Fuck le waldsterben!

In Deutschland wird ja gerne mal ein Auge zugedrückt, aber wenn es um den deutschen Wald geht, drehen vielen Deutsche auf. In Deutschland gilt, wer einen Baum fällt, der tötet einen ganzen Wald. Das Waldsterben in eine urdeutsche Angst. In Frankreich gilt die Angst vor dem Waldsterben sogar als so deutsch, dass sich die Franzosen gar nicht erst die Mühe gemacht haben, ein französisches Wort dafür zu kreieren. Waldsterben auf Französisch heißt: le waldsterben. Eine Chronik der Waldsterbenpanik, für die es schon seit Jahrzehnten eine Entwarnung gibt, die allerdings in Deutschland kaum gehört wurde, findet sich hier.

Als in Stuttgart im Zuge von Stuttgart 21 ein paar Bäume gefällt werden sollten, da eskalierte prompt eine Demonstration. Als dann auch noch vermutet wurde, dass der Juchtenkäfer bedroht sei, kam es direkt zu einem Baustopp. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Obwohl das souveräne Volk sich in einer demokratischen Wahl mit klarer Mehrheit für den neuen Bahnhof ausgesprochen hatte, wurde der Wille des Volkes ignoriert und ein Baustopp verordnet. In Deutschland steht der Juchtenkäfer eben über der Demokratie. Naturrecht geht über Vernunftrecht.

Nun kann man, wie ich, sagen, dass ein Käfer, dessen Existenz von einem Bahnhof in Stuttgart abhängig ist, ganz andere Probleme hat und vielleicht aus gutem Grund ausstirbt, aber wer sich mit dem Juchtenkäfer anlegt, der kriegt Probleme. Sogar ich habe einst bei einen Aufritt den Zorn des Juchtenkäfers zu spüren bekommen. Ich habe mich natürlich sofort entschuldigt.

Waldsterben und Juchtenkäfer: Das ist Deutschland!

Sollte man meinen, aber die Realität sieht anders aus. Ganz tief drinnen nämlich ist den Deutschen, die sich in Stuttgart an Bäume gekettet haben, der deutsche Wald egal. Bäume werden nur dann gerettet, wenn es in die Ideologie passt, denn nichts lieben diese Deutsche in Wahrheit mehr als ihre Überzeugung und ihr beinah zerstörerisch gutes Gewissen. Diese Deutsche leben nach dem Prinzip: „Ich möchte morgen noch in den Spiegel schauen können!“ Im Zweifel ist es ihnen egal, wie es draußen aus dem Fenster aussieht – und geht da auch die Welt unter. Ich möchte lieber aus dem Fenster sehen können als in den Spiegel, aber jeder Jeck ist anders.

Schweifen wir nun unserer Blick von Stuttgart nach Frankfurt. In Stuttgart ging es um einen Bahnhof. In Frankfurt geht es um eine Bank. Bei beiden Ereignissen gingen Bäume drauf. Aber nur in einem Fall kam es zu wutbürgerischen Rettungsversuchen. Das Zeltlager der Occupy Bewegung vor der Europäischen Zentralbank zieht zwar seit Wochen Ratten und Ungeziefer an, aber kaum ein Umweltschützer schlägt Alarm. Überall häuft sich der Müll, aber nirgendwo ist ein grüner Politiker zu sehen, der die ordnungsgemäße Mülltrennung anmahnt. Im Gegenteil: Die Anzahl der Grünen-Sympathisanten dürfte bei diesen Umweltverschmutzern sogar besonders hoch sein. Kein Juchtenkäfer kann in dieser von Menschen erschaffenen Situation überleben, aber die Tierschützer, die noch in Stuttgart gebrüllt haben wie die Affen schweigen. Die Stadt hat jetzt sogar einen Baum ausheben müssen, weil zu viele Menschen an seinem Stamm kleine und große Geschäfte verrichtet haben. So schnell kann es also gehen: Gestern haben sie sich noch an Bäume gekettet, aber heute pissen sie die Bäume um. Wenn es um das gute Gewissen und die Ideologie geht, heißt es für diese Typen eben:

Fuck le waldsterben!

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„Seit 2008 wird zurückgeritten!“

Soeben hat Deutschland Gold geholt im Vielseitigkeitsreiten und der Kommentator, Carsten Sostmeier, von der ARD rief dazu in sein Mikrofon: „Seit 2008 wird zurückgeritten!“

Besonders beachtlich ist der Kontext dieses Kommentars. Carsten Sostmeier erinnert an die Aberkennung der deutschen Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen in Griechenland 2004 und spricht aufgeregt:

„Aber dann kamen ja die Franzosen, die Briten, die Amerikaner und am grünen Tisch haben sie uns mit einer fragwürdigen Entscheidung die Goldmedaillen weggerissen. Und das haben sich die Deutschen gemerkt, denn seit 2008 wird zurückgeritten. Wir holen uns Gold zurück. Gnadenlos!“

Mich erinnert dieser Ausrutscher an Katrin Müller-Hohenstein, die einmal in einer Halbzeitpause eines Spiels bei der Fußballweltmeisterschaft von einem „Inneren Reichsparteitag“ sprach.

Jetzt wird also zurückgeritten! Seit 2008 übrigens, vier Jahre nach der Aberkennung der Goldmedaillen in Athen. Damals wurde die Disziplin allerdings noch Military genannt. Da Military aber zu kriegerisch klingt, hat man sich nun auf den wohlklingenderen Namen Vielseitigkeitsreiten geeinigt. Dafür sorgt jetzt aber Carsten Sostmeier für etwas Militär bei den Olympischen Spielen in London.

Vielleicht hätte sich Carsten Sostmeier im Vorfeld lieber noch diese Folge von Fawlty Towers anschauen sollen: „Don’t mention the war!“

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Übergriffe auf alevitische Minderheit in der Türkei

In der Stadt Malatya in Ostanatolien in der Türkei soll es laut Angabe meines Kollegen und Freundes Özgür Cebe zu einem Übergriff auf die alevitische Minderheit gekommen sein. Seine Eltern kommen aus Malatya und sind selber Aleviten. Die Übergriffe scheinen zur Zeit noch anzuhalten.

So wie es aussieht soll eine alevitische Familie von Fundamentalisten attackiert worden sein, weil sie sich dem Fasten zu Ramadan verweigert haben soll. Der Bürgermeister soll den Angriff nicht verurteilt haben. Selbst die Polizei soll nicht versucht haben, dem Mob Einhalt zu gebieten.

Den Unruhen soll ein Streit zwischen zwei Personen vorangegangen sein. (Laut einer Version soll sich der Streit darüber entfacht haben, dass sich Aleviten darüber beschwert haben sollen, von einem traditionellen Trommler früh am Morgen geweckt worden zu sein, um an die Pflicht des Fastens erinnert zu werden.) Seitdem sollen die Aleviten des Ortes Angst haben, auf die Straße gehen zu können, da Aggressoren vor den alevitischen Häusern auf und ab gehen und die Menschen mit den Worten „Wir sind gekommen, um euch die Religion beizubringen“ bedrohen sollen. Auch sollen alevitische Häuser angezündet worden sein. Nicht wenige sollen mit Steinen beworfen worden sein. Die türkischen Behörden sollen zu allem Überfluss den Aleviten den Wegzug vorgeschlagen haben. Rufe wie „Dreckige Aleviten – Dreckige Kurden“ sollen zu hören gewesen sein. Die Unruhen sollen am Samstag angefangen und erst heute ihr Ende gefunden haben. Allerdings soll die sunnitische Seite eine Fortsetzung angekündigt haben.

Özgür Cebe sagt dazu: „Die Fundis glauben ja, im Namen Gottes zu handeln. Aber wenn sie den Qur-an lesen würden, würden sie sehen, dass der Qur-an selbst sagt, dass es keinen Zwang im Glauben geben darf.“ Da ich noch weniger der türkischen Sprache mächtig bin als Özgür, schließe ich mich seiner folgenden Bitte an:

„Da mein Türkisch nicht sehr gut ist, bitte ich um Übersetzungen und Informationen. Bitte das Thema nicht in die Anonymität versenken lassen. Das wollen natürlich alle. Und bitte keine Pauschalisierung der Sunniten. Ich bin sicher, dass ein Großteil der Sunniten das ablehnt.“

Also bitte, wer weiß mehr?

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Ich werde nicht gehen!

Ein Beitrag von Guri Weinberg (aus dem Englischen übersetzt von Tapfer im Nirgendwo).

Vor Kurzem wurden von der deutschen Polizei auf Drängen von deutschen investigativen Journalisten neue Informationen über das Massaker in München während der Olympischen Spiele 1972 herausgegeben. Es wurde bekannt, dass die Terroristen des „Schwarzen September“ von einer deutschen Nazi-Gruppe unterstützt wurden. Sie versorgten die Terroristen mit gefälschten Ausweisen, Waffen und dem Zugang zum Olympischen Dorf.

Die Nachricht war nicht allzu schockierend, war doch der Chef des IOC im Jahr 1972, Avery Brundage, ein Nazi-Sympathisant und Antisemit. Sein Schützling, Juan Samaranch, diente schließlich als zweitlängster Präsident des IOC. Seine Unterstützung für die Nazis und dem spanischen Diktator Francisco Franco war lange ein schmutziges Geheimnis. Die meisten IOC-Mitglieder kannten zwar die Wahrheit, aber sie schwiegen, weil er einen königlichen Lebensstil für sie organisierte. Das Geld dafür leitete er einfach aus dem Sport um.

Eine weitere interessante Tatsache ist, dass Abu Iyad, einer der Mitbegründer der PLO, öffentlich gesagt hat, dass der Grund für die Wahl der Olympischen Spiele 1972 als Bühne für die Geiselnahme durch den „Schwarzen September“ in der Weigerung des IOC zu suchen ist, die Anfrage der PLO zur Aufnahme der palästinensische Delegation bei den Olympischen Spielen zu akzeptieren. Diese Brüskierung des IOC kam zu einem Zeitpunkt, da die Spannungen im Nahen Osten auf einem Siedepunkt war. Obwohl der IOC also wusste, dass die PLO aufgehetzt war, verweigert das IOC der israelischen Regierung einen Antrag auf Sicherheit für die Athleten.

Im Jahr 1996 wurde ich, zusammen mit anderen Waisen des Münchner Massakers und drei von den Witwen zum ersten Mal zu den Olympischen Spielen in Atlanta eingeladen. Vor der Eröffnungsfeier trafen wir uns mit Alex Gilady. Gilady war seit 1984 ein Mitglied der IOC Radio und Fernsehen Kommission und wurde 1996 der Senior Vice President von NBC Sports.

Ich kenne Herrn Gilady, seit ich ein Kind bin. Um genau zu sein, wuchs ich mit seiner Tochter auf. Er hat uns stets unterstützt in unserer Bitte um einen Moment der Stille während der Eröffnungsfeierlichkeiten. Wir kamen daher mit großen Hoffnungen. Gilady teilte uns jedoch mit, dass ein Moment der Stille nicht möglich sei. Wenn das IOC einen Moment der Stille für die israelischen Sportler hielte, müsste es einen solchen Moment auch für die Palästinenser geben, die bei den Olympischen Spielen im Jahr 1972 gestorben waren.

Ich hörte dann, wie eine der Witwen zu Gilady sagte: „Willst du den Mord an meinem Mann mit den Terroristen gleichsetzen, die ihn getötet haben?“

Stille.

Dann brach ein Schrei aus Ilana Romano, der mich bis zum heutigen Tag verfolgt. Sie schrie auf Gilady ein: „Wie kannst du es wagen! Du weißt doch, was sie mit meinem Mann getan haben. Sie haben ihn für Stunden liegen und langsam sterben lassen. Sie haben die Gräuel sogar mit einer Kastration beendet. Sie schoben es ihm in den Mund, Alex!“

Ich schaute auf Giladys Gesicht, wie er da saß, kalt wie ein Stein und ohne Emotion. Dieser Mann kannte diese Athleten persönlich. Dieser Mann führte die Delegation der israelischen Medien bei den Olympischen Spielen 1972 und sah die Gräueltaten aus erster Hand. Dieser Mann sah meinen toten Vater, wie er mit nacktem Körper vor die Tür des Olympischen Dorfes geworfen wurde, damit die ganze Welt ihn sehen konnte.

Ohne einen Hauch von Mitgefühl entschuldigte Gilady sich von unserem Treffen.

Das war der Moment, an dem mir klar wurde, dass das IOC uns nicht fallen lies, weil es sich politisch neutral verhalten wollte, sondern weil es vielmehr eine eigene spezifische Politik hatte und hat, basierend auf der Geschichte der NS-Unterstützung, der Gier und des Bluts an den eigenen Händen. Das IOC hat eine Geschichte der Anstiftung der PLO, und wird daher niemals israelische Sportler unterstützen.

Deshalb habe ich jetzt eine Nachricht an alle Mitglieder des IOC: Die Folter der elf israelischen Athleten und ihrer Familien durch den „Schwarzer September“ dauerte 48 Stunden. Die Qualen jedoch, die Sie den Familien antun und jenen, die sich an die geschätzten Athleten erinnern, halten nun schon 40 Jahre an. Ich bin nicht mehr mit einem Moment der Stille in jeder Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele zufrieden. Ich fordere, dass Sie alle Ihre Arbeitsplätze verlieren, damit Sie durch echte Olympioniken ersetzt werden können, die sich um die Athleten kümmern und an die Olympische Charta glauben.

Die Drohungen des IOC gegen mich machen mir keine Angst mehr. Wer keine Würde mehr hat, hat nichts mehr zu verlieren. Also, liebe Mitglieder des IOC – mein Name ist Guri Weinberg. Ich bin der Sohn von Moshe Weinberg, dem Wrestling-Trainer, der bei den Olympischen Spielen 1972 ermordet wurde. Und ich werde nicht gehen.

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Republik Tapfer im Nirgendwo

Hervorragend! Jetzt dürfen sogar Staaten bei den Olympischen Spielen antreten, die nicht einmal existieren. Gestern lief unter den über 200 Flaggen auch Palästina in das Olympiastadion in London ein. Was kommt als nächstes? Wird 2016 in Brasilien die deutsche Minderheit in Polen unter einer Schlesischen Flagge einmarschieren? Kriegen die Basken ihre eigene Flagge oder Tibet? Ich hab’s, noch besser: 2016 wird die Republik Tapfer im Nirgendwo an den Olympischen Spielen teilnehmen! Ich freu mich. Wo muss ich mich bewerben? Ich, Gerd Buurmann, werde für die Republik Tapfer im Nirgendwo, die ich als Alleinherrscher mit hundertprozentiger Zustimmung des gesamten Volkes (Ich) bei einer Wahlbeteiligung von 100% (Ich) lebenslang vertrete, als Synchronschwimmer mit meinen imaginären Freunden und Minister für dies und das teilnehmen.

Da selbst 2012 das Synchronschwimmen der Männer keine olympische Disziplin ist und nur den Frauen vorbehalten ist, fordert die Republik Tapfer im Nirgendwo das Ende dieser Geschlechter-Apartheid. Die Republik Tapfer im Nirgendwo verlangt somit den Beitritt in das IOC und fordert eine Abschaffung der Männerdiskriminierung beim Synchronschwimmen.

Die Republik Tapfer im Nirgendwo erhebt zudem Anspruch auf ganz Sylt, bis auf Kampen und Hörnum. Kampen ist zu schickimicki und Hörnum zu langweilig. Regierungssitz ist der Denghoog in Wenningstedt, das Parlament tagt in der Borig. Die Nationalflagge ist weißes Kaninchen auf weißem Grund mit einem blauen erigierten Penis in der Mitte. Als Hymne der Republik Tapfer im Nirgendwo gilt Wolfgang Amadeus Mozarts Komposition „Leck mir den Arsch fein richtig schön sauber“. (Köchelverzeichnis 233 (382d))

Brasilien, ich komme!

PS: Ich fordere die Vereinten Nationen auf, mein Land in seiner Bestrebung zu unterstützen, den Hindenburgdamm in Katzensteindamm umzubenennen!

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Pater Werner Holter antwortet

Eine Antwort von Pater Werner Holter.

Sehr geehrter Herr Buurmann,

sehr herzlich sage ich Dank für Ihre intensive Auseinandersetzung mit meinem Gastbeitrag. Die Absage hatte sicherlich auch den Gewinn, dass viele Menschen sich mit dem Thema Kunst und Religion auseinandergesetzt haben, zustimmend, aber auch kritisch. Unter der Rücksicht, dass wir in Sankt Peter diesen Dialog weiterführen wollen, ein gutes Zeichen.

In knappen Sätzen möchte ich auf Ihren Kommentar eingehen:

– Dass zum Glauben auch der Zweifel gehört, ist für mich das Natürlichste der Welt. Da gebe ich Ihnen unbedingt Recht.

– Was Sie über Ihre Sichtweise des Schweins schreiben, habe ich so noch nicht bedacht und finde es sehr wertvoll.

– Das Lamm würde ich nicht mit dem Schwein vergleichen, weil das Lamm schon seit dem Auszug aus Ägypten Bedeutungsträger für die Befreiung Israels geworden ist und in den prophetischen Bücher des Jesaja und in der ntl. Apokalypse als Symboltier für den unschuldig „geschlachteten“ Gerechten aber auch für dessen Sieg steht.

– Auch beim Wasser, das in Wein gewandelt wird, geht es um eine tiefere Schicht, die im Evangelium angezielt wird: Am Ende heißt es: „Und die Jünger glaubten an IHN“ . Der Wein symbolisiert letztlich den Qualitätsgewinn, der durch den Glauben uns Menschen geschenkt wird. Das ist im Sinne der Zeichentheologie des Johannes eigentlich das größere Wunder.

– Die „Judensau“ im Dom und in vielen anderen Darstellungen aus der Vergangenheit sollten uns sensibel werden lassen für die Gegenwart. Die Tatsache, dass sie im Dom immer noch zu sehen sind, halte ich für ein Akt der Wahrhaftigkeit, dass wir als Christen zu dem stehen, was an Diskriminierungen in der Geschichte geschehen ist. Und nicht nur Diskriminierungen, sondern bis hin zum „Abschlachten“ und „Vergasen“. Für mich sind sie warnende Zeichen der Vergangenheit für die Gegenwart. Wäre eine Beseitigung nicht buchstäblich eine „Vertuschung“ der Vergangenheit, die gar noch nicht so alt ist?

– Nicht nur was Luther über die Juden geschrieben hat, ist zu verwerfen. Auch andere Geistesgrößen wie Goethe, Nietzsche und Wagner haben da munter verbal drauf eingehauen.

– Die ursprünglichen Karfreitags-Fürbitten wurden nur für den Tridentinischen Ritus wieder zugelassen. In 99 % aller Liturgien der katholischen Kirchen werden die neuen gelesen. Dort heißt es: „Lasst uns beten für die Juden, zu denen Gott zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.“ Diese Formulierung hätte ich gerne auch für die Tridentiner verpflichtend.

– Dass Sie am Karfreitag vor einem gekreuzigten Schwein beten wollen und könnten, kann ich nur respektieren. Mir selber wäre es nicht möglich. Für mich hängt am Kreuz die menschgewordene, unbedingte Liebe Gottes. Jesus wurde ja nicht einfach so ans Kreuz geschlagen, sondern weil er das, was er war, radikal gelebt hat und deshalb in die Mühle der religiös und politisch Verantwortlichen geraten ist. Da ist für mich schon ein kleiner Unterschied zu einem unschuldig geschlachteten Schwein. Außerdem spreche ich nicht gerne bei Tieren von Unschuld. Unschuld korrespondiert mit Schuld, und Schuld setzt immer Freiheit voraus. Ein Schwein hat halt das Glück, nie moralisch schuldig zu werden.

– Summa summarum: Die Auseinandersetzung mit Ihnen lohnt sich, an unserer Entscheidung nagt sie nicht.

Mit freundlichen Grüßen:
Werner Holter SJ

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Es gibt wahrlich wichtigere Probleme!

Wer hat es noch nicht erlebt? Mitten im Gespräch kommt eine Person daher und fragt: „Haben wir keinen größeren Probleme?“ Ich antworte auf diese Frage immer nur mit einem kurzen „Ja“ und fahre dann einfach mit dem Thema fort. Manchmal kommt die Person sogar mit einem Ausrufezeichen daher: „Es gibt wahrlich wichtigere Probleme!“ Gut, nicht alle sagen wahrlich, die meisten sagen wirklich, aber wahrlich klingt einfach besser, für meine Ohren wenigstens, aber ob nun wahrlich oder wirklich, auch einen solchen Einwurf quittiere ich nur noch mit einem kurzen „Stimmt“ und fahre fort.

Vor einiger Zeit habe ich eine Liste der Phrasen erstellt. Ich werde diese beiden Phrasen auf jeden Fall mit in diese Liste nehmen.

Natürlich gibt es immer größere Probleme. Darf ich mich deshalb nicht mehr mit den kleinen Fragen des Lebens beschäftigen? Kein Kreuzworträtsel mehr, so lange der Sinn des Lebens nicht gefunden wurde? Es gibt immer ein besseres Buch, als ich gerade lese; einen leckeren Wein, als ich gerade trinke und ein größeres Problem, als mit dem ich mich gerade beschäftige. Soll ich jetzt nur noch das beste Buch lesen, den schmackhaftesten Wein trinken und das größte Problem zu lösen suchen? Was ist eigentlich das beste Buch? Die Bibel? Der Koran? Winnetou II? Und was ist das größte Problem? Wer bestimmt das? Und was wird eigentlich aus all den Künstlern, die dort Probleme sehen, wo gar keine sind? Was wird aus mir? Darf ich keine Briefe mehr an IKEA und REWE schreiben? Was geschieht eigentlich, wenn sich alle um das größte Problem der Welt kümmern, wer kümmert sich dann noch um die kleinen Dinge? Ich muss gerade an eine kleine Geschichte denken, die ich mal auf einem Kalenderblatt gelesen habe:

Als der alte Mann bei Sonnenuntergang den Strand entlang ging, sah er vor sich eine junge Frau, die Seesterne aufhob und ins Meer warf. Nachdem er sie schließlich eingeholt hatte, fragte er sie, warum sie das denn tue. Ihre Antwort war, dass die gestrandeten Seesterne sterben würden, wenn sie bis Sonnenaufgang am Strand liegen blieben.

„Aber der Strand ist viele, viele Kilometer lang und Tausende von Seesterne liegen hier,“ erwiderte der Alte. „ Was macht es also für einen Unterschied, wenn Du Dich abmühst?“

Die junge Frau blickte auf den Seestern in ihrer Hand und warf ihn in die rettenden Wellen. Dann meinte sie:

„Für diesen hier macht es einen Unterschied”

Der Versuch der Beendigung einer Auseinandersetzung mit Verweis auf ein anderes Problem ist übrigens auch im politischen Diskurs eine gern verwendete rhetorische Figur. Immer wenn es um die Frage geht, ob sich Deutschland in einen internationalen Konflikt einmischen soll, ob nun Afghanistan, Irak, Libyen oder Syrien, sitzt immer mindestens ein Experte bei Jauch Will Illner, der ausführt, die deutsche Armee habe sich in den vergangenen Jahren schon bei so vielen Konflikten herausgehalten, so dass es nur konsequent sei, wenn sie sich jetzt auch diesem Konflikt heraushalten würde. Es gibt eben immer auch größere und andere Probleme.

Ich weiß noch, als schon wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die ersten Stimmen laut wurden, man solle doch kein zu großes Fass über diese Anschläge aufmachen, schließlich stürben täglich Tausende von Kinder an Hunger auf dieser Welt und da wären diese Opfer in Amerika nur eine kleine Fußnote in der Tragödie der Menschheit. Es gibt eben auch andere Probleme.

Ja, es gibt immer andere und vor allem größere Probleme, aber als mein Vater gestorben war, interessierte es mich recht wenig, dass zur gleichen Zeit noch tausend andere Väter auf der Welt gestorben waren; es hatte mich schon recht selten interessiert, als mein Vater noch lebte. Momente und Ereignisse erreichen mein Herz eben direkter, wenn ich in irgendeiner Form betroffen oder involviert bin. Amerika und New York sind mir näher als China und Peking, weil ich in Amerika gelebt habe. Korea ist mir näher als Mexico, weil ich in Korea Familie habe. Das Christentum und das Judentum sind mir näher als der Hinduismus und der Islam, weil ich in christlichen und jüdischen Familien gelebt habe. Ereignisse, die meine Welt betreffen, treffen mich auch mehr. Als am 11. September 2001 in New York gemordet wurde, da traf es eine Stadt, die viele Menschen kennen, entweder weil wir dort mal zu Besuch waren, dort Freunde oder Familie haben oder die Stadt aus Büchern, Liedern, Filmen und Serien kennen. New York und die Kultur Amerikas, mit der Literatur von Melville bis Roth, der Musik von Gershwin bis Lady Gaga, den Filmen von „Gone with the wind“ bis „Star Wars“ und den Serien von „Dallas“ bis „Lost“ sind so vielen Menschen so nah und vertraut, dass der 11. September 2001 eben mehr Menschen beschäftigt als die Tragödien in anderen Ländern. Ungerecht? Vielleicht. Menschlich? Auf jeden Fall!

Im Jahr 2007 war Amerika im Krieg mit dem Irak. Es fielen Männer, Frauen und Kinder. Zur gleichen Zeit bekam Ellen Degeneres in ihrer Show einen Heulkrampf, weil einer Familie der Hund weggenommen wurde. Es gab andere, größere Probleme, aber nicht für Ellen. Als in der Ukraine die Fussballeuropameisterschaft stattfand, da demonstrierten einige für die Freiheit der Politikerin Timoschenko und andere für das Leben von Hunden.

Während Sie diesen Artikel lesen, sterben in Afrika Kinder den Hungertod. Bis gerade haben sie nicht an diese Kinder gedacht. Sie hatten es verdrängt. Es war ihnen egal. Aber was machen Sie jetzt? Lassen Sie in den nächsten Tagen alles hinter sich und fliegen nach Afrika, um dort zu helfen oder werden sie nicht doch viel wahrscheinlicher in den nächsten Tagen in den Supermarkt fahren, um dort ihren Einkaufswagen aus dem Angebot des Überfluss‘ zu füllen? Mit anderen Worten: Sie stehen gerade vor zwei Problemen: In Afrika sterben Kinder den Hungertod und ihr Kühlschrank ist leer. Um welches Problem werden Sie sich kümmern?

Und, warum eigentlich die Kinder in Afrika? Warum nicht die Kinder in Asien? Und, warum die Kinder? Hungern Kinder anders als Senioren? Ist das nicht Altersdiskriminierung? Ja, es ist Diskriminierung! Es ist die einfache und menschliche Diskriminierung der Betroffenheit. Warum sonst wohl ist Israel das am meisten kritisierte Land Deutschlands? Weil Deutschland betroffen ist! Ein Tsunami, der an Weihnachten wütet, wenn die meisten deutschen Familien in ihren warmen Häusern sitzen, lässt mehr Spenden fließen als ein Erdbeben in der Sommerzeit, wenn halb Deutschland im Urlaub ist.

Einige werden jetzt denken, dass das alles sehr schlimm sei, aber ich ziehe daraus folgenden Schluss: Wenn ich zwei Menschen sehe und der eine kümmert sich um die Speisung von Obdachlosen und der andere schreibt einen Brief an Jauch Will Illner, weil ihm die Farbe der Krawatte des Gastes nicht gefallen hat, dann werde ich nicht das eine Problem gegen das andere ausspielen.

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Das geht nur auf Deutsch!

Heinrich Heine dichtete einst:

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Es gibt Wörter, die sind so deutsch, dass andere Sprachen sie einfach übernommen haben.

Schadenfreude auf italienisch heißt la schadenfreude.
Waldsterben auf französisch heißt le waldsterben.
Besserwisser auf schwedisch heißt besserwisser.
Hochstapler auf tschechisch heißt hochštapler.
Baustelle auf albanisch heißt baushtell.
Gastarbeiter auf kroatisch heißt gastarbajter.
Ungefähr auf dänisch heißt ungefær.
Kaffeepause auf finnisch heißt kahvipaussi.
Fingerspitzengefühl auf holländisch heißt Fingerspitzengefühl.
Umsonst auf norwegisch heißt omsonst.
Schlafmütze auf polnisch heißt szlafmyca.
Rucksack auf rümänisch heißt rucsac.
Schlagbaum auf russisch heißt schlagbaum.
Vergaser auf slowenisch heißt Fergazer.
Arbeit auf japanisch heißt arubaito.
Weltanschauung auf spanisch heißt weltanschauung.
Bier auf Swahili heißt bia.
Heimatlos auf türkisch heißt haymatlos.
Kneipe auf ukrainisch heißt knaj’pa.
Hosenträger auf ungarisch heißt hózentróger.
Gewalt auf weißrussisch heißt gvałt.
Fahrvergnügen auf englisch ist fahrvergnuegen.

Aber dies sind nur ein paar Beispiele. Die deutsche Sprache hat sich in fast alle Sprachen der Welt verloren und es lohnt wirklich mal ein Blick auf die Menge der deutschen Wörter in anderen Sprachen. Auf dass das Herz blute.

Viel Vergnügen!

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Der Geschmack Gottes

Der Geschmack Gottes ist schon recht merkwürdig. Gott mochte den Hirten Abel und seine Fleischopfer mehr als den Ackerbauer Kain und seine Getreideopfer, was Kain schließlich dazu brachte, seinen Bruder Abel zu ermorden. Hiob war ebenfalls ein Mann, der von Gott besonders geschätzt wurde. Um sich der Liebe Hiobs zu vergewissern, ließ Gott zu, dass Hiob alles verliert, sein Besitz, seine Söhne und seine Gesundheit. Selbst wenn nur Söhne von einen durch Gott eingesetzten Patriarchen besonders geschätzt werden, bekommen sie dadurch Probleme. Josef zum Beispiel, der Lieblingssohn Jakobs, wurde prompt von seinen eifersüchtigen Brüdern als Sklave nach Ägypten verkauft. Sogar mit seinem eigenen Sohn ging Gott nicht besser um. Jesus wurde gefoltert, gequält und gekreuzigt. Die Bibel lehrt und somit, dass es nicht wirklich von Vorteil sein muss, wenn man von Gott auserwählt wird. Das Judentum kann ein Lied davon singen. Gut, es gibt natürlich die Hoffnung, am Ende für den Status der Auserwähltheit belohnt zu werden, wenn man nicht gerade Abel heißt. Hiob bekommt am Ende doppelt so viel, wie er verloren hat, Josef startet eine großartige Karriere in Ägypten und Jesus steht von den Toten auf. Abel jedoch hat die Arschkarte gezogen. Er ist und bleibt erschlagen. Wir brauchen gar nicht um den heißen Brei herum reden: Über Jahrhunderte ist dem Judentum der Status des Auserwählten Volkes so gut bekommen wie Abel.

Ich jedenfalls bin sehr froh darüber, nicht auserwählt zu sein. Gott lässt mich einen guten Mann sein und ich verfahre so mit ihm. Der Deal gefällt mir!

Nun gibt es aber eine ganze Reihe Menschen, die sich nicht so leicht damit abfinden können, nicht zum Auserwählten Volk zu gehören und geraten darüber so neidisch, dass sie sich eine auserwählte Biografie zusammenlügen. Sie werden Kostümjuden, allerdings nicht so wie Victor Pivert, gespielt von Louis de Funès, der das Judenkostüm in dem Film „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“ vollkommen unfreiwillig anzieht, sondern sie fertigen sich eine maßgeschneiderte Lüge an.

Tapfer im Nirgendwo präsentiert daher eine Liste der bekanntesten Kostümjuden:

Da gibt es Irena Wachendorff. Ihre Mutter soll Auschwitz überlebt haben und ihr Vater ein besonders frommer Jude gewesen sein. Sie will bei der israelischen Armee gedient haben und eine angesehene Vorbeterin ihrer Gemeinde sein. Ach ja, und sie kritisiert Israel. Mittlerweile ist rausgekommen, dass bis auf ihre Liebe, Israel zu kritisieren, so ziemlich alles andere gelogen ist. Ihr Vater zum Beispiel war laut der hervorragenden Journalistin Jennifer Nathalie Pyka sogar bei der Wehrmacht, also nicht wirklich jüdisch.

Da ist Edith Lutz. Sie ist nicht nur „deutsche Jüdin“ sondern auch promovierte Judaistin, also eine Fachfrau fürs angewandte Judentum. Manchmal nutzt sie ihre Zeit für kriegerische Aktionen gegen Israel und durchbricht mit Hilfe terroristischer Organisationen einige von Israel verhängte Blockaden. Sie hat dabei immer ein paar Geigen und Malblöcke dabei, damit die ganzen Aktionen nicht ganz so offen als das erscheint, was sie sind, nämlich pure Terroraktionen von Menschen, die die totale Vernichtung Israels zum Ziel haben. Henryk M. Broder konnte herausfinden, dass es sich bei der „deutschen Jüdin“ um eine Frau handelt, die sich kurzerhand selbst konvertiert hat, damit sie so besser Israel „kritisieren“ kann.

Da ist Gabriel Matthew Schivone. Er nennt sich selbst einen Chicano-Jüdischen Amerikaner aus Tucson“ und ist Mitglied der „Jüdischen Stimme für Frieden an der Universität zu Arizona“. Auch er verbringt seine Studiumszeit gerne mit der Unterstützung kriegerischer Aktionen gegen Israel durch die Brechung von Blockaden durch terroristische Organisationen. Er hat wiederholt erklärt, dass er gerade als Jude jede Verbundenheit mit Israel ablehnt. Das Problem ist nur: Er ist kein Jude.

Da ist Max Schulz, der als Jude in Israel lebte, allerdings nur, um dort einer Verfolgung in Deutschland zu entgehen. Er war nämlich SS-Massenmörder und Aufseher eines Konzentrationslagers. Okay, Max Schulz ist eine fiktive Person und entstammt dem Werk „Der Nazi & der Friseur“ des deutsch-jüdischen Schriftstellers Edgar Hilsenrath, aber er passt einfach zu gut in diese Reihe, da all diese Menschen gerne von Gott auserwählt worden wären. Aber Gott hatte andere Vorlieben.

Für Gott gehört der ungarische Politiker Csanad Szegedi zum Auserwählten Volk. Basta! Szegedi ist Mitglied der rechtsextremen Partei Jobbik und sitzt für diese Partei seit 2010 im EU-Parlament. Für ihn ist das jüdische Volk für die Zerstückelung Ungarns im Schandvertrag von Trianon verantwortlich. Jetzt ist allerdings herausgekommen, dass er eine jüdische Mutter hat und da laut jüdischer Lehre das Judentum über die Mutter vererbt wird, ist er laut jüdischem Gesetz Vollblutjude. Seine Großmutter ist sogar Auschwitz-Überlebende. Wäre es also nach den Nazis gegangen, dürfte es diesen Politiker gar nicht geben, aber Gott hatte andere Pläne.

Wie heißt es doch so schön: Wie bringt man Gott zum Lachen? Erzähl ihm Deine Pläne!

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Das Schwein am Kreuz

In einem Gastbeitrag für den Kölner Stadt-Anzeiger hat sich Pater Werner Holter mit der Frage der Blasphemie beschäftigt und sich dabei auf ein Ereignis rund um die 25-Jahr-Feier des Kunst-Station Sankt Peter konzentriert. Sankt Peter ist eine Kirche, in der regelmäßig Ausstellungen stattfinden. Am 25. Mai 2012 sollte dort eine Ausstellung mit Zeichnungen des österreichischen Malers Siegfried Anzinger eröffnet werden, der seinen „Hieronymus-Zyklus“ im Altarraum zeigen wollte. Da zu diesem Zyklus auch das Bild eines gekreuzigten Schweins gehörte, fürchtete der Kurator Guido Schlimbach um den Frieden der Gemeinde und bat Anzinger, das Bild mit dem gekreuzigten Schwein separat auf einer Empore auszustellen. Siegfried Anzinger lehnte diesen Vorschlag jedoch mit Hinblick auf die Aussage des Gesamtkunstwerkes ab und betonte: „Ich lasse keines meiner Kinder am Bahnhof zurück.“ Guido Schlimbach sagte daraufhin die Ausstellung „schweren Herzens“ ab.

Hochwürdiger Pater Werner Holter,

in einem Gastbeitrag für den Kölner Stadt-Anzeiger haben Sie geschrieben, dass die Frage, ob das Gemälde des gekreuzigten Schweins von Siegfried Anzinger „in einem Raum, in dem Leben zum Gebet wird, in dem das Wort Gottes gehört wird und Tod und Auferstehung Jesu Christ vergegenwärtigt werden“ ausgestellt werden darf, für Sie entschieden ist. Zwar schreiben Sie nicht explizit, wie Ihr Urteil lautet, aber der Tenor Ihres Beitrages lässt kaum einen Zweifel zu, Sie unterstützen die Entscheidung des Kurators und betonen: „In Sankt Peter wird – Gott sei Dank – noch regelmäßig Gottesdienst für alle Altersgruppen gefeiert; in unserer Kirche wird meditiert, gekniet und gebetet. Für eine Kirche gelten andere Regeln als für eine Galerie.“

Eine Kirche ist keine Galerie, da haben Sie selbstverständlich recht. Allerdings sollten Sie für die Tatsache, dass es noch betende Menschen gibt, eher dem Menschen Dank sagen und nicht Gott, da die Entscheidung für und zu Gott nun wirklich eines der ganz wenigen Gebiete ist, auf denen der Mensch vollkommen frei ist. Der Zweifel an Gott macht den Menschen aus. Selbst Jesus überkam in der absoluten Menschwerdung, die im Tod ihre Vollendung fand, der Zweifel. Im Sterben fragte Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ (Mk 15,34 / Mt 27,46)

Vielleicht gelingt es mir ja mit diesem bescheidenen Brief, einen kleinen Zweifel an Ihrem Urteil zu säen, denn für mich ist das Gemälde von Stefan Anzinger Ausdruck tiefster Verbundenheit mit Gott, die selbst den Zweifel zulässt. Als Gemeindemitglied würde ich mich geehrt fühlen, das Gemälde vom gekreuzigten Schwein in meiner Kirche zu haben; ich würde mir sogar wüschen, einmal an dem Bild zu beten und zwar als Bestandteil des Kreuzwegs an Karfreitag. Selten hat mich ein Kunstwerk so nah an die tiefe theologische Bedeutung von Karfreitag geführt.

Für mich symbolisiert das Schwein das Leiden einer unschuldigen Kreatur. Sie finden jedoch „ein Schwein, stellvertretend für die unschuldige Kreatur ans Kreuz geschlagen, ziemlich trivial, wenn nicht sogar zynisch – angesichts der Tatsache, dass unweit von uns an einem Tag fast hundert wehrlose Kinder einfach massakriert werden.“ Mit der gleichen Begründung, hochwürdiger Pater, könnten Sie auch die Bezeichnung des Allerheiligsten als „Lamm Gottes“ als trivial bezeichnen. Symbole und symbolische Handlungen zeichnen sich gerade dadurch aus, für jeden zugänglich zu sein, denn nichts anderes bedeutet das lateinische Wort trivialis. Sogar Jesus hat sich trivialer Symbole bedient. Bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2, 1-12) verwandelt er Wasser und Wein und lässt so die Hochzeitsgesellschaft die Schönheit der Schöpfung spüren. Ist ein solches Symbol nicht auch ziemlich zynisch angesichts der Tatsache, dass Jesus seine Kräfte nutzt, damit sich eine Gesellschaft besaufen kann, statt hungernden und leidenden Kinder mit seiner Macht zu helfen? Das Schwein ist für mich als Symbol so zulässig wie das Lamm oder der Wein.

Ich persönlich finde das Schwein sogar die beste Wahl. Ich komme nämlich vom Land und habe schon immer das Schwein unter allem Tieren am Hof am meisten bemitleidet. Nicht nur weil sich die Schreie der Schweine vor ihrer Schlachtung in mein Hirn eingebrannt haben, sondern vor allem, weil ich es schon als Kind besonders erschütternd fand, dass das Schwein das einzige Tier auf dem Bauernhof ist, dessen einziges Daseinsberechtigung darin besteht, getötet und gegessen zu werden. Jedes andere Tier hat mindestens einen weiteren Nutzen im Leben. Schafen versorgen uns mit Wolle, Hühner legen Eier, Kühe geben Milch, Rinder ziehen Pflüge, Pferde tragen uns, nur beim Schwein gilt: Nur ein totes Schwein ist ein gutes Schwein. Daher kann ich gut verstehen, dass bei Muslimen und Juden das Schwein nicht koscher ist.

Oft wird gefragt, was denn Juden oder Muslime gegen das Schwein hätten. Diese Frage habe schon als Kind nicht verstanden. Seit wann ist es ein Zeichen der Zuneigung, ein Wesen zu töten und zu essen? Wenn ich ein Schwein wäre und jemand würde mich fragen, bei was für einer Familie ich leben möchte, ich müsste nicht lange zögern und würde mich selbstverständlich für eine muslimische oder eine jüdische Familie entscheiden. Sie schreiben:

„Problematisch erschien mir Darstellung auch durch den Begriff der „Judensau“, die schlimmste Assoziationen an Pogrome in der Geschichte Europas weckt und zumindest mich sehr nachdenklich gestimmt hat.“

Nicht nur Sie hat die Assoziation mit der „Judensau“ sehr nachdenklich gestimmt, aber im Gegensatz zu Ihnen hat mich das gekreuzigte Schwein nicht dazu gebracht, über die Legitimität der Ausstellung des Gemäldes von Siegfried Anzinger in Sankt Peter nachzudenken, sondern darüber, warum die originale „Judensau“ noch bis zum heutigen Tage als Schnitzerei im Chorgestühl des Kölner Doms zu finden ist. Die „Judensau“ bezeichnet ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der judenfeindlichen christlichen Kunst, bei der Juden dadurch gedemütigt werden, dass sie im intimen Verkehr mit Schweinen dargestellt werden. Die Kölner „Judensau“ entstand im Jahr 1310 und hängt bis zum heutigen Tag im Kölner Dom. Warum also soll ich mich darüber aufregen, dass ein Gemälde in einer Kirche hängen könnte, das Assoziationen zur „Judensau“ zulässt, während die echte „Judensau“ immer noch im Kölner Dom hängt?

Mit der Wahl des Schweins als Gekreuzigten hat Siegfried Anzinger in einem Gemälde das Beste und das Schlechteste gezeigt, was das Christentum bisher hervorgebracht hat. Auf der einen Seite sehen wir den christlichen Glauben an der Rettung der gesamten Menschheit durch die Menschwerdung Gottes im Sterben am Kreuz auf der anderen Seite sehen wir die schrecklichen Untaten, die im Namen Jesu begangen wurden, besonders an Juden. Obwohl Jesus selbst ein Jude war, finden sich schon im Evangelium selbst die ersten judenfeindlichen Tendenzen. Im Evangelium des Johannes sind Juden “Söhne des Teufels”, die die neue Lehre von Jesus nicht annehmen wollen und stattdessen am Judentum festhalten.

“Jesus sprach zu ihnen: Wäre Gott euer Vater, so liebtet ihr mich; denn ich bin ausgegangen und komme von Gott; denn ich bin nicht von mir selber gekommen, sondern er hat mich gesandt. Warum kennet ihr denn meine Sprache nicht? Denn ihr könnt ja mein Wort nicht hören. Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben. Ich aber, weil ich die Wahrheit sage, so glaubet ihr mir nicht. Welcher unter euch kann mich einer Sünde zeihen? So ich aber die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir nicht? Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte; darum hört ihr nicht, denn ihr seid nicht von Gott.” (Joh 8, 42-47)

Für Paulus ist es klar, dass Juden, die Jesus Lehre nicht leben wollen, auch seinen Tod zu verantworten haben:

„Ihr seid nämlich, Brüder, Nachahmer der Gemeinden Gottes in Judäa geworden, die in Christus Jesus sind; denn ihr habt von den eigenen Landsleuten dasselbe erlitten wie jene von den Juden, die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns verfolgt haben, die Gott nicht gefallen und allen Menschen feindlich sind, indem sie uns hindern, den Heiden zu ihrer Rettung. So machen sie das Maß ihrer Sünden unablässig voll. Es ist aber schon der ganze Zorn über sie gekommen.“ (1. Thess 2, 13-16)

Für viele Christen sind Juden Entwicklungsbremsen, die statt sich der neuen Lehre zu ergeben, an der alten Tradition festhalten. Nirgends wird diese Überzeugung deutlicher propagiert als während der Karfreitagsfürbitte für Juden. Bei diesen Fürbitten werden Juden als perfidis (treulos) bezeichnet und ihnen iudaica perfidia (jüdische Treulosigkeit) vorgeworfen. Bei den Karfreitagsfürbitten bitten Christen Gott darum, Juden den „Schleier von ihren Herzen“ zu nehmen, ihnen die christliche Erkenntnis zu schenken und so der „Verblendung ihres Volkes“ und „Finsternis“ zu entreißen. Eine zaghafte Kritik an der traditionellen Judenfürbitte wurde erst nach der Shoa formuliert. Seit 1956 veränderte der Vatikan sie schrittweise, aber in ihrer Intention kann und wird sie in vielen Kirchen noch heute gebetet.

Einen traurigen Höhepunkt findet der christliche Judenhass in dem Reformator Martin Luther, der in seinem Werk “Von den Jüden und ihren Lügen“ folgendes schreibt:

“Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.”

In seinem “Handbuch über die Judenfrage” fordert Martin Luther sogar jene Dinge, die im 20. Jahrhundert am Wannsee in Berlin zur deutschen Staatsräson werden sollten:

“Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.”

Im Wissen um diese christlichen Verbrechen erscheint mir Siegfrieds Anzingers Wahl eines Schweins als Gekreuzigten als geradezu genial. Wenn Sie also schreiben, für eine Kirche gelten andere Regeln als für eine Galerie, so kann ich Ihnen nur zustimmen. In der Kirche gibt es nämlich die Funktion die Predigt, also den Moment, an dem die Symbole und Bilder erläutert und interpretiert werden. Genau eine solche Predigt hätte ich mir im Falle des gekreuzigten Schweins gewünscht, denn was mich betrifft, so hat Siegfried Anzinger mir mit seinem Gemälde die Bedeutung Karfreitags so nah gebracht wie selten ein anderes Kunstwerk.

Mit freundlichen Grüßen,
Gerd Buurmann

PS: Nur weil jemand etwas als eine Beleidigung auffasst, muss es noch lange keine Beleidigung sein. Ein Künstler, der Mohammed malt, muss damit noch lange keine Beleidigung im Sinn haben und jemand, der ein Schwein als Gekreuzigten malt, muss damit nicht das Christentum verhöhnen wollen. Selbstbewusste Christen kann man gar nicht beleidigen. Dafür sind sie viel zu vergebend. So wie Jesus. Er war einfach eine coole Sau!

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