„Ich kann nicht schweigen“

Am 13. September 2018 sprach Rabbiner Lord Sacks in einer Debatte des House of Lords über Antisemitismus in Großbritannien. Tapfer im Nirgendwo hat die Rede übersetzt:

Es ist die größte Gefahr für jede Zivilisation, wenn sie unter kollektiver Amnesie leidet. Wir vergessen, wie kleine Anfänge zu wahrhaft schrecklichen Enden führen. Tausend Jahre jüdische Geschichte in Europa haben dem menschlichen Vokabular bestimmte Worte hinzugefügt: Zwangskonversion, Inquisition, Vertreibung, Ghetto, Pogrom, Holocaust.

All das geschah, weil dem Hass kein Einhalt geboten wurde. Niemand sagte: „Stopp!“

Es schmerzt mich, über Antisemitismus, den ältesten Hass der Welt, zu sprechen. Aber ich kann nicht schweigen. Eine der andauernden Tatsachen der Geschichte ist, dass die meisten Antisemiten sich selbst nicht als Antisemiten betrachten. „Wir hassen Juden nicht“, sagten sie im Mittelalter, „nur ihre Religion“. „Wir hassen Juden nicht“, sagten sie im 19. Jahrhundert, „nur ihre Rasse“. „Wir hassen Juden nicht“, sagen sie jetzt, „nur ihren Nationalstaat.“

Der Antisemitismus ist der am schwersten zu besiegende Hass, weil er wie ein Virus mutiert. Eine Sache jedoch bleibt stets gleich: Juden, ob als Religion, Rasse oder als Staat, werden zum Sündenbock für Probleme gemacht, für die alle Seiten verantwortlich sind. So beginnt der Weg zur Tragödie.

Antisemitismus, wie jeder Hass, wird gefährlich, wenn drei Dinge passieren: Erstens, wenn es sich von den Randbereichen der Politik zu einer Mehrheitspartei und ihrer Führung bewegt. Zweitens, wenn die Partei sieht, dass ihre Popularität in der Öffentlichkeit dadurch nicht geschädigt wird. Und drittens, Wenn diejenigen, die aufstehen und protestieren, verunglimpft und dafür geschmäht werden.

Alle drei Faktoren existieren heute in Großbritannien.

Ich hätte nie gedacht, dass ich das in meinem Leben sehen würde. Deshalb kann ich nicht schweigen. Denn es sind nicht nur Juden gefährdet. So ist auch unsere Menschlichkeit.

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