Ich ahne schlimmes

Ich kann nur aus meinen Erfahrungen als freier Theaterleiter sprechen: Ich ahne schlimmes.

Mit den Auflagen, die gerade diskutiert werden, macht ein kleines freies Theater mehr Verlust, wenn es öffnet, als wenn es geschlossen bleibt.

Die Bundesliga kann Geisterspiele veranstalten, die Infrastruktur dafür ist gegeben. Fernsehshows können ohne Publikum realisiert werden, denn das eigentliche Publikum sitzt vor der Mattscheibe. Subventionierte Theater können durch die Unterstützung von Kommunen und Länder mit diesen Auflagen unter schweren Umständen einigermaßen den Spielbetrieb wieder aufnehmen.

Freie Theater jedoch werden durch diese Auflagen zerstört.

Ich spüre in der Politik eine geradezu schmerzhafte Ignoranz gegenüber freien Theatern und eine krasse Missachtung all jener Theaterleiterinnen und Theaterleiter, die sich unabhängig und selbstständig finanziert haben. Die momentane Situation ist für alle schwer, aber als freier Theatermensch erlebt man diese Krisensituation besonders hilflos und allein gelassen.

Einige Jahre lang leitete ich in Köln das Severins-Burg-Theater vollkommen ohne Subventionen. Ich musste dennoch mit den Eintrittspreisen der überwiegend subventionierten Theater konkurrieren und Wege finden, meine Künstlerinnen und Künstler zu bezahlen. Es ging nicht immer reibungslos, aber es gelang mir größtenteils.

Dieser Erfolg wäre mir verwehrt geblieben, hätte ich über längere Zeit maximal eine Auslastung von dreißig bis vierzig Prozent in meinem Theater haben dürfen, vor allem, wenn ich auch noch extra Kosten gehabt hätte, um Ordner und Sicherheitspersonal zu stellen, während mir im gastronomischen Bereich an der Bar ein Großteil der Einnahmen weggebrochen wäre.

Ein Theater finanziert sich nicht nur über Eintrittsgelder, sondern auch darüber, dass die Menschen das Theater als Ort des Schauens erleben, eng aneinander sowohl im Zuschauerraum als auch an der Bar, wo besonders in den Pausen und nach der Aufführung ordentlich Umsatz gemacht wird.

Die momentanen Auflagen werden die freie Theaterszene eher zerstören, als dass ihr damit geholfen wird. Selbst bei vollkommener Auslastung des durch die Auflagen Erlaubten würde ein kleines Theater an dem Abend Verluste machen.

Ich mag es kaum schreiben, aber unter diesen Umständen ist es besser, wenn die Theater gar nicht öffnen dürfen, als dass sie so öffnen müssen.

Bei diesen Auflagen fallen nämlich ausgerechnet jene durchs Netz, die bisher erfolgreich und ohne große Subventionen dieses Land mit Kultur bereichert haben.

Ich ahne schlimmes.

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4 Antworten zu Ich ahne schlimmes

  1. Die meisten Theater finanzieren sich über Steuergelder.Fragen sie mal einen Handwerker was er davon hält…

    • yohak schreibt:

      Artikel nicht gelesen?
      Da heißt es ausdrücklich: „Einige Jahre lang leitete ich in Köln das Severins-Burg-Theater vollkommen ohne Subventionen. “
      Es geht hier um die freien Theater, nicht um hochsubventioniertes Staatstheater.

  2. caruso schreibt:

    Es ist wirklich schrecklich. So schaut es aus, wenn die Leitung so kulturlos ist wie in D. (Nicht daß es anderswo viel besser wäre!). Könnte ich helfen, würde ich es gerne tun. Aber ich bin alt und meine finanziellen Mitteln sind sehr begrenzt. Lese ich so etwas, habe ich den Wunsch einen großen Vermögen zu besitzen. Dann… Leider bleibt das ein Traum.
    lg
    caruso
    die urzeitliche Hexe

  3. Benjamin Goldstein schreibt:

    Sie können vielleicht Ihre Auftritte streamen und letztlich mit Crowdfunding finanzieren.

    https://www.patreon.com/
    https://www.subscribestar.com/

    Es ist nicht dasselbe, es kann nicht dasselbe sein, nichts ist dasselbe. Publikumsinteraktion findet dann nur über Live-Chat statt. Vielleicht lässt es sich künstlerisch einbauen. Einfach ist es nicht. Keine Ahnung. Niemand hat im Moment noch Ahnung. Ich tu erst gar nicht so als ob. Alles kann den Bach runtergehen und geht es.

    Es ist denkbar, dass man sich wirtschaftlich besser stellt, wenn man das Theater ganz an den Nagel hängt. Gedanken eines vollkommen Ahnungslosen, nämlich von mir.

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