„Gebt den Opfern ein Gesicht!“

Am 25. August 2017 war ich auf dem Berliner Breitscheidplatz, wo am 19. Dezember 2016 ein islamistischer Attentäter elf Menschen ermordete, nachdem er einen Speditionsfahrer erschossen hatte. In Erinnerung an die Ermordeten befindet sich vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eine provisorische Gedenkstätte.

Seit einigen Tagen befindet sich an dieser provisorischen Gedenkstätte ebenfalls ein Hinweis auf den Terroranschlag in Barcelona vom 17. August 2017, bei dem siebzehn Menschen ermordet wurden.

Als ich die Liste der Opfer von Barcelona sah, fiel mir sofort der große Unterschied zu der Liste der Opfer von Berlin auf. Die Opfer von Barcelona haben Namen und Gesicht. Sämtliche deutschen Opfer sind jedoch gesichtslos und nur von einem deutschen Opfer wird der Name genannt.

Der Umgang Deutschlands mit den Opfern von Anschlägen ist beschämend. Am 19. Dezember 2016 wurden nicht zwölf Menschen ermordet, sondern Fabrizia di Lorenzo, Lukasz Urban, Sebastian B., Dalia Elyakim, Naďa Čižmárová und noch ein Mensch und noch ein Mensch und noch ein Mensch und noch ein Mensch und noch ein Mensch und noch ein Mensch und noch ein Mensch.

Naďa Čižmárová aus der Tschechischen Republik war 34 Jahre alt, als sie ermordet wurde. Ihr Sohn war zu der Zeit fünf Jahre alt. Heute fragt er manchmal seinen Vater: „Und was ist, wenn dich jemand umbringt?“

Dalia Elykim aus Israel war 60 Jahre als sie ermordet wurde. Sie starb während sie mit ihrem Mann Rami auf dem Weihnachtsmarkt flanierte. Rami wurde schwer verletzt.

Fabrizia di Lorenzo aus Italien war 31 als sie ermordet wurde. Auf ihrer Beerdigung sagte der Bischof: „Sie war wie ein Engel mit offenen Flügeln: Sie, die das Leben mit so vielen Idealen und Werten liebte.“

Lukasz Urban aus Polen war 37 als er ermordet wurde. Er fuhr den Lastkraftwagen, den der Mörder an sich riss, bevor er elf weitere Menschen barbarisch tötete. Sein Sohn war siebzehn als er ermordet wurde.

Über die anderen Opfer vom 19. Dezember 2016 wissen wir nichts. Es sind Menschen ohne Gesicht. Sie sind lediglich Teil einer kalten, bürokratischen Zahl: Acht!

Acht Opfer ohne Gesicht und Geschichte.

Es fällt auf, dass es überwiegend die deutschen Opfer sind, die auf eine Zahl reduziert werden. Ist es eine deutsche Art, Opfer nicht als Individuen, sondern als zynische Zahl zu begreifen?

Solange die Opfer des Anschlags kein Gesicht und keine Geschichte haben, werden deutsche Politikerinnen und Politiker weiterhin so unsägliche Dinge sagen wie: „Wir lassen uns unsere Art zu leben nicht nehmen!“

Wer ist dieses „Wir“? Den Opfern vom 19. Dezember 2016 jedenfalls wurde nicht nur ihre Art zu leben genommen, sondern gleich ihr ganzes Leben! Sie können mit diesem „Wir“ nicht gemeint sein.

Jeder Politiker und jede Politikerin, die nach einem mörderischen Anschlag gebetsmühlenartig sagt, „wir lassen uns unsere Art zu leben nicht nehmen“, schließt damit die Opfer des Anschlags aus.

Uns wurde am 19. Dezember 2016 sehr wohl etwas genommen. Uns wurden zwölf Welten genommen, zwölf Menschen, die leben und lieben wollten, zwölf Menschen mit einem Gesicht.

„Im Antitz des Anderen erkennst Du Gott“ (Emmanuel Lévinas)

Solange wir uns weigern, in das Antlitz der Opfer zu schauen, solange wir ausnahmslos in das Antlitz der Täter starren, werden wir nicht anfangen, über unsere eigene Verantwortung nachzudenken.

Die Menschen, die am 19. Dezember 2016 ermordet wurden, lebten innerhalb eines politischen und gesellschaftlichen Kontexts. Dort wurden sie Opfer. Sie wurden ermordet, weil der Mörder nicht aufgehalten wurde. Der Mord aber wäre verhinderbar gewesen.

Am 27. Oktober 2015 wurde die Polizei erstmals über die Radikalisierung des späteren Mörders in Kenntnis gesetzt. In der Folgezeit reiste der spätere Attentäter ungehindert durch die Bundesrepublik und beantragte unter mindestens 14 verschiedenen Alias-Namen Asyl oder Sozialleistungen. Seine Kontakte zur radikal-salafistischen Szene waren bekannt.

Wer sich der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung nicht stellen möchte, muss daher verhindern, in die Augen der Opfer sehen zu müssen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum die deutschen Opfer gesichtslos bleiben. Die deutsche Politik kann und will ihnen nicht in die Augen schauen, weil sie weiß, dass sie nicht ganz unschuldig ist an den Morden.

Der Täter wurde von unseren Geldern finanziert. Unsere Behörden schauten weg und unsere Politiker versagten!

Daher verlange ich, dass die deutsche Politik Verantwortung übernimmt und stimme daher mit der Forderung überein, die ein Besucher der Gedenkstätte auf die Metallhalterung geschrieben hat:

„Gebt den Opfern ein Gesicht und nicht den Tätern!“

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21 Antworten zu „Gebt den Opfern ein Gesicht!“

  1. Wolfgang Riepe schreibt:

    Unter den Toten des, ebenfalls mit einem Wagen ausgeübten islamistischen Anschlages in London vor einigen Wochen war auch ein Spanier. Einer meiner Freunde war in Spanien, als dieses Terroropfer in seine Heimat gebracht wurde: in einem mit der spanischen Flagge bedeckten Sarg, durch die Maschine des spanischen Ministerpräsidenten und durch diesen selbst auf dem Flughafen von Madrid in Empfang genommen; dies alles unter nahezu ganztägiger Begleitung durch die Berichterstattung des spanischen Fernsehens! – Es erübrigt sich wohl jeder Kommentar dazu, ob man sich dergleichen auch nur theoretisch von Frau Merkel und ihren Nickemännchen in Poltik und Medien vorstellen könnte . . .

  2. aurorula a. schreibt:

    Kann man irgendwo dafür unterschreiben?
    Das schreibe ich nämlich auch länger schon ( z.B: https://aurorula.wordpress.com/2017/02/26/namenloses-grauen/ ), daß man endlich aufhören soll die Opfer in den Medien auch noch töter als tot zu ermorden.

  3. Eitan Einoch schreibt:

    Deutschland hasst sich selbst und das eigene Volk. Auch der deutsche „Flüchtlingswahn“, zu dessen Kollateralopfern auch die 12 Toten vom Breitscheidplatz zählen, steht ganz im Zeichen des Selbsthasses. Es ist quasi politisch unerwünscht, um Deutsche zu trauern.

  4. „Deutschland einig Täterland“ 😦

    Schon immer hier werden Täter namentlich erwähnt, inkl. Fotos und ausführlichem Lebenslauf; gerne von anerkannten Historikern/Verlagen eine Biographie;  von der Justiz als entschuldbar und resozialierbar verurteilt (schwierige Kindheit, von Mama zu früh auf den Topf gesetzt, in Pubertät von einem Mädchen zurückgewiesen, darob „traumatisiert“, „gute Prognose“ und und und …).

    Für OPFER hingegen gibt es WEDER Namen NOCH Gesicht NOCH Lebenszusammenhang.

    Dass es anderesherum richtiger wäre, zeigt nicht nur Israel seit Jahrzehnten!
    Oder auch hier:
    http://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/nichts-hat-mit-dem-islam-zu-tun/

  5. anti3anti schreibt:

    In Deutschland haben Opfer selten ein Gesicht und manchmal einen Namen. Nach einer Kölner Erfindung werden die Name der Opfer auf Pflastersteine geritzt und in den Straßendreck verlegt.
    So funktioniert deutsche Erinnerungskultur! Opfer brauchen kein Gesicht! „Opfer“ ist ein beliebtes neudeutsches Schimpfwort, wie „Jude“ oder „Schlampe“.
    Es reicht aus, am Breitscheidplatz ein Plakat mit folgendem Text anzubringen:
    Dem Dutzend Opfern.

    • Aristobulus schreibt:

      „Tach auch. Ein Dutzend Opfer bidde.“
      „Darfs auch etwas mehr sein?“
      „Gibbs denn nen orntlichen Diskontpreis??“
      „Jo.“
      „Na dann!“

      • Unter 6 Millionen?! Nix anzumelden! 😦

        • Aristobulus schreibt:

          … dabei war das schon der große Ausverkauf. Mehr war einfach nicht zu kriegen.

          • Vielleicht 60 Mio? (2. Weltkrieg?) Also drunter ist echt nichts zu machen! Und wer und wie soll schon 60 Mio Tote mit Gesicht und Lebenslauf veröffentlichen?! Ist einfach zu viel, und da bleiben wir doch bitte bei der einfachen ZAHL, gelle?! Wen interessieren schon so viele auf grausliche Art umgebrachte Opfer? „Wirrr lassen uns unser Leben nicht kaputtmachen; Devise vorrannnn; aye aye!“

          • Aristobulus schreibt:

            Ja, nimmermehr.
            Weil aber die Schwellenhöhe des Sichnichtskaputtlassenmachen (am Wenigsten das Wohlfühl‘, das man sich nicht kaputtmachen lassen will) seit einiger Zeit immer niedriger und niedriger wird, nicht?, zuckt man in Berlin so sehr davor zurück, die Namen der sinnlos islamisch Zerquetschten zu nennen.
            Bei sechs oder sechzig Millionen Namen kann man das vielleicht grad noch verstehen.
            Bei zwälf vollständigen Namen aber nicht.

            Bloß ein Oberlehrer hat sich an dem Gedenkplakat vergriffen. Erstaunlich. Der Oberlehrer hat nicht etwa die Namen ergänzt, sondern hat ein bestimmtes Wort mit Rotstift moniert.
            Das lässt einen doch mal wieder sprachlos zurück-.
            In welchem anderen Land jemals, egal wo oder wann oder gar warum, würde jemand sich auf diese Weise an einem Gedenkplakat vergreifen-?, also auf diese oberlehrerterroristische Weise, weil ihm ein bestimmtes Wort missfallen hat??

          • Aristobulus schreibt:

            P.S.
            Mir missfällt der Ausdruck islamistisch ja gleichfalls, denn es gibt ebensowenig einen Islamismus wie einen Christianismus oder einen Siphilitikerismus.
            Es war ein islamischer Terroanschlag (einer von tausenden).

            Und es kann nur einem Irren und Selbstgerechten einfallen, auf dem Plakat mit Rotstift was durchzustreichen (und dieses Oberlehrer-Fragezeichen!)
            Man unterbricht ja auch keine Trauerrede, weil einem irgend ein Wort nicht gefällt.
            Keiner, der noch bei Trost ist, tut sowas.
            Jedoch: Der Durchstreiche-Strich und das Fragezeichen wirken so, comment dirais-je?, so gewohnheitsmäßig, so routiniert. So als müsste es so sein. So urdeutsch. Welch eine beschissene Mentalität: Es ist wichtiger, ein unkorrektes Wort zu korrigieren, auf dass die Welt daran genese, als Andere in ihrer Trauer über Ermordete nicht zu stören.
            Analfixiert bis zum alle Welt Zukacken.

          • Jan schreibt:

            Stimmt. Auf der Tafel in Barcelona steht wahrheitsgemäß „islam terror hits Spain“. In einem Land, dessen Bundeskanzlerin die Flagge eben dieses Landes mit angewiderter Fratze in eine Ecke schmeißt, wäre das undenkbar. Ein weiterer Hinweis auf die Vorreiterrolle Deutschlands innerhalb der EU. Deutschland sozusagen als Hauptstaat der Bewegung.

          • Aristobulus schreibt:

            … yepp, Jan.
            Es ist mittlerweile ja einfach bloß noch eklig.

            -Noch was zu diesem durchgestrichenen Wort auf dem Plakat: Das ist ja kein Zufall. Das ist nämlich repräsentativ!, denn wie viele Breitscheidplätze mit wieviel Plakaten existieren: Jeweils nur einer/eines.
            Und just auf dem drauf verewigt sich tja zwangsläufig (weil repräsentativ!) der ewig besserwissende Narr, dem alles außer seinem Oberlehrer-Rotstift als total inferior gilt.

            Wenn 1941 die Wannseekonferenz mitsamt Endlösung allgemein bekannt gewesen wäre: Dann hätt der selbe Oberlehrer da prompt den Rotstift angesetzt und das Wort Endlösung durchgestrichen.
            Aber NICHT wegen des Ziels der Endlösung, dagegen hätt er nichts einzuwenden gahebt. Sondern weil das Wort ja ein Neologismus ist, ja ein Modernismus, der keinem wirklichen Deutschlehrer gefallen kann.

            Er hätte das Wort freilich nur durchgestrichen und sein Fragezeichen dazugeschmiert. Er hätte aber kein anderes Wort vorgeschlagen. Denn als urdeutscher Oberlehrer-Nihilist hat man doch keine eigenen Ideen im Kopf zu haben. Das wäre ja widerwärtig individualistisch, also nur was für Untermenschen.

          • Aristobulus schreibt:

            … da fehlt noch was, nämlich die Verbindung zwischen dem Vorwurf des Oberlehrers von 1941 und dem von 2017.

            Also: Es geht da um ein und die selbe Kritik an der Obrigkeit.
            Inwiefern: Weil die Obrigkeit von diesem Menschentypus niemals kritisiert wird. Man ist Erfüllungsgehilfe, und das bedeutet Kritik, wenn man mithilft!, ganz einfach.
            (Genau das übrigens hat Merkel mit der Floskel „nicht hilfreich“ an Sarrazins Adresse gemeint.)

            Also hat dieser Rotstift-Oberlehrer-Menschentypus anno 1941 gegen das Automatenwort Endlösung protestiert (hätte, wenn), aber nicht weil er was gegen die Endlösung hatte, sondern weil so ein Automatenwort die deutsche Führung schlecht dastehen lässt. Man darf aber der Obrgkeit nicht in den Rücken fallen, denn dann wäre man ja ein Nestbeschmutzer. Man hat mitzumarschieren und muss darauf achten, dass keiner ausschert, weil der der den Führer beleidigt!, ja auf einen selber spuckt.

            Anno 2017 geht der selbe Gedankengang wie folgt:
            Die Obrigkeit sieht es als rassistisch, als hate-speech, wenn jemand Terror und den Islam in einem Satz nennt. Also muss man das verhindern!, als aufrechter, mutiger Oberlehrer. Aber nicht wegen der zerquetschten Opfer des Islams oder wegen der Vergasten in irgend einer Endlösung. Sondern um den Willen der Obrigkeit mit zu erfüllen, und um dafür zu sorgen, dass die Obrigkeit bloß nicht das Gesicht verliert.
            Weil man ja selbst das Gesicht verlöre.

Seid gut zueinander!

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