Das Gastarbeiterkind möchte was los werden!

Ein Kommentar vor Dinçer Güçyeter

Huhu, bitte zwei Minuten Aufmerksamkeit:

Seit Monaten lesen wir in allen Medien die peinlich, akrobatischen Sprüche von Erdogan und von den Demonstrationen seiner Anhänger in Deutschland. Wir, die immer für ein besseres Leben geschuftet haben, wir müssen uns fremdschämen. Das erwartet man von uns. Aber mit welchem Recht?

1961 kamen die ersten “mobilen Arbeitsreserven“. Sie wurden in die Vorstädte gesteckt, sollten die Schwerstarbeit verrichten und so schnell wie möglich das Land verlassen. Aber es waren “Menschen“, die kamen. Und sie blieben. Ja, die Säulen des Wirtschaftswunders sind tatsächlich geblieben. Die Fließbände bei Mercedes und Krupp wurden immer schneller. Akkord, Akkord! Am besten zwölf Stunden am Tag. Kein Wochenende. Der Hunger der Industrie und Bergwerke wurde immer grösser.

Nach 38 Jahren in einer Automobilfabrik durfte meine Mutter mit vier Prothesen und mit einem tauben Ohr in Rente. Die Rentenkasse wollte nicht mehr als 900 Euro zahlen. Der Chef hat ihr damals einen Strauss in die Hand gedrückt und hat sich für die jahrelang „friedliche Zusammenarbeit“ bedankt. Mutter war an dem Tag richtig stolz. Oft hörte ich von ihr, wie dankbar sie dieser Firma war. Warum, fragte ich sie immer wieder. „Du kennst die Armut nicht,“ war ihre Antwort. „Meine Kinder mussten nicht die Krümeln zählen wie ich in meiner Kindheit.“

Was sie in all den Jahren sehr bedrückt hat, war die Haltlosigkeit. Sie war nirgendwo Zuhause. Das hat man ihr so eingeredet. In Deutschland ist sie bis heute eine Migrantin und in der Türkei ist sie die Deutschländerin. Aber sie hat es geschafft. Mit ihrem gesparten Geld hat sie für ihre Kinder ein Haus aus dem Jahr 1890 gekauft. Manchmal nervt mich dieses Haus. Verstopfte Rohren. Feuchter Keller. Undsoweiter. Wenn ich jedoch mit dem Klagelied beginne, hat sie eine Antwort parat:

„Wenn du heute noch an der Drehbank wärst, hättest du dir was besseres kaufen können. Aber du wolltest ja Künstler werden. Ich wollte nicht, dass meine Enkelkinder unter der Brücke enden.“

Heute, im Jahr 2017, fragt man uns Deutschtürken vorwurfsvoll – und das letzte Wort möchte ich unterstreichen – was wir über die Politik von Erdogan denken. Tja, was sollen wir schon denken? Nicht wir müssen unsere Beziehung zu Erdogan erklären! Frau Merkel macht doch immer wieder auf goldenen Bänken Kaffeeklatsch mit ihm. Auch die deutsche Waffenindustrie investiert Milliarden in die Türkei. Wir sollen uns erklären? Mutter sagte letztens:

„Jahrelang haben wir für eine bessere Zukunft geschuftet und jetzt werden unsere Kinder wegen diesem Biest unter die Lupe genommen!“

Ich, das Gastarbeiterkind, habe eine Heimat; diese nennt sich Köln, wenn ich dort im Proberaum arbeite und Nettetal, wo ich an meinem Schreibtisch sitze oder mit meinen Kindern auf dem Trampolin hüpfe. Was anderes hab ich nicht!

Dieser Verdacht, jeder Türke sei ein Erdogan-Anhänger, verbreitet sich ganz schön geschmeidig. Mit welchem Recht? Ich hab genug urdeutsche Freunde, Nachbarn, Kollegen. Sie sind für mich auch keine Menschen, die sich erstmal rechtfertigen müssen, keine Nazis zu sein. Sie sind meine Freunde, Kollegen, Nachbarn, einfach Menschen, mit denen ich gerne Zeit verbringe.

Ich könnte mich hier totschreiben, aber das müsste genügen! Ich backe gleich mit meiner Tochter den Apfelkuchen nach altdeutschem Rezept, dazu den türkischen Tee, aber ohne Rosinen und Zimt. Alles nach eigener Schnauze.

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