang und schweigt zu den Verbrechen all jener, die Israel vernichten wollen. Er tut dies angeblich um der lieben Freundschaft Willen, quasi als Fürbitte.

Urbi et orbi!

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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