Stefanie Carp inszeniert die eigene Absolution

„Der Fehler war, die Young Fathers überhaupt ausgeladen zu haben.“

Dies erklärte die Intendantin der Ruhrtriennale, Stefanie Carp, am 18. August 2018 in der Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle in Bochum bei einer Veranstaltung unter dem Titel „Freiheit der Künste“, zu der Carp geladen hatte, um über „Sinn und Legitimation von Boykott-Strategien im Bereich der Kultur“ zu diskutieren. So stand es in der Ankündigung.

Zu dieser Diskussion war es gekommen, da Stefanie Carp zunächst die Band Young Fathers ausgeladen hatte, da sie die weltweit agierende Kampagne BDS unterstützt, diese Ausladung aber kurz danach wieder zurückgenommen hatte.

BDS ruft explizit dazu auf, Israel zu boykottieren und Israelis zu diskriminieren, um so das Land Israel zu schwächen. BDS unterscheidet dabei nicht, ob es sich um Menschen aus der Kunst, Wissenschaft und des Sports handelt oder ob es Kinder oder Erwachsene sind. Wer Israeli ist, soll boykottiert, bestraft und ausgegrenzt werden. So will es BDS. Nicht nur das, jeder Mensch, der sich mit Israelis einlässt, soll ebenfalls unter Druck gesetzt werden. Sogar Prominente wurden bereits massiv bedroht, weil sie sich mit Israelis eingelassen haben, unter anderem die Rolling Stones und Lionel Messi.

Die Methoden der BDS-Kampagne wecken düstere Erinnerungen

Die Kampagne ist so einflussreich, dass sich sogar der Deutsche Bundestag mit ihr beschäftigt hat. Die Mehrheit der Fraktionen erklärt, die Justiz solle prüfe, ob BDS den Straftatbestand der Volksverhetzung erfülle und spricht sich deutlich gegen die BDS-Bewegung aus:

„Der Deutsche Bundestag verurteilt den Aufruf zum Boykott israelischer Geschäfte und Waren sowie die Aufbringung von ›Don’t Buy‹-Schildern auf Waren aus Israel aufs Schärfste.“

Trotz dieser klaren Ansage des Deutschen Bundestags vollführte Stefanie Carp eine Kehrtwende und lud die Young Fathers wieder ein. Die weigerten sich dann jedoch, der Einladung zu folgen. Stefanie Carp entschied sich dann für die Diskussions-Veranstaltung, bei der sie auch erklärte, warum sie die Young Fathers wieder eingeladen hatte, obwohl der Deutsche Bundestag die BDS-Kampagne scharf verurteilt hatte. Carp erklärte, wenn man nur noch Künstler einladen würde, die in „jeder Weise konform sind mit jedem derzeitigen Wording der Bundesrepublik, dann hätten wir ein sehr, sehr eingeschränktes Programm.“

Boykottaufrufe und Vielfalt

Ein vielfältiges Programm ist laut Carp nur möglich, wenn die Diskriminierung von Israel kein Ausschlusskriterium für eine Teilnahme bei der Ruhrtriennale ist. Zum „Wording“ der Bundesrepublik gehört es übrigens auch, dass Frauen und Homosexuelle gleichberechtigt sind. Werden wir in Zukunft auch über den Sinn und die Legitimation von Boykotten gegen Schwule und Frauen diskutieren, wenn es die wie auch immer definierte Vielfalt nötig macht? Werden demnächst auch Türken und Chinesen diskriminiert, um ein eingeschränktes Programm zu vermeiden?

Die Diskussion fand in der Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle am 18. August 2018 statt. An dem Tag und an dem Ort wurde über Sinn und Legitimation von einer Diskriminierung Israels gesprochen.

Der 18. August 2018 ist der 30. Jahrestag der Gründungscharta der Hamas. An dem gleichen Tag im August des Jahres 1988 veröffentlichte die Hamas diese Charta. In ihr steht festgeschrieben, ein Frieden unter den Menschen könne erst kommen, wenn alle Juden weltweit vernichtet seien (Artikel 7). Jeder Frieden mit Israel wird abgelehnt (Artikel 13). Stattdessen wird die Zerstörung des Landes Israel gefordert. Was für ein „Wording“. Mit dieser Hamas arbeitet BDS zusammen.

Die Jahrhunderthalle wiederum wurde 1902 vom Bochumer Verein gebaut. Während der Zeit des Nationalsozialismus war der Bochumer Verein der von Zwangsarbeit am stärksten profitierende Einzelbetrieb in Bochum. Die Turbinenhalle, in der die Diskussion stattfand, wandelte somit einst als nationalsozialistischer Musterbetrieb Energie in Leistung für Nazis um.

Stefanie Carp ist die Farid Bang der Besserverdienenden

Stefanie Carp war für Zusammensetzung der Runde, für den Tag der Veranstaltung und für den Ort verantwortlich. Sie machte es möglich, an einem Ort, der mit dem Nationalsozialismus untrennbar verbunden ist, am 30. Jahrestag eines Dokumentes, in dem die Vernichtung des jüdisches Volkes als Bedingung bezeichnet wird, über den Sinn und die Legitimation eines Boykotts des jüdischen Staates Israel zu diskutieren. Die Diskussion fand zudem an einem Sabbat statt, was dafür sorgte, dass aufgrund des jüdischen Feiertags einige Juden nicht an der Diskussion teilnehmen konnten. Die vier Landesverbände der Jüdischen Gemeinde in Nordrhein-Westfalen hatten zwar gebeten, dass ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde eingeladen wird, aber Frau Carp verweigerte sich der Bitte.

Die Intendantin setzte stattdessen eine Gesprächsrunde zusammen, in der unwidersprochen offene Lügen über Israel und massive Verharmlosungen der BDS-Kampagne geäußert wurden. Auf der Bühne saßen eine BDS-Unterstützerin aus Belgien, ein weiterer BDS-Unterstützer aus den USA, die Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, der Vorsitzende des Vereins der Freunde und Förderer der Ruhrtriennale, ein Bundestagspräsident a.D., ein Musiker, der erklärte, Stefanie Carp sei keine Antisemitin und eben jene Nicht-Antisemitin selbst. Zur „Ausgewogenheit“ wurde später noch ein dritter BDS-Supporter auf die Bühne geholt.

Er behauptete, Palästinenser hätten „null Menschenrechte“ in Israel und Israel sei ein „Apartheidsstaat“, in dem alle Juden Rassisten seien, nämlich „fünf Millionen mit weißem Privileg“. Im Verlauf der Diskussion wurde weiterhin behauptet, BDS sei eine „Menschenrechtsorganisation“ und eine Person behauptete sogar bar jeder Logik, die Kampagne BDS boykottiere eigentlich keine Israelis, was schon eine sehr abenteuerlich Aussage ist, schließlich steht das B im Namen BDS für „Boycott Israel“.

Juden sind selber Schuld

Der Unterstützer aus den USA brachte es sogar fertig zu erklären, die Abzeichen der Empathielosen mögen sich verändert haben, vom Hakenkreuz zum Davidstern. Unter Protest eines Teils des Publikums behauptete er sogar, der Staat Israel und seine Politik sei heute eines der größten Gründe für das Vorhandensein von Antisemitismus. Als sich einige Anwesende im Publikum lautstark über diese Aussage beschwerten, fuhr eine Frau in meiner Reihe eine Jüdin hinter mir an, sie solle sich nicht wie im Kindergarten benehmen. Ein anderer Mann fügte hinzu, er würde ja gerne Juden verstehen wollen, aber ihr Verhalten mache es ihm gerade sehr schwer.

Das war die Stimmung, die in der Turbinenhalle produziert wurde und hauptverantwortlich dafür war Stefanie Carp. Sie hatte die Gesprächsrunde zusammengestellt. Sie hatte dafür gesorgt, dass es eine ganz klare Positionierung hin zur BDS-Verharmlosung auf der Bühne gab. Diese Positionierung und die Ermangelung eines Menschen, der die Verharmlosungen wenigsten hätte benennen können, führte dazu, dass sich ein großer Teil des Publikums überhaupt nicht vertreten gefühlt hatte. Die Jüdischen Gemeinden in NRW zum Beispiel waren nicht vertreten, obwohl sie angefragt hatten.

Stefanie Carp ist somit für die Tumulte innerhalb der Veranstaltung verantwortlich. Sie war die Regisseurin der Runde. Es war nur der Moderation des Bundestagspräsidenten a.D. zu verdanken, dass die Veranstaltung nicht eskalierte. Es war Norbert Lammert. Allerdings blieben alle seine kritischen Fragen an die BDS Unterstützer und Unterstützerinnen unbeantwortet, zum Beispiel die Fragen, warum BDS ausschließlich Israel attackiere, aber keinen anderen Regierungen wie in Nordkorea oder Saudi-Arabien und vor allem, warum BDS auch Kinder ins Visier nehme, denn BDS ruft auch zur Bestrafung von Schülern auf, wenn sie Israelis sind. Alle drei Unterstützenden der Kampagne sagten nichts dazu, sondern erklärten, BDS sei notwendig und ernteten dafür Applaus.

Stefanie Carp wollte Absolution und bekam sie

Nach der Veranstaltung war mir klar, dass die Runde nicht stattgefunden hatte, um über die „Freiheit der Künste“ zu sprechen, wie es im Programmheft stand, sondern um Stefanie Carp eine Absolution zu erteilen. Es wurde auf der Bühne einstimmig beschlossen, Stefanie Carp sei keine Antisemitin, weil sie das Existenzrecht Israels nicht in Frage stelle und die deutsche Geschichte kenne. Allerdings reichte das noch nicht zur Absolution. Die vollkommene Unschuldserklärung konnte sie nur erhalten, indem der BDS verharmlost wird. Und das wurde dann auch getan. Es wurde verharmlost und gelogen, was die Turbine her gab.

Israel wurde pausenlos auf der Bühne kritisiert und dabei immer wieder betont, man dürfe und müsse Israel kritisieren können, als gäbe es irgendwo eine sinistre Macht, vermutlich eine jüdische, die deutsche Superintendantinnen daran hindert, das Gute, Wahre und Richtige zu benennen. Dass die Feinde Israels die Vernichtung aller Juden fordern und einen Vernichtungskrieg gegen Israel führen, wurde in der ganzen Diskussionsrunde nicht einmal erwähnt, und das ausgerechnet am Jahrestag der Gründung des Dokuments, in dem die Vernichtung des jüdischen Volkes gefordert wird. Auch auf die Bedeutung des Ortes wurde nicht hingewiesen. Darum ging es nicht. Es ging nicht um den Hass, den sich Juden ausgesetzt sehen. Es ging einzig und allein darum, den Arsch von Stefanie Carp zu retten.

Stefanie Carp machte sich zum Opfer

Stefanie Carp erweist sich als eine Intendantin, die sich in der Rolle der Opfers gefällt. Kritik an ihrer Arbeit bezeichnete sie als eine „Kampagne gegen mich“. Für eine Frau, die immer und immer wieder erklärt, Kritik an Israel müsse möglich sein, reagiert sie recht empfindlich, wenn sie selbst mal kritisiert wird.

„Darf ich jetzt alle Künstler, die mit BDS sympathisieren nicht mehr einladen?“

Diese Frage stellte Stefanie Carp ernsthaft in die Runde, ganz so, als könne ihr das irgendjemand verbieten. Als Intendantin des Festivals ist sie die einzige Person, die letztendlich darüber entscheidet, wer eingeladen wird und wer nicht. Niemand verbietet ihr irgendwas. Sie ist frei, sogar mit über einer Millionen Euro subventioniert frei. Warum also inszeniert sie sich als Opfer? Um ihre Kritiker zu Tätern zu machen!

„Ich persönlich zum Beispiel würde auch nicht bei der BDS unterschreiben, einfach weil ich Deutsche bin und ich finde selbst, wenn man viele Motive der Palästinenser unterschreiben kann.“

Das sagt Stefanie Carp. Wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte, würde die deutsche Intendantin heute ihre Unterschrift unter eine Kampagne setzen, die Israel aussondert. Vermutlich sollen wir darüber auch noch froh und dankbar sein. Es bleibt jedoch eine Restsorge, denn die Staatsbürgerschaft kann man ändern. Wann wird sich Carp trauen? In Belgien lässt es sich offenkundig auch gut leben und da wird teilweise auch deutsch gesprochen.

Es darf von einer Intendantin erwartet werden, dass sie zu ihren Entscheidungen steht und nicht zwischen einem Ein- und Ausladen herumeiert, um schließlich zu erklären, die Ausladung einer Gruppe, die dazu aufruft, Israel zu diskriminieren, sei falsch gewesen, weil dadurch die Vielfalt der Künste in Gefahr sei.

Stefanie Carp will für nichts die Verantwortung übernehmen. Im Grunde erklärt sie, dazu gezwungen worden zu sein, darüber zu diskutieren, ob die Diskrimierung und der Boykott des jüdischen Staates Israels Sinn und Legitimation hat; ihr seien die Hände gebunden. Hannah Arendt nannte ein solches Abgeben der Eigenverantwortung einst die „Banalität des Bösen“.

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