Ganz nach unten getreten

Am 29. Juni 2019 wurde die EMMA-Cartoonistin Franziska Becker mit der Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbunds ausgezeichnet. So wie es im 19. und 20. Jahrhundert reaktionäre Heldinnen und Helden der Feder gab, die die Schriftstellerin Hedwig Dohm dämonisierten, weil sie es gewagt hatte, frei zu denken und radikal zu spotten und dabei sogar vor Religionen nicht zurückschreckte, so rasten auch heute einige Leute in den sozialen Netzwerken des 21. Jahrhunderts aus und verurteilen Franziska Becker, weil sie es in ihren reichhaltigen Werk gewagt hat, eine Religion zu kritisieren. Jakob Augstein zum Beispiel schreibt:

Dazu kann ich nur sagen: In einer prädominant muslimischen geprägten Kultur antimuslimische Karikaturen zu machen, ist im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde.

Außerdem sind Muslime keine Minderheit. Der Islam ist weltweit die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Welt mit ungefähr 1,6 Milliarden Mitgliedern. Nach dem Christentum ist der Islam auch in Deutschland die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes. Der Islam macht zwar nur fünf Prozent der Bevölkerung aus, aber die Zeugen Jehovahs nur 0,2%. Wann hat sich das letzte Mal ein Zeuge Jehovas in Deutschland über Spott in Richtung seines Glaubens lautstark beschwert? Welcher Komiker lebt in Gefahr, weil er Klopf-Klopf-Witze über Zeugen Jehovas macht?

Die Mormonen machen machen nur 0,05% der deutschen Bevölkerung aus und sind somit eine verschwindend geringe Minderheit. Trotzdem wird im November 2019 in Köln das Musical „The Book of Mormon“ aufgeführt, in dem die Mormonen radikal verarscht werden. Seit Jahren läuft das Musical erfolgreich in New York und London und wurde sogar mehrfach ausgezeichnet.

Gab es irgendwelche Ausschreitungen? Haben irgendwelche Mormonen Fahnen verbrannt? Ist ein Mormone mit einer Axt bewaffnet in das Haus des Komponisten gestürmt, um ihn zu ermorden, wie es dem dänischen Zeichner Kurt Westergaard ergangen ist, weil er eine Mohamed-Karikatur gezeichnet hatte? Haben Mormonen gedroht, das Büro der Autoren des Musicals in die Luft zu sprengen? Nein!

Obwohl es mal eine Anschlagsdrohung auf das Büro der Autoren gab, aber nicht aufgrund des Musicals „The Book of Mormon“, sondern aufgrund der TV-Serie „South Park“, die sie ebenfalls schreiben und in der sie es gewagt hatten, in einer Folge zu behaupten, unter einer gezeichneten Person im Bärenkostüm stecke Mohamed.

Die muslimische Gemeinschaft ist in einigen Bundesländern größer als die Gemeinschaft der FDP-Wählerinnen und Wähler. Sollen wir jetzt auch aufhören, über die FDP zu spotten? Sollen nur noch jene Parteien verspottet werden, die an der Macht sind? Momentan ist jede Partei im Deutschen Bundestag in irgendeinem Bundesland an der Macht bis auf die AfD. Ist es trotzdem okay, die AfD zu verspotten oder ist das jetzt schlecht, Herr Augstein? Es gibt in Deutschland deutlich mehr Westdeutsche als Ostdeutsche. Sollen die Wessis einfach mal kollektiv die Schnauze halten?

Sehr geehrter Herr Augstein,

ich spreche Sie jetzt persönlich an. Wissen Sie, was richtig geschmacklos ist? Auf die Menschen zu treten, die ermordet wurden, weil sie Bilder gezeichnet haben.

Am 7. Januar 2015 wurden Männer und Frauen von Charlie Hebdo ermordet, weil sie Karikaturen über den Islam gemacht hatten. Sie wurden ermordet, weil sie Pazifisten waren, weil sie sich dazu entschieden hatten, ihre Kritik, Wut und Angst über eine radikale Auslegung einer Ideologie nicht in körperliche Gewalt fließen zu lassen, sondern sie ganz friedlich in Spott zu bündeln. Die ermordeten Männer und Frauen von Charlie Hebdo schlugen nicht und traten nicht. Sie drohten weder mit Gewalt, noch brachen sie irgendwo ein. Sie zeichneten bloß. Sie spotteten. Sie lachten. Die Männer und Frauen von Charlie Hebdo entschieden sich für einen friedlichen Widerstand.

Diesen friedlichen Widerstand haben Sie mit Füßen getreten, Herr Augstein!

Sie haben ganz nach unten getreten. Sie treten auf die Leichen jener Menschen herum, die ermordet wurden, weil sie friedlich zeichneten, statt physische Gewalt anzuwenden. Sie haben in die Gräber pazifistischer Widerstandskämpfer getreten.

Herr Augstein, ich bin so wütend, dass mein Körper bebt. Aber ich greife nicht zur Gewalt, ich schreibe. Und selbst in der Schrift halte ich mich zurück, denn was ich gerade über Sie denke, schreibe ich lieber nicht auf.

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