Der Künstler hat das Wort

Bei der Art.Fair in Köln war im Oktober 2016 folgendes Werk zu sehen:

Es ist bei diesem Werk nur eine Frage der Perspektive, ob man Hakenkreuz oder Davidstern sieht. Die Art.Fair fand in den Kölner Messehallen statt, dort, wo Adolf Hitler am 19. Februar 1933 auf einer Wahlkundgebung der NSDAP sprach, wo vom 22. bis 30. April 1933 die nationalsozialistische „Deutsche Woche“ unter dem Titel „Denk deutsch – kauf deutsch“ stattfand, wo nationalsozialistische Messen stattfanden, die die Vorstellungen der Nationalsozialisten von einer „gesunden Rasse“ spiegelten, wo Kriegsgefangene eingesperrt wurden, Zwangsversteigerungen von jüdischem Eigentum vorgenommen wurden und wo ein Zwischenlager für Juden, Sinti und Roma aufgebaut wurde, die von der Messe Köln aus dann nach Polen zur Vernichtung deportiert wurden.​

​Nach einer Stellungnahme der Galerie Kir Royal hat jetzt auch der Künstler Juraj Kralik ein Statement zu seinem Werk „Le Quattro Stagione-Stolen Geometrie III“ auf Facebook verfasst. Tapfer im Nirgendwo präsentiert das Statement:

Ich bin keine ideologische, theologische oder politische Person. Ich bin ein Künstler. Vor allem aber bin ich ein Mensch. Seit einem halben Jahrhundert erlebe und erfahre ich die enormen Veränderungen, die die menschliche Gesellschaft im 20. und 21. Jahrhundert geprägt hat, viele von ihnen aus erster Hand und vielleicht auch einzigartig für einen Bürger eines ehemaligen kommunistischen Landes. Es hat mich als Künstler immer erstaunt, zu sehen, wie es Ideologien im Laufe der Geschichte häufig gelungen ist, uralte Symbole, visuell und geometrisch dargestellt, zu missbrauchen und sie für ihre religiösen und politischen Ziele zu vereinnahmen.

Diese Faszination mit Symbolen und den reinen Formen ihrer visuellen Darstellung führte mich dazu, im Jahr 2014 eine Reihe von Werken namens „Le Quattro Stagione – Stolen Geometry“ zu konzipieren. Acht Symbole, vier Installationen, vier historische Konfrontationen, visuell dargestellt durch grafisch klar und stark kontrastierenden Bildern, spiegeln einen Antagonismus wider, der als ein Zusammenstoß zwischen Gut und Böse wahrgenommen werden kann.

Solch eine Gegenüberstellung von Symbolen kann überwältigend und sogar schockierend sein und die stärksten und heftigsten Emotionen erzeugen – Hass, Furcht, Revolte, usw. Kommunistische Gulags, Hungersnöte, die Endlösung, radikale Gräueltaten des Islams, das sind nur einige Taten, die im Namen von Ideologie, Religion und Glauben begangen wurden. Sind wir überhaupt fähig, in Frieden und Harmonie zu leben …?

Ein weiterer Impuls, diese Serie von Werken zu schaffen, war die Klage eines alten Mannes, der den Finger auf die junge Generation zeigt. Diejenigen, die digital durch soziale Medien kommunizieren und die Werte der Konsumgesellschaft umarmen, die ihnen aufgezwängt werden, die sich ihrer Vergangenheit nicht bewusst sind, unfähig, daraus zu lernen und daher blind sind dafür, was die Zukunft bringen kann.

Die „Le Quattro Stagione – Stolen Geometry“-Installation, die die Symbole Davidstern und Nazi-Hakenkreuz zeigt und auf der Art.Fair in Köln im letzten Monat präsentiert wurde, ist Teil dieser Serie von Werken. Dieses Werk strebt nicht an, wie es ebenfalls nicht beim Rest der Serie der Fall ist, eine individuelle, isolierte Ideologie, Religion oder einen Glauben zu kommentieren. Es wird jedoch angestrebt, das Memento des Künstlers an diesem Konflikt zu zeigen, der zu 60 Millionen Opfern führte, sei es auf dem Schlachtfeld, in Konzentrationslagern, während der Flucht aus der Kriegszone oder im Versteck des eigenen Kellers.

Meine Emotionen waren am stärksten bei der Erstellung dieses Werkes und ich erinnere mich, wie meine Hände oft erzitterten, wenn ich an die Leiden und Gräueltaten denken musste. Eine zweite Installation zeigt den Zusammenstoß des Kommunismus und des orthodoxen Christentums. Hammer und Sichel, Symbole und Werkzeuge der kommunistischen Ideologie, ließen Millionen von Toten durch Hunger oder in Zwangsarbeitslagern in der so genannten Sowjetunion zurück. Und ihre Antithese, das Kreuz der orthodoxen Kirche. Die dritte Installation stellt die Symbole von Chistentum und Islam gegenüber, das christlichen Kreuz und den Stern und Halbmond des Islams. Wir sind Zeugen des schmerzlichen und eskalierenden Zusammenprallens auf einer täglichen und häufig persönlichen Basis.

Die Reihe wird mit der Gegenüberstellung von Symbolen vervollständigt, die sich nicht gegenseitig antagonisieren, aber alle übrigen Symbole in der Reihe: Das Yin- und Yang-Konzept der Verbundenheit und Dualität der gegnerischen Kräfte und das pazifistische Konzept der Gewaltlosigkeit gegen Militarismus und Krieg.

Die „Make Love Not War“-Generation von heute mag darin ihren Protest aus den High-Definition-Bildschirmen ihrer Breitbild-Fernseher erkennen. Ich fürchte jedoch, dass die Symbole der letzten drei Kunstwerke ihre Bedeutung für diese Generation verloren haben. Der Kreis ist abgeschlossen und es folgt ein neuer Zyklus mit wechselnden Jahreszeiten. Politische Bewegungen und Ideologien kommen und gehen, fast wie die Jahreszeiten. Nicht selten hinterlassen sie verbrannte Erde als eine Erinnerung der Konflikte. Wie viele Trojanische Pferde haben wir in unseren eigenen Hof gebracht, ohne die Gefahr zu sehen …?

***

Was für ein Statement!

Ich kann dazu nur sagen, Nein! Der jüdische Davidstern und das Nazi-Hakenkreuz symbolisieren nicht einfach nur Ideologien. Das Eine ist nicht eine Ideologie so wie das Andere. Judentum ist nicht Nationalsozialismus. Israel ist nicht Nazi-Deutschland.

Es gibt deutliche und vor allem qualitative Unterschiede zwischen dem Davidstern der Juden und dem Hakenkreuz der Nazis. Außerdem lagen die beiden Symbole auch nicht im Konflikt miteinander! Es war vielmehr die Absicht der Menschen, die sich hinter dem Hakenkreuz zusammenrotteten, alle Menschen hinter dem Stern zu vernichten und zwar ausnahmslos alle Menschen, alle Männer, alle Frauen, alle Kinder, alle Säuglinge.

Der Holocaust war kein Konflikt zwischen Nazis und Juden! Der Holocaust war der Versuch der Vernichtung des jüdischen Volkes durch die Nazis. Das war kein Konflikt. Das war Massenmord!

Zu behaupten, dieser „Konflikt“ zwischen Juden und Nazis hätte zu den Opfern des Zweiten Weltkriegs geführt, ja, sogar zu den Opfern auf den Schlachtfeldern Europas, ganz so, als seien die Juden mitverantwortliche Konfliktparteien an der Barbarei des Holocausts gewesen, ist eine geradezu groteske, wenn nicht sogar menschenverachtende Relativierung des Holocausts.

Vielleicht sollten Künstler ihre eigenen Kunstwerke besser nicht interpretieren, denn diese Interpretation lässt meine Hand erzittern. Vielleicht ging aber auch etwas wesentliches in der Übersetzung verloren, daher hier noch mal das Statement in der englischen Sprache:

STATEMENT LE QUATTRO STAGIONE – STOLEN GEOMETRY by Juraj KRALIK, author of artwork Le Quattro Stagione-Stolen Geometry III presented at the ART COLOGNE 2016 art fair.

I am not an ideological, a theological or a political person. I am an artist. And above all I am a human being. For half a century I have been perceiving and experiencing the enormous changes human society has undergone in 20th and 21st centuries, many of them first-hand and some perhaps unique for a citizen of a former communist country. I have always felt astonished as an artist to see how throughout history ideologies have managed to hijack ancient symbols frequently represented visually/geometrically, abusing them for religious and political objectives. This fascination with symbols and the pure shapes of their visual representation led me to conceive, in 2014, a series of artworks named Le Quattro Stagione –Stolen Geometry.

Eight symbols – four installations – four historical confrontations visually represented through graphically clear and strongly contrasting images reflecting antagonism that may be perceived as a clash between good and evil. Such a juxtaposition of symbols could be overwhelming, even shocking, generating the strongest and most violent of emotions – hatred, fear, revolt etc. Communist gulags and famines, the Final Solution, Radical Islam atrocities to name but a few in the name of ideology, religion and faith. Are we capable of living in peace and harmony…? Another impulse to create this series of works was an old man’s lament pointing the finger at the young generation. The ones communicating digitally through social media, embracing the consumerist values imposed on them, oblivious to (their) past, unable to learn from it and therefore blind as to what the future might bring.

Le Quattro Stagione – Stolen Geometry I installation, which juxtaposes symbols of David’s Star and the Nazi swastika presented at Art Cologne last month is part of this series of works. This canvas, as is the case with the rest of the series, does not aspire to comment on an individual/isolated ideology, religion or faith. It does however aspire to be this artist’s memento of their clash resulting in 60 million casualties, be it on the battlefield, in the concentration camp, while escaping the war zone or perhaps hiding in one’s own cellar. My emotions were the strongest while creating this piece and I recall my hands shaking on many occasions thinking of the suffering and atrocities caused.

The second installation represents the clash of Communism and Orthodox Christianity. Hammer and sickle – symbols and tools of communist ideology left millions of dead through starvation or in forced labour camps throughout what was known as the Soviet Union. And its antithesis – the cross of the Orthodox Church. The third installation juxtaposes the symbols of Chistianity and Islam – the Christian Cross and Islam’s Star and Crescent. We are witnesses to this painful and escalating clash on a daily and frequently personal basis.

The series is completed with the juxtaposition of symbols antagonizing not each other, but all the remaining symbols in the series: the Yin and yang concept of interconnectedness and duality of opposing forces and the Pacifism concept of non-violence opposing militarism and war.

The Make Love Not War generation of today may be familiar with the subject of their protest from the high definition screens of their wide screen TV sets. I am afraid that the symbols of the previous 3 installations may have lost their significance for this generation. The circle has been completed and a new cycle follows with changing seasons. Political movements, ideologies do come and go, almost like the seasons, not infrequently leaving behind scorched land as a reminder of conflicts. How many Trojan horses have we brought into our own yard without seeing the danger coming…?

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10 Antworten zu Der Künstler hat das Wort

  1. scipio schreibt:

    Verwahrlosung par ex­cel­lence

  2. J. Pomer schreibt:

    Ich kann den Künstler verstehen: Wie kann er sonst „die Sau rauslassen“ und bisschen Bekanntheit erlangen, ohne unter Polizeischutz gestellt werden zu müssen und sich jahrelang zu verstecken? Weil: andere Symbole zum nachdenken gäbe es genug…

    • Kanalratte schreibt:

      Das Problem ist, daß diese anderen Symbole Erstens zu gefährlich für den Künstler sind und zweitens auch nicht lange hängen würden. Gerade in Köln würde ein auch nur ansatzweise islamverunglimpfendes Bild keine Stunde in einer Galerie hängen, da bin ich ziemlich sicher.

    • M.S. schreibt:

      @J.Pomer: Wie in obigem Text zu lesen ist, hat er sich auch anderer Symbole zum Nachdenken angenommen: „“Acht Symbole, vier Installationen, vier historische Konfrontationen“…“Eine zweite Installation zeigt den Zusammenstoß des Kommunismus und des orthodoxen Christentums. Hammer und Sichel, Symbole und Werkzeuge der kommunistischen Ideologie, ließen Millionen von Toten durch Hunger oder in Zwangsarbeitslagern in der so genannten Sowjetunion zurück. Und ihre Antithese, das Kreuz der orthodoxen Kirche. Die dritte Installation stellt die Symbole von Chistentum und Islam gegenüber, das christlichen Kreuz und den Stern und Halbmond des Islams“.

  3. Johannes Hoffmann schreibt:

    Es ist das gute Recht eines jeden Deppen, sich einen Künstler zu nennen. Wenn solch ein Künstler in Wirklichkeit nur ein Depp ist, dann muß er sich auch so nennen lassen.

  4. Alreech schreibt:

    NaJa, es dient ja einem guten Zweck, der Belehrung der jüngeren Generation:
    „Diejenigen, die digital durch soziale Medien kommunizieren und die Werte der Konsumgesellschaft umarmen, die ihnen aufgezwängt werden, die sich ihrer Vergangenheit nicht bewusst sind, unfähig, daraus zu lernen und daher blind sind dafür, was die Zukunft bringen kann.“

    Schrecklich diese Konsumgesellschaft² die einem aufgezwungen wird.
    Schlimm diese jüngere Genration die nur noch digital durch soziale Medien kommuniziert.
    Diese dummen jungen Leuten die sich ihrer Vergangenheit nicht bewusst sind…
    Ausserdem opfern sie den olympischen Göttern nicht mehr und reden ungefragt in Gegenwart der Senioren, wie schon die alten Griechen festgestellt haben…

    Eventuell stellt das Kunstwerk ja auch die gute alte Zeit (Hakenkreuz) da in der die jungen Leute noch analog in asozialen Medien (völkischer Beobachter) kommuniziert haben, ihren Konsum genau unter Kontrolle hatten (nicht bei Juden kaufen) und ihrer Vergangenheit und Zukunft völlig sicher (Rassenkunde und Mein Kampf) gewesen sind.
    Da kann man den Davidsstern durchaus als Antithese sehen 😉

    ²komischerweise ist in der aufgezwängten Konsumgesellschaft die plakative Verweigerung des Konsums extrem verbreitet.
    Die meisten machen allerdings aus ihrem Konsumverhalten – selbst wenn es sich nach ethischen Massstäben ausrichtet – kein großes Theater.

  5. skl schreibt:

    Diese Erklärung ist so durchdacht und reflektiert wie ein Bild von Jackson Pollock.

  6. Markus Leuthel schreibt:

    Ich hatte befürchtet, daß K. sich so – und zwar genau so – äußern würde.
    Er redet sich schlicht und einfach heraus, und immunisiert sich ggü. jeglicher Kritik.

  7. Ulf Renner schreibt:

    Die Stellugnahme des Künstlers ist einfach nur gequirlte Kacke. Es richtet sich selbst – wie so oft, wenn Pseudokunst interpretiert wird. Was darüber hinaus zu sagen ist, haben Gerd Buurmann und die Leser dieses Blogs hinreichend festgestellt. Es bedarf keiner Ergänzung. Man sollte nicht jeden Shit durch zu viel Aufmerksamkeit auch noch aufwerten.

  8. Hessenhenker schreibt:

    Hmmmm.
    Auch Parteien machen Kunstausstellungen.
    So steht zum Beispiel im Foyer der SPD-Zentrale in Berlin das „SwampThing“.
    Einige interpretieren, der Künstler habe damit Willy Brandt darstellen wollen.
    Ob ich der SPD mal anbiete, mein Kunstwerk „Bunt statt Braun“ zu kaufen?
    Es zeigt mein ausgebranntes Haus auf Büchern mit herausgerissenen Seiten, deren ausgelegte Hakenkreuzform für die Brandstiftergesinnung steht.
    Oder ist das etwa Nazi, wenn Opfer die Taten ihrer Täter durch künstlerische Darstellung diffamieren?

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