Die Filmemacher haben das Wort

Eine Stellungnahme von Joachim Schroeder, der mit Sophie Hafner die Dokumentation „Auserwählt und Ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ gemacht hat.

Der von Arte in Auftrag gegebene Film wurde in voller Übereinstimmung der vertraglichen Vorgaben erstellt und von der zuständigen Redakteurin abgenommen. Wir haben für unserem Film folgende Antisemitismusdefinition von Prof. Monika Schwarz-Friesel von der Bundeszentrale für politische Bildung zu Grunde gelegt:

„Der Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Antisemitismus bedeutet in Kurzform jedwede Sonderbehandlung von Juden, weil sie Juden sind. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein. Es zeigt sich die Tendenz, aktuellen Antisemitismus in seiner besonders häufigen Manifestationsvariante des Anti-Israelismus zu leugnen, zu bagatellisieren oder semantisch als „legitime Kritik“ umzudeuten.“

León Poliakov sagte einst:

„Israel ist der Jude unter den Staaten! Es spielt daher keine Rolle was er tut oder nicht, das Problem ist, dass er existiert. Es handelt sich dabei um die Kollektivierung eines Ressentiments. Dies führt zu Argumentationsmustern, die rhetorisch und syntaktisch identisch sind:

‚Juden sind das größte Übel der Menschheit und bedrohen den Weltfrieden!‘
‚Israel ist der schlimmste Verbrecherstaat und bedroht den Weltfrieden!‘

Der einzige Unterschied liegt in der Wortwahl: Rechte und rechtsradikale Sprecher referieren explizit auf Juden, linke und in der Mitte anzusiedelnde Personen benutzen die Wörter Zionisten, Israel und Israelis.“

Deswegen mussten wir für diesen Film in den Nahen Osten reisen, um Antworten auf in Europa vorzufindende antisemitische Ressentiments zu finden.

Gelegentlich wird bei unserem Film von handwerklichen Fehlern gesprochen. Das ist falsch. Die gestern geleakte Version war scheinbar die Arte-Fassung ohne Untertitel, denn diese werden zweisprachig von Arte eingeblendet. Wenn Arte oder der WDR oder die ARD den Film senden, dann werden alle Untertitel vorhanden sein.

Zum Vorwurf des Spiegel, „ausnahmslos alle Araber grinsen provokante Fragen orientalisch weg oder geben unkommentiert entsetzlichen (eben: antisemitischen) Quark von sich“, sei gesagt: Das stimmt nicht. Die sich antisemitisch äußernden Personen im Film sind bis auf eine Ausnahme – Fuad Afane, der sich völkisch auf einer Berliner Demo äussert – Deutsche, Franzosen und Schweizer. Der Kollege wirft uns zudem philosemitischen Elan vor. Das ist seine Übersetzung dafür, dass wir als Autoren eine Haltung haben. Er befindet sich damit in guter Tradition. Bereits Heinrich von Treitschke argumentierte gegenüber seinen nicht-jüdischen Gegnern mit der Formulierung: „philosemitischer Eifer!“

Unser Offtext sagt, die Dichte an NGOs wird als überproportional angesehen – in Israel und den palästinensischen Gebieten. Das ist Fakt. Beim Blick in andere Krisengebiete dieser Erde sind nachweislich wesentlich weniger NGOs vor Ort. In unserem Film sagt Edelgard Meyer zu Uptrup von EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel) uns direkt in die Kamera ihren Holocaustvergleich:

„Ja, das ist eine ganz große Belastung, sich zu sagen, eigentlich tun die was Ähnliches, was ihnen selbst widerfahren ist, durch dieses Hineinsteigern in die Opferpsyche.“

Dieser Holocaustvergleich ist ein gängiges antisemitisches Stereotyp, das nach einer Studie des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, die im Bundestag 2017 vorgestellt wurde, von immerhin 24% der Bundesbürger geteilt wird. 40% der Bundesbürger sind der Meinung, dass sie verstünden, dass man etwas gegen Juden hat, angesichts der israelischen Politik. Die Aussagen von EAPPI sind ungeschnitten.

Last but not least: Als Dokumentarfilmer haben wir eine eigene Meinung. Dies ist kein Tagesschau-Nachrichtenbeitrag, der Objektivität vorgaukeln soll und dabei häufig in die Kritik gerät, siehe zuletzt zum Beispiel der Beitrag über Wasserversorgung in Gaza.

Arte und WDR verweigern unter fadenscheinigen Gründen die Ausstrahlung unseres Filmes. Sie beanstanden nicht das Handwerk, sondern die erschreckenden Ergebnisse unserer Dokumentation. Das Vorhalten unseres Filmes stellt einen krassen Verstoß gegen das Recht auf informative Selbstbestimmung der Steuerzahler und Zuschauer dar. Wir fordern Arte und WDR auf, unverzüglich für die Sendung unseres Filmes Sorge zu tragen.

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