Distanziert Euch nicht!

Am 22. April 2021 veröffentlichten fünfzig Prominente unter dem Hashtag #allesdichtmachen verschiedene ironische, sarkastische und manchmal polemische Kritiken zur aktuellen Corona-Politik der Bundesregierung. Der Hashtag wurde zusammen mit weiteren Hashtags wie #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer binnen weniger Stunden zu den am meisten verwendeten bei Twitter in Deutschland.

Allen Filmen ist gemein, dass in ihnen das Stilmittel der Hyperbel genutzt wird. Mit dem rhetorischen Mittel der Übertreibung loben die Prominenten die Maßnahmen der Bundesregierung und entlarven dadurch ihre Schwachpunkte. Die Schauspielerin Nina Gummich verkündet: „Ich mache mich stark für die Meinungsfreiheit. Besonders während so turbulenten Zeiten wie der Coronakrise. Deshalb habe ich mich in den letzten Monaten Stück für Stück von meiner eigenen Meinung befreit.“

Der Schauspieler Jan Josef Liefers bedankt sich „bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben“.

Die Reaktionen auf diese Videos fielen zum Teil vernichtend aus; nicht überraschend, wenn man sich klar macht, dass zu den Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus‘ unter anderem Ausgangsperren, Grenzschließungen, Berufsverbote, Versammlungsverbote und Eingriffe in die Privatwohnung gehören. Diese Maßnahmen kann man in ihrer Übergriffigkeit nur rechtfertigen, wenn man sich auf der Seite des alternativlosen Guten wähnt. Aus dieser Position heraus werden die übelsten Vorwürfe gegen die Personen laut, die sich in den Filmen zu Wort gemeldet haben. Da ist alles mit dabei, vom Vorwurf, unsolidarisch zu sein, bis hin zu der Unterstellung, sich über die Toten lustig zu machen, wenn man nicht sogar durch seine Meinung direkt für weitere Tote mitverantwortlich ist. Auch der klassische Vorwurf, damit Applaus von der „falschen Seite“ zu bekommen, wird von vielen Seiten bemüht.

Deshalb dauerte es nur ein paar Stunden, bis Jan Josef Liefers sich via Twitter von seinem Film distanzierte: „Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück.“

Besonders unangenehm fällt dabei auf, wie sehr sich manche Schauspielerinnen und Schauspieler bemühen, ihre Kolleginnen und Kollegen in die moralinbefetteten Pfannen zu hauen. Auch kein Wunder, wenn man bedenkt, das viele von ihnen in finanzieller Abhängigkeit sind zu Sendern, die einen klaren Auftrag haben, der in einem „Medienvertrag“ festgeschrieben ist, den die Sender mit dem Staat geschlossen haben. Eine abweichende Meinung oder eine falsche Zustimmung kann da schnell existenzgefährdend werden.

Auch für Heike Makatsch waren die negativen Reaktionen so heftig, dass sie sich genötigt sah, um Verzeihung zu bitten:

Was bitte ist los? Ist es nicht mehr möglich, seinen Zorn satirisch zu kommunizieren, ohne dabei einen Wächterrat des Infektionsschutzes engagieren zu müssen, der dafür sorgt, dass alles so schön kontextualisiert wird, dass es nun wirklich gar nicht mehr aneckt? Müssen wir in Zeiten der ausgerufenen Pandemiebekämpfung ausnahmslos gefällig sein? Sind Kritikerinnen und Kritiker der Maßnahmen Nestbeschmutzer? Der Jurist Rolf Schwartmann ging soweit, dass er Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, als „Volksfeinde“ bezeichnete.

Der SPD-Politiker Garrelt Duin, seinesgleichen Mitglied des Rundfunkrats, fordert sogar, die öffentlich-rechtlichen Sender müssten die Zusammenarbeit mit allen Künstlerinnen und Künstler, die sich an #allesdichtmachen beteiligt haben, schnellstens beenden:

„Jan Josef Liefers und Tukur verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit z.B. für den Tatort unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an ‚den Medien‘ und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen. Sie haben sich daher als deren Repräsentanten unmöglich gemacht. Die zuständigen Gremien müssen die Zusammenarbeit – auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden – schnellstens beenden. Viele Grüße, ein Rundfunkrat.“

Menschen, die die Coronamaßnahmen kritisieren, werden übelst diffamiert. Dabei artikulieren sie doch nur einen Schmerz, der überall gespürt wird. Es gibt nämlich Opfer auf allen Seiten der Krise. Es gibt Opfer auf der Seite jener, denen die Sicherheit und Gesundheit besonders wichtig ist und es gibt Opfer auf Seiten der Menschen, die sich besonderen der Freiheit verpflichtet fühlen. Sie erleben gerade massive Einschränkungen und daraus resultierende schwere Depressionen und Suizidgedanken. Manche reagieren sogar mit der radikalen Aufgabe ihres Lebens.

Jetzt kann man sagen, Gesundheit sei immer wichtiger als alle Freiheit und die Überzeugung ergibt auch Sinn, wenn man besonders auf Sicherheit fokussiert ist. Es gibt jedoch Menschen, für die ist der folgende Leitspruch keine bloße Floskel, sondern tiefe Überzeugung: Lieber tot als unfrei sein!

Viele Künstlerinnen und Künstler wurden durch diesen Gedanken zu ihren schönsten Kunstwerken inspiriert. Heute sind sie Juwelen der Menschheitsgeschichte.

Eine Tragödie findet dort statt, wo beide Seiten nachvollziehbare Argumente haben. Ich kann sowohl das Team Sicherheit als auch das Team Freiheit verstehen. Ich spüre den Schmerz auf beiden Seiten. Zur Katastrophe entwickelt sich die Tragödie, wenn eine Seite mit deutlich mehr Macht ausgestattet ist, als die andere. Diese Katastrophe zeichnet sich gerade ab.

Wir befinden wir uns in einem asymmetrischen Krieg der Verordnungen und der Zwangsmaßnahmen, in dem die Menschen, die sich nach Sicherheit sehnen, eine deutlich größere Unterstützung erfahren. Sowohl die aktuelle Regierung als auch große Teile der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft unterstützen das Ziel Sicherheit vehement und sehr oft hat die andere Seite keine andere Möglichkeit, als unorganisiert, chaotisch und schmutzig in den Straßenkampf zu ziehen, weil auch große Plattformen die Artikulation ihres Zorns löschen. Diese Löschungen werden dann wiederum teilweise vom Gesetzgeber erzwungen, was dadurch einer indirekten Zensur durch die Hintertür gleichkommt.

So werden Menschen, die ihren Unmut artikulieren, in die Ecke der Abtrünnigen und Unmoralischen verbannt, nur weil sie es gewagt haben, ihren Unmut zu artikulieren. Dabei wird oft bemängelt, dass die Menschen, die sich beklagen, keine Lösungsvorschläge anbieten, ganz so, als sei das Jammern und Klagen nur statthaft, wenn man auch eine Lösung parat hat. Gefühle lassen sich aber nicht einfach so abschalten. Und vor allem müssen diese Gefühle artikuliert werden können und zwar ohne dabei „von oben“ erniedrigt zu werden.

Es gibt Menschen, die in dieser Krise ihre Existenz verloren haben, deren Beziehungen in diesem Ausnahmezustand zu Grunde gegangen sind und deren Kinder Depressionen bekommen. Die Krise hinterlässt verzweifelte Personen, die nicht im Home Office Kuchen essen können, weil es schon am alltäglichen Brot mangelt. Es gibt Menschen, für die war das Theater, zusammen mit den Kneipen und Clubs lebensnotwendige Ablenkung und eine Form der Lebensbewältigung. All das hat nun zu.

Der Mensch ist ein Wesen, das sich seiner Sterblichkeit bewusst ist. Menschen sind Kreaturen, die Welten erdichten und Kunst erschaffen können. Menschen machen Gesetze und werfen Partys. Menschen erleben sich in der Gemeinschaft und messen sich aneinander. Sie lachen, singen, tanzen und grölen. Sie umarmen sich, kuscheln, raufen, ringen und bekriegen sich. Menschen möchten das Leben spüren. Sie möchten raus. Menschen möchten einen Eindruck hinterlassen. Sie möchten sich mal fallen lassen und mal herrschen. Menschen sind frei. Aber nun sind sie gefangen.

Menschen brauchen Spiele. Wenn man ihnen diese Spiele nimmt, dann machen sie sich Spiele und zwar auf der Straße.

Der Mensch ist ein Lümmel. Je stärker er zu etwas gezwungen wird, mag es auch noch so richtig und wichtig sein, umso mehr steigt in ihm der Wille zum Widerstand auf, vor allem wenn die Maßnahmen urmenschliche Verhaltensweisen unterdrücken. Wenn um ihren Alltag beraubte Menschen das Haus in der Ausgangssperre verlassen, weil ihnen die Decke auf den Kopf fällt, wenn sie die Corona-Regeln brechen, weil sie am Ende sind, dann brauchen sie keine moralische Belehrungen, Diffamierungen und Strafen. Sie brauchen keine moralischen Zurechtweisungen von Leuten, die sich in der Krise Wein leisten können, während ihnen selbst das Wasser zum Hals steht. Den Lockdown muss man sich leisten können. Viele können es nicht. Für diese Menschen spricht die Aktion #allesdichtmachen.

Es gibt daher keinen Grund, sich zu distanzieren. Der Ruf zur Distanzierung ist eine Methode jener, die Menschen aufgrund ihrer abweichenden Meinungen wegsperren wollen.

„Militaristische und revanchistische Propaganda in jeder Form, Kriegshetze und Bekundung von Glaubens-, Rassen- und Völkerhass werden als Verbrechen geahndet.“

Klingt gut, oder? Wer ist schon ein Freund von Kriegshetze und Rassismus? Es ist doch gut, wenn all das verboten ist, oder?

Der zitierte Absatz fand sich an fünfter Stelle des sechsten Artikels der Verfassung der DDR. Es war genau dieser Absatz, mit dem Kritikerinnen und Kritiker des Regimes in Knast und Folter gesperrt wurden. Sie wurden zu Nazis und zu Faschisten erklärt, genauso wie heute. Das ist pure Diffamierung im Stile der DDR.

Nimm Dich in acht vor selbsternannten Friedensaktivisten, denn sie erklären Dich zum Kriegsaktivisten, sobald Du es auch nur wagst zu widersprechen.

Jetzt werden jene kritisiert, weil sie Worte artikulieren, die für jene von Bedeutung sind, die unter den Maßnahmen leiden. Warum müssen diese Menschen verunglimpft werden. Nein, sie verhöhnen keine Opfer. Nein, sie sind keine Egoisten. Nein, sie sind keine Schädlinge der Volksgesundheit. Sie sind Menschen!

Menschen haben Gefühle und niemand weiß diese Gefühle besser zu artikulieren als Künstlerinnen und Künstler. Wenn wir tatsächlich wieder an einem Punkt sind, wo sich Menschen öffentlich entschuldigen müssen für ihre Worte des Ungehorsams und für ihre Kunst des Zweifelns und mag das alles auch noch so polemisch und flegelhaft sein, dann sind wir an einen Moment der deutschen Geschichte zurückgekehrt, von dem wir glaubten, ihn in den Jahren 1989/90 überwunden zu haben.

Sollten Sie mich, Gerd Buurmann, in meiner Arbeit als Autor, Künstler oder Betreiber von „Tapfer im Nirgendwo“unterstützen wollen, überweisen Sie gerne einen Betrag Ihrer Wahl auf mein Konto oder nutzen Sie PayPal.

https://www.paypal.me/gerdbuurmann

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten zu Distanziert Euch nicht!

  1. erwinrosskopf schreibt:

    Ihre Corona-Hanswurstiaden in Ehren, aber ihr Unterhaltungswert nutzt sich mit der Zeit etwas ab.
    So long, Hr. Buurmann.

    • heinzjaskolla schreibt:

      Sie fühlen sich nicht unterhalten? Vielleicht liegt das an Ihnen, und Sie begreifen nicht, dass es nicht um Unterhaltung geht?, Von besonderer Argumentationskraft ist Ihr Posting ja nicht erfüllt, nur von pejorativer Wortwahl. Es herrscht kein Lesezwang.

      • erwinrosskopf schreibt:

        Keine Unterhaltung, kein Jux? Im Ernst? Wär‘ ich jetzt nicht draufgekommen. Welche Argumente wollen Sie denn noch hören? Wer’s nach über einem Jahr, in dem die Argumente nun wirklich bis zum Überdruss ausgetauscht wurden, nicht kapiert hat, will es oder kann es nicht kapieren. Und was meine Wortwahl betrifft: wenn mir einer an die Gesundheit oder gar ans Leben will – und genau das machen Hr. Buurmann und seine Spießgesellen im Geiste, ob unabsichtlich aus Unüberlegtheit, aus purem Gauditum oder aus Blödheit oder Bosheit, ist mir dabei völlig wurscht – da werde ich nun mal tendenziell eher unleidlich.

  2. Alrik schreibt:

    Garrelt Duin ist kein SPD Politiker mehr, sondern Geschäftsführer der Handwerkskammer Köln-Bonn.
    Da könnte man ja mal Fragen ob er mit seiner Aussage als Rundfunkrat den offiziellen Standpunkt der Handwerkskammer vertritt – was sicherlich interessant ist für z.B. Friseurmeister die Aufgrund der Corona Verordnungen Mehrkosten und Mindereinnahmen haben.

    Und ganz allgemein, warum lässt sich die Handwerkerschaft in Köln im Rundfunkrat von einem Juristen repräsentieren?
    Gerade als SPD Mitglied sollte Garrelt Duin diesen Sitz einem Handwerker mit Berufsserfahrung sowie Gesellen- oder Meisterbrief überlassen, denn so wie er als männlicher Politiker nicht die weiblichen Wähler repräsentieren kann fehlt im als Jurist die Eignung die Handwerkerschaft zu vertreten.
    Und anders als bei der Besetzung von Wahllisten geht es beim Rundfunkrat wirklich um die Vertretung gesellschaftlicher Gruppen.

  3. Achim schreibt:

    Danke für diese empathischen, klugen Worte!
    Ein WDR Moderator v. Mauschwitz erinnerte mich in seinem inquisitorischem Interview mit Liefers stark an irgendeine historische Figur aus unserer unseligen Vergangenheit. Wo sind wir bloß schon wieder gelandet, wenn man solche Assoziationen hat?! Mir gefällt die ganze Richtung nicht mehr. Ein Glück, dass es noch Menschen wie Sie gibt, Herr Buurmann ! Leider werden wir das Unheil, dass sich hier ankündigt, nicht mehr aufhalten können. Ich habe alle Hoffnung verloren.

  4. dopperwoll schreibt:

    Großartiger Text! Ich bin überwältigt. Meinen Respekt vor Ihrer Einordnung des Geschehens. Herzlichen Dank!

  5. Rika schreibt:

    Kommt es nur mir so vor, dass in den sozialen Medien aber diejenigen in der Mehrhit sind, die die Aktion richtig gut finden und Leute wie ich, die es ein bisschen differenzierter sehen, fast ganz allein auf weiter Flur sind? Jedenfalls trifft das auf die Blase3 zu in der ich mich vorzugsweise bewege…
    Ich gehöre zu den Verfechtern unbedingter Solidarität, nur gemeinsam sind wir in der Lage, die Pandemie zu bekämpfen und vielleicht sogar zu besiegen.
    Vielleicht habe ich aber auch eine Wahrnehmungsstörung, denn auch mein Erinnerungsvermögen funktioniert offenbar anders als oben in einem Kommentar beschrieben. Mir ist immer noch der Slogan „lieber Rot als tot!“ im Gedächtnis… was ja nichts anderes bedeutete, als unbedingt mit den Wölfen heulen zu müssen, wollte man eben nicht „tot sein“…
    Aber wie gesagt, ich kann mich irren und ich bin auch nicht so wichtig wie die Protagonisten, die sich mit guten Absichten filmisch aus dem Fenster lehnten und nun Angst haben, möglicherweise doch nicht so weise gewesen zu sein.

    • nebelkammer schreibt:

      Wenn ich mich recht erinnere, gab es beide Fassungen des Slogans, die direkt aufeinander bezogen waren. Für die Verteidigungsministerien des westlichen Kapitalismus lautete er „lieber tot als rot“, zur Rechtfertigung der atomaren Rüstung bis zum Overkill. Für die dagegen agitierende Friedensbewegung lautete er „lieber rot als tot“, um darzulegen, dass für eine ausgelöschte Menschheit die Systemfrage nicht mehr relevant ist.
      Im Ostblock gab es derlei Auseinandersetzungen bezeichnenderweise nicht, es bedarf der Freiheit zum streitbaren Diskurs.
      In einer pluralistischen Gesellschaft ist Solidarität immer auch Solidarität mit dem anders Denkenden.
      Ich halte Solidarität für die Haltung, die es ermöglicht, in der Sache harte Auseinandersetzungen zu führen im Bestreben, den am besten argumentativ gestützten Weg gemeinsam zu gehen.
      Jeder darf (verfassungskonform) äußern, was und wie er es möchte. Jeder darf sich irren. Jedem müssen die Mittel bereitstehen, sich frei zu äußern und keinem darf dafür ein Nachtteil entstehen. Ich halte dies für die Voraussetzungen jedes Diskurses, der den Namen verdient.
      Natürlich muss der Diskurs irgendwann mit einem Ergebnis aufwarten und dann bedeutet Solidarität, dass ALLE die Maßnahmen einhalten und das Beschlossene mittragen.
      Ihr Verfechten der Solidarität findet also meine Zustimmung.
      Ob Solidarität „unbedingt“ sein darf, darüber muss ich erst einmal nachdenken. Vorerst erinnert mich das an die Knebelung der Nato durch die USA nach 9/11, aber wie gesagt: ich muss erst nochmal nachdenken.
      LG Michael

    • Heinz Jaskolla schreibt:

      Warum nur komme ich mir oft so verlassen vor, wenn ich solchen Corona-Meinungsstreitereien beiwohne? Da ist man „für“ oder „gegen“ die Maßnahmen, wobei die Gegner meist mit Argumenten arbeiten, die Befürworter dagegen sich den „weisen“ (Ihre Wortwahl) Entscheidungen der Regierenden, wie diktatorisch und freiheitsfeindlich sie auch sein mögen, unterwerfen, wie Liefers sagt: „zweifeln Sie nicht“.
      Das reicht mir persönlich nicht: eine Meinung zu haben, ohne sich eine Meinung anhand von Fakten und Beschäftigung mit der Materie erarbeitet zu haben.
      Die Argumente, die gegen die Maßnahmen sprechen, sind in einer Unzahl von Studien und Auswertungen von Maßnahmen erfahrbar, viele Epidemiologen und Virologen vertreten eine evidenzbasierte dem Regierungskurs diametral widersprechende Position. Nur: man hört nicht auf sie, sondern diffamiert und denunziert sie, meist auf der billigsten, der persönlichen Ebene (wie es nun auch den Schauspielern geschieht)..
      Die so gerne von Hass und Hetze schwadronioeren, nutzen diese Mittel mit Genüßlichkeit – die schärfsten Kritiker der Elche sind selber welche.
      Was ich vermisse, ist Courage. Gerade mal 0.37 % der Deutschen sind offiziel corona-krank. Nach Ioannidis und der Stanford-Universität ist die infection-fatality-rate gerade mal 0.15 bis 0,2 %. Es sterben in der überwältigenden Mehrheit hochbetagte Menschen an oder mit Corona. Von den 80 000 Toten bisher, von denen man nicht weiß, woran sie letzlich gestorben sind, ist ein Großteil einsam, verlassen, ohne familiären Beistand, abgesondert von Empathie und Trost der Nächsten – nun was, gestorben? Das Gefühl sträubt sich, diese Verratenen als einfach „Gestorbene“ zu betiteln. Es ist ein grausames Spiel mit der Fürsorge, wenn der Tod nur noch zum kontrollierten Abtreten hinter Mauern degradiert wird – ich denke an Tukurs Rilke-Rezitation.
      Von der Verachtung der Grundrechte durch die Regierenden zu sprechen ist nicht weiter nötig – dazu ist genug gesagt, auch in dem Benjamin Franklin zugewiesenen Ausspruch:
      „Wer wesentliche Freiheit aufgeben kann, um eine einstweilige Sicherheit zu erlangen, verdient weder Freiheit, noch Sicherheit.“
      Schätzungen in Großbritannien gehen davon aus, dass infolge der rigorosen Maßnahmen weit mehr an verschleppten Krebs- und Her-Kreislauferkrankungen sterben werden als durch die Pandemie. Es gibt einen bemerkenswerten Artikel im Daily Telegraph: „Lockdown Proponents can’t escape the blame for the biggest public health fiasco in history“ von Jay Bhattacharya (Professor für Medizin and der Stanford niversity).
      Er schreibt: „A year ago, there was no evidence that lockdowns would protect older high-risk people from Covid. Now there is evidence. They did not.“ – und das ist der Punkt: die Gruppe, die geschützt werden müßte, wird es durch den Lockdown etc, gerade nicht, aber den kaum Gefährdeten wird Freiheit und Lebensfreude, wirtschaftliche Existenz usw. genommen. – ein eklatantes Versagen. Die eifrigsten Befürworter der Regierungschaotik finden sich in der bürgerlichen Mittelschicht – Beamte, Lehrer, Verwaltungsangestellte, die nun im Home-office kaum von den Maßnahmen betroffen sind, wärhren die Systemrelavanten – Arbeiter, Kassierer, Lastwagenfahrer, Amazon-Beschäftigte, Pizzaausfahrer etc.sie mit den Waren versorgen, und sich somit der Pandemie aussetzen müssen – auch dies ein Aspekt: warum die Verbreitung der Krankheit (wenn auch meist leicht bis asymptomatisch) in der „Unterschicht“ deutlich stärker ist als in der Mittel- und Oberschicht.
      Wer wissen will, wie die Entwicklung der Todeszahlen etc ohne Lockdown, Maske, mit Schule und normalem Leben im Verhältnis zu Deutschland ist, möge sich die Daten von Schweden Florida, Texas, South-Dakota etc ansehen – er wird überrascht feststellen, dass es kaum Unterschiede gibt.
      Wenn die Kritiker aus der Wissenschaft, wohlgemerkt, Recht haben, opfern Merkel und Co. Wohlstand, Freiheit, Lebensfreude und nicht zuletzt das Leben der vielen still verscheidenden Alten einer Chimäre, resistent gegenüber anderen Sichtweisen, gegen Evidenz, gegen Vernunft, gegendie Menschlichkeit selbst.

  6. A. Kerr schreibt:

    I

    Welch ein Theater! Wie habe ich die Bretter, die die Welt bedeuten, doch vermisst.

    II

    Denn selbst wenn es nur die Bretter sind, die der Mime ohne Engagement sich in digitaler Heimarbeit vor den Kopf nagelt, so bedeuten sie doch die Welt. Mir.

    III

    Was ich allerdings nicht verstehe – als ewiger Zu-Schauer, als gelegentlicher Bühnen-Bildner, als ambitionierter Autor, als stummer Regisseur, als dekonstruktivistischer Theaterkritiker – ist, dass die Damen- und Herrschaften so schnell aus der Rolle fallen. Noch vor dem Ende des ersten Aufzugs.

    IV

    Seinerzeit haben wir unser absurdes Theater knallhart durchgezogen. Ohne die Saalbeleuchtung anzumachen und uns erklärend und händeringend auf die Meta-Ebene abzuseilen. Auch wenn die Tomaten flogen, und ungeachtet aller Buhrufe. Ja, selbst der reihenweise Auszug des Publikums hat uns eher noch bestärkt. Jedenfalls wären wir nie darauf gekommen aus der Rolle zu fallen. Es sei denn, um einen gezielten Verfremdungseffekt zu setzen.

    V

    Das hier ist aber nichts als befremdlich.

  7. lusrumichaela schreibt:

    Ja, ein wenig weiss ich, wovon die Rede ist, wenn Gerd Buurmann sich zu Methoden der leidigen DDR-Administration hingeschubst fühlt, wo die „Kunst des Diffamierens“ sogar zum allgemeinen Gesellschaftssport getrieben wurde.
    Eigentlich dachte man, die „Ossis“ hätten genau dieses mit dem Mauerfall vom deutschen Volk abgestreift, dauerhaft, nun geht es schon wieder los, in ganz Deutschland, offebar mangels ausreichender politischen Bildung, da anders nicht erklärbar.

    Hm, Buurmann, fast schäme ich mich dafür, dir schon wieder die Fähigkeit nach zu sagen, dass deine Texte in excellentem Masse von realistischer Lebensbeobachtung, -Beschreibung und -Bewertung im Einklang mit unerschütterlicher feinsinniger Freiheitsliebe und höchster Toleranz gegen kritisierte Andersdenkende erfüllt sind , angesichts des zerfransenden Zustandes unseres gesellschaftlichen Seins mehr als je benötigt werden.

    Ja, die sich ewig notorisch überkorrekt als „die (alleinig) Guten“ anmalenden aber dabei leider krankhaft vollständigkeits- und obrigkeitsaffin ihre eigene Intoleranz immer offener und deutlicher als nur noch totalitäre Denkweise in die Medien, in die Gesellschaft und so in unser gesellschaftliches Leben bohren, tragen die wahre Verantwortung für Spaltung der Gesellschaft in Abnicker und „Feinde der Gesellschaft“. Sie schaffen den Boden der Ignoranz, auf dem schliesslich zwingend als einzig noch sinnvoll erscheinende Gegenbewegung aller diverser Andersdenkendern entstehen müssen: Von Kritikern zu scheinbaren, echten und auch zu nur so beschrieenen und gebashten Verweigerern und „Feinden“ .

    Wie stets bei all solchen Anlässen wie #allesdichtmachen bestätigen (besser: entlarven) diese Art von sich so selbst erhöhenden „Guten“ unserer Gesellschaft durch ihre fehlende Gesamtsicht, kunstfremde, kunstfeindliche, aus Prinzip kritikabwürgende und daher völlig lebensuntaugliche mainstreamsucht in der Regel immer selber – hier allen voran sogar der Vorsitzende der Schauspielergewerkschaft selber – für wen hält der sich, angesichts der Honorigkeit derer, die endlich den Mund aufmachen, um uns und die fremdelnden Politiker zurück zu drängen in ganzheitsgewogene Massnahmen statt „fachidiotisch“ und meisst auch noch ideologisch begrenzte Eingriffe in die gesamte Lebensweise der Gesellschaft zur „alternativlosen“ Politik zu erklären.
    Was ist eigentlich mit der Grippe passiert? Seit Corona gibt es sie offensichtlich nicht mehr, diese einst „todbringende“ Krankheit, oder kennt jemand einen Mitbürger, der in 2020 und 2021 daran erkrankte oder gar starb?
    Was sagt uns das?
    Nachdenken angesagt?
    Geht nicht, das vereinte Gutmenschtum in Form von inhaltlich oft belanglosem Mainstream hat sich aufgerüstet und verbeisst sich in alles, was den einfachen Denkstrukturen scheinbar böse erscheint, widerspricht – kein Wunder, dass das nach 16 Jahren amtierter Merkelei zum Standard wurde und so AfD und Queer regelrecht „produzierte“, die in grosser Mehrheit am Anfang nur gegen den totalitaristischen Anspruch und Demokratieschaden der Einheitsdenkerei protestierten.
    Besonders ideologisierte „Fachleute“ möchten gern mit allerhand theroretischen Kunstgriffen „den Rechtsextremismus“ und „Die Rechtspopulisten“ zu den Verursachern von gesellschaftsabweisenden Abspaltungen machen, nicht begreifend, dass auch deren Werden und Existieren eine Ursache ausserhalb eigener Tautologie haben muss …

    Auch hier, bei den 50 Künstlern von heute, ein Beweis der Falschheit:
    Man kritisiert nicht die Kritiken sondern stempelt dem ideologisch folgend deren Personen der plumpen und naiven Einfachheit halber als Rechtspopulisten, Nazis und Rechtradikale ab oder rückt sie in deren unmittelbare Nähe, um die Person zu diffamieren und so deren Meinung zu beschmutzen um so deren Sichtweise wertlos und gefährlich scheinen zu lassen, eben wie heutiger Standard, wohl auch in der Schauspielergewerkschaftsführung … – ?

    uum mit @Nebelkammer zu sprechen:
    „Wer frei sein will, muss leben und wer leben will, muss frei sein.
    Jedenfalls wußte schon Lessing, dass der Kritiker nicht besser können muss, was er kritisiert.
    Diffamierung ist destruktiv. “
    Und das gilt auch und gerade für die, die nicht begriffen, was Tukur, Liefers und viele viele weitere Künstler anstossen wollen:
    DIFFAMIERUNG ist destruktiv und Werkzeug totalitärer Ordnungsanhänger, auch z.B. eines Thomas Laschyk, der in völliger politischer Naivität den Beifall von Querdenkern benutzt, um gelungene Satire durch einfältige „Randdiffamierung“ mundtot bashen will.
    Totalitärer Ordnungsanhänger, Queerdenker, die es inzwischen nicht nur auf „rechter“ oder „linker“ Seite und nicht nur „an den Rändern der Gesellschaft“ sondern in dieser mitten drin als „lechte“ und „rinke“ viel zu viel gibt ausgestattet mit unsagbarem Vollständigkeitsdenken, eben Totalitarismen, und das ist nicht gut.

    Heute habe ich Antikörper gegen Corona, ich weiss, wovon ich (auch: nicht) rede hier.

    Buurmann, genau das kannst hervorragend benennen, du wirst gebraucht, die Denk-Hygiene kann auf dich nicht verzichten

  8. nebelkammer schreibt:

    Irre ich mich, oder klingt in dem Text Heinrich Heine an? 🙂
    „Lieber tot als unfrei sein!“, das kenne ich aus der Zeit des kalten Kriegs. „Lieber tot als rot“, hieß das damals. Keine gute Parole, so oder so.
    Ich denke: es lässt sich nicht trennen. Wer frei sein will, muss leben und wer leben will, muss frei sein.
    Jedenfalls wußte schon Lessing, dass der Kritiker nicht besser können muss, was er kritisiert.
    Diffamierung ist destruktiv. Die Frage, wer recht hat und wer nicht, entscheidet sich weder an der Person, die spricht, noch an der Person, die applaudiert, sondern an der Wahrheit.
    Und wer entscheidet, was wahr ist?
    Niemand.
    Der Wahrheit nähern wir uns gemeinsam auf dem Pfad des Diskurses und dazu ist es nötig, dass jeder seine Position vertritt, mit allen Argumenten, die er hat. Ehrlichkeit schlägt Zensur.
    Ich vertrete die Position der Maßnahmen-Befürworter UND ich respektiere die Position der Maßnahmen-Kritiker, angreifbar sind in meinen Augen lediglich die Maßnahmen-Brecher und schlechte oder fehlende oder emotionalisierte Argumente.
    In der Krise zeigt sich, was eine Gesellschaft wert ist.
    Als in meiner Jugend der ÖPNV streikte, hielten die Autos reihenweise an den Haltestellen, um Mitfahrgelegenheiten anzubieten. Nicht lange fackeln, helfen!
    Und heute? Müssen wir tatsächlich auf die Regierung warten, um legale Wege zu finden, einander beizustehen? Sind die Bürgertugenden derart erodiert?
    LG Michael

Sämtliche Kommentare sind nur ein paar Tage sichtbar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s