Es waren die Europäer

„Die Amerikaner sind auch nicht viel besser. Sie haben die Indianer ausgerottet!“

Diesen Satz höre ich immer wieder, nicht selten von Europäern. Ich staune immer wieder, wie es die Europäer geschafft haben, die eigene Schuld in andere Schuhe zu schieben. Es waren nämlich nicht die Amerikaner. Es waren die Europäer!

Es waren die Spanier, Portugiesen, Engländer, Holländer, Deutschen, Franzosen, eben die ganze europäische Meute, die mit hölzernen Schiffen, aber eisernem christlichen Glauben in die Neue Welt zogen, um dort gehörig den Kehraus zu machen. Es waren die Einwanderer, die unter anderem vor den Kriegen, Hungersnöten und Verfolgungen in Europa flüchteten.

Das ist wohl auch der Grund, warum die Native Americans keine so große Lobby haben, denn wer ihre Geschichte des Leids erzählen möchte, muss eine Geschichte erzählen, in der Flüchtlinge und Einwanderer das Leid brachten.

Ja, es waren die Flüchtlinge aus Europa, die das Leid brachten! Wer sagt, die Amerikaner hätten Völkermorde an den alten Stämmen begangen, macht damit die afrikanischen Amerikaner für das Verbrechen europäischer Amerikaner verantwortlich, was schon sehr geschmacklos ist, da die meisten afrikanischen Amerikaner als Sklaven der europäischen Amerikaner in die Neue Welt „verfrachtet“ wurden, im wahrsten und brutalen Sinne des Wortes. Sie wurden als menschliches Material in Schiffen gestapelt und verfrachtet!

Jene, die behaupten, „die Amerikaner“ hätten „die Indianer“ ausgerottet, zeigen damit ihr absolutes Unverständnis, wenn es um die Vereinigten Staaten von Amerika geht. Sie sagen „Amerika“, meinen damit aber nicht das real existierende und multikulturelle Amerika, sondern haben lediglich ein „weißes“ Amerika im Kopf. Die afrikanischen Amerikaner sind jedoch gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika. Das Recht, sich Amerikaner mit allen Rechten der Bill Of Rights nennen zu dürfen, erhielten sie am 3. Februar 1870 durch die Ratifizierung des 15. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten. Dieser Zusatz verbietet es, einer Person aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihrer Hautfarbe das Wahlrecht zu verweigern.

(Als interessante Nebeninformation muss darauf hingewiesen werden, dass im Jahre 1870 zwar alle Männer, jenseits ihrer Herkunft und Hautfarbe das Wahlrecht erhielten, aber Frauen egal ob „schwarz“ oder „weiß“ erst 1920 das verfassungsrechtlich verankerte Wahlrecht mit dem 19. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten erhielten. Es schien für die europäischen Männer somit akzeptabler zu sein, dass eher ihre Sklaven an der Politik partizipieren als ihre Frauen.)

Es war die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika, die mit all den brutalen Unterdrückungen von Rassismus bis Sexismus, die aus jahrhundertelanger Tradition der alten Heimat mit in die neue Welt gekommen waren und dort noch lange auch institutionell herrschten, ein Ende machte. Diese Verfassung jedoch, das muss auch betont werden, wurde ebenfalls von Einwanderern und Flüchtlingen aus Europa geschrieben. Es waren die Europäer!

Alles hat eben immer zwei Seiten und am Ende steht das praktische Handeln über der Theorie. Der Gehalt einer Theorie sollte stets von deren praktischen Konsequenzen her bestimmt werden. Diese Philosophie nennt sich Pragmatismus und wurde, o Wunder, in den USA gegen Ende des 19. Jahrhunderts begründet.

Die radikale Unkenntnis, was die Vereinigten Staaten von Amerika anbelangt, wird auch an folgender Aussage deutlich: „Die Amerikaner haben keine Bildung!“ Diese Aussage hat überall in Europa Konjunktur, ist jedoch nichts weiter als ein reines Vorurteil!

Die Vereinigten Staten von Amerika haben mehr Medizinnobelpreisträger hervorgebracht als alle anderen Länder der Welt zusammen, fast so viele Physiknobelpreisträger und doppelt so viele Wirtschaftsnobelpreisträger als alle anderen Länder zusammen. Die USA sind bei dem Literaturnobelpreis auf Platz 3 und bei dem Friedensnobelpreis auf Platz 1. Kein Wunder, dass sich das Komitee zum Literaturnobelpreis seit Jahren weigert, den Literaturnobelpreis an Thomas Pynchon, John Irving, Jennifer Egan oder Stephan King zu vergeben. Die USA an der Spitze aller Rubriken, das könnte Europa nun wirklich nicht ertragen, schließlich ist das Land ja ohne Kultur und Bildung. Deshalb laufen in europäischen Kinos so gut wie keine amerikanischen Filme, im deutschen Fernsehen sucht man amerikanische Serien vergebens und im Radio hört man so gut wie nie amerikanische Musik.

Wie oft höre ich in Gesprächen den Vorwurf, die meisten Amerikaner wüßten nicht einmal, was die Hauptstadt von Dänemark ist oder wie der Präsident von Frankreich heißt. Mal ganz angesehen davon, dass ich nicht einmal mit Sicherheit sagen kann, ob die meisten Deutschen diese beiden Fragen beantworten könnten, offenbart diese Aussage nur die eigene Selbstherrlichkeit. Warum soll ein Amerikaner mit afrikanischer Herkunft die Hauptstadt von Deutschland kennen? Wissen denn die meisten Europäer, wie die Hauptstädte der Elfenbeinküste, Togo oder Nigeria heißen? Warum muss ein Amerikaner mit asiatischer Herkunft wissen, wie die englische Premierministerin heißt. Kann denn jeder Europäer den Namen des chinesischen Staatsoberhaupts nennen?

Wenn jemand in Europa sagt, die Amerikaner hätten keine Bildung, dann kritisiert er damit in Wirklichkeit nur jene Amerikaner, die die Frechheit besitzen, Europa nicht für den Mittelpunkt der Welt zu halten. Das aber ist pure Selbstüberschätzung und Selbstherrlichkeit.

Interessanterweise sind Selbstüberschätzung und Selbstherrlichkeit genau die Eigenschaften, die den Amerikanern gerne von europäischer Seite attestiert werden. Wenn man dann bedenkt, dass zwei Weltkriege, die vom europäischen und besonders vom deutschen Boden ausgingen, erst durch das Eingreifen Amerikas beendet werden konnten und es nach 1945 Amerikaner waren, die in sogenannten Amerika-Häusern Deutschen die Demokratie beibrachten, wirkt die europäische und besonders die deutsche Arroganz gegenüber den USA recht befremdlich.

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