Distanziert Euch nicht!

Am 22. April 2021 veröffentlichten fünfzig Prominente unter dem Hashtag #allesdichtmachen verschiedene ironische, sarkastische und manchmal polemische Kritiken zur aktuellen Corona-Politik der Bundesregierung. Der Hashtag wurde zusammen mit weiteren Hashtags wie #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer binnen weniger Stunden zu den am meisten verwendeten bei Twitter in Deutschland.

Allen Filmen ist gemein, dass in ihnen das Stilmittel der Hyperbel genutzt wird. Mit dem rhetorischen Mittel der Übertreibung loben die Prominenten die Maßnahmen der Bundesregierung und entlarven dadurch ihre Schwachpunkte. Die Schauspielerin Nina Gummich verkündet: „Ich mache mich stark für die Meinungsfreiheit. Besonders während so turbulenten Zeiten wie der Coronakrise. Deshalb habe ich mich in den letzten Monaten Stück für Stück von meiner eigenen Meinung befreit.“

Der Schauspieler Jan Josef Liefers bedankt sich „bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben“.

Die Reaktionen auf diese Videos fielen zum Teil vernichtend aus; nicht überraschend, wenn man sich klar macht, dass zu den Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus‘ unter anderem Ausgangsperren, Grenzschließungen, Berufsverbote, Versammlungsverbote und Eingriffe in die Privatwohnung gehören. Diese Maßnahmen kann man in ihrer Übergriffigkeit nur rechtfertigen, wenn man sich auf der Seite des alternativlosen Guten wähnt. Aus dieser Position heraus werden die übelsten Vorwürfe gegen die Personen laut, die sich in den Filmen zu Wort gemeldet haben. Da ist alles mit dabei, vom Vorwurf, unsolidarisch zu sein, bis hin zu der Unterstellung, sich über die Toten lustig zu machen, wenn man nicht sogar durch seine Meinung direkt für weitere Tote mitverantwortlich ist. Auch der klassische Vorwurf, damit Applaus von der „falschen Seite“ zu bekommen, wird von vielen Seiten bemüht.

Deshalb dauerte es nur ein paar Stunden, bis Jan Josef Liefers sich via Twitter von seinem Film distanzierte: „Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück.“

Besonders unangenehm fällt dabei auf, wie sehr sich manche Schauspielerinnen und Schauspieler bemühen, ihre Kolleginnen und Kollegen in die moralinbefetteten Pfannen zu hauen. Auch kein Wunder, wenn man bedenkt, das viele von ihnen in finanzieller Abhängigkeit sind zu Sendern, die einen klaren Auftrag haben, der in einem „Medienvertrag“ festgeschrieben ist, den die Sender mit dem Staat geschlossen haben. Eine abweichende Meinung oder eine falsche Zustimmung kann da schnell existenzgefährdend werden.

Auch für Heike Makatsch waren die negativen Reaktionen so heftig, dass sie sich genötigt sah, um Verzeihung zu bitten:

Was bitte ist los? Ist es nicht mehr möglich, seinen Zorn satirisch zu kommunizieren, ohne dabei einen Wächterrat des Infektionsschutzes engagieren zu müssen, der dafür sorgt, dass alles so schön kontextualisiert wird, dass es nun wirklich gar nicht mehr aneckt? Müssen wir in Zeiten der ausgerufenen Pandemiebekämpfung ausnahmslos gefällig sein? Sind Kritikerinnen und Kritiker der Maßnahmen Nestbeschmutzer? Der Jurist Rolf Schwartmann ging soweit, dass er Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, als „Volksfeinde“ bezeichnete.

Der SPD-Politiker Garrelt Duin, seinesgleichen Mitglied des Rundfunkrats, fordert sogar, die öffentlich-rechtlichen Sender müssten die Zusammenarbeit mit allen Künstlerinnen und Künstler, die sich an #allesdichtmachen beteiligt haben, schnellstens beenden:

„Jan Josef Liefers und Tukur verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit z.B. für den Tatort unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an ‚den Medien‘ und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen. Sie haben sich daher als deren Repräsentanten unmöglich gemacht. Die zuständigen Gremien müssen die Zusammenarbeit – auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden – schnellstens beenden. Viele Grüße, ein Rundfunkrat.“

Menschen, die die Coronamaßnahmen kritisieren, werden übelst diffamiert. Dabei artikulieren sie doch nur einen Schmerz, der überall gespürt wird. Es gibt nämlich Opfer auf allen Seiten der Krise. Es gibt Opfer auf der Seite jener, denen die Sicherheit und Gesundheit besonders wichtig ist und es gibt Opfer auf Seiten der Menschen, die sich besonderen der Freiheit verpflichtet fühlen. Sie erleben gerade massive Einschränkungen und daraus resultierende schwere Depressionen und Suizidgedanken. Manche reagieren sogar mit der radikalen Aufgabe ihres Lebens.

Jetzt kann man sagen, Gesundheit sei immer wichtiger als alle Freiheit und die Überzeugung ergibt auch Sinn, wenn man besonders auf Sicherheit fokussiert ist. Es gibt jedoch Menschen, für die ist der folgende Leitspruch keine bloße Floskel, sondern tiefe Überzeugung: Lieber tot als unfrei sein!

Viele Künstlerinnen und Künstler wurden durch diesen Gedanken zu ihren schönsten Kunstwerken inspiriert. Heute sind sie Juwelen der Menschheitsgeschichte.

Eine Tragödie findet dort statt, wo beide Seiten nachvollziehbare Argumente haben. Ich kann sowohl das Team Sicherheit als auch das Team Freiheit verstehen. Ich spüre den Schmerz auf beiden Seiten. Zur Katastrophe entwickelt sich die Tragödie, wenn eine Seite mit deutlich mehr Macht ausgestattet ist, als die andere. Diese Katastrophe zeichnet sich gerade ab.

Wir befinden wir uns in einem asymmetrischen Krieg der Verordnungen und der Zwangsmaßnahmen, in dem die Menschen, die sich nach Sicherheit sehnen, eine deutlich größere Unterstützung erfahren. Sowohl die aktuelle Regierung als auch große Teile der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft unterstützen das Ziel Sicherheit vehement und sehr oft hat die andere Seite keine andere Möglichkeit, als unorganisiert, chaotisch und schmutzig in den Straßenkampf zu ziehen, weil auch große Plattformen die Artikulation ihres Zorns löschen. Diese Löschungen werden dann wiederum teilweise vom Gesetzgeber erzwungen, was dadurch einer indirekten Zensur durch die Hintertür gleichkommt.

So werden Menschen, die ihren Unmut artikulieren, in die Ecke der Abtrünnigen und Unmoralischen verbannt, nur weil sie es gewagt haben, ihren Unmut zu artikulieren. Dabei wird oft bemängelt, dass die Menschen, die sich beklagen, keine Lösungsvorschläge anbieten, ganz so, als sei das Jammern und Klagen nur statthaft, wenn man auch eine Lösung parat hat. Gefühle lassen sich aber nicht einfach so abschalten. Und vor allem müssen diese Gefühle artikuliert werden können und zwar ohne dabei „von oben“ erniedrigt zu werden.

Es gibt Menschen, die in dieser Krise ihre Existenz verloren haben, deren Beziehungen in diesem Ausnahmezustand zu Grunde gegangen sind und deren Kinder Depressionen bekommen. Die Krise hinterlässt verzweifelte Personen, die nicht im Home Office Kuchen essen können, weil es schon am alltäglichen Brot mangelt. Es gibt Menschen, für die war das Theater, zusammen mit den Kneipen und Clubs lebensnotwendige Ablenkung und eine Form der Lebensbewältigung. All das hat nun zu.

Der Mensch ist ein Wesen, das sich seiner Sterblichkeit bewusst ist. Menschen sind Kreaturen, die Welten erdichten und Kunst erschaffen können. Menschen machen Gesetze und werfen Partys. Menschen erleben sich in der Gemeinschaft und messen sich aneinander. Sie lachen, singen, tanzen und grölen. Sie umarmen sich, kuscheln, raufen, ringen und bekriegen sich. Menschen möchten das Leben spüren. Sie möchten raus. Menschen möchten einen Eindruck hinterlassen. Sie möchten sich mal fallen lassen und mal herrschen. Menschen sind frei. Aber nun sind sie gefangen.

Menschen brauchen Spiele. Wenn man ihnen diese Spiele nimmt, dann machen sie sich Spiele und zwar auf der Straße.

Der Mensch ist ein Lümmel. Je stärker er zu etwas gezwungen wird, mag es auch noch so richtig und wichtig sein, umso mehr steigt in ihm der Wille zum Widerstand auf, vor allem wenn die Maßnahmen urmenschliche Verhaltensweisen unterdrücken. Wenn um ihren Alltag beraubte Menschen das Haus in der Ausgangssperre verlassen, weil ihnen die Decke auf den Kopf fällt, wenn sie die Corona-Regeln brechen, weil sie am Ende sind, dann brauchen sie keine moralische Belehrungen, Diffamierungen und Strafen. Sie brauchen keine moralischen Zurechtweisungen von Leuten, die sich in der Krise Wein leisten können, während ihnen selbst das Wasser zum Hals steht. Den Lockdown muss man sich leisten können. Viele können es nicht. Für diese Menschen spricht die Aktion #allesdichtmachen.

Es gibt daher keinen Grund, sich zu distanzieren. Der Ruf zur Distanzierung ist eine Methode jener, die Menschen aufgrund ihrer abweichenden Meinungen wegsperren wollen.

„Militaristische und revanchistische Propaganda in jeder Form, Kriegshetze und Bekundung von Glaubens-, Rassen- und Völkerhass werden als Verbrechen geahndet.“

Klingt gut, oder? Wer ist schon ein Freund von Kriegshetze und Rassismus? Es ist doch gut, wenn all das verboten ist, oder?

Der zitierte Absatz fand sich an fünfter Stelle des sechsten Artikels der Verfassung der DDR. Es war genau dieser Absatz, mit dem Kritikerinnen und Kritiker des Regimes in Knast und Folter gesperrt wurden. Sie wurden zu Nazis und zu Faschisten erklärt, genauso wie heute. Das ist pure Diffamierung im Stile der DDR.

Nimm Dich in acht vor selbsternannten Friedensaktivisten, denn sie erklären Dich zum Kriegsaktivisten, sobald Du es auch nur wagst zu widersprechen.

Jetzt werden jene kritisiert, weil sie Worte artikulieren, die für jene von Bedeutung sind, die unter den Maßnahmen leiden. Warum müssen diese Menschen verunglimpft werden. Nein, sie verhöhnen keine Opfer. Nein, sie sind keine Egoisten. Nein, sie sind keine Schädlinge der Volksgesundheit. Sie sind Menschen!

Menschen haben Gefühle und niemand weiß diese Gefühle besser zu artikulieren als Künstlerinnen und Künstler. Wenn wir tatsächlich wieder an einem Punkt sind, wo sich Menschen öffentlich entschuldigen müssen für ihre Worte des Ungehorsams und für ihre Kunst des Zweifelns und mag das alles auch noch so polemisch und flegelhaft sein, dann sind wir an einen Moment der deutschen Geschichte zurückgekehrt, von dem wir glaubten, ihn in den Jahren 1989/90 überwunden zu haben.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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